Roter Fingerhut

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Bild:Giftig.png Roter Fingerhut

Digitalis purpurea; oben: Habitus; unten: Blüte mit 4 Staubblättern & Fruchtblättern.

Systematik
Klasse: Zweikeimblättrige (Magnoliopsida)
Unterklasse: Asternähnliche (Asteridae)
Ordnung: Lippenblütlerartige (Lamiales)
Familie: Wegerichgewächse (Plantaginaceae)
Gattung: Fingerhut (Digitalis)
Art: Roter Fingerhut
Wissenschaftlicher Name
Digitalis purpurea
L.

Der Rote Fingerhut (Digitalis purpurea), im Englischen als Purple foxglove bezeichnet, ist eine Pflanze aus der Familie der Wegerichgewächse (Plantaginaceae) und zählt zur Gattung der Fingerhüte (Digitalis); die Gattung Digitalis wurde früher den Braunwurzgewächsen (Scrophulariaceae) zugeordnet. Digitalis purpurea ist vor allem als Giftpflanze bekannt, wird jedoch auch als Heilpflanze verwendet und dient als Lieferant von herzwirksamen Arzneimitteln. Erstmals beschrieben wurde die Art im Jahre 1753 von dem schwedischen Naturwissenschaftler Carl von Linné.
Im Jahr 2007 wurde der Rote Fingerhut vom Botanischen Sondergarten Hamburg-Wandsbek zur Giftpflanze des Jahres des Jahres gewählt.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie

Der Name Fingerhut rührt von der Form der Blüten, sie ähneln deutlich einem Fingerhut des Nähhandwerks. Auch das Wort Digitalis im wissenschaftlichen Gattungsnamen deutet auf die Blütenform hin, da Digitalis vom lateinischen Wort digitus hergeleitet ist, was so viel wie Finger bedeutet. Das Artepitheton purpurea des wissenschaftlichen Namens deutet auf die purpurrote Färbung der Blüten hin.

Botanik

Pflanzenbeschreibung

Der Rote Fingerhut ist eine zweijährige Pflanze mit tiefreichender, verästelter und spindelförmiger Wurzel. Im ersten Jahr wächst das grüne Laub in einer Blattrosette mit großen und kräftigen Blättern am Bodengrund und im zweiten Jahr blüht die Pflanze. Dazu streckt sich die Sprossachse, also den Stängel, in 90 bis 150, in seltenen Fällen sogar bis über 180 Zentimeter nach oben. Der Stängel ist nicht verzweigt, an ihm sitzen versetzt die Laubblätter an, darüber befindet sich die Blütentraube, welche während der Blütezeit zwischen Juni und August, oft auch darüber hinaus bis in den September, zum Vorschein kommt. Der Blütenstand mit den 4 bis 5 cm langen Einzelblüten ist meist einseitig. Ein einzelnes Blatt ist eiförmig, 10 bis 40 cm lang und 4 bis 15 cm breit. Die Oberseite ist grün, die Unterseite graugrün und filzig. Es weist unterseits deutlich erkennbare Hauptnerven sowie Netze kleiner Nebennerven auf. Der Blattstiel ist geflügelt und misst 1/4 bis zur vollen Länge der Blattlänge. Die Blüten bestehen jeweils aus einem grünem Kelch, die röhrenartig verwachsenen Kronblätter heraustreten. Die gesamte einzelne Blüte ist wie ein langgestreckter Kelch geformt und erinnert an einen Fingerhut aus dem Nähhandwerk. Die Kronblätter sind zumeist purpurrot gefärbt, in seltenen Fällen ist bei dem Roten Fingerhut auch eine Weiß- oder Hellrosafärbung der Blüten zu beobachten. Die Innenseite ist gefleckt und behaart. Es sind vier Staubblätter vorhanden. Bestäubt wird der Rote Fingerhut vor allem von Hummeln, aber auch Honigbienen und andere Insekten tragen gelegentlich zur Befruchtung der Pflanze bei. Nach der Befruchtung entwickeln sich zweifächrige Kapseln aus den Blüten, welche viele Samen beherbergen. Nach der Fruchtreife welkt die Pflanze und geht ein.

Mikroskopische Merkmale

Das Europäische Arzneibuch monographiert als pharmazeutische Droge (Droge: im pharmazeutischen Sinne beispielsweise getrocknetes Pflanzenmaterial) Digitalis-purpurea-Blätter (lat.: Digitalis purpureae folium). Diese kommen als getrocknetes Pflanzenmaterial mit einem Gehalt von mindestens 0,3 Prozent herzwirksamer Glykoside (Cardenolide) in den Handel. Zur qualitativen Überprüfung der Identität dieser Droge können mikroskopische Merkmale herangezogen werden. Die getrockneten Blätter von Digitalis purpurea weisen diesbezüglich anomocytische Spaltöffnungen mit Cuticularstreifung und Epidermiszellen mit welligen Zellwänden auf der Blattunterseite sowie oberseits Epidermis mit geraden bis leicht welligen Zellwänden (aber keinerlei Spaltöffnungen) und Deckhaare, die aus meist drei bis fünf einreihigen Zellen gebildet werden, auf. Bei diesen Deckhaaren lassen sich häufig sogenannte kollabierte Zellen beobachten, also Zellen, deren Struktur zusammengebrochen ist, so dass sie wie zusammengedrückt aussehen. Die Spitzen der einreihigen Deckhaare sind abgerundet. Weiterhin sind kurze Drüsenhaare mit einzelligem Stiel und zweiteiligem Köpfchen markant. Seltener sind Drüsenhaare mit zweizelligem Stiel und einzelligem Köpfchen zu beobachten. Im Blattquerschnitt wird eine bifaciale Struktur erkenntlich; es ist ein ein- bis dreireihiges Palisadengewebe unterhalb der oberen Epidermis sichtbar und unterhalb des Palisadengewebes liegt Schwammgewebe. [Rahfeld, 2009.]

Pharmakologie

Die Hauptwirkung am Herzen beruht auf der positiv inotropen Wirkung der herzwirksamen Inhaltsstoffe, den Herzglykosiden. Das heißt, sie bewirken eine erhöhte Bereitstellung von Calciumionen, welche wiederum dazu führen, dass durch verbesserte Kontraktionsfähigkeit die Muskelfasern verkürzt und somit das krankhaft vergrößerte Herz verkleinert wird. Der Durchstrom von Blut wird verbessert (erhöhter Ausfluss während der Systole (Anspannungsphase des Herzens), erhöhter Einfluss während der Diastole (Entspannungsphase)). Ein Folge hiervon ist unter anderem, dass Herzödeme ausgeschwemmt werden können. Weitere Wirkungen am Herzen sind eine Senkung der Herzfrequenz sowie die Verlangsamung der Reizleitung.

Die Wirkung kann durch die Herzmedizin und in genau eingestellter Dosis einen heilenden Effekt haben, bei geringfügiger Überdosierung jedoch leicht lebensbedrohliche oder gar tödliche Ausmaße annehmen. Durch genaue Einstellung der Dosis muss ein Gleichgewicht hergestellt werden, bei dem die Digitalis-Wirkung die Mängel am Herzen aufhebt. Der Rote Fingerhut ist eine der giftigsten Pflanzen unserer heimischen Flora, folglich darf er nicht unterschätzt werden. Die Giftmenge aus 0,3 Gramm Laub kann im menschlichen Körper bereits lebensbedrohliche Zustände verursachen.

Wirkstoffe

Der Rote Fingerhut ist zwar hinsichtlich seiner Inhaltsstoffe eine sehr gut untersuchte Art, aber an ihm lässt sich auch feststellen, wie variabel Pflanzen einer Spezies hinsichtlich ihrer Wirkstoffmengen und Wirkstoffzusammensetzung sein können. Am höchsten wird die Konzentration der Inhaltstoffe verständlicherweise unter bestmöglichen Bedingungen (Gewächs-/Glashauskultur). Beim Fingerhut wird zur Gewinnung von Wirkstoffen für die Medizin die Blattrosette gegen Ende der ersten Vegetationsperiode verwendet, dies ist die Entwicklungsphase mit der höchsten Konzentration an Inhaltsstoffen.

Digitoxin.
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Digitoxin.

Neben Saponinen, Anthrachinonen und einem wassertreibenden Flavonglykosid sowie Säuren wie Essig-, Butter-, Propion- und Ameisensäure und den Enzymen Invertase, Diastase, Oxydase und Digipurdipase sind für die typische Wirkung des Roten Fingerhuts vor allem herzwirksame Steroide - die bekannten Digitalisglykoside (im allgemeinen Sprachgebrauch oft auch schlicht Digitalis genannt) bzw. Cardenolide - verantwortlich. Im Durchschnitt beträgt ihr Gesamtgehalt im Laub 0,16 Prozent und liegt maximal bei 0,4 Prozent. Bei der Verwendung als pharmazeutische Droge wird durch das Europäische Arzneibuch (Pharmacopoea Europaea, Ph. Eur.) ein Mindestgehalt von 0,3 Prozent gefordert. Zu dieser Gruppe zählen Purpureaglykosid A (0,02 bis 0,12%), Glucogitaloxin (0,01 bis 0,10%), Purpureaglykosid B (0,02 bis 0,08%), Digitalinum vernum (0,01 bis 0,04%) sowie Glucoverodoxin (0,01 bis 0,04%). Digitoxin entsteht beim Isolieren von Purpureaglykosid A durch Abspaltung eines Glucosemoleküls. Digoxin ist vor allem in Digitalis lanata enthalten, einigen Autoren zufolge aber auch in Digitalis purpurea nachweisbar. In den Samen ist Digitonin, ein Saponin, enthalten. Die Angaben über die Inhaltsstoffe variieren teilweise je nach Autor, nicht zuletzt wohl auch aufgrund der Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten. Zudem sind bei der Gattung Digitalis verschiedene chemische Rassen bekannt, bei denen, bedingt durch genetische Faktoren, Schwankungen der Wirkstoffzusammensetzung bekannt sind.
Die Asche von Fingerhüten ist grünlich und enthält Mangan.

Wirkdauer & Pharmakokinetik

Bei Digoxin setzt die Wirkung nach oraler (oral, via Mund) Einnahme innerhalb einer Stunde ein, erreicht ihren Höhepunkt nach bis zu 8 Stunden und hält insgesamt bis zu 8 Tagen an. Digitoxin weist noch weiter verlangsamte Werte auf und ist bis circa 20 Tage nach Beendigung einer medizinischen Therapie (z.B. mit Digimerck®) im Organismus nachzuweisen. Zurückzuführen ist die lange Wirkung von
Detail-Ansicht der Blüten
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Detail-Ansicht der Blüten
Digitoxin darauf, dass dieser Stoff eine starke Plasmaeiweißbindung hat (Wirkstoff wird im Körper „festgehalten“) und dem enterohepatischen Kreislauf unterliegt, wodurch er mehrmals zwischen Leber/Gallenwegen und Darm zirkuliert und damit eine längere Zeit hat, um einen pharmakologischen Effekt (=Wirkung) hervorzurufen, bevor er ausgeschieden wird. Digitoxin ist eher lipophil (fettlöslich) und wird über die Leber ausgeschieden, während Digoxin eher hydrophil (wasserlöslich) ist und über die Nieren ausgeschieden wird.

Toxikologie

Erwachsene laufen dank der Popularität des Fingerhutes und dem unangenehm bitteren Geschmack kaum Gefahr sich an der Pflanze zu vergiften. Allerdings sind bei Kindern, infolge jugendlichen Leichtsinns oder durch Arzneimittelüberdosierung von Digitalis-Präparaten bereits oft Vergiftungs- und Todesfälle verzeichnet worden. Vergiftungserscheinungen bei einer Vergiftung (=Intoxikation) mit dieser Pflanze sind unregelmäßiger Puls sowie fallende Pulsfrequenz (Bradykardie; weniger als 60 Herzschläge pro Minute), erhöhter Blutdruck, Durchfall, Übelkeit und Erbrechen, mehr oder weniger starke Leibesschmerzen, Blaufärbung der Lippen (Zyanose) und Atemnot. Außerdem kann es zur Bildung von Ödemen („Wassersucht“; Flüssigkeitsansammlungen) im Herzen kommen, was auf einen erhöhten venösen Blutdruck und Sauerstoffmangel in der linken Herzhälfte (z.B. durch generelle Herzmuskelschwäche) zurückzuführen ist. Eine Beeinflussung des zentralen Nervensystems äußert sich durch Kopfschmerzen, Schlafstörungen und bei älteren Patienten ggf. auch durch Verwirrtheit und Halluzinationen. Der Tod kann durch einen Herzstillstand eintreten.

Die tödliche Dosis (mittlere Letale Dosis, LD50) liegt mit getrockneten Blättern von Digitalis purpurea bei einem Pferd bei 25g, bei einem Rind bei über 150g und bei einem Hund bei 5g. Für den Menschen gelten 2,5 bis 5g als tödlich.

Heutzutage sind Vergiftungen mit der Pflanze eher selten. Häufiger kommt es zu Vergiftungen, wenn Arzneimittel mit Digitalis-Wirkstoffen überdosiert werden. Bedingt durch die starke Wirkung und die hohe Giftigkeit ist die therapeutische Breite sehr gering. Es müssen insbesondere sehr geringe und genau eingestellte Dosierungen eingenommen werden, weil sonst toxische (giftige) Werte erreicht werden. Durch die geringen Wirkstoffmengen läuft man außerdem Gefahr, bei unsachgemäßer Handhabung
Blattrosette vor der Blüte
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Blattrosette vor der Blüte
die minimal wirksame Dosis zu unterschreiten. Durch Überdosierung bedingte Vergiftungen können auch auftreten, wenn sich die Wirkstoffe im Körper anreichern, dann spricht man von Kumulation. Vor allem Digitoxin birgt diese Gefahr, da es lange im Körper bleibt und bei erneuter - zu frühzeitiger oder zu hoch dosierter - Gabe eines Digitoxin-Arzneimittels eine toxische Konzentration im Blut erreicht werden könnte. Auch bei Digoxin darf das Kumulationsrisiko nicht unterschätzt werden. Zudem sollten Digitalis-Patienten bei Einnahme weiterer Medikamente stets mit dem Arzt oder in der Apotheke abklären, ob diese sich mit dem Digitalis-Präparat „vertragen“, um somit eine Abschwächung oder Verstärkung (ggf. mit Vergiftungserscheinungen) der Digitalis-Wirkung zu vermeiden.

Prophylaxe & Therapie einer Vergiftung

Vergiftungen sind in der Regel eine Folge von Fehldosierungen bei der Therapie mit Digitalis-Präparaten oder von oraler Aufnahme von Blüten bei Kindern, die sich leicht durch die Blüten zum Spielen mit der Pflanze verlocken lassen. Hier gilt es in erster Linie vorbeugend zu wirken, indem Digitalis-Patienten vom Arzt/Apotheker gut beraten werden und Aufmerksamkeit bei der Anwendung walten lassen. Kindern sollte die Pflanze früh genug als „Giftkraut“ bekannt gemacht werden.

Auf Calcium und calciumhaltige Lebensmittel (Milch, etc.) sowie Antazida (Arzneimittel zur Magensäure-Neutralisation, etwa bei Sodbrennen) sollte verzichtet werden, da es zur Verstärkung der Digitalis-Wirkung kommen kann. Auch der Gebrauch von Abführmitteln (Laxanzien) darf bei Digitalis-Patienten nur nach Absprache mit einem Arzt erfolgen, da die meisten Laxanzien einen Kaliummangel verursachen können, wodurch die Digitalis-Wirkung ebenfalls gesteigert wird.

Im Falle einer Vergiftung durch Verschlucken von Pflanzenteilen sollte schnellstmöglich der Magen durch Erbrechen entleert werden. Die Gabe von Glaubersalz (Natriumsulfat; Abführmittel) eignet sich, um Pflanzenteile aus dem Darm zu befördern und die Giftaufnahme zu reduzieren. Klinisch kann eine allgemeine Therapie durch Magenspülung, Gabe von medizinischer Kohle zur Giftstoffbindung, Kontrolle des Kaliumspiegels und ggf. durch Einsatz eines Herzschrittmachers erfolgen. Überwiegend erfolgt eine Behandlung nach Symptomen. Spezifisch wird Atropin bei bradykarder Arrhythmie verabreicht und die Kaliumzufuhr erhöht. Außerdem steht ein spezifisch wirksames Immunserum (Gegenserum; Digitalis-Antidot, Boehringer Mannheim) zur Verfügung. Dabei handelt es sich um durch Immunisierung von Schafen mittels Digoxin gewonnene Antikörper, die die Digitalisglykoside binden und somit unwirksam machen und eine schnelle Ausscheidung über die Nieren ermöglichen. 80 mg Immunserum binden 1 mg Giftstoff. Oft sind Injektionen von 480 mg Antidot erforderlich.

Ethnobotanik

Geschichtliches

Ansicht der Blüten eines selteneren weißblütigen Roten Fingerhutes
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Ansicht der Blüten eines selteneren weißblütigen Roten Fingerhutes

Der Rote Fingerhut ist bereits seit langem als Heilpflanze bekannt, vor allem gegen Herzinsuffizienz, also Herzschwäche, wird er schon lange verwendet. Seit dem späten 18. Jahrhundert macht sich die Medizin die Pflanze zunutze. Aus dem Mittelalter lässt sich aus Schriften des 12. und 13. Jahrhunderts herauslesen, dass der Pflanze damals bereits besondere Heilkräfte zugesagt wurden, im 16. Jahrhundert wurde die Art in Irland bereits verwendet, während der Botaniker Tabernaemontanus zu dieser Zeit noch nichts mit dem Kraut anzufangen wusste. In England wurde es als Brechmittel, gegen Bronchitis und um das Jahr 1700 sogar gegen Schwindsucht verwendet. Die Französische Akademie bewies 1748 bei Versuchen an verschiedenen Truthähnen, dass Herz, Leber, Lunge und Gallenblase geschrumpft waren, seitdem wurde der Rote Fingerhut allgemein weniger verwendet.[1] 1775 griff der Arzt William Withering, der das Fingerhutkraut in dem (gegen Wassersucht verordneten) Tee einer Kräuterfrau entdeckte, erstmals wieder auf ein altes Rezept zurück und behandelte erfolgreich Ödeme, welche auf Herzschwäche zurückzuführen waren. 1985 beschrieb er die Grundzüge der heutigen, schulmedizinischen Digitalis-Therapie.

Des Weiteren wurde Digitalis purpurea trotz seiner Toxizität (=Giftigkeit) wahrscheinlich traditionell als halluzinogene Rauschpflanze genutzt.

Heilpflanze

Durch die hohe Toxizität liegen bei dem Roten Fingerhut die heilende und die giftige Wirkung nah beieinander. Es ist dringend von einer Selbstmedikation mittels selbst gesammelter Pflanzen abzuraten. Die Konzentration an Wirkstoffen ist zu variabel und ein Tee, der aus Fingerhut zubereitet wurde, gleicht somit einem unberechenbaren Giftcocktail. In der Pharmazie und Medizin bedient man sich höchstens einem Pulver mit genau bekannter, eingestellter Konzentration an Wirkstoffen (Eingestelltes Digitalis-purpurea-Pulver, Digitalis purpureae pulvis normatus). Vielmehr werden die Wirkstoffe des Fingerhutes als chemische Reinstoffe verwendet, nachdem sie aus der Pflanze, genauer dem Laub (Drogenbezeichnung: Digitalis purpureae folium), isoliert wurden und so eine genaue Dosierung möglich ist.

Der Rote Fingerhut stellt die Stammpflanze für die Herstellung von Digitoxin in Form industrieller Fertigarzneimittel dar. Als Beispiel seien hier Digimerck® und Digitoxin AWD® genannt. Digoxin (Bsp. Lanor®) wird in erster Linie aus dem Wolligen Fingerhut (Digitalis lanata) gewonnen. Digitalisglykoside unterliegen der Verschreibungspflicht.

Hauptsächlich werden Digitalisglykoside in der Medizin zur Behandlung von Herzschwäche (Herzmuskelinsuffizienz) verwendet. Außerdem kann es unter anderem bei tachykarden Arrhythmien („schnelle Rhythmusstörungen“) verwendet werden. Die Therapie mit Digitalis-Präparaten bewirkt daneben eine verbesserte Blutzirkulation und erhöhte Diurese (Harnausscheidung via Nieren), was wiederum zum Ausschwemmen von Ödemen, etwa in den Beinen, führen kann. In der Homöopathie finden Zubereitungen aus Rotem Fingerhut in relativ niedrigen Potenzen (D2 bis D3) Verwendung gegen Ödeme und kardialen Block (Herzblock). Auch bei Nierenschwäche, Harnbeschwerden, Depressionen, Schlafstörungen, Migräne, Übelkeit, Gelbsucht, Leberschwellungen und Prostataleiden werden ggf. Homöopathika eingesetzt.

Vorkommen

Detail-Ansicht der Blüten
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Detail-Ansicht der Blüten
Detail-Ansicht der reifen Kapselfrucht
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Detail-Ansicht der reifen Kapselfrucht
Der Rote Fingerhut ist von Natur aus vor allem im Westen und Südwesten von Europa verbreitet und gilt als typisch atlantische Pflanze. In nordöstlicher Richtung in Mitteleuropa nahm die Häufigkeit früher ab. Mittlerweile ist er aber auch weit über die ursprünglichen Grenzen hinaus verbreitet, kommt aber zum Beispiel im westlichen Polen häufig nur vereinzelt vor. In Skandinavien nehmen die Bestände dann wieder zu, hier liegt ein weiteres natürliches Vorkommen. Auch im Südosten Europas ist der Rote Fingerhut zu finden. In Norddeutschland ist er auf weiten Landstrichen fehlend. Zu den bevorzugten Standorten des lichthungrigen Roten Fingerhutes zählen besonders Kahlschläge, Lichtungen, Weg- und Waldränder, Geröllhalden sowie bepflanzte Abhänge. Die Pflanze bildet auf solchen lichten Plätzen oftmals große und dichte Bestände, die Art meidet jedoch stark kalkhaltigen Boden. Der Rote Fingerhut kommt sowohl an lichten Stellen in Fichtenforsten, wie auch in anderen Waldgesellschaften vor. Die Pflanze bevorzugt Mittelgebirgslagen bis 900 m über dem Meeresspiegel.

Für pharmaindustrielle Zwecke wird die Pflanze auch außerhalb des natürlichen Verbreitungsgebietes angebaut. Zudem existieren zahlreiche buntblütige Zuchtrassen für den Garenbau. Im Gartenbau eignet sich der Rote Fingerhut außerdem für die Verwendung als Gründünger, da er reich an Nährstoffen ist.

Anhang

Literatur und Quellen

  • Pahlow: Das grosse Buch der Heilpflanzen, Bechtermünz Verlag, ISBN 3-8289-1839-5
  • Stichmann & Stichmann-Marny: Der Kosmos Pflanzenführer, Franckh Kosmos, ISBN 3-440-07364-5
  • Eisenreich, Handel & Zimmer: BLV-Handbuch Tier und Pflanzen, BLV Verlagsgesellschaft mbH, ISBN 3-405-16740-X
  • Willfort: Gesund durch Heilkräuter, 9. Auflage 1967, Rudolf Taruner Verlag Linz, (ohne ISBN-Nummer)
  • Martin et al.: Fertigarzneimittelkunde, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, ISBN 3804725376
  • Rahfeld: Mikroskopischer Farbatlas pflanzlicher Drogen, Spektrum Akad. Verl., ISBN 3827419514
  • Holm & Eigner: Botanik und Drogenkunde, Deutscher Apotheker Verlag, ISBN 3769237471
  • Roth, Daunderer & Kormann: Giftpflanzen - Pflanzengifte, Auflage 5, NIKOL Verlag, ISBN 3868200096
  • Alberts & Mullen: Psychoaktive Pflanzen, Pilze und Tiere, Kosmos Verlag, Stuttgart 2006. ISBN 3-440-10749-3
  • Reichl: Taschenatlas der Toxikologie, NIKOL Verlag, ISBN 3868200053
  • Zetkin & Schaldach: dtv Wörterbuch der Medizin, Band I. und II., Deutscher Taschenbuch Verlag; Georg Thieme Verlag Stuttgard. 1973.
  • Urania-Verlag; Sailer-Verlag Nürnberg: Blumen und Schmetterlinge unserer Heimat, Sammelalbum Band 2 (ohne ISBN-Nummer)
  • [1] Wikipedia.de
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