Roter Piranha

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Roter Piranha

Systematik
Klasse: Strahlenflosser (Actinopterygii)
Unterklasse: Neuflosser (Neopterygii)
Teilklasse: Echte Knochenfische (Teleostei)
Überordnung: Ostariophysi
Ordnung: Salmlerartige Fische (Characiformes)
Familie: Echte Amerikanische Salmler (Characidae)
Gattung: Piranhas (Pygocentrus)
Art: Roter Piranha
Wissenschaftlicher Name
Pygocentrus nattereri
Kner, 1858

Verbreitungsgebiet
Bild:V-cacajao.jpg
Hauptsächliches Verbreitungsgebiet, auch südlicher

Der Rote Piranha (Pygocentrus nattereri) ist ein Salmlerartiger Fisch (Characiformes) aus der Familie der Echten Amerikanischen Salmler (Characidae). Im Englischen wird er Red piranha genannt. Erstmals beschrieben wurde er von Rudolf Kner im Jahre 1858, in einigen Literaturen fälschlicher Weise auch 1860.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der Rote Piranha erreicht in der Regel eine Länge von 20 bis 25 Zentimetern, im Ausnahmefall kann er bis zu 35 cm lang werden. Der Körper ist hochkant flach und recht hoch, fast so geformt wie ein Teller. Der Kopf ist massig und die Zähne des Unterkiefers passen wie eine Schere genau in die Zwischenräume der Zähne im Oberkiefer. Die Zähne sind sehr spitz und scharf und liegen größtenteils verborgen im Zahnfleisch, wenn sie nicht benötigt werden. Man kann sie dann kaum sehen, aber die Länge der Zähne ist abschätzbar, wenn man bedenkt, dass sie wegen dieser Zähne das Maul kaum vollständig schließen können. Die Brustflossen sitzen paarig unterhalb hinter den Kiemen, die ebenfalls paarigen Bauchflossen liegen an der Unterseite vor dem Bauchkiel. Am Schwanz liegt die Schwanzflosse an, welche den Fisch voran treibt. Dazu ist im Schwanzansatz ein starkes Muskelpaket vorhanden. Vor der Schwanzflosse zieht sich die Afterflosse (mit 26 bis 30 Strahlen) vom After bis kurz vor die Bauchflossen. Am Rücken liegt ziemlich weit hinten die gräuliche Rückenflosse (bis 15 Strahlen), gefolgt von der sehr kleinen Fettflosse, welche als Fettreserve für schlechte Zeiten dient.

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Jungtiere sind hellgrau in der Grundfärbung und haben einen roten Bauch und zum Teil auch eine rote Afterflosse, der gesamte Körper ist etwas länglicher und von dunkelgrauen bis schwarzen Punkten übersät. Alttiere sind etwas dunkler in der Grundfärbung, die Punkte sind verschwunden und die Afterflosse ist kaum noch rot und oft schwarz gesäumt. Der Bauch ist auch weniger rot, läuft aber in der Paarungszeit und bei Erregung wesentlich kräftiger rot an. Die graue Farbe des Körpers wird bei Lichteinfall durch viele kleine, blau leuchtende Schuppen unterbrochen. Die Brustflossen sind rötlich-grau, die Schwanzflosse grau bis schwarz mit hellem Mittelstreifen oder Fleck. Am Bauchkiel trägt der Rote Piranha 24 bis 31 "Zähne", welche wie eine Säge angeordnet sind, woher auch der Name Sägesalmler stammt, wie sie auch noch genannt werden.

Lebensweise

Der nicht stromlinienförmige Körper, was für Raubfische untypisch ist, deutet bereits auf das Jagen in der Gruppe hin, denn sie können so auf Schnelligkeit, welche durch die Stromlinienform gefördert wird, verzichten. Piranhas leben gerne in lockeren Verbänden von bis zu Zehntausenden Tieren und gehen gemeinsam auf die Jagd oder auf ein Beutetier los, aber sie sind keine reinen Schwarmfische, was oft behauptet wird. Sie schwimmen mehr allein im Kraut von Pflanzen oder hinter Steinen in Sichtweite ihrer Artgenossen. Sie sind überwiegend dämmerungsaktiv, reißen aber auch am Tag und in der Nacht Beute. Rote Piranhas verfügen über eine für Fische hohe Intelligenz. Sie verständigen sich zum Beispiel durch ein Drehen auf der Stelle über Beute und haben Kommentkämpfe entwickelt, bei welchen ausschließlich optische Funktionen eine Rolle spielen, aber kaum gebissen wird. Und selbst wenn es nach Beißereien aussieht, sind dies zumeist nur Scheinangriffe. Wenn sie sich doch mal beißen sollten, tun sie dies in der Regel nur in die Flossen. Die Wunden heilen sehr schnell ab, was für die Tiere auch lebenswichtig ist, denn kranke und verletzte Artgenossen werden als Nahrung betrachtet, getötet und gefressen. Dieser Kannibalismus brachte ihnen unter den Einwohnern Südamerikas den Namen Carabito oder Caribe ein, was übersetzt Kannibale heißt. Piranhas bilden kleine Reviere, vor allem die Männchen verteidigen dieses in der Paarungszeit sehr aggressiv. Durch Kontraktionen eines Tommelfeldes in der Schwimmblase können Piranhas trommelnde Laute erzeugen, dessen Aufgabe noch nicht ganz geklärt ist -vermutlich ebenfalls zur Verständigung oder zur Abschreckung anderer Fische und Artgenossen aus dem Revier.

Fortpflanzung

Der Rote Piranha erreicht mit einem Alter von ein bis knapp über zwei Jahren die Geschlechtsreife. Der Paarungstrieb wird durch ansteigende Wassertemperaturen und veränderte Wasserwerte ausgelöst. Für die Paarung gräbt das Männchen eine Mulde in den Boden, welche gereinigt und sehr sauber gehalten wird. Diese verteidigt er vor allem gegenüber Artgenossen. Trifft ein paarungsbereites Weibchen auf das Männchen, versucht er dieses zunächst zurück zu drängen, lässt sie aber dann an der Pflege der Mulde teilhaben, während er sie umwirbt. Ist das Weibchen bereit zur eigentlichen Paarung, pressen beide Geschlechter ihre Geschlechtsorgane aneinander und geben die Eier und die Spermien ab, welche eine Art weiße "Wolke" bilden. Die Spermien werden im Wasser aktiv und beginnen mit dem Schwanz zu schlagen, bis sie an ein Ei gelangen und dieses befruchten. Das Männchen verjagt nun das Weibchen und verteidigt die Eier vor allem, was sich bewegt und dem Gelege gefährlich werden könnte. Im Inneren der Eier entwickeln sich die jungen Piranhas etwa sieben Tage lang, bis sie schlüpfen. Nach dem Schlupf liegen sie etwa sieben weitere Tage in der Mulde und ernähren sich von dem Dottersack. Über die gesamte Zeit in der Mulde werden die Eier und die Jungfische von dem Männchen mit frischem, sauerstoffreichem Wasser zugefächelt. Die Jungtiere sind noch sehr langgestreckt und nehmen erst einige Wochen später die für Piranhas typische Form an. Ein Roter Piranha kann ein Alter von bis über 10 Jahren, in Gefangenschaft bis rund 30 Jahren erreichen.

Ernährung, "Gesundheitspolizei"

Der Rote Piranha ist ein Gruppenjäger. Er fällt zumeist kranke und geschwächte Tiere an, und diese fast immer von hinten. Dazu greifen zuerst einige wenige Tiere an, wahrscheinlich um die Beute zu verwirren, und anschließend greifen alle Tiere aus der näheren Umgebung an (teilweise weit über 1.000 Tiere) und reißen große Fleischfetzen aus der Beute heraus.
Beute: Diskus
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Beute: Diskus
Das Beutetier verblutet dann meistens letzten Endes oder stirbt an Erschöpfung. Die Beute wird durch das Seitenlinienorgan und den extrem guten Geruchssinn ausgemacht. Das Seitenlinienorgan zieht sich unter der Haut entlang der Flanken und besteht zum größten Teil aus empfindlichen Nervenzellen, mit welchen selbst kleinste Strömungs- und Druckveränderungen wahrgenommen werden können. Piranhas können selbst wenige Milliliter Blut im Wasser riechen und werden davon angelockt, denn blutende Tiere sind meistens verletzt und geschwächt, was leichte Beute verspricht. Wenn sich so viele Piranhas auf ein einziges Beutetier stürzen, dauert es selbst bei großen Tieren nicht lange, bis diese bis auf die Knochen abgenagt wurden. Zu den potentiellen Beutetieren zählen unter anderen verletzte und kranke Tapire (Tapridae), Halsbandpekaris (Pecari tajacu) und allerlei Fische (Actinopterygii). Auch Aas wird gefressen. Junge Piranhas fressen zumeist kleine Wasserinsekten und deren Larven, sowie kleine Fische.

Durch das Verzehren von kranken und toten Tieren wird die Ausbreitung von Seuchen, Parasiten und anderen Krankheiten durch das Wasser verhindert, was ihnen den Namen "Gesundheitspolizei" des Regenwaldes verschafft hatte.

Prädatoren und Parasiten

Einer der häufigsten Parasiten von Fischen, und damit auch von Roten Piranhas, ist der bis zu einen Millimeter große Parasit Ichthyophthirius multifiis, oder kurz Ichty. Dieser ist in Form kleiner, weißer Pünktchen auf dem gesamten Körper des Tieres zu erkennen, was dem Befall mit diesem Parasiten den Namen Weißpünktchenkrankheit einbrachte. Sonstige Parasiten sind häufig Fadenwürmer, welche den Verdauungstrakt befallen, sowie Kiemenwürmer hinter dem Kiemendeckel. Der sogenannte Candirufisch setzt sich ebenfalls unter den Kiemendeckeln des Fisches fest. Er sollte gefürchteter sein, als der Piranha, denn er schwimmt beim Urinieren ins Wasser (angelockt durch den Geruch) auch in menschliche Harnwege, was ihm den Namen "Penisfisch" gab.

Auch wenn der Rote Piranha ein gefürchteter Räuber ist, hat er eine Menge Prädatoren. Unter anderen gehören dazu Vögel wie Reiher (Ardeidae) oder einige Greifvögel (Falconiformes). Auch Kaimane (Caiman) wie der Brillenkaiman (Caiman crocodilus yacara) oder Säugetiere wie Riesenotter (Pteronura brasiliensis) fressen sehr oft Piranhas. Seltener werden Piranhas von großen Fischen wie Arapaimas (Arapaima gigas) gefressen.

Verbreitung

Der Rote Piranha kommt in Südamerika fast im gesamten Norden vor. Weite Teile des wasserreichsten Flusses der Welt, dem Amazonas, werden von diesen Raubfischen besiedelt. Auch in vielen der unzähligen Zuflüsse des Amazonas kommen sie vor. Auch der 2.140 Kilometer lange Orinoco im Nordosten Südamerikas wird fast komplett bewohnt. Nach Süden hin kommen sie bis unter den Río Paraná vor. Der Rote Piranha kommt vor allem in Argentinien, Paraguay, Bolivien, Surinam, Guyana, Französisch Guyana, Venezuela, Kolumbien, Uruguay, Peru und besonders in Brasilien vor.

Lebensraum Amazonas
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Lebensraum Amazonas

In den natürlichen Verbreitungsgebieten werden Gewässer mit einer Tiefe von teilweise weit über einen Meter in tropischen Regenwäldern und Savannen, bevorzugt. Die Temperaturen liegen dort zwischen 22 und 30 Grad Celsius, in der Trockenzeit kann in Savannen die Temperatur über 35 Grad Celsius ansteigen und der Wasserstand auf unter einen halben Meter sinken. Der PH-Wert (Säuregrad auf einer Skala von 0 bis 14) in seinen Vorzugsgewässern liegt bei 6,5 bis über 7.

In den Vereinigten Staaten von Amerika ist der Rote Piranha in einigen Bundesstaaten eingeführt und bedroht dort die heimische Fauna. Vor allem in Florida, Taxas, Michigan, Minnesota, Oklahoma, Ohio und sogar auf der rund 6.000 km weit von den USA entfernten Hawaii-Inseln wurde der Rote Piranha auf einigen Inseln eingeführt. In den meisten US-Bundesstaaten dürfen Piranhas nicht oder nur sehr eingeschränkt gehalten werden.

Gefährliche Tiere

Es gibt eine Menge von Vorurteilen über Piranhas. Der Ursprung der Vorurteile liegt in dem aggressiven Jagdverhalten der Raubfische und der angeblichen "Gier nach Blut". Aber wie bereits beschrieben, werden die Piranhas in der Gegenwart von Blut so aggressiv, weil dies zumeist leicht erlegbare Beute bedeutet. In Aquarien sind Piranhas aber so friedlich, dass man zumeist beruhigt in das Wasser fassen kann, wobei zu beachten ist, dass es immer wieder aggressive Individuen geben kann, welche auch im Aquarium ohne Grund zubeißen könnten, was aber eine große Ausnahme darstellt. Auch kann man in Gewässern mit Piranhas schwimmen, sofern man einige "Regeln" einhält. Dies sind vor allem: Niemals mit blutenden, frischen Wunden ins Wasser gehen oder fassen, ruhig verhalten, da strampelnde Bewegungen in der Natur ertrinkende (leichte) Beute bedeuten, oder in einer Gruppe ins Wasser gehen, damit die Raubfische denken, die Beute sei zu groß. Missachtet man jedoch diese Regeln, kann es zu schweren Verletzungen durch Bisse kommen, welche dann durch starke Blutungen wiederum andere Piranhas anlocken und aggressiv machen, so dass dann unzählige dieser Raubfische an einem hängen und das Ufer nicht mehr erreichbar ist. Dies ist aber auch eine absolute Seltenheit. Es soll auch noch bemerkt sein, dass die Beißkraft ausreicht, um die Stahlvorfächer von Angeln durchzubeißen (dies ist mehrfach dokumentiert). Untereinander sind Piranhas meistens auch relativ friedlich. In Gewässern, deren Wasserstand in der Trockenzeit weit absinkt, werden die Tiere so zusammengedrängt, dass sie gezwungen sind, sich gegenseitig aufzufressen und auch alles andere, was in das Wasser fällt anfallen, zerfleischen und auffressen.

Ökologie

Gefährdung, Nutzen

Rote Piranhas sind weder gefährdet, noch geschützt. Bedrohungen kommen durch die bereits genannten Prädatoren aber vor allem durch Gewässerverschmutzungen, also von den Menschen. Viel Dünger gelangt durch das Grundwasser aus den Feldern in die Flüsse und Seen. Dies kann zur Überdüngung und damit zum Kippen des Ökosystems führen, was den Tod der meisten Lebewesen zur Folge hat.

Vor allem unter den Einheimischen Südamerikanern sind Piranhas begehrte Speisefische, auch Hobbyangler fangen sie gerne. Sie werden zumeist gebraten und schmecken ähnlich wie Forelle.

Piranhas im Aquarium ?

Piranhas sind nur bedingt und für Leute mit aquaristischer Erfahrung, sowie großen Aquarien geeignet. Leider werden sie oft an Anfänger ohne ausreichendes Fachwissen unter sehr geringen Preisen verkauft ohne über die Haltung und die Biologie der Raubfische aufzuklären. Man sollte Piranhas nur halten, wenn man Zeit, Interesse und bereits einiges an aquaristischer Erfahrung mit anderen Fischen hat. Oft wird behauptet, dass Piranhas ausschließlich alleine gehalten werden können, was aber nicht immer zutrifft. Oft vertragen sie sich mit Antennen-Harnischwelsen (Ancistrus), im Kölner Zoo ist sogar die Nach- und Aufzucht von Buntbarschen in der Gegenwart von Piranhas gelungen. Aber in der Regel die Mitbewohner leider gefressen, in zu kleinen Becken tritt häufig Kannibalismus auf.

Haltung

  • Aquarium ab 120 Liter je Tier, ab vier Tiere, besser mehr
  • Aquarium mit Verstecken und eventuell einigen Pflanzen
  • Temperatur zwischen 25 und 28 Grad Celsius
  • PH-Wert zwischen 6,5 und 7,5
  • UV-Lichtbestrahlung ist sehr anzuraten, vor allem der Pflanzen wegen
  • Futter einmal in der Woche in Form von Fischen reichen, gelegentlich auch unbelastete Schlachtabfälle
  • Ein mal im Monat bis alle zwei Monate sollten der Bodengrund und die Scheiben gereinigt werden, sowie ein Teilwasserwechsel vorgenommen werden. In sehr großen Becken ist nur das Nachfüllen von Wasser und das regelmäßige Absaugen des Mulms notwendig, gelegentlich wird der Filter gereinigt.

Anhang

Literatur und Quellen

  • Kjell Fohrman: Handbuch Aquaristik, Dähne Verlag GmbH, ISBN 3-912684-95-1
  • Dr. Jürgen Schmidt: Salmler, Bede Verlag, ISBN 3-931792-74-9
  • Hans J. Mayland: Tropische Aquarienfische, Landbuch-Verlag, ISBN 3-784202-10-X
  • C. Schaefer, C. Kasselmann und A. Raschke: Das große Aquarien Handbuch, Weltbild, ISBN 3-8289-1742-9
  • Hans J. Mayland: Das große Aquarienbuch, Falken Verlag, ohne ISBN
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