Rothirsch

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Rothirsch


Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Familie: Hirsche (Cervidae)
Unterfamilie: Echte Hirsche (Cervinae)
Gattung: Edelhirsche (Cervus)
Art: Rothirsch
Wissenschaftlicher Name
Cervus elaphus
Linnaeus, 1758

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Der Rothirsch (Cervus elaphus), der auch als Rotwild bezeichnet wird, zählt innerhalb der Familie der Hirsche (Cervidae) zur Gattung der Edelhirsche (Cervus).

Inhaltsverzeichnis

Stammesgeschichte, Abstammung

Die Entwicklung der Ahnen der Rothirsche begann im frühen Paläogen, genauer gesagt: im mittleren Paläozän vor rund 60 Millionen Jahren. In diesem langen Zeitraum kam es mehrfach zu grundlegenden Änderungen der Landschaft und des Klimas. Im Zuge dieser Änderungen starben Arten aus, andere passten sich an und entwickelten sich zu neuen Arten. Im mittleren Paläozän setzte die Entwicklung der ersten Urpaarhufer ein. Man geht heute davon aus, dass sich die ersten Arten in Asien entwickelten und von dort aus weite Teile der Erde eroberten. Im Zuge der Evolution der nächsten Millionen Jahren passten sich die Arten in Bezug auf ihre Fußmorphologie, des Gebisses, des Verdauungsapparates und im Verhalten an. Die ältesten Paarhufer (Artiodactyla), die sogenannten Dichobuniden, entwickelten sich im frühen Eozän in Asien und Nordamerika. Es sind eher kleinwüchsige Arten, die noch vier oder fünf Zehen aufweisen und mit der ganzen Sohle aufsetzen. Man geht davon aus, dass es sich bei diesen Arten um primitive Nichtwiederkäuer (Nonruminantia) handelte, zu denen unter anderen die rezenten Familien der Echten Schweine (Suidae) und Flusspferde (Hippopotamidae) gehören. Aber schon bei den frühen primitiven Nichtwiederkäuern zeigten sich alle morphologischen Voraussetzungen als Stammgruppe. Die Entwicklung hin zu den Wiederkäuern (Ruminantia) dauerte jedoch noch bis ins frühe Eozän. Die ersten Frühformen rechnete man zur Gruppe der Tragulina, die zu den Hirschferkeln (Tragulidae) gehören und heute noch mit vier Arten vertreten (rezent) sind. In der Morphologie ähnelten die ersten primitiven Formen dem Kleinkantschil (Tragulus javanicus). Hirschferkel sind demnach die ältesten noch lebenden Vertreter der Vorstufe der eigentlichen Hirsche. Die eozänen Formen Lophiomeryx und Indomeryx gelten als Stammformen der Stirnwaffenträger (Pecora). Stirnwaffenträger sind ein Taxon innerhalb der Paarhufer. Eine weitere - mehr zutreffende Bezeichnung - ist Stirnfortsatzträger.

In der letzte Serie des Paläogens, dem Oligozän, sowie im darauffolgenden Miozän war das Klima subtropisch und die Landschaften waren durch reich gegliederte Landschaften, insbesondere durch ausgedehnte Sumpfgebiete geprägt. Im Oligozän waren noch Tragulina vorherrschend. Aber bereits mit dem Übergang zum Miozän entwickelten sich die ersten Hirsche (Cervidae). Die ersten Hirsche breiteten sich rasch über weite Teile der Erde aus. Sie fehlen prähistorisch und rezent nur in Australien und in Afrika. In Afrika gefundene Fossilien, die zunächst den Cerviden zugerechnet wurden, werden heute jedoch den Giraffenartigen (Giraffidae) zugerechnet.
Der Riesenhirsch (Megaloceros giganteus)
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Der Riesenhirsch (Megaloceros giganteus)
Zu den ältesten Cerviden in Eurasien rechnet man Palaeomeryciden wie Amphitragulus und Dremotherium. Beide Formen waren noch geweihlos, wiesen aber schon einen cerviden Schädelbau auf. Das rezente Wasserreh (Hydropotes inermis) gilt als ursprünglichster und primitivster Vertreter der Cerviden. Die Moschushirsche (Moschidae), die eine eigene rezente Familie bilden, gelten als Zwischenglied zwischen den Traguliden und Cerviden. Morphologisch gesehen gelten Moschushirsche als Vertreter einer primitiven Stufe der Wiederkäuer (Ruminantia).

Die ersten echten Geweihträger tauchten im mittleren Miozän in Europa auf. Die fossilen Gattungen wie Dicrocerus, Euprox und Heteroprox wiesen bereits ein kleines Geweih auf und zeichneten sich darüber hinaus durch dolchartige Eckzähne aus. Im späten Miozän und im Pliozän, also vor zehn bis fünf Millionen Jahren, setzte eine Abkühlung in Eurasien ein. Die Lebensräumen waren vor Allem durch Steppenlandschaften und offene Waldlandschaften geprägt. Zu dieser Zeit setzte die Fortentwicklung der Geweihe ein. Es entwickelten sich vor allem Sechs- und Mehrender. Die zu dieser Zeit entstandenen Arten gelten als die direkten Vorläufer der Echten Hirsche (Cervinae), zu denen auch der Rothirsch gehört. Zu den bekanntesten fossilen Formen der ersten Echten Hirsch gilt Eucladoceros. Die Vertreter dieser Gattung wiesen die ersten kammförmigen und mehrfach gegabelten Geweihe auf. Durch die geänderten Landschaftsformen waren zahlreiche morphologische Anpassungen notwendig. Diese Anpassungen vollzogen sich insbesondere im Skelettbau, bezüglich der Ernährungsorgane und der Sinnesorgane. Aus einzelgängerisch lebenden Tieren wurden langsam Herdentiere. In den mehr oder weniger offenen Lebensräumen entwickelten sich schnell hochbeinige und schnelle Läufer. Im Pliozän traten auch die ersten Großhirsche in Erscheinung. Im beginnenden Pleistozän vor etwa 1,8 Millionen Jahren lebten in Eurasien und Nordamerika wahre Riesen wie Breitstirnelch (Alces latifrons) oder der Riesenhirsch (Megaloceros giganteus). Beide Arten starben gegen Ende des Pleistozäns aufgrund der stärker einsetzenden Bewaldung aus.

Im späten Pleistozän tauchten während der letzten Eiszeiten und Zwischeneiszeiten in Europa die ersten Vertreter der Edelhirsche (Cervus) auf. Vor Allem in den wärmeren Zwischeneiszeiten entwickelten sich in den eisfreien Regionen offene Waldlandschaften mit ausgedehnten Grasfluren. Dies waren optimale Voraussetzungen für die Entwicklung der Edelhirsche, zu denen auch der Rothirsch gehört. Das Ursprungsgebiet des Cervus gilt Zentralasien. Die direkten Vorfahren der Gattung sind jedoch weitestgehend unbekannt. Bei der westlichen Gruppe der Cervus führte die Entwicklung zu einer Krone, bei der östlichen Gruppe stellte sich bei den Stangenenden eine Gabelung oder Auffächerung ein. Die östliche Gruppe gelangte im späten Pleistozän bis nach Nordamerika. Als der direkte Vorfahr des Rothirsches gilt Cervus acoronatus, ein kronenloser Rothirsch. Die Ausbildung der Krone war bis zum Mittelpaläolithikum, vor 200.000 Jahren, abgeschlossen.

Beschreibung

Körperbau

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Rothirsche zeichnen sich vor Allem durch eine elegante Gestalt und einen wohl proportionierten Körper aus. Der Kopf ist im Bereich der Stirn relativ breit. Nur im juvenilen Alter wirkt der Kopf eher lang und schmal. Der Kopf wird insgesamt auffallend hoch getragen. Die großen und trichterartigen Ohren laufen spitz zu und sind sehr beweglich. Sowohl die Innen- als auch die Außenseite ist dicht behaart. Die Behaarung der Innenseite ist deutlich länger. Die Augen weisen eine schwärzliche Pupille auf. Sie ist leicht länglich und quergestellt. Die Iris ist gelblichbraun, die Regenbogenhaut braun. Eine Hautfalte zieht sich vom vorderen Augenrand nach vorne und unten. Die Hautfalte endet in der so genannten Tränengrube. In der Tränengrube sammelt sich aus speziellen Drüsen ein bräunliches Sekret, das auch als Hirschbezoar bekannt ist. Die Nase ist schwarz gefärbt und im Wesentlichen unbehaart. Es zeigen sich lediglich einige wenige Tasthaare. Bei dem Männchen stehen oberhalb der Augen zwischen den Ohren die Rosenstöcke, die das Geweih tragen. Das vielendige Kronengeweih adulter Hirsche verleiht den Tieren ein durchaus imposanten Aussehen. Der Hals ist seitlich leicht abgeflacht und wirkt dadurch leicht durchgebogen. Junge Hirsche tragen ihren Hals, der auch als Träger bekannt ist, aufrecht. Mit zunehmendem Alter wird der Hals kräftiger und wirkt dadurch kürzer. Bei alten Hirschen wird er zudem eher waagerecht gehalten. Während der Brunft wird dieser Eindruck durch die imposante Mähne noch verstärkt. Der Rumpf ist insgesamt sehr kräftig ausgeprägt und der Widerrist tritt nur schwach hervor. Die Rückenlinie ist gerade und fällt vom Widerrist ausgehend nur leicht ab. Im Gegensatz zum kräftigen Rumpf wirken die Beine (Läufe) sehr schlank. Der Eindruck täuscht jedoch, denn die Beine sind sehr sehnig und kräftig entwickelt. Die Beine enden in kleinen, nach vorne leicht zugespitzten Hufen, den sogenannten Schalen. Der Schwanz ist kurz und am Ende leicht gerundet.
Maße und Gewicht

Die Größe und das Gewicht schwanken, je nach Unterart und Verbreitungsgebiet, insbesonders bezogen auf das Klima, die Höhenlage und den Lebensraum. Man kann jedoch sagen, dass die Größe und das Gewicht mit zunehmend kontinentalem Klima zunimmt. Das Gewicht liegt bei ausgewachsenen Männchen zwischen 90 und 435 Kilogramm. Die kleinsten Unterarten sind an der Westgrenze des Verbreitungsgebietes, insbesondere in Schottland zu verzeichnen. Das größte und kräftigste Rotwild kommt im südöstlichen Europa, insbesondere in den Karpaten und in Siebenbürgen vor. Die Gewichte unterliegen in allen Verbreitungsgebieten zum Teil starken Schwankungen, die auf ein unterschiedliches Alter der Tiere und jahreszeitlichen Schwankungen zurückzuführen sind. Unmittelbar vor der Brunft erreichen die Hirsche das höchste Gewicht. Während der Brunft verlieren die Männchen zum Teil bis zu 25% ihres Gewichtes. Über ein ganzes Jahr können Gewichtsschwankungen von durchschnittlich 30% auftreten. Jungtiere weisen im ersten Lebensjahr bis zum November den größten Gewichtsanstieg auf. Weibchen legen im ersten Lebensjahr mehr an Gewicht zu. Im zweiten Lebensjahr kehrt sich das Verhältnis um und die Hirsche legen schneller an Gewicht zu. Spätestens bis zum achten Lebensjahr haben Hirsche die Hauptzunahme des Körpergewichtes abgeschlossen. Das Höchstgewicht wird bei den Männchen hingegen erst zwischen dem zwölften und vierzehnten Lebensjahr erreicht. Ab dem sechzehnten Lebensjahr nimmt das Gewicht infolge der Vergreisung wieder ab. Bei den Weibchen ist die Hauptzunahme des Körpergewichtes bereits Ende des dritten Lebensjahres abgeschlossen. Das Höchstgewicht wird bei den Weibchen zwischen dem achten und neunten Lebensjahr erreicht. Die maximale Länge des Rothirsches liegt bei 210 Zentimeter, die Widerristhöhe bei 124 bis 135 Zentimeter. Die kleinsten Unterarten weisen eine Widerristhöhe von 85 bis 90 Zentimetern auf. Der Mittelwert der Widerristhöhe liegt bei 120 bis 125 Zentimetern.

Fell und Fellfärbung
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Die Haare bestehen äußerlich aus dem Schaft und einer Wurzel. Letztere liegt in der Haartasche verankert. Der innere Aufbau setzt sich aus 3 Schichten zusammen. Dies sind von innen nach außen: die Markschicht, die Rindenschicht und das Oberhäutchen. Die Markschicht ist stark lufthaltig; so wird ein effektiver Wärmeschutz gewährleistet. Von der Art her lassen sich Wollhaare, Grannenhaare und Leithaare unterscheiden. Die Leithaare sind die längsten Haare und stehen einzeln. Sie vermitteln einem Rothirschen Berührungsreize. Grannenhaare stehen dicht beieinander und sind deutlich kürzer als die Leithaare. Beide Haartypen zusammen bilden das Deckhaar. Wollhaare stehen dicht, im Winter besonders dicht beieinander. Im Bereich der äußeren Kiefer und der Oberlippe weisen Rothirsche spezielle Tasthaare auf. Die Haare im Bereich des Kopfes und der Beine sind kurz und liegen dicht am Leib. Die Haare des Halses, des Rumpfes und der Oberschenkel sind insgesamt am längsten. Im Winter ist die Unterseite des Halses mit langen Haaren, der sogenannten Mähne, gezeichnet. Sie zeigt sich jedoch nicht bei den Ricken (Weibchen). Das Sommer- und Winterhaar unterscheiden sich vor Allem in der Länge. Das Winterhaar ist in etwa doppelt so lang wie das Sommerhaar und schützt die Tiere vor Kälte. Die einzelnen Haare werden bis auf die Leithaare jährlich zweimal gewechselt. Die Leithaare haben eine Lebensdauer von mitunter mehreren Jahren. Der Fellwechsel erfolgt im Frühjahr und im Herbst. Das Sommerfell ist rötlich bis rotbraun gefärbt, im Winter zeigt sich eine gräuliche bis graubraune Färbung. Die Farbe des Sommerfelles war für die Art namensgebend.

Das Fell des Kopfes ist anders als am Rumpf überwiegend gräulich gefärbt. Die Seiten des Kopfes sind insgesamt dunkler gefärbt. Die ansonsten unbehaarte Oberlippe weist drei Reihen borstenartiger Tasthaare auf. Der Hinterkopf ist rötlich gefärbt und geht im Nacken in einen Nackenstreif über. Die Ohren sind außen gräulich, innen schmutzigweiß bis gräulich gefärbt. Die Rumpfoberseite ist rötlich, die ventrale Seite fahlrot bis gelblichweiß. Die Beine sind an der Vorder- und Außenseite gleich gefärbt, die Innenseiten weisen eine hellgraue Färbung auf. Der Spiegel hebt sich farblich deutlich von der restlichen Fellfärbung ab. Er weist eine fahlrote, gelblichweiße bis weißlichgraue Färbung auf. Zu den Oberschenkeln setzt sich der Spiegel meist durch einen dunklen Saum ab. Die Hufe bzw. die Schalen sind schwarz gefärbt. Bei den Kälbern zeigt sich im ersten Lebensjahr eine typische Fleckung. Dabei sind reihenweise weißliche und gelblichweiße Flecken auf rötlichem Untergrund zu erkennen. Im Spätherbst, zum ersten Fellwechsel, werden die Flecken vom Winterfell überdeckt. Böcke (Männchen) und Ricken (Weibchen) unterscheiden sich im Sommerfell kaum. Dies ändert sich jedoch mit dem Winterfell. Bei den Männchen ist das Stirnhaar graubraun und weist eine leichte Wellung auf. Der Vorderkopf und auch die Seiten sind gräulich gefärbt. Die Ohren sind gräulich gefärbt und weisen eine dunkle Umrandung auf. Der Hinterkopf ist rotbraun, der Halsoberseite dunkelbraun bis fast schwarz, die Halsunterseite rötlich bis schwärzlich. Die zottelige Mähne erreicht eine Länge von bis zu fünfzehn Zentimeter. Die Weibchen sind im Kopfbereich ähnlich gezeichnet wie die Männchen. Der Hals zeigt oberseits im Nacken einen Nackenstreif. Vom Nacken ausgehend hellt die Färbung des Halses bis zur Unterseite deutlich auf. Der Aalstrich des Nacken setzt sich auf dem gesamten Rücken fort. Der Rumpf ist überwiegend gräulich bis rotgrau gefärbt. Die Unterseite ist überwiegend hellgrau gefärbt. Der Spiegel, der bei den Weibchen länger behaart ist, weist eine weißliche bis fahlrote Färbung auf. Bei den Kälbern zeigt zwischen den Geschlechtern in der Färbung kein nennenswerter Dimorphismus. Abgesehen von individuellen Farbunterschieden können bei den Rothirschen auch Weißlinge (Albinos) auftreten. Der Albinismus beruht auf Melaninstörung in Verbindung mit einer Verlustmutation. Man unterscheidet verschiedene Grade des Albinismus. Beim totalen Albinismus fehlen die Pigmente nicht nur in den Haaren, sondern in allen Körperorganen. In diesem Fall ist beispielsweise die schwarze gefärbte Nase rosarot. Gleiches gilt auch für die Hufe oder der Regenbogenhaut der Iris. Albinismus tritt bei Rothirschen nur sehr selten auf.

Haut, Hautdrüsen und Schalen

Die Haut hat verschiedene Funktionen: Zum Einen schließt die Haut den Körper nach außen schützend ab, zum Anderen vermittelt die Haut auch Reize. Darüber hinaus dient die Haut als Organ auch der Atmung, dem Kreislauf, als Träger von Hautdrüsen. Im Zuge der Wärmeregulierung fungiert die Haut auch als Ausscheidungsorgan. Die Haut besteht von außen nach innen aus der Oberhaut, der Lederhaut und der Unterhaut. Die Oberhaut, oder auch Epidermis (griech. epi über; derma Haut), ist Sitz der Behaarung. Die Lederhaut (Corium) dient als Verankerung und der Ernährung der gefäßfreien Oberhaut. Die Lederhaut dient im Übrigen dem Kürschner als Grundstoff für das bekannte Wildleder. Die Unterhaut (lat. subcutis) ist eine elastische und bewegliche Schicht und dient als Verbindung zwischen Körper und Lederhaut. In der Subcutis wird hauptsächlich Fett gespeichert.

Die Haare und die Schalen bestehen aus demselben Material: Es handelt sich um Hornbildungen der Haut. Die Schalen umschließen das Endglied der dritten und vierten Zehe. Die Unterseite der Schalen wird vom eher kleinen Ballen und der großen Sohle gebildet. Beim ruhigen Gehen berühren nur die Schalen der dritten und vierten Zehe den Boden. Auf der Flucht werden auch die Schalen der zweiten und fünften, die sogenannten Afterklauen, mit abgedrückt.

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Die Haut ist der Sitz zahlreicher Drüsen. Es sind einerseits die Talgdrüsen, die innerhalb der Haartasche ein fettiges Sekret produzieren, andererseits spezielle Duftdrüsen. Das Sekret der Duftdrüsen dient der Reviermarkierung und dem Sozialverhalten. Darüber hinaus sind noch weitere, spezielle Drüsen vorhanden. Die Voraugendrüse, oder auch Tränengrube, sondert ein bräunliches und übelriechendes Sekret ab. Das Sekret, das auch als Hirschbezoar bezeichnet wird, sammelt sich in einer Hautfalte und härtet an der Luft aus. Die Voraugendrüsen sind vor Allem während der Brunftzeit aktiv und produzieren außerhalb dieser Zeit nur wenig Sekret. Männchen verteilen das Sekret durch Abstreifen an markanten Punkten im Revier, meistens an Stämmen oder Ästen. Das Sekret dient demnach zur Markierung des Brunftreviers. An den Hinterläufen zeigt sich eine weitere Drüse, die Hinterlaufbürste bzw. das Metatarsalorgan. Die Drüse sitzt nahe dem Sprunggelenk an der Außenseite der Hinterläufe. Hier stehen nicht sehr dicht stehende Haare auf einer drüsenreichen Hautfläche. Das hier produzierte Sekret wird bei der Bewegung durch niedrige Vegetation abgestreift. Das Sekret dient der Reviermarkierung und kann auch als eine Art Duftfährte verstanden werden. Ein weiteres Drüsenfeld, die Zwischenzehendrüse, liegt zwischen den Schalen in einer faltigen Einsenkung. Über die Funktion dieser Drüse ist nur wenig bekannt. Eine weitere Drüse ist unterhalb der Schwanzwurzel zu finden und ist auch unter der Bezeichnung Circumcaudalorgan bekannt. Vor Allem während der Brunft spielt diese Drüse eine große Rolle. Während dieser Zeit ist sie stark angeschwollen. Unterhalb des Circumcaudalorgans und oberhalb des Afters liegt dis Intracaudalorgan. Beide Organe dienen der Markierung und der Kommunikation. Der Duft beider Drüsen wird durch Lecken und Riechen aufgenommen und verteilt. Alle bisher beschriebenen Drüsen sind bei beiden Geschlechtern zu finden. Hirschkühe verfügen zusätzlich über spezielle Brunftflecken, die dort liegen, wo bei den Böcken die Rosenstöcke angesiedelt sind. Die Brunftflecken sind paarweise vorhanden, über die Funktionsweise ist nichts bekannt.

Innere Anatomie

Muskulatur und Skelett

Kräftige Muskeln befinden sich überall dort, wo Arbeit zu leisten ist. Die kräftigsten Muskelgruppen befinden sich am Rücken, im Bereich der Schulterblätter und Oberschenkel sowie am Hals. Die einzelnen Muskeln haften über Sehnen am Rumpfskelett an. Die Muskulatur und die Haut geben dem Körper Verbindung mit dem Skelett und somit Halt und Form. Das Skelett ist auch für die Fortbewegung bestimmend und besteht im Wesentlichen aus Knochensubstanz und Knorpel. Die Knochen sind starr oder gelenkig miteinander verbunden. Das Skelett wird in Rumpf- (Achsen-), Gliedmaßen- und Kopfskelett eingeteilt. Das Kopfskelett lässt sich wiederum in den Hirn- und Gesichtsschädel unterteilen. Der Hirnschädel dient als Schutzkapsel für das Hirn und besteht aus dem Scheitelbein (Os parietale), dem Zwischenscheitelbein (Os interparietale), dem Hinterhauptsbein (Os occipitale), dem Siebbein (Os ethmoidale), Stirnbein (Os frontale), Keilbein (Os sphenoidale) sowie dem Schläfenbein (Os temporale). Über das Hinterhauptloch ist der Hirnschädel mit dem Rückenmark verbunden. Der Gesichtsschädel, der zweite Teil des Kopfskeletts, beherbergt die wichtigen Sinnesorgane. Der Gesichtschädel umschließt den Bereich der Augen, der Nase sowie der Mundhöhle. Die Mundhöhle wird ihrerseits ventral durch den Unterkiefer und dorsal durch den Oberkiefer begrenzt. Oberhalb der Augen zeigen sich bei den Männchen die Rosenstöcke bzw. die Stirnbeinzapfen, die schräg nach hinten gerichtet sind. Unterhalb des Stirnbeins (Os frontale) geht dieses in das aus 2 Knochen bestehende Nasenbein (Os nasale) über.

Zentraler Bestandteil des Rumpfskeletts ist die Wirbelsäule, die sich im Schwanz als Schwanzwirbelsäule fortsetzt. Der Hals weist wie bei fast allen Säugetieren sieben Halswirbel auf. Ansatzflächen an den Fortsätzen dienen als Haltepunkt für die Muskulatur.
Männchen
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Männchen
An die Halswirbel schließen sich 13 Brustwirbel, 6 Lendenwirbel und 4 Kreuzbeinwirbel an. Die Dornfortsätze der Brustwirbel sind deutlich länger als die der Lendenwirbel. Die Kreuzbeinwirbel sind zum Kreuzbein verwachsen. Die Dornfortsätze der Kreuzbeinwirbel weisen, im Gegensatz zu den Brust- und Lendenwirbeln, nur einen rudimentären Charakter auf. Der Schwanz besteht aus meist elf Wirbeln. Die letzten Wirbel können jedoch verkümmert sein. Die einzelnen Wirbel weisen eine runde Form auf. In ihrer Mitte verläuft ein Kanal, durch den das Rückenmark führt. Der Brustgürtel und der Schultergürtel werden durch die dreizehn Brustwirbel gebildet. An die Brustwirbel schließen sich jeweils Rippen an. Von den dreizehn Rippenpaaren bilden acht Rippenpaare die echten Rippen und sind über verwachsene Knochenplatten mit dem Brustbein verbunden. Die restlichen fünf Rippenpaare, oder auch unechte Rippenpaare, sind mit dem Brustbein nur knorpelig verbunden. Die knorpelige Verbindung macht diese Rippenpaare besonders beweglich. Die Brustwirbel, die Rippen sowie das Brustbein umschließen die Brusthöhle. Korrespondierend dazu umschließt der Beckengürtel die Beckenhöhle. Der Beckengürtel besteht aus dem Kreuzbein und den Beckenknochen. Das Kreuzbein wird von vier zusammengewachsenen Kreuzwirbeln gebildet. Die Bauchhöhle liegt mittig zwischen der Brusthöhle und der Beckenhöhle. Zwischen der Bauchhöhle und der Brusthöhle liegt das Zwerchfell. Die Vorderbeine setzen an den Schultergürtel an, der im Wesentlichen aus dem Schulterblatt besteht. Das Schulterblatt und das Oberarmbein sind gelenkig durch das Schultergelenk verbunden. Ein Schlüsselbein ist nicht vorhanden. Die hinteren Beine sind über das Hüftgelenk mit dem Becken verbunden. Das Wadenbein ist im Gegensatz zu dem Schienbein stark zurückgebildet. Das ist sinnvoll, da durch die Fortbewegung keine Drehbarkeit des Fußes erforderlich ist. Bei den Füßen verschwand im Laufe der Evolution das fünfstrahlige Modell. Der Daumen verschwand völlig, der zweite und fünfte Finger bildeten sich aufgrund der Spezialisierung stark zurück. Der dritte und vierte Finger sind hingegen vergrößert und kräftig ausgebildet. Bei beiden Fingern wird das erste Fingerglied von einer hornigen Schale umschlossen. Mit der Rückbildung der zweiten und fünften Zehe zu den sogenannten Afterklauen sind auch die zweiten und fünften Mittelhandknochen rückgebildet.
Innere Organe und Kreisläufe

Im Körperinnern liegen, geschützt durch Haut, Muskulatur und Rumpfskelett, zahlreiche innere Organe wie beispielsweise der Magen, die Nieren, die Blase, die Leber, die Geschlechtsorgane und die Lunge. Im vorliegenden Absatz soll mit der Beschreibung des Verdauungsapparates begonnen werden. Zum Verdauungsapparat gehören: die Mundhöhle, der Pharynx (griech. für "Rachen" oder "Schlund"), der Magen (Gaster), Darm (intestinum) sowie zahlreiche Verdauungsdrüsen. Die Mundhöhle wird vom Gaumen (Palatum), dem Ober- und Unterkiefer (Maxilla und Mandibula), den Wangen sowie der Zunge (Lingua) umschlossen. Über zahlreiche Drüsen wird Speichel produziert.

Verdauungsapparat und Verdauung

Der Verdauungsvorgang der Wiederkäuer (Ruminantia) unterscheidet sich deutlich von dem der Nichtwiederkäuer (Nonruminantia). Pflanzliche Nahrung ist zudem schwerer zu verdauen als Fleischnahrung. Um einerseits die entsprechenden Mengen an Nahrung aufzunehmen und andererseits diese Mengen auch zu kauen, ist viel Zeit erforderlich. Dieses Problem wurde überwunden, indem sich im Laufe der Evolution aus einem einfachen Sackmagen ein mehrkammriger Magen entwickelte. Rothirsche nehmen in einer relativ kurzen Zeit während des Äsens (Jägersprache für: Futter aufnehmen) große Mengen an Nahrung zu sich. Gekaut wird die pflanzliche Nahrung nur grob und dann in rundlichen Ballen abgeschluckt.
Rothirsch beim Äsen
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Rothirsch beim Äsen
Über den Pharynx (Speiseröhre) gelangt die Nahrung (Äsung) in den Magen. Der Magen besteht aus drei Vormägen und dem so genannten Labmagen (Abomasum). Im Labmagen erfolgt die eigentliche Verdauung. Spezielle Drüsen im Labmagen sondern dabei Magensaft ab. Die drei Vormägen heißen: Pansen (Pantex), Netzmagen bzw. Haube (Reticulum) und Blättermagen (Omasum). Von der Schleimhaut der Vormägen werden, im Gegensatz zum Labmagen, keine Verdauungssäfte abgegeben. Die Schleimhaut ist jedoch mit kräftigen Falten überzogen, die dem Zerkleinern der Nahrung dienen. Vom Pharynx gelangt die Nahrung zunächst in den Pansen und den Netzmagen. Mithilfe von symbiotischen Bakterien und Wimpertierchen (Chilophora), so genannter Infusorien beginnt das Aufschließen der Nahrung. Im Zuge dieser Aufschließung wird die Nahrung permanent zwischen Pansen und Netzmagen hin und her geschleudert. Die schließlich aufgeweichte und breiige Nahrung wird dann wieder in die Mundhöhle befördert, wo der Brei erneut durchgekaut wird. Die nun fein zerkleinerte Nahrung wird dann erneut abgeschluckt. Dieser Vorgang wird mehrmals wiederholt, bis die Nahrung genügend zerkleinert wurde.

Ist die Nahrung völlig zerkleinert, gelangt sie durch eine in der oberen Wand des Netzmagens liegende Schlundrinne in den Blättermagen, von hier aus zur weiteren Verdauung in den Labmagen und schließlich in den Darm. Die Bezeichnung Blättermagen resultiert aus zahlreichen, nach innen reichende Hautfalten. Zwischen diesen Hautfalten wird der Nahrungsbrei weiter zerrieben. Dadurch erfolgt gleichzeitig eine Entwässerung des Nahrungsbreies. Die entwässerte Nahrung gelangt in den Labmagen. Der Labmagen entspricht in etwa dem Drüsenmagen anderer Säugetiere. Im Labmagen erfolgt die eigentliche chemisch-enzymatische Verdauung. Vom Labmagen aus gelangt die Nahrung in den Dünndarm. Durch spezielle Darmdrüsen sowie der Galle und der Bauchspeicheldrüse werden die benötigten Fermente abgegeben, um den Verdauungsprozess abzuschließen. Im Dünndarm erfolgt darüber hinaus auch der größte Teil der Resorption. Die Spaltstoffe werden während der Verdauung von den Darmzotten (Falten der Darmwand) aufgesogen. Die Nährstoffe gelangen von hier aus durch die Blutgefäße und Lymphgefäße in den Körper. Die unverdaulichen Nahrungsreste werden an den Dickdarm abgegeben, wo den Nahrungsresten das Wasser entzogen wird. Der eingedickte Darminhalt wird nunmehr als Kot an den Mastdarm abgegeben. Einschnürungen der Darmwand formen den Kot zu regelmäßigen Körpern, die eine Länge von etwa 2 Zentimeter und eine Dicke von 1,2 Zentimetern aufweisen. Der Kot (Losung) wird in bestimmten Abständen ausgeschieden. Je nach Art der Nahrung beträgt die Durchgangszeit zwischen zehn Stunden bei jungem Grün und fünf Tagen bei Raufutter.

Bauchspeicheldrüse und Leber
Die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) liegt zum Teil im Gekröse des Zwölffingerdarms. Der Ausführgang der Bauchspeicheldrüse mündet zusammen mit dem Lebergallengang in den Dünndarm. Das Sekret der Bauchspeicheldrüse zerlegt insbesondere Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate. Zudem erfolgt hier die Bildung des Hormons Insulin. Die Leber, das größte Organ im Körper eines Rothirsches, liegt direkt am Zwerchfell der rechten Körperseite. Die hier produzierte Galle gelangt über den Lebergallengang in den Dünndarm. Die Galle ist für die Verdauung von entscheidender Wichtigkeit. Eine Gallenblase ist nicht vorhanden. Die Endprodukte des Eiweißstoffwechsels werden in der Leber in Harnstoff umgewandelt und wird im späteren Verlauf mit dem Harn ausgeschieden. In der Leber werden zudem alle in der Nahrung enthaltenden Gifte neutralisiert.

Blutkreislauf und Lymphgefäßsystem
Für den Transport der Nährstoffe bzw. der Energie spielt das Blut die Hauptrolle. Neben der Transportfunktion erhält das Blut die Konstanz bezüglich des Blutzuckerspiegels, des Kalkspiegels und des osmotischen Drucks aufrecht. Das Blut ist aber auch an der Regelung der Körpertemperatur beteiligt und vernichtet eingedrungene Schadstoffe. In Gang bleibt der Blutkreislauf durch das Herz, das in rhythmischem Zusammenziehen und anschließendem Erschlaffen für den nötigen Druck sorgt. Das Blutgefäß ist ein geschlossener Kreislauf, wobei die vom Herzen zu den Organen führenden Blutgefäße die Arterien sind, die zum Herzen führenden die Venen. Aus den Venen fließt sauerstoffarmes und kohlensäurereiches Blut in die rechte Herzkammer und wird von hier aus in die Lunge gepumpt. In der Lunge wird Sauerstoff aufgenommen und Kohlensäure, CO2, abgegeben. Während dieses Prozesses ändert das Blut seine Färbung: Aus dem dunkelroten venösen Blut wird durch den Gasaustausch hellrotes arterielles Blut. Zwischen rechter Herzkammer und der Lunge spricht man auch von einem kleinen Kreislauf. Ein weiterer kleiner Kreislauf ist der Pfortaderkreislauf. Das aus dem Darmkanal kommende, nährstoffreiche und auch Schadstoffe enthaltene Blut sammelt sich in einer großen Vene; es ist die Pfortader (Vena portae). Das Blut wird nicht direkt dem Herzen zugeführt, sondern zunächst der Leber (lat. iecur). Hier wird das Blut insbesonders entgiftet. Von der Leber aus gelangt das Blut in die hintere Hohlvene (Vena cava caudalis). Die Leber ist also ein wichtiges Organ zur Blutreinigung. Neben dem Blutkreislauf besteht noch ein zweites Kreislaufsysten: dem Lymphgefäßsystem, das die Lymphe enthält. Lymphe ähnelt dem Blutplasma, ist aber deutlich ärmer an Eiweiß. Zwischen den Blut- und Lymphkapillaren besteht ein ständiger und reger Stoffwechselaustausch. An bestimmten Punkten im Lymphgefäßsystem sind Lymphknoten eingeschaltet, die eine Filterfunktion haben.

Sonstige Organe
Um den Stoffwechsel und die Energiegewinnung aufrecht halten zu können, müssen die Zellen mit Sauerstoff versorgt werden. Dies wird durch das Atmen gewährleistet. Beim Atmen werden Wasser H2O und Kohlensäure CO2 freigesetzt. Kohlensäure wird vollständig, Wasser teilweise ausgeatmet. Die Lunge dient auch als Reinigungsorgan, der Atmung dienen darüber hinaus insbesondere Nase, Kehlkopf, Schlundkopf und die Luftröhre mit ihren feinen Verästelungen, den Bronchien. Ein weiteres sehr wichtiges Organ sind die Nieren. In den Nieren wird der Harn aus dem Blut ausgeschieden. Harnstoffe sind wasserlösliche und nicht mehr weiter abbaufähige Produkte des Eiweißstoffwechsels. Von den Nieren aus läuft der Harn durch den Harnleiter in die Harnblase und wird von hier nach außen abgegeben.

Der Geschlechtsapparat entstand aus einer einheitlichen Anlage heraus, entwickelte sich bei beiden Geschlechtern dann aber unterschiedlich. Der Grundplan mit den Keimdrüsen und den ableitenden Organen ist demnach bei Böcken und Kühen identisch. Der Geschlechtsapparat des Bocks besteht aus den Hoden, den von den Hoden ableitenden Samenwegen, den Anhangsdrüsen (Akzessorische Geschlechtsdrüsen) und dem eigentlichen Begattungsorgan. Zu den akzessorischen Geschlechtsdrüsen gehören die Bläschendrüse (Glandula vesicularis), die Vorsteherdrüse (Prostata), die Bulbourethraldrüse (Glandula bulbourethralis) sowie als viertes die Samenleiterampulle (Ampulla ductus deferentis). Die Hoden bestehen aus vielfach gewundenen Drüsenschläuchen, in denen die Keimzellen gebildet werden. Dem Hauptkörper der Hoden sind die Nebenhoden angelagert. In den Nebenhoden können die Samenzellen reifen und werden auch gelagert. Von den Nebenhoden geht der Nebenhodengang aus, der in den Samenleiter übergeht und am Harnblasenhals in die Harnröhre mündet. Bei den Hirschkühen wird der Geschlechtsapparat gebildet aus den Eierstöcken als Keimdrüsen, den Eileitern, der Gebärmutter und der Scheide. Die Eierstöcke und die Eileiter sind paarig angelegte Organe. Die Eizellen werden in den Eierstöcken in Ovarialfollikel (Folliculus ovaricus) gebildet. Im Zuge der Ovulation platzt der Ovarialfollikel und das Ei gelangt durch den Eileiter, in dem es befruchtet wird, in die Gebärmutter. In der Gebärmutter erfolgt die Entwicklung zur eigentlichen Frucht. Der Gasaustausch und die Versorgung mit Nährstoffen erfolgen über die Plazenta. Die Plazenta wird später im Rahmen der Geburt ausgeschieden. Das Gesäuge, also die Milchdrüsen, liegt zwischen den Hinterschenkeln und weist beiderseits zwei Zitzen auf. Die Muttermilch enthält alle Bestandteile (organische und anorganische), die für die Entwicklung des Nachwuchses notwendig sind. In den ersten zwei bis drei Tagen erfolgt jedoch noch keine Abgabe von Muttermilch. Abgesondert wird in dieser Zeit das Kolostrum (lat. colostrum = Biestmilch). Es ist die Erstmilch aller Säugetiere. Die Biestmilch ist sehr wichtig, da sie stärkend auf das Immunsystem wirkt.

Bezahnung
Oberkiefer
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Oberkiefer
Unterkiefer
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Unterkiefer

Die Kiefer mit ihrer Bezahnung dienen zum Zerkleinern der Nahrung. Da Rothirsche nur pflanzliche Nahrung aufnehmen, kam es im Laufe der Entwicklung zur völligen Reduktion der Schneidezähne im Oberkiefer. Anstelle der Schneidezähne trat im Oberkiefer eine verhornte Gaumenplatte. Bei dieser Gaumenplatte handelt es sich um eine mehr oder weniger elastische Kauleiste und dient den schräg nach vorne stehenden unteren Schneidezähnen als Zahnreihe. Im Unterkiefer sind sechs Schneidezähne (Incisivi) vorhanden. Der längste Schneidezahn ist der erste. Er ist etwa doppelt so breit und groß wie die anderen Schneidezähne. Die Schnittfläche der Schneidezähne wird durch die seitlich stehenden Eckzähne (Canini) verbreitet. Die Eckzähne sind morphologisch und auch funktionell den Schneidezähnen gleichgestellt. Hinter den Eckzähnen und vor den Backenzähnen besteht eine breite Lücke, ein sogenanntes Diastema. Nach dem Diastema zeigen sich drei Prämolaren, dahinter drei Molaren. Die Backenzähne (Molaren und Prämolaren) dienen der Zerkleinerung der Nahrung. Ursprünglich wiesen Rothirsche und alle anderen Hirsche (Cervidae) in jeder Kieferhälfte, sowohl im Ober- als auch im Unterkiefer vier Prämolaren auf. Entwicklungsgeschichtlich hat sich der vorderste Prämolar vollständig zurückgebildet. Durch das Fehlen des ersten Prämolars und des an die Schneidezähne herangerückten Schneidezahnes ist das relativ große Diastema entstanden. Die oberen Eckzähne sind bei den Rothirschen stark reduziert. Das Gebiss besteht insgesamt aus 34 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet I0/3, C1/1, P3/3, M3/3. Die Hauptaufgabe der Backenzähne liegt im Zermahlen der Nahrung. Man kann die Backenzähne daher auch als Mahlzähne bezeichnen. Das Zermahlen erfolgt im Wesentlichen durch Querbewegungen der Kiefer. Die Zahnreihen des Unterkiefers stehen enger als die des Oberkiefers. In Ruhestellung liegen die Backenzähne des Unterkiefers innen neben denen des Oberkiefers. Die Reibefläche der oben- und untenstehenden Backenzähne gleiten erst durch die Querbewegungen übereinander. Markantes Merkmal der Backenzähne sind die breiten, mühlensteinartigen Kronen. Sie weisen zudem scharfe und sichelförmig gebogene Rillen auf. Die Backenzähne sind demnach selenodont. Die sichelartigen Bögen der Backenzähne im Unterkiefer weisen nach innen, die des Oberkiefers nach außen. Aufgrund dieser konträren Stellung ergibt sich eine sehr gute Reibewirkung. Die Kälber verfügen bereits bei der Geburt über die Schneide- und Eckzähne. Die Prämolaren und die oberen Eckzähne sind meist schon mit den durchgebrochenen Spitzen erkennbar. Die Milchzähne sind bis zum ersten Monat voll ausgebildet. Im Alter von 3,5 bis 4 Monaten brechen die ersten bleibenden Zähne durch. Dies ist jeweils der M1 einer jeden Ober- und Unterkieferhälfte. Der zweite Backenzahn ist im elften Lebensmonat der M2. Zwischen dem vierzehnten und dem neunzehnten Lebensmonat werden die Schneidezähne ersetzt. Begonnen wird dabei zunächst mit den inneren Scheidezähnen, dem I1. Etwa zur gleichen Zeit wird auch der obere Eckzahn gewechselt. Im 21. Lebensmonat bricht der M3 durch. Bis zum 24. oder 24. Lebensmonat werden abschließend auch die Prämolaren P1-3 gewechselt.

Die Zähne des Gebisses sind alle gleich aufgebaut. Der Hauptbestandteil des Zahnes ist das Dentin (Zahnbein). In dem freiliegenden Teil des Zahnes ist das Zahnbein vollständig vom Zahnschmelz umgeben, der härtesten Substanz im Körper eines Rothirsches. Der Zahn ist über die Zahnwurzel mit dem Kieferknochen verbunden. Die Zahnwurzel ihrerseits ist vollständig von Zement (Cementum) umschlossen. Im Innern des Dentins befindet sich die Zahnhöhle. Der untere Teil der Zahnhöhle verengt sich zum Wurzelkanal. Das Innere der Zahnhöhle, die im Übrigen zum Schutz mit sekundärem Dentin überzogen ist, weist eine Füllung mit Bindegewebe auf. Das Bindegewebe ist mit zahlreichen Blutgefäßen und Nerven durchzogen und wird auch als Zahnmark oder Zahnpulpa bezeichnet.
Männchen
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Männchen
Die Zahnwurzel sitzt in einer speziellen Aussparung im Kieferknochen, dem sogenannten Zahnfach (Alveole). Die Verankerung im Zahnfach erfolgt über eine Wurzelhaut. Die unteren Eckzähne und die Schneidezähne sind recht einfach gebaut und weisen meißelförmige Kronen auf. Die oberen Eckzähne sind ebenfalls einfach gebaut, jedoch mit rundlichen Kronen versehen. Schneide- und Eckzähne verfügen über jeweils eine Wurzel. Im Gegensatz dazu zeigen sich bei den Prämolaren jeweils zwei Wurzeln je Zahn. Die Molaren M1-2 weisen ebenfalls zwei Wurzeln auf, der Molar M3 sogar drei Wurzeln, wobei die dritte Zahnsäule von M3 relativ klein ist.

Die Zahnentwicklung kann als Grundlage für die Alterbestimmung eines Rothirsches herangezogen werden. Auf Grund der stetigen Zahnwechsel in den ersten beiden Lebensjahren kann eine Alterbestimmung relativ genau erfolgen. Zu Beginn des dritten Lebensjahres werden die Prämolaren gewechselt. Zu diesem Zeitpunkt ist das Dauergebiss vollständig. Ab diesem Zeitpunkt ist keine genaue Altersbestimmung mehr möglich. In der ersten Zeit, also im Laufe des dritten Lebensjahres, sind jedoch die Prämolaren und der Molar M3 noch heller gefärbt. Über diese hellere Färbung kann das Alter eines Tieres bis zum 31. Lebensmonat ziemlich genau bestimmt werden. Danach ist eine Altersbestimmung nur noch nach dem Abnutzungsgrad der Kauflächen möglich, da die dauerhaften Zähne einer fortschreitenden Abnutzung unterliegen. Ist die äußere Schicht Zahnschmelz abgenutzt, so tritt das Dentin hervor. Das Dentin verfärbt sich im Laufe der Zeit hellbraun. Das ist beim Zahnschmelz nicht der Fall. Bei den Molaren ist die Form des Kauranddentins von Bedeutung. Es ist anfänglich von sichelartiger Form und wird mit zunehmendem Abschliff immer breiter. Auch die Prämolaren verändern sich mit zunehmendem Alter und werden im Bereich des Dentinbandes immer breiter. Anhand dieser Merkmale ist eine genaue Altersbestimmung jedoch nicht möglich. Eine weitere Möglichkeit der Altersbestimmung bieten die Schneidezähne: Mit zunehmendem Alter werden die Schneidezähne immer weiter aus ihrem Zahnfach heraus geschoben, um die Verkürzung der Krone infolge des Abschliffes auszugleichen. Bei älteren Tieren richten sich die Schneidezähne zusehends auf. Ihr Neigungswinkel verringert sich demnach. Bei einem zehnjährigen Tier beträgt der Neigungswinkel der Schneidezähne nur noch 65°, bei einem zweijährigen Tier hingegen rund 40°.

Geweih

Rosenstöcke
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Im Gegensatz zu den Hornträgern (Bovidae) ist das Geweih der Hirsche (Cervidae) nicht von Dauer; es ist einem jährlichen Zyklus von Abwerfen und Wachsen unterworfen. Die Rosenstöcke sind zapfenförmige Knochengebilde und liegen direkt auf dem Stirnbein. Sie tragen das Geweih. Die Geweihbildung geht von den regenerierfähigen Stirnbeinfortsätzen aus. Das Geweih ist nichts anderes als der abgestorbene Teil der Stirnbeinfortsätze und wird jährlich erneuert. Bei den männlichen Kälbern entwickeln sich die Rosenstöcke ab dem siebten oder achten Lebensmonat. Zu diesem Zeitpunkt ist erstmals im Bereich des Stirnbeins eine Schwellung erkennbar. Im Alter von einem Jahr treten die Rosenstöcke als deutliche Erhebung hervor. Im zweiten Lebensjahr wächst den Hirschen das erste Geweih, das aus lediglich zwei Spießen besteht. Die Spieße haben an ihrer Basis eine nur leichte Verdickung. Die Geweihe der Folgejahre bilden unmittelbar über dem Rosenstock eine Wulst. Mit zunehmendem Alter werden die Rosenstöcke zwar kräftiger, aber gleichzeitig auch immer kürzer. Auch der Durchmesser eines Rosenstockes nimmt mit zunehmendem Alter zu.
Wachstum

Der Wachstumsscheitel der Geweihstangen liegt im Bereich der Spitze. Das Wachsen der Stangen geht demnach ausschließlich durch Spitzenwachstum aus. Es erfolgt weder ein Wachstum in der Dicke noch in der Streckung. In fortschreitender Differenzierung wird ein knorpeliges Gewebe gebildet, das nach und nach verknöchert. Die Stange ist vollständig mit einem Hautmantel umgeben, der auch als Bast bekannt ist. Der Bast weist die gleichen Merkmale wie normale Haut auf, nur fehlen ihm wichtige Drüsen wie Schweißdrüsen. Auch aufrichtende Haarmuskeln fehlen dem Bast. Er hat in erster Linie eine Schutzfunktion und schützt das Kolbengewebe sowie das Blutgefäßsystem und die Nerven vor äußeren Einflüssen. Über das Blutgefäßsystem erfolgt die Versorgung der Stangen mit Nährstoffen. Im Bereich der Rosenstöcke und im unteren Bereich der Kolben sind zahlreiche Duftdrüsen angesiedelt. Über diese Drüsen wird ein gelblichbraunes und zähflüssiges Sekret ausgeschieden, das der Reviermarkung dient. Die Blutgefäße versorgen das Kolbengewebe und den Bast mit Sauerstoff und Nährstoffen. Von der Halsschlagader aus führen zwei Äste zum Rosenstock, die die Versorgung mit frischem Blut gewährleisten. Es handelt sich dabei um Zweiggefäße der Schläfenarterien. Die arteriellen Gefäße verlaufen mehr im Innern der Stangen, die venösen Gefäße deutlich dichter an dem Bast und weisen zudem einen deutlich geringeren Durchmesser auf. Die arteriellen Gefäße werden von sensitiven und vegetativen Nerven begleitet. Die Nerven gehen vom Nervus trigeminus, dem fünften Gehirnnerven, aus. Zahlreiche Nerven befinden sich auch im Bast. Im Zuge des Wachstums bleibt bei einer Stange immer nur der Bereich des Wuchsscheitels mit fünf bis sieben Zentimetern knorpelig und weich. Die unteren Stangenteile verknöchern nach und nach. In den Knorpelzellen wird Kalk eingelagert, der für eine Verfestigung und letztlich für die Verknöcherung sorgt.

Während der Verknöcherung löst sich das verkalkte Knorpelgewebe auf und wird durch Knochenbildungszellen ersetzt. Im Zuge der Verknöcherung kommt es zu einer Differenzierung in einen sehr festen Knochenmantel und in eine axiale Höhle, die sich durch die Bildung von Schwammknochen auszeichnet. Das verknöcherte Gewebe besteht aus 56% anorganischer Substanz und 44% organischer Substanz. Von den 56% anorganischer Substanz entfallen 48% auf phosphorsauren Kalk, auf 5% kohlensauren Kalk sowie auf 2% Magnesium. Die organische Substanz besteht überwiegend aus Eiweißverbindungen, in denen zahlreiche Mineralsalze eingelagert sind. Bei frischen Geweihen ist der Wassergehalt relativ hoch und nimmt bis zum Abwerfen des Geweihes deutlich ab. Bis zum Abwerfen verliert das Geweih so rund 10% an Gewicht. Das Stangenwachstum und die Verkalkung des Kolbengewebes wird durch das männliche Hormon Testosteron ausgelöst. Das Wachstum ist in mitteleuropäischen Lagen Anfang Juli abgeschlossen. Die Stangen sind zu diesem Zeitpunkt völlig verknöchert. In der Regel ist das Geweih bei älteren Hirschen etwas früher ausgebildet als bei jungen Hirschen. Das Wachstum erstreckt sich bei jungen Hirschen über 60 bis 90 Tage, bei alten Hirschen über bis zu 130 Tage. Bei einem ausgewachsenen Hirsch kann das Geweih pro Tag bis zu 150 Gramm an Knochenmasse zulegen. Im Längenwachstum entspricht dies rund 1 bis 1,5 Zentimeter pro Tag. Das Wachstum der Kolben ist, über die gesamte Periode gesehen, nicht einheitlich. Nach dem Abwerfen wird die Abwurffläche ummantelt, ehe die Rosen und der neue Kolbenansatz gebildet werden kann. Dieser Prozess nimmt im Wachstum die meiste Zeit in Anspruch. Die größten Zuwachsraten bei den Stangen sind zwischen der sechsten und zwölften Woche zu verzeichnen.

Im Zuge der Verknöcherung kommt es zu einer Reduzierung des Kreislaufes im Geweih. Daraus resultiert vor allem eine Stauung in den Gefäßen des Bastes. Das nährstoffreiche Blut wird gestaut und löst so die Verknöcherung auf. Nach der vollständigen Verknöcherung werden die Arterien des Bastes verschlossen. Anschließend verliert der Bast seine Schutzfunktion und stirbt ab. Das Absterben geht mit einer deutlichen Schrumpfung einher. Ein Hirsch entfernt den abgestorbenen Bast durch Reiben an Ästen von Bäumen oder Sträuchern. Dieses Vorgang wird auch als Fegen bezeichnet. Der Reiz zum Fegen wird beim Hirschen durch Geschlechtshormone ausgelöst. Ist der Bast vollständig abgelöst, so zeigt sich das Geweih in einer gelblichweißen Färbung. Es setzt jedoch sehr schnell eine Verfärbung durch Witterungseinflüsse ein. Die Färbung variiert, je nach Alter der Stangen bzw. des Geweihes, von gelblichbraun, oder graubraun bis braun, bis hin zu schwarzbraun. Nur die Spitzen der einzelnen Enden weisen eine helle, meist elfenbeinfarbene Färbung auf.

Abwurf und Geweihzyklus

Das Abwerfen des Geweihes wird durch die Tatsache eingeleitet, dass die Knochen nicht mehr durch den Bast geschützt werden. Die Ablösung erfolgt durch die Auflösung der Zellschicht. Dieser Prozess setzt jedoch nicht sofort ein, sondern erst nach längerer Zeit. Bis dahin steht der abgestorbene Knochen noch unter dem Einfluss von Hormonen, die letztlich den gesamten Geweihzyklus steuern. Das Geweih ist vom lebenden Rosenstock nur durch eine Zellschicht mit herabgesetztem Stoffwechsel getrennt. Kurze Zeit nach Beendigung der Brunft beginnt der Umbau dieser Zellschicht. Der Umbau erfolgt durch den Einfluss knochenfressender Zellen, den sogenannten Osteoklasten, die aus dem Knochenmark entstehen und Knochensubstanz resorbieren. Die Stangen brechen ab, wenn die letzten Knochenpfeiler aufgelöst sind. Das Abbrechen der Stangen wird auch als Abwerfen bezeichnet. Die Stangen fallen oftmals zeitgleich ab, spätestens jedoch im Zeitraum von etwa drei Tagen.

Die einzelnen Phasen des Geweihzyklus' sind außerordentlich eng mit dem Sexualzyklus verbunden und werden über Sexualhormone gesteuert. Das Stangenwachstum beruht auf dem Wachstumshormon (Proteohormon) Somatotropin und dem Schilddrüsenhormon Thyroxin (C15H11NO4I4). Das Geschlechtshormon Testosteron (C19H28O2) löst die Verkalkung aus. Die Hypophyse, also die Hirnanhangdrüse des neuroendokrinen Systems, steht ihrerseits in Abhängigkeit zur Lichteinstrahlung, die mit dem Jahresumlauf der Erde um die Sonne erheblichen Schwankungen unterliegt. Aus diesen Schwankungen ergibt sich die Brunftperiode. Auf den jahreszeitlichen Wechsel der Lichteinstrahlung reagiert die Hypophyse mit der Veränderung der basophilen und der eosinophilen Zellen in den Vorderlappen. Durch die hormonelle Steuerung werden gegen Ende der Brunft die gonadotropen Hormone geliefert, die die Bildung der Samen und die Erzeugung des Testosteron einstellen. Im Frühjahr setzt dieser Vorgang in umgekehrter Reihenfolge der Wachstumstätigkeit aller Komponenten wieder ein. Vor Allem die Anzahl der basophilen Zellen steigt bis zur Brunft ständig an. Mit Ende der Brunft gewinnen die eosinophilen Zellen wieder die Oberhand und verdrängen die basophilen Zellen. Der Beginn des Geweihwachstums steht in engem Zusammenhang mit der Produktion von Wachstumshormonen. Das Ende des Wachstums wird hingegen mit der Zunahme von Geschlechtshormonen eingeläutet. In Folge dessen erfolgt die Verkalkung und letztlich das Absterben des Kolbengewebes. Während der Wachstumsphase des Geweihes ist ein Hirsch nicht fortpflanzungsfähig, da in den Hoden kaum Testosteron nachgewiesen werden kann. Kurz vor Beendigung der Wachstumsphase steigt die Produktion und die Konzentration von Testosteron deutlich an und löst die Produktion von Samenzellen aus. Parallel dazu erfolgt das Fegen des Geweihes. Mit dem Einsetzten der Brunftperiode hat die Produktion von Testosteron ihren Höhepunkt erreicht. Im Folgenden sinkt die Produktion von Testosteron dramatisch ab, und zwar im gleichen Maße wie die Produktion von Wachstumshormonen zunimmt. Zu Beginn der neuen Wachstumsphase wird die vorjährige Knorpelschicht des Rosenstocks verkalkt und löst eine Verdickung des Rosenstocks aus. Die Trennfläche zwischen dem Rosenstock und der Stange ist nicht eben, sondern meist leicht konkav oder konvex gewölbt.

Geweihaufbau und Geweihstufen
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Die Stärke der Stangen hängt insbesondere vom Alter der Hirsche sowie von Umweltbedingungen ab. Hier ist insbesondere die Ernährung zu nennen. Bei unzureichender Ernährung werden in der Regel nur schwach ausgeprägte Geweihe ausgebildet. Bei einem hohen Nahrungsangebot bzw. einem Stoffwechselüberschuss wird in einem gewissen Maße der Querschnitt der Stangen vergrößert. Neben einem vergrößerten Querschnitt der Stangen ist auch eine schaufelartige Verbreiterung der Stangen sowie die Ausbildung mehrerer Sprossen möglich. Eine schaufelartige Verbreiterung tritt bei Rothirschen jedoch nicht in Kraft. Dies ist beispielsweise bei Elchen (Alces alces) oder den Europäischen Damhirschen (Dama dama) der Fall. Bei den Rothirschen treten dennoch zahlreiche und höchst unterschiedliche Bautypen in Erscheinung. Variabel ist insbesondere die Anzahl der Sprossen sowie die Biegung der Stangen und Sprossen. Zugrunde liegt bei allen Bautypen jedoch die dichotome (von griechisch: "dĭchŏtŏmos" = entzweigeschnitten) Spaltung beim wachsenden Geweih. Ein Geweih besteht demnach nicht aus Stangen, sondern aus den aus den Stangen hervorgehenden Enden. Bei der Spaltung wird der Kolbenscheitel in zwei Tochterscheitel gespalten. Die neuen Gabeläste wachsen zunächst in Richtung der Längsebene des Hirschkörpers. Bei einer geradlinigen Fortführung der dichotomen Teilung würde ein ringförmiges Geweih entstehen. Verhindert wird dies durch eine kompensatorische Krümmung des stärkeren Astes. Die Krone des Geweihes entsteht durch Teilung der beiden obersten Gabelenden. Beim Geweih eines Rothirsches werden jeweils die vorderen Teilungsäste im Wachstum gehemmt. Diese Teilungsäste wachsen nur zu Sprossen heran. Bei jeder Teilung entsteht aufgrund der Abweichung beider Spaltäste von der Sproßachse und der folgenden kompensatorischen Krümmung des hinteren Astes auf der Rückseite der Stange ein Knick. Die einzelnen Sprossen biegen sich im Bereich der Spitze ein wenig nach oben und leicht zur Mitte. Auch wenn der Grundaufbau immer derselbe ist, so kommt es in Bezug auf die Stellung, Biegung, Drehung und Auslage zu einem großen Formenreichtum.

Bei den Geweihstufen unterscheidet man zwischen sechs Geweihstufen. Das Erstlingsgeweih besteht noch aus einfachen Spießen ohne jegliche Verzweigung. Ähnlich sieht es in der zweiten Stufe, der Gablerstufe, aus. In den folgenden Stufen zeigen sich die Geweihe in unterschiedlicher Stärke und Endenanzahl. Die einzelnen Geweihstufen werden nach ihrer Anzahl der Enden benannt. Die Geweihstufen im Einzelnen:

1. Geweihstufe, Spießerstufe

Bei den Kälbern sind die Rosenstöcke gegen Ende des ersten Lebensjahres soweit entwickelt, dass sie als Anlage für die ersten Spieße angesehen werden können. Im zweiten Lebensjahr wächst den Jungtieren ein einfaches Geweih, das aus zwei schmalen Spießen besteht. Sie werden daher auch als Schmalspießer bezeichnet. Die Spieße sind dabei eine gerade Verlängerung der Rosenstöcke. Bei gut ernährten Tieren können die ersten Spieße eine Länge von 40 Zentimetern oder mehr erreichen. Bei der Spießerstufe zeigen sich an den Rosenköpfen noch keine Rosen. Sie stellen sich erst in den nachfolgenden Stufen ein.

2. Geweihstufe, Gablerstufe

In der Gablerstufe treten zum ersten Mal an den Rosenstöcken die sogenannten Rosen sowie die so genannte Augsprossen auf. Diese Augsprossen entspringen meist etwa oberhalb der Rose und weisen für gewöhnlich nur eine geringe Länge auf. Nicht selten kommt es vor, dass die Gablerstufe übersprungen wird und gleich im dritten Lebensjahr die dritte Geweihstufe zum Tragen kommt. Die Gablerstufe tritt meist nur bei schwach entwickelten Jungtiere oder anderen Mangelerscheinungen auf. Gut entwickelte dreijährige Hirsche tragen meist schon ein Geweih der Achter- oder Zehnerstufe.

3. Geweihstufe, Sechserstufe

Die Sechserstufe trägt neben den Augsprossen (links und rechts) nur eine weitere Sprosse, die so genannte Mittelsprosse. Sowohl die Augsprosse als auch die Mittelsprosse stehen meist steil in spitzem Winkel schräg nach oben. Die Augsprosse liegt dabei etwas höher als bei der Gablerstufe. Die Sechserstufe tritt, wie bereits erwähnt, nur eher selten auf, da diese oftmals übersprungen wird. Nur unterdurchschnittlich entwickelte Hirsche tragen ein Geweih der Sechserstufe. In der Regel handelt es sich um zwei- oder dreijährige Hirsche.

Hirsch in der Zwölferstufe
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Hirsch in der Zwölferstufe
4. Geweihstufe, Achterstufe

Die Achterstufe ähnelt im Wesentlichen der Sechserstufe. Der einzige Unterschied ist die Gabelung der Stangenenden. Insgesamt weisen Geweihe der Achterstufe acht Enden auf. Die Achterstufe tritt bei normal entwickelten, zwei- bis dreijährigen Hirschen auf. Es kommt vor, dass Hirsche über diese Stufe nicht hinauskommen. Diese Geweihform kann also auch bei älteren Tieren vorkommen. Sie unterscheidet sich bei älteren Hirschen von denen der jüngeren Tiere. Das Achtergeweih eines älteren Tieres ist insgesamt kräftiger ausgeprägt, insgesamt die Stangenlänge und -dicke nimmt zu.

5. Geweihstufe, Zehnerstufe

Die Zehnerstufe kann auf unterschiedliche Art entstehen. Zum Einen kann eine Zehnerstufe unter Beibehaltung der Endgabel zwischen Aug- und Mittelsprosse eine weitere Sprosse hinzukommen oder es entsteht durch Teilung eine geteilte Gabel. In diesem Fall entsteht eine dreiendige Krone. Man unterscheidet demnach zwischen einem Kronenzehner und einem Eissprossenzehner. Die Zehnerstufe tritt gewöhnlich bei gut entwickelten dreijährigen Hirschen auf. Bei ungünstigen Standortverhältnissen kann es vorkommen, dass Hirsche über die Zehnerstufe nicht hinauskommen.

6. Geweihstufe, Zwölferstufe

Die Zwölferstufe weist neben Aug-, Eis- und Mittelsprossen je Stange eine dreiendige Krone auf. In seltenen Fällen fehlt eine Augsprosse und die Krone ist vierendig. Die Zwölferstufe ist für Hirsche ab dem dritten Lebensjahr und Althirsche typisch. In ungünstigen Biotopformen tritt die Zwölferstufe allenfalls bei älteren Hirschen auf.

Geweihalterung

Den Höhepunkt der Geweihentwicklung erreicht ein Hirsch in der Regel im Alter von 10 bis 12 Jahren. Ab diesem Alter wird das Geweih nicht weiterentwickelt und bleibt einige Jahre auf dem gleichen Stand. Ab einem Alter von 14 bis 16 Jahren machen sich die ersten Alterserscheinungen bemerkbar. Ab diesem Zeitpunkt nimmt das Geweih sowohl an Größe als auch an Volumen ab. In der Regel vermindern sich auch die Anzahl der Enden oder das Geweih wächst asymmetrisch. Typische Deformationen gehören ebenfalls zum Erscheinungsbild. Der Vorgang leitet auch den baldigen natürlichen Alterstod eines Hirschen ein. Bis zum völligen Verfall eines Geweihes dauert es meist 3 bis 4 Jahre.

Funktion des Geweihes

Das Geweih spielt in vielerlei Hinsicht eine wichtige Rolle. Im Folgenden wird auf die einzelnen Funktionen eingegangen. Zu den ursprünglichen Funktionen gehört nicht etwa die einer Waffe, sondern die eines Markierungsorgans. An den Rosenstöcken und im unteren Bereich der Geweihstangen befinden sich zahlreiche Duftdrüsen. Die Vorfahren der Rothirsche verfügten über keine ausladenden Geweihe, sondern nur über kleine, kampfuntaugliche Kolben. Die Entwicklung vom Urkolben zum Geweih erstreckt sich über viele Millionen Jahre. Aus den Duftdrüsen an den Rosenstöcken tritt ein gelblichbraunes Sekret aus, das durch wischende bzw. fegende Bewegungen an Zweige, Grashalme und ähnlichem abgestreift wird. Ein Hirsch hinterlässt so eine dauerhafte Duftspur. Fällt das Geweih ab, übernehmen diese Funktion ähnliche Drüsen im Stirnbereich.

Über die Gründe der Geweihentwicklung kann nur spekuliert werden. Hier liegen mehrere Theorien vor. Am wahrscheinlichsten ist die Vermutung, dass sich im Pliozän offene Steppenlandschaften entwickelten und so die Bedeutung der optischen Wirkung der Stirnbeinfortsätze zunahm. Rothirsche haben einen hochentwickelten Sehsinn und können dadurch geringste Bewegungen wahrnehmen. Unbewegliche Objekte werden hingegen nur schlecht wahrgenommen. Die Augen sind astigmatisch und der Augenhintergrund ist ungleichmäßig gewölbt. Daher wird das Gesehene durch unproportionale Vergrößerungen und Verkleinerungen verstärkt. Ein Hirsch ist im offenen Gelände von Artgenossen schon auf größere Entfernung zu sehen und das Geweih wird selbst bei kleinsten Bewegungen zum Blickfang. Während der Brunft, vor allem während der Rangzeit, spielt auch das Imponiergehabe eine große Rolle. Das Geweih ist jedoch nur im Komplex mit anderen Eigenschaften wie Körpergröße, Alter und auch unterschiedlicher Heftigkeit des Droh- und Imponiergehabes von Bedeutung. In den Rangkämpfen dienen die Geweihe aufgrund ihrer Verknöcherung auch als Waffe. Die Geweihe dienen jedoch nicht der Verletzung eines Kontrahenten, sondern nur dem Kräftemessen. Die Kämpfe können daher als Kommentkämpfe bezeichnet werden.

Nervensystem

Das Nervensystem dient der Steuerung und Überwachung des körperlichen Geschehens. Die Sinnesorgane sind hierbei die Mittel zum Zweck. Das Zentralnervensystem (ZNS) besteht aus dem Hirn und dem Rückenmark sowie den davon ausgehenden Nerven und dem peripheren Nervensystem. Zum peripheren Nervensystem zählen alle Nerven außerhalb des Zentralnervensystems. Man unterscheidet dabei zwischen motorischen, sekretorischen und sensiblen Nervenbahnen. Die sensiblen Nervenbahnen leiten Sinneseindrücke, die von den Endorganen ausgehen, zum Zentralnervensystem. Die motorischen und die sekretorischen Nervenbahnen leiten führen die vom Zentralnervensystem ausgehenden Impulse bzw. "Befehle" zur Körperperipherie wie den Organen, Drüsen oder Muskeln.

Bei Handlungen wird zwischen reflektorischen, instinktiven und intelligenten Verhaltensweisen unterschieden. Man spricht bei Handlungen auch von Zweckhandlungen. Reflektorische Handlungen sind angeboren oder im Laufe der Jugendentwicklung erlernt. Ein angeborenes Verhalten ist beispielsweise der Saugreflex eines Kalbes. Gehen und Laufen ist auf der anderen Seite ein erlernter Reflex. Ist Laufen erlernt, so geschieht es fortan unbewusst, gesteuert vom Kleinhirn. Instinktive Handlungen werden zielsicher durchgeführt, ohne dass sie erlernt werden müssen. Sie werden durch bestimmte Reize ausgelöst und laufen ohne eigenes Zutun eines Rothirsches ab. Die Intelligenz der Rothirsche kann selbstverständlich nicht mit der Intelligenz des Menschen gleichgesetzt werden. Intelligenzhandlungen beruhen vielmehr auf die Verwertung individueller Erfahrungen mithilfe des Gedächtnisses. Der Fluchtinstinkt der Rothirsche ist eine Mischung aus instinktiven und intelligenten Verhalten. Anders als beispielsweise Europäische Rehe (Capreolus capreolus), die in völliger Kopflosigkeit auf der Flucht hin- und herrennen, geschieht die Flucht der Rothirsche mehr oder weniger unter kontrollierten Bedingungen, in denen intelligentes Verhalten einfließt. Intelligentes Verhalten kann auch daher auch als einsichtiges Verhalten bezeichnet werden. Starre Triebhandlungen werden in Verbindung mit einsichtigem Verhalten so modifiziert, dass stets die eigene Existenz gesichert ist.

Sinnesorgane

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Alle Sinne, vor allem aber der Geruchssinn, der Sehsinn und das Gehör sind außerordentlich hoch entwickelt. Am besten ist der Geruchssinn entwickelt, er liegt im hinteren Teil der Nase innerhalb des langgestreckten Gesichtsschädels. Unmittelbar vor dem Siebbein (Os ethmoidale) liegt ein Labyrinth von Räumen, das aufgrund seiner Struktur eine sehr große Oberfläche aufweist. Gerüche werden besonders gut wahrgenommen, wenn hohe Luftfeuchtigkeit herrscht. Feuchte Luft leitet Gerüche deutlich besser als trockene Luft. Eine dauernde Schwankung der Luftfeuchtigkeit stimuliert das Witterungsvermögen. Auch das Gehör ist außerordentlich gut entwickelt. Durch die Beweglichkeit der trichterartigen Ohren kann ein Rothirsch die Richtung von Geräuschen exakt ausmachen. Man geht auch davon aus, dass das Unterscheidungsvermögen von Geräuschen gut entwickelt ist. Geräusche werden genau lokalisiert und unterschieden. Droht Gefahr durch einen Prädatoren oder einen Menschen, so wird die geregelte Flucht angetreten. Am schwächsten von den eingangs genannten Sinnen ist der Sehsinn entwickelt. Die Augen stehen seitlich am Schädel, so dass kein oder nur ein geringes räumliches Sehen möglich ist. Untersuchungen zufolge können Rothirsche sehr gut Hell-Dunkel-Abstufungen wahrnehmen, Farben wahrscheinlich nicht oder nur eingeschränkt. Bewegungen werden durch den Sehsinn besonders gut wahrgenommen. Das liegt an dem ungleichmäßig gewölbten Augenhintergrund. Da der Sehsinn nur mäßig entwickelt ist, verlassen sich Rothirsche eher auf den Geruchssinn und das Gehör. Ein weiterer Sinn ist der Geschmackssinn. Inwieweit dieser Sinn ausgeprägt ist, lässt sich abschließend nicht sagen. Wahrscheinlich ist der Geschmackssinn nur mäßig entwickelt, da Rothirsche beim Äsen nur wenig wählerisch sind. Auf der anderen Seite konnten dem Rothirschen eine Vorliebe für bestimmte Kräuter und auch bestimmte Früchte nachgewiesen werden. Dies ist jedoch von Verbreitungsgebiet zu Verbreitungsgebiet und von Biotop zu Biotop sehr verschieden.

Verhalten

Lautäußerungen

Bei den Lautäußerungen zeigt sich zwischen den Geschlechtern ein deutlicher Dimorphismus. Die zweifelsohne bekanntesten Laute der Rothirsche ist das Röhren der Hirschböcke während der Brunftzeit. Besonders lautstark macht sich dabei der Platzhirsch bemerkbar. Er hält damit zum Einen Nebenbuhler und Beihirsche auf Distanz, zum Anderen hält er mit dem Röhren sein Brunftrudel zusammen. Beim Röhren steht ein Hirsch mit vorgestrecktem Hals und Kopf, so dass das Geweih fast den Rücken berührt. Das Röhren kann eine hohe Lautstärke erreichen. Dennoch tragen diese Laute nicht so weit wie beispielsweise die schreckenden Laute der Weibchen. Dies ist insbesondere bei Wind der Fall. Weitere Laute der Hirsche sind Schrecken, Mahnen und Klagen, die situationsbedingt zu hören sind. Hirschkühe schreien, schrecken, röhren, mahnen und klagen. Das Schrecken ist ein für Weibchen typischer Warnruf. Es handelt sich um kurze, abgehackte und rülpsartige Laute. Es handelt sich nicht um nasale Laute. Schreckende Laute werden durch heftiges Ausstoßen von Luft hervorgebracht. Die Laute sind meist für fünf bis fünfzehn Sekunden zu hören. Schreckende Laute sind bei den Hirschböcken eher selten zu hören. Ihre Schrecklaute sind ein wenig tiefer als die der Weibchen. Ein weiterer markanter Laut ist das Mahnen. Mahnende Laute sind nasal erzeugte Laute, die meist leise klingen. Das Mahnen kann ein Warnlaut oder bei den Ricken auch ein Lockruf für ihren Nachwuchs sein. Mahnen ist auch von Kälbern zu hören, die ihre Mutter aus den Augen verloren haben. Kälber bringen vor allem Behaglichkeitslaute, Bettellaute oder klagende Laute hervor. Bei den Bettellauten handelt es sich um nasal erzeugte Laute. Muttertiere können ihren Nachwuchs anhand der Stimme identifizieren.

Spieltrieb und Bewegung

Die Bewegungen des Rothirschen strahlen eine Anmut, Eleganz, aber auch eine enorme Kraft aus. Die Bewegungen erscheinen harmonisch, die Schrittlänge liegt je nach Alter eines Rothirsches zwischen 50 und 85 Zentimeter. Rothirsche sind ausdauernde Läufer, die den Trab über längere Strecken auch ohne Ermüdung durchhalten. Bei Gefahr bzw. auf der Flucht verfallen Rothirsche kurzfristig in den Galopp. Die Tiere sind nicht nur exzellente Läufer, sondern auch gute Springer. Sie sind in der Lage Hindernisse in einer Höhe von bis zu 300 Zentimetern zu überspringen. Auch im Wasser zeigen sich Rothirsche als gute und ausdauernde Schwimmer. Sie gehen durchaus häufig ins Wasser und dies nicht nur auf der Flucht vor Feinden.

Auch wenn der Spieltrieb vor Allem bei Kälbern und juvenilen einjährigen Tieren ausgeprägt ist, so spielen auch erwachsene Tiere, sowohl Männchen als auch Weibchen gelegentlich. Zum Spiel gehören spielerische Kämpfe sowie Galoppieren, Springen und das Ausschlagen mit den hinteren Läufen. Unter jungen Kälbern sind häufig Verfolgungsjagden mit kurzen Pausen zu beobachten. Nicht selten sind in diese Lauf- und Verfolgungsspiele mehrere Kälber involviert. Unter einjährigen Schmalspießern kommt es häufig zu spielerischen Kommentkämpfen, die als Vorbereitung für spätere Brunftkämpfe gewertet werden können. Zu solchen Scheingefechten kann es auch bei Kälbern kommen. Unter Hirschen kommt es außerhalb der Brunftzeit zu spielerischen Kommentkämpfen. Man geht davon aus, dass diese spielerischen Kämpfe mit der Bildung einer Rangfolge in Verbindung stehen.

Körperpflege

Neben der indirekten Körperpflege wie beispielsweise dem Suhlen kommt es auch zu einer direkten Körperpflege durch Kratzen, Schaben, Beißen, Lecken und Ähnlichem. Zum Kratzen nutzen Rothirsche ihre Hinterläufe, die Böcke auch ihre Spieße oder Geweihe. Ist eine Körperstelle nicht erreichbar, so reiben Rothirsche sich an Stämmen oder Ästen. Gegenseitige Körperpflege durch Kratzen oder Lecken tritt bei Rothirschen hingegen nicht auf. Zum Belecken kommt es lediglich zwischen Müttern und ihren Kälbern. Das Suhlen in Sand oder Schlamm ist wichtiger Teil der Körperpflege der Rothirsche. Vor allem Böcke suhlen besonders häufig, die Hirschkühe suhlen deutlich seltener als Männchen. Das Suhlen erfolgt im schlammigen Wasser, seltener im schlammigen Substrat. Die Tiere wälzen sich im schlammigen Wasser und verbleiben hier mitunter längere Zeit ruhend. Zum Suhlen kommt es ganzjährig mit Tendenz zum häufigeren Suhlen während des Sommers. Man geht davon aus, dass das Suhlen vor Allem der Abkühlung dient. Des Weiteren dient die erhärtete Schlammkruste auch der Abwehr von Insekten und Parasiten. Neben dem Suhlen im schlammigen Wasser suhlen Rothirsche auch häufig in staubigem Sand. Das geschieht vornehmlich in den frühen Morgenstunden, wenn das Haarkleid vom Tau nass oder feucht ist. Die Staubbäder dienen demnach mehr der Trocknung.

Rudelbildung

Rothirsche sind gesellige Tiere, die in mehr oder weniger großen Rudeln leben. Die Größe der Rudel richtet sich nach dem Verbreitungsgebiet, dem Lebensraum, dem Nahrungsangebot und wahrscheinlich auch nach der Unterart. Man geht heute davon aus, dass sich die Rudelbildung erst mit dem Übergang zu offenen Landschaften entwickelt hat. Das Leben im Rudel hat für Rothirsche viele Vorteile. Hier ist insbesondere der Schutz einzelner Individuen vor Fressfeinden zu nennen. Im Rudel können aber auch Notzeiten leichter überstanden werden. Kranke, verwundete und schwache Mitglieder eines Rudels werden ausgestoßen. Auch verwaiste Kälber werden nicht im Rudel geduldet. Ist ein Tier schwer verletzt, so zieht es sich vom Rudel zurück und führt ein einzelgängerisches Dasein. Sollte es genesen, so schließt es sich wieder der Gruppe an und wird aufgenommen. Die Gesellschaftsform innerhalb der Rudel kann als matriarchalisch bezeichnet werden. Man unterscheidet bei der Rudelbildung zwischen Kahlwildrudel, Hirschrudel und Brunftrudel. Im Folgenden wird auf die 3 Rudelformen eingegangen.

Kahlwildrudel

Kahlwildrudel weisen vor Allem starke familiäre Bindungen auf und zeichnen sich durch eine gewisse Jahresperiodik aus. Die Jahresperiodik ist durch die Geburt der Kälber, dem Setzen, geprägt. Unmittelbar vor der Geburt des Nachwuchses sondern sich die trächtigen Weibchen vom Rudel ab und bringen den Nachwuchs zur Welt. Ist ein Kalb einige Tage nach der Geburt in der Lage der Mutter zur folgen, so stoßen Mutter und Kalb wieder zum Rudel. Im Rudel befinden sich auch die einjährigen Jungtiere. Sie wurden zwar von der Mutter vor der Geburt des neuen Kalbes abgeschlagen, bleiben jedoch noch einige Zeit in unmittelbarer Nähe. Erst später schließen sich die Einjährigen Junggesellenrudeln an. Weibliche Jungtiere bleiben bis zum Ende des zweiten Lebensjahres im Rudel der Mutter. Werden sie im dritten Lebensjahr nicht trächtig, bleiben sie auch weiterhin im Rudel der Mutter. Die kleinste Rudeleinheit besteht aus drei Tieren: dem Muttertier, einem Kalb und dem Jungtier aus dem Vorjahr. Die Kahlwildrudel sind matriarchalisch organisiert. Oftmals schließt sich eine Mutter mit ihrem Nachwuchs mit anderen Müttern zu größeren Kahlwildrudeln zusammen. Nicht selten handelt es sich bei den Müttern um den Nachwuchs einer Mutter aus vergangenen Jahren. Während der Setzzeit sind jedoch überwiegend Familienrudel zu beobachten.

Ein Kalb verbleibt bis zur Geschlechtsreife, spätestens bis zum ersten eigenen Absetzen von Nachwuchs, im Rudel der Mutter. Während dieser Zeit, vor Allem aber im ersten Lebensjahr, entsteht dadurch eine enge Mutter-Kind-Beziehung. Angeführt wird ein Kahlwildrudel von einem Alttier, das in der Regel selbst ein Kalb hat und auch als Leittier bezeichnet wird. In der Regel ist das Leittier auch das älteste Tier innerhalb einer Gruppe. Verliert ein Leittier ihr Kalb, so erlischt auch die Rolle des Leittieres. In größeren Gruppen übernimmt dann eine andere Ricke die Funktion als Leittier. Entscheidend für das Zustandekommen der Leittierrolle ist die mütterliche Fürsorge für das Kalb. Das Leittier zieht stets an der Spitze eines Rudels und bietet dem Rudel Wachsamkeit und Schutz. Im Kahlwildrudel herrscht keine "Befehlserteilung" durch das Alttier, sondern eine freiwillige Unterordnung, wobei es sich um eine passive Führerschaft handelt. Ein Leittier, gleich in welcher Größe ein Rudel auftritt, weist bestimmte Merkmale auf. Es ist besonders aufmerksam, stets misstrauisch, am schnellsten Entschlüsse fassend, selbstständig und am sichersten handelnd. Das bedeutet aber auch, dass es sich bei dem Leittier um ein Tier handelt, das sich - abgesehen vom eigenen Kalb - am wenigsten um andere Gruppenmitglieder kümmert. Aufgrund der freiwilligen Gefolgschaft handelt es sich bei dem Rudel um lose zusammengesetzte Rudel. Die Stärke eines Rudels unterliegt in der Jahresperiodik durchaus größeren Schwanungen.

Hirschrudel

Männliche Rothirsche leben, abgesehen von der Brunftzeit, in Junggesellenrudeln, den sogenannten Hirschrudeln. Sie weisen eine unterschiedliche Größe auf, weibliche Tiere sind im Hirschrudel grundsätzlich nicht anzutreffen. Die Mitglieder eines Hirschrudels sind mindestens einjährig. Einjährige Schmalspießer schließen sich grundsätzlich mit Beginn des zweiten Lebensjahres einem Hirschrudel an, da sie von den Müttern abgeschlagen (verstoßen) werden. Selten bleiben sie im Verlaufe des zweiten Lebensjahres noch bei der Mutter. Die Hirschrudel weisen meist eine ähnliche Altersstruktur auf. Sie erklärt sich im Zusammenhang mit einem ähnlichen Tagesrhythmus und ähnlichen Äsungs- und Ruheperioden. Sehr alte Hirsche neigen zum Leben als Einzelgänger oder bilden nur Kleinstrudel. Dabei handelt es sich in der Regel um Hirsche ab einem Alter von etwa zwölf Jahren. Der Zusammenhang innerhalb der Hirschrudel ist nur lose, da keine familiären Bindungen feststellbar sind. Die Rudelstärke ist daher besonders großen Schwankungen ausgesetzt. Mit beginnender Brunftzeit verlassen die großen und starken Hirsche das Hirschrudel und wandern zu den Brunftplätzen. Im Folgenden verlassen auch die jüngeren Hirsche das Rudel und suchen ebenfalls die markanten Brunftplätze auf. Während der Brunftzeit meiden Hirsche die Nähe zu Kontrahenten und Nebenbuhlern. Erst mit Beendigung der Brunft schließen sich die Hirsche wieder den angestammten Hirschrudeln an. Dies ist in der Regel zu Beginn des Winters der Fall. Nach dem erneuten Zusammenschluss bereiten sich die Hirsche auf den Geweihabwurf vor. Zum Abwurf der Geweihe kommt es zunächst bei den älteren Hirschen, später auch bei den Schmalspießern. Ohne Geweih verlieren die älteren Hirsche ihre soziale Stellung in der Rangordnung und werden von den jüngeren Hirschen, die noch über ein Geweih verfügen, "entthront". Die älteren Hirsche halten sich demzufolge nach Abwurf des Geweihes vom Rudel fern. Diese Zeit wird auch als Feistzeit bezeichnet. Die Feistzeit geht vor allem mit der Umgruppierung der Hirschrudel einher. Im Gegensatz dazu wird die Zeit, in der die Hirsche Geweihe tragen, Kolbenzeit genannt. Da in den Hirschrudeln der familiäre Zusammenhang fehlt, werden die Gruppen auch nicht von einem Leittier angeführt. Zieht eine Gruppe umher, so läuft meist ein jüngerer Hirsch vorneweg und ein Alttier zieht am Schluss der Gruppe. Man kann aus dieser Vorgehensweise jedoch auf keinen Führungsanspruch schließen. Eine mehr oder weniger soziale Rangfolge herrscht dennoch im Hirschrudel. Sie wird in turnierartigen Kämpfen ausgefochten. In der Regel handelt es sich dabei nur um Droh- und Imponierduelle, seltener auch um echte Kommentkämpfe. Eine Leitfunktion lässt sich aus der sozialen Stellung innerhalb einer Gruppe jedoch nicht ableiten.

Brunftrudel

Ein Brunftrudel hat, ähnlich dem Kahlwildrudel, eine matriarchalische Gesellschaftsstruktur. Angeführt wird ein Brunftrudel von einer älteren Leitkuh. Ein Platzhirsch ist demnach keineswegs "Herrscher" über ein Brunftrudel. Ein Hirsch stellt sich lediglich zu einem Rudel, unterwirft es jedoch nicht. Ein Kahlwildrudel zieht während der Brunftzeit von den Äsungsflächen zu den Brunftplätzen, wo sich ein Platzhirsch dem Rudel anschließt.

Wechsel und Wanderungen

Die Pfade, auf den Rothirsche regelmäßig wandern, werden als Wechsel bezeichnet. Die Wege sind mit bis zu 40 Zentimeter relativ schmal. Die Wechsel verbinden insbesondere Äsungsflächen, Suhlen und Ruheplätze miteinander. Eine Gruppe zieht hintereinander her über den Wechsel. Vor Äsungsflächen teilt sich ein Wechsel meist, so dass mehrere Wege auf eine Äsungsfläche zulaufen. Es handelt sich dabei meist um große Äsungsflächen wie beispielsweise eine Wiese. Eine Äsungsfläche betreten die Rothirsche meist an der witterungsmäßig günstigsten Stelle. Das Überbrücken von kurzen, wie eben beschriebenen Entfernungen, nennt man waidmännisch: Wechseln. Bei größeren Entfernungen spricht man hingegen von einer Wanderung. Bieten die Nahrungshabitate, also die Äsungsflächen, ausreichend Nahrung für ein Rudel, so sind Rothirsche durchaus standorttreu. In der Regel bewegen sich Rothirsche selten über einen Radius von mehr als fünf Kilometer um das eigene Kernrevier. Bei weiteren Wanderungen kann es sich um freiwillige Wanderungen oder aber durch bestimmte Umweltfaktoren ausgelöste, unfreiwilligen Wanderungen handeln. Bei dem Revier eines Rudels spricht man vom Einstandsgebiet, also dem Gebiet, wo ein Rudel siedelt. In der Regel weist ein Einstandsgebiet unterschiedliche Winter- und Sommereinstände auf. Zusätzlich sind im Einstandsgebiet mehrere Äsungsflächen, Suhlen und Ruheplätze zu finden. Zwischen den einzelnen Flächen kommt es zu den bereits erwähnten Wechseln. Zu größeren Wanderungen kommt es bei Hirschen nach Beendigung der Feistzeit bzw. unmittelbar vor der Brunftzeit. Zu dieser Zeit beziehen die Hirsche Stellung an den Brunftplätzen. Diese Wanderungen können sich innerhalb eines Einstandsgebietes erstrecken, aber auch darüber hinausreichen. Zurückgelegte Wanderungen von mehr als 50 km gelten als nachgewiesen.

In Gebirgsregionen kommt es regelmäßig zu Wanderungen zwischen den Winter- und Sommerquartieren. Im Sommer leben Rothirsche in allen Höhenlagen. Im Winter jedoch müssen sie aufgrund der schlechten Witterungsverhältnisse in die Täler ziehen. Es kann auch aufgrund einer zu hohen Rotwilddichte zu Wanderungen kommen. Dann werden die angestammten Einstandsgebiete verlassen und die Rudel ziehen in neue Siedlungsräume, meist in rotwildfreie Zonen. In der heutigen Zeit sind die Wanderungen aufgrund der zum Teil hohen Besiedlungsdichte und des hohen Verkehrsaufkommens sehr eingeschränkt.
Zu den Faktoren die Wanderungen auslösen können, gehören:

Meteorologische Faktoren
  • Luftfeuchtigkeit, Temperatur, Wind, Regen, Schnee und Frost
Biologische Faktoren
  • Raubtiere, Insektenplagen, Anwesenheit und Störungen durch den Menschen
Physiologische Faktoren
  • Ernährung und Fortpflanzung
Psychologische Faktoren
  • Spiele und Drang zur Besiedlung neuer Lebensräume

Unterarten

Unterarten nach Wilson & Reeder, 2003. <1>

Verbreitung und Lebensraum

Vorkommen

Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich im Wesentlichen über das westliche Europa, weite Teile Asiens und reicht weiter östlich bis nach Nordamerika. In Nordamerika kam der Rothirsch ursprünglich in weiten Teilen Kanadas und der USA vor. Heute ist die Art im Wesentlichen nur noch im westlichen Nordamerika verbreitet. Regional, insbesondere in Albanien, Israel, Jordanien, Libanon, Mexiko, Nepal, Syrien, Turkmenistan, ist der Rothirsch bereits ausgestorben. In anderen Regionen, in denen der Rothirsch ausgestorben war, wurde er wieder angesiedelt. Dies ist in Griechenland, Kasachstan und Marokko der Fall. In Argentinien, Australien, Chile, Neuseeland und Portugal wurden Hirsche als "Neozoa" (als Tiere, die dort nicht heimisch sind, sondern dorthin "importiert" wurden)eingeführt. Rothirsche besiedeln die Ebene, sind im Sommer in Höhenlagen aber auch bis in Höhen von gut 2.500 Meteern, im Himalaya sogar bis in Höhen von 5.000 Metern anzutreffen. Insgesamt ist das Verbreitungsgebiet ausgesprochen lückenhaft und zersplittert. Nach Angaben der IUCN ist die Art heute anzutreffen in: Afghanistan, Algerien, Armenien, Österreich, Weißrussland, Belgien, Bhutan, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Kanada, China, Kroatien, in der Tschechischen Republik, in Dänemark, Estland, Frankreich, Georgien, Deutschland, Ungarn, Indien, im Iran, in Irland , Italien, Korea, Südkorea, Kirgisistan, Lettland, Litauen, Luxemburg, Mazedonien, in der Mongolei, in Montenegro, in den Niederlanden, in Norwegen, Pakistan, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Slowakei, Slowenien, Schweden, in der Schweiz, in Tadschikistan, Tunesien, Türkei, in der Ukraine, in England, in den USA und in Usbekistan . <2>

Lebensraum

Rothirsche besiedeln von der Ebene bis ins Hochgebirge lichte Wälder, Buschland, offenes Grünland und savannenartige Habitate, felsige und steinige Regionen, Hochmoore sowie waldnahe Wiesen und Weiden. Zwischen den Jahreszeiten treten mitunter Wanderungen zwischen den Winter- und Sommerquartieren auf. Die Hochgebirgslagen werden im Winter in Richtung der Täler verlassen. Hauptgrund für die Wanderungen ist Nahrungsmangel. Im Sommer sind die Tiere hauptsächlich in Höhenlagen anzutreffen, nicht selten auch oberhalb der Baumgrenze. Baum- und buschreiche Habitate dienen den Rothirschen einerseits zum einen als Nahrungsgrund, andererseits aber auch als Schutz vor Fressfeinden.

Biozönose

Auch wenn Rothirsche insgesamt sehr widerstandsfähig und anpassungsfähig sind, insbesondere in Bezug auf ihre Größe, ihre Kraft, aber auch Schnelligkeit und Gewandtheit, stehen auch sie einigen Gefahren gegenüber. Gesunde Rothirsche sind vor Allem winterhart und trotzen großer Kälte. In lang anhaltenden Kälteperioden fallen jedoch zahlreiche alte und kranke Tiere Krankheiten und Prädatoren zum Opfer. Ähnliches gilt für spät abgesetzte Kälber. Um zu großer Kälte zu entgehen, ziehen Rothirsche im Winter in Täler. Hier finden sie in der Regel Schutz vor Kälte und Prädatoren. In vom Menschen dicht besiedelten Regionen kommt es dabei nicht selten zu Konflikten. Eine Verknappung der Äsung in Verbindung mit einhergehender Unterernährung führt oftmals zum Tode. In Hochgebirgslagen stellen auch Steinschlag oder Lawinen natürliche Gefahrenquellen dar. In wasserreichen Regionen, vor Allem während der Hochwasserphase, können Kälber, die noch nicht schwimmen können, ertrinken. In dicht besiedelten Regionen kommt es seit Jahrzehnten zu zahlreichen Unfällen im Straßen- oder Schienenverkehr.

Prädatoren

Prädator: der Wolf (Canis lupus)
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Prädator: der Wolf (Canis lupus)

Zu den gefährlichsten Fressfeinden der Rothirsche gehört zweifelsohne der Wolf (Canis lupus). Einem Wolfsrudel fallen in der Regel jedoch nur kranke und schwache Rothirsche zum Opfer. Zu den weiteren Feinden, besonders der frisch abgesetzten Kälber, gelten verwilderte Haushunde (Canis lupus familiaris), auch Luchse (Lynx), Wildkatzen (Felis silvestris) oder Steinadler (Aquila chrysaetos).

Parasiten

Rothirsche werden darüber hinaus von zahlreichen Ekto- und Endoparasiten heimgesucht. An Endoparasiten konnten bisher Saugwürmer (Trematoda) wie der Große Leberegel (Fasciola hepatica) und der Kleine Leberegel (Dicrocoelium dendriticum), Bandwürmer (Cestoda) wie die Dünnhalsige Finne (Cysticercus tenuicollis) oder Hülsenwürmern (Echinococcus ssp.) und der Blasenwurm (Coenurus cerebralis) nachgewiesen werden. Für die Dünnhalsige Finne ist der Rothirsch nur ein Zwischenwirt. Bei Massenbefall kann es jedoch zu Beeinträchtigungen der Herztätigkeit, aber auch zu Leber- Bauchfellentzündungen sowie zu Blutungen in der Bauchhöhle kommen. Auch der Befall von Nematoden bzw. Fadenwürmern (Nematoda) ist häufig zu beobachten. Die meisten Nematoden siedeln sich im Magen-Darm-Trakt an und können für schwere Verluste verantwortlich sein. Frei von Nematoden ist im Grunde kein Rothirsch, gefährlich wird es jedoch erst bei einem massenhaften Befall. Sehr häufig tritt der Gedrehte Magenwurm (Haemonchus contortus) in Erscheinung. Befallen wird der Dünndarm von anderen Magenwurmarten. Hakenwürmer (Ancylostomatidae) sind ebenfalls häufige Parasiten. Neben den angesprochenen Endoparasiten kommen beim Rothirsch auch zahlreiche Gliederfüßer (Arthropoda) als Ektoparasiten vor. Die Larven der Rachendasseln (Cephenomyiinae) wie Cephenemyia rufibarbis oder Pharyngomyia picta schmarotzen in der Nasenschleimhaut. Ein tödlicher Befall ist bei Rothirschen jedoch selten. Weitere Schmarotzer sind Vertreter der Unterfamilie der Hautdasseln (Hypoderminae), insbesondere die Hirschdasselfliege (Hypoderma actaeon). Sie schmarotzen in Beulen der Unterhaut im Bereich des Rückens.

Krankheiten

Neben Fressfeinden und Parasiten treten auch zahlreiche Viruserkrankungen und bakterielle Erkrankungen in Erscheinung. Hier sind insbesondere die Kreuzlähme, die Bremsenlarvenkrankheit (Schleuderkrankheit), die Wildtier-Tollwut, Milzbrand (Anthrax), Tuberkulose (TBC) oder die Maul- und Klauenseuche (MKS) zu nennen. Infektionskrankheiten können auch durch Pilze als Parasiten (Mykosen) auftreten. Als nachgewiesen gelten die Trichophytie bzw. die Glatzflechte, die durch Pilze der Gattung Trichophyton ausgelöst wird, sowie die Aspergillose bzw. die Schimmelpilzerkrankung. Die Aspergillose ist eine Infektion durch Schimmelpilze der Gattung Aspergillus.

Ernährung und Stoffwechsel

Äsung und Nährstoffbedarf

Als wiederkäuende Pflanzenfresser können bei Rothirschen zahlreiche Futter- bzw. Äsungspflanzen nachgewiesen werden, insbesonders: Kräuter und Gräser, Blätter und Äste verschiedener Bäume und Sträucher, aber auch Binsen, Seggen, Farne sowie in Mangelzeiten auch Moose und Flechten. Bei Gelegenheit werden auch Pilze (Fungi) nicht verschmäht. Zur Grundnahrung gehören ganzjährig Blätter und Äste von Bäumen und Sträuchern sowie verschiedene Gräser und Kräuter. Der Hauptteil der Nahrung entfällt im Sommer und im Herbst vor Allem auf diverse Gräser. Im Winter geht der Anteil der Gräser an der Nahrung erwartungsgemäß deutlich zurück. Unter den Sträuchern stellen Heidelbeeren (Vaccinium) eine beliebte Nahrungsquelle dar. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Äsung, je nach Verbreitungsgebiet, höchst unterschiedlich ausfallen kann. Der Nährstoffbedarf bezieht sich auf den Erhaltungsbedarf. Dabei handelt es sich um die Energiemenge, die nötig ist, um das Erhaltungsgleichgewicht aufrecht zu erhalten. Die Bezugsbasis für Berechnungen stellt 100 Kilogramm Lebensgewicht dar. Untersuchungen haben ergeben, dass der Erhaltungsbedarf an Trockensubstanz bei etwa drei Kilogramm je Tag liegt. Je nach Gewicht eines Rothirsches liegt der Nahrungsbedarf demnach bei zwei bis vier Kilogramm. Dies entspricht einem Frischegewicht der Nahrung von acht bis zwanzig Kilogramm. Während der Wachstumsphase des Körpers und der Kolben sowie bei Trächtigkeit und Laktation (Milchproduktion) erhöht sich der Nährstoffbedarf deutlich. Der Wasserbedarf liegt bei ausgewachsenen Rothirschen, je nach Geschlecht, zwischen sieben und neun Litern. Der Wasserbedarf wird hauptsächlich über die Äsung aufgenommen.

Äsen und Tagesperiodik

Die Nahrung nehmen Rothirsche fast ausschließlich in Bodennähe, also in der Kraut- oder Grasschicht auf. Darüber hinaus wird Nahrung auch von Büschen und in unteren Bereichen von Bäumen aufgenommen. So werden Kiefernadeln, Eicheln und andere Baumfrüchte gerne von Zweigen gerupft. Im Winter wird die Vegetationsschicht scharrend mit den Vorderläufen freigelegt. Auf landwirtschaftlichen Flächen werden auf diese Weise mitunter auch Kartoffeln und ähnliche Erdfrüchte aufgescharrt. Wasser wird überwiegend über die Nahrung aufgenommen. Bei Gelegenheit schöpfen Rothirsche aber auch Frischwasser aus Gewässern. Der Tagesrhythmus der Rothirsche ist im Wesentlichen von der Nahrungssuche und -aufnahme geprägt. Im Sommer erfolgt die Nahrungssuche in den sehr frühen Morgenstunden bis in den Vormittag hinein, sowie vom Nachmittag bis zuweilen in die Nacht hinein. Im Winter ist dieser Zeitrahmen deutlich verkürzt. So erfolgt die Nahrungssuche überwiegend in den Morgen- und Abendstunden sowie am Mittag. Eine Äsungsperiode erstreckt sich für gewöhnlich über etwa 1,5 (0,5-2,5) Stunden. Demnach nehmen die Tiere bis zu zehn Stunden pro Tag Nahrung sich. Hinzu kommen rund fünf bis sechs Stunden für das Wiederkäuen.

Stoffwechsel

Aus der Nahrung wird durch Stoffaufnahme, Stoffumsetzung und Stoffabgabe die Energie für die körperliche Leistung gewonnen. Die Gesamtheit dieses Prozesses wird als Stoffwechsel bezeichnet. Aufgenommene Nahrung entspricht nicht dem biochemischen Aufbau des Körpers. Daher muss die Nahrung in ihre differenzierten Bestandteile zerlegt werden. Der Stofftransport innerhalb des Körpers erfolgt über das Blut und die Lymphe. Die Nährstoffe dienen zum Einen dem Aufbau und als Ersatz, zum Anderen werden sie in Energie umgesetzt. Deshalb unterscheidet man beim Stoffwechsel den so genannten Baustoffwechsel (Aufbau und Ersatz) vom Betriebsstoffwechsel (Umwandlung in Energie). Am Baustoffwechsel ist überwiegend Eiweiß beteiligt und sorgt für den Ersatz verbrauchter Körperbausteine, aber auch dem Ersatz von Haaren und Hufen sowie Hautzellen und dem Geweih. Ebenfalls ersetzt werden permanent abgegebene Stoffe wie Milch, Speichel oder Talg und andere Drüsensekrete. Die funktionelle Aufrechterhaltung ist Aufgabe des Betriebsstoffwechsels. Hier ist insbesonders die Muskeltätigkeit zu nennen. Die dafür benötigte Energie wird aus Fetten und Kohlenhydraten gewonnen und wird als Grundumsatz bezeichnet. Die Ausscheidung von Stoffwechselprodukten wird als Exkretion bezeichnet. Die Endprodukte des Stoffwechsels werden daher in flüssiger, gasförmiger oder fester Form als Kohlensäure, Harn und Kot ausgeschieden. Für den Bestand und die Erhaltung braucht der Körper der Rothirsche zum einen Eiweiße, Kohlenhydrate, Fette (Lipoide), Mineralstoffe und Öle, zum anderen auch Wirkstoffe wie Vitamine, Fermente, Hormone sowie Wasser.

Eiweißstoffe sind in fast allen pflanzlichen (uns tierischen) Geweben und Säften als Grundsubstanzen vorhanden. Sie sind in den lebenden Zellen, dem Protoplama, sowie in den Zellkernen enthalten. Eiweiß kann, anders als Fett, nicht im Körper gespeichert werden. Es muss dem Körper daher ständig zugeführt werden. Durch die Nahrungsaufnahme weist ein Körper einen gleichbleibenden Pegel von etwa 15% an Eiweißen auf. Eiweißmangel hat insbesondere eine Abmagerung zur Folge und führt nicht selten zum Tode. Die einfachen Eiweiße, die Proteine, bestehen aus Aminosäuren. Darüber hinaus gibt es auch zusammengesetzte Eiweiße, die sogenannten Proteide. Die Proteide enthalten neben Eiweißen Stoffe wie Zucker, Nukleinsäure, Phosphorsäure sowie verschiedene Farbstoffe. Mit der Nahrung werden auch nichteiweißhaltige Amide aufgenommen, aus denen Darmbakterien jedoch Eiweiße aufbauen können. Die Darmbakterien sind Teil der Darmflora und wachsen ständig im Labmagen und im Darm nach. Organische, stickstofffreie sowie sauerstoffreiche Kohlenwasserstoffverbindungen werden als Kohlenhydrate bezeichnet. In der pflanzlichen Nahrung werden diese Stoffe durch Photosynthese durch Einwirkung von Sonnenlicht gebildet. Grundstoff hierfür ist Wasser und Kohlensäure. Chlorophyll, also das Blattgrün, dient in diesem Prozess als Katalysator. Der Prozess wird auch aus Photosynthese bezeichnet. Der Nährwert der Pflanzen ist abhängig vom Alter der als Nahrung aufgenommenen Pflanzen. Dabei gilt: je jünger eine Pflanze, desto eher wird sie gefressen und verdaut. Dies liegt daran, dass der Gehalt an Lignin (lat. lignum = Holz) bei älteren Pflanzen stark ansteigt. Ältere Pflanzen sind daher schwer verdaulicher. Kohlenhydrate dienen dem Körper einerseits als Energielieferant, andererseits auch als Aufbaustoff. Kohlenhydrate sind wichtiger Bestandteil bei der Fettbildung und der Ergänzung der Vorratsstoffe. Fette und Lipoide, also mit Fetten verwandte Stoffe, dienen den Tieren hauptsächlich als Energiespeicher. Angelagert wird Fett unter der Haut oder in der Bauchhöhle. Fette stehen dem Körper je nach Bedarf zur Verfügung. Dies ist insbesondere in Mangelzeiten wie dem Winter der Fall. Im Sommer und Herbst legen sich Rothirsche daher einen Vorrat an Fetten zu, von denen sie in Mangelzeiten zehren. Auf den Fettvorrat greifen Hirsche auch während der Brunft zurück, da die Hirsche während der Brunft kaum Nahrung zu sich nehmen. Lipoide sind für den Körper außerordentlich wichtig. Sie spielen beim Aufbau und bei der Funktion der Zellen eine entscheidende Rolle. Zudem dienen sie als Grundstoff für D-Vitamine und für die Hormone der Keimdrüsen. Sie sind auch in der Nebennierenrinde zu finden.

Mineralstoffe sind anorganische Bestandteile. Auch sie sind für die Ernährung der Rothirsche sehr wichtig. Mineralstoffe sind in der Regel in der Nahrung ausreichend vorhanden. Dies ist nur auf sauren und mineralarmen Böden nicht der Fall. Ein Mangel an Mineralstoffen wirkt sich vor Allem auf die Geweih- und Knochenbildung aus. Mineralstoffe werden in Mengenelemente und in Spurenelemente eingeteilt. Zu den Mengenelementen gehören: Kalzium (Ca), Phosphor (P), Magnesium (Mg), Natrium (Na), Kalium (K), Chlor (Cl) und Schwefel (S). Zu den Spurenelemente gehören: Zink (Zn), Eisen (Fe), Kupfer (Cu), Kobalt (Co), Mangan (Mn), Iod (I) und Molybdän (Mo). Die Gesamtmenge an Mengen- und Spurenelemente wird als Asche bezeichnet. In der Asche sind über 70% Kalzium und Phosphor enthalten. Beide Stoffe dienen insbesondere dem Aufbau des Skelettes. Magnesium dient ebenfalls dem Knochenaufbau sowie dem Aufbau von Gewebe. Natrium, Kalium und Chlor finden Verwendung in weichem Gewebe und in Körperflüssigkeiten. Sie sind besonders für den osmotischen Druck verantwortlich und spielen auch beim Wasserhaushalt eine große Rolle. Schwefel ist Bestandteil von Eiweiß. Jod (J) ist nur in sehr geringer Konzentration im Körper enthalten, es spielt in der Physiologie jedoch eine große Rolle. Mehr als 50% des Jod-Gehaltes sind in der Schilddrüse eingelagert und wirkt sich durch Sekretion auf den Grundstoffwechsel aus. U.A. aus Eisen wird der Blutfarbstoff Hämoglobin (Hb) gebildet, Kupfer ist in den Organen angereichert und spielt auch bei der Regeneration des Blutes eine große Rolle. Kobalt ist ein Bestandteil des Vitamin B12, Zink findet in Leber und Nieren Verwendung.

Wasser ist als Lösungsmittel für alle andere Stoffe im Körper reichlich vorhanden. Da alle Lebensvorgänge auf der Basis von Lösungen ablaufen, ist Wasser von entscheidender Wichtigkeit. Wasser macht mehr als 50% des Körpergewichtes aus. Der Wasserverbrauch ist ausgesprochen groß, da ein Teil des Wassers duerch das Harnen ausgeschieden wird. Wasser muss demnach ständig neu zugeführt werden. Wassermangel führt zu schwerwiegenden Verdauungsstörungen und erschwert das Wiederkäuen. Der Wasserbedarf wird hauptsächlich über die Nahrung und nur zu einem kleinen Teil durch Trinkwasser gedeckt. Wassermangel erleiden Rothirsche vor Allem im Winter. Ein besonders hoher Wasserbedarf besteht bei der Entwicklung der Jungtiere, nämlich beim Säugen, während der Brunft, auf der Flucht, sowie bei hohen Umwelttemperaturen. Zu den Wirkstoffen rechnet man Vitamine, Fermente (Enzyme) und Hormone. Es handelt sich um für den Körper unentbehrliche Verbindungen, die auf alle Lebensvorgänge einen entscheidenden Einfluss haben. Wirkstoffe werden vom Körper entweder selbst produziert oder über die Äsung aufgenommen. Wirkstoffe sind im Körper nur in sehr geringen Konzentrationen vorhanden.

Fermente weisen als Proteide sowohl Eiweißanteile als auch nichteiweißartige Bestandstandteile auf. Fermente sind in Verdauungssäften anzutreffen, wo sie Nahrungsteile bis zu ihren einzelnen resorbierbaren Bausteinen abbauen. Zusätzlich sind sie am Aufbau spezifischer Körpersubstanzen beteiligt. Fermente werden in zwei Gruppen eingeteilt: die Desmolasen und die Hydrolasen. Hydrolasen sind Enzyme, die beispielsweise Peptide oder Glykoside hydrolytisch spalten: Sie zerlegen hochmolekulare Nährstoffe unter Anlagerung von Wasser in einfache Bausteine. Desmolasen sind Enzyme, die eine Molekülspaltung katalysieren. Mit anderen Worten: Sie bewirken durch biologische Oxidation die Freisetzung von Energie in den Zellen. Vitamine sind organische Verbindungen und funktionieren als Biokatalysatoren bzw. chemische Substanzen, die der Körper für andere lebenswichtige Funktionen benötigt. Vitamine werden in der Regel nicht durch den Stoffwechsel synthetisiert, sondern über die Nahrung aufgenommen. Ein Fehlen der Vitamine zieht Mangelerkrankungen, sogenannte Avitaminosen, nach sich. Zu den Mangelerkrankungen gehören vor Allem Störungen des Stoffwechsels und des Wachstums, in Extremfällen kann auch der Tod eintreten. Wie bereits erwähnt, sind die meisten Vitamine pflanzlicher Herkunft. Einige wenige können auch im Tierkörper mit Hilfe von Mikroorganismen im Verdauungstrakt gebildet werden. Zu den wichtigsten Vitaminen gehören Vitamin A, B1 (Thiamin), B2 (Riboflavin), B12, C (Ascorbinsäure), D (Cholecalciferol), und Vitamin E. Vitamin A ist besonders in der Wachstumsphase der Kälber und Jungtiere wichtig. Es dient auch bei der Bildung des Rhodopsin, einem Opsin, das auch als Sehpurpur bekannt ist. Vitamine der B-Gruppe können in der Darmflora, insbesonders in dem Vormagen oder im Darmkanal, gebildet werden. Vitamin C ist stark am Stoffwechsel beteiligt,regelt die Zellatmung und ist auch maßgeblich an der Umwandlung von Aminocarbonsäuren und Kohlenhydraten (Saccharide) beteiligt. Es beeinflusst aber auch bestimmte Oxidations- und Reduktionsvorgänge. Weitere Aufgaben des Vitamin C's sind die Bildung von Hormonen und die Förderung der Blutgerinnung. Vitamin D reguliert den Kalzium-Haushalt und ist an der Reifung von Immunzellen beteiligt sowie in der Einlagerung von Kalk in den Knochen involviert. Vitamin D wird vom Körper selbst gebildet, in der Natur kommt es nur in Form von Provitaminen vor. Vitamin E hat wahrscheinlich die umfassendste Wirkung auf den Stoffwechsel. Vitamin-E-Mangel führt bei Hirschböcken zur Sterilität, bei den Kühen zum Absterben der Föten.

Hormone dienen der Steuerung aller Lebensvorgänge. Hormone werden nicht über die Nahrung aufgenommen, sondern im Körper über spezielle Drüsen produziert. Die Hormonabgabe über Drüsen wird als Sekretion bezeichnet. Der Transport innerhalb des Körpers erfolgt über das Blut. Hormone werden in bestimmten Zeitintervallen, wie beispielsweise der Fortpflanzung, ständig gebildet. Die Hypophyse (die Hirnanhangsdrüse) gilt als die wichtigste endokrine Drüse; alle anderen Drüsen sind ihr untergeordnet. Sie regt einerseits die einzelnen Sekretionsdrüsen mittels bestimmter Hormone an, andererseits beeinflusst die Hirnanhangdrüse bestimmte Organe durch unmittelbar wirkende Hormone. Die Hirnanhangdrüse produziert unter Anderem Wachstums- und Stoffwechselhormone, außerdem Sexualhormone wie Gonadotropine. Eine weitere wichtige Drüse, die Schilddrüse, liegt nahe des Kehlkopfes. Die Schilddrüse beeinflusst mit den von ihr ausgeschiedenen Hormonen das Knochenwachstum und den Stoffwechsel. Unmittelbar neben den Nieren liegt eine paarige Hormon-Drüse, die so genannten Nebennieren. Rinde und Mark der Nebennieren haben unterschiedliche Funktionen. In der Nebennierenrinde werden vor allem Steroidhormone wie Corticosteroide produziert. Corticosteroide stehen den Geschlechtshormonen nahe. Vom Nebennierenmark werden die Hormone Adrenalin (Epinephrin), C9H13NO3, und Noradrenalin (Norepinephrin), C8H11NO3, abgeschieden. Angeregt wird die Hormonproduktion in den Nebennieren durch das sympathische Nervensystem und durch Hormone der Hirnanhangdrüse. In der Bauchspeicheldrüse wird das lebenswichtige Peptidhormon Insulin produziert. Insulin hat weitreichenden Einfluss auf den Umsatz aller Nährstoffe, insbesonders auf den Zuckerhaushalt. Insulinmangel führt zur Zuckerkrankheit Diabetes mellitus. In den Keimdrüsen, den Testes und den Ovarien, entstehen unter Einwirkung der Gonadotropine der Hirnanhangdrüse Geschlechtshormone. Geschlechtshormone sorgen für die volle Entfaltung der sekundären Geschlechtsmerkmale, die Geschlechtsreife, den Geschlechtstrieb sowie den geschlechtlichen Zyklus der Hirschkühe. Bei den Böcken steht die Geweihbildung in engem Zusammenhang mit den Geschlechtshormonen. Testosteron (C19H28O2), eines der wichtigsten männlichen Geschlechtshormone, wird in den Zwischenzellen der Hoden produziert. Weitere männliche Geschlechtshormone sind Androsteron (C19H30O2) und Dehydroepiandrosteron (C19H28O2). Die weiblichen Geschlechtshormone, Östrogene und Gestagene (Gelbkörperhormon), werden in den Eierstöcken produziert. Östrogene und Gestagene bewirken die Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale und den geschlechtlichen Zyklus. Ausgelöst wird die Produktion der Hormone in den Eierstöcken unter Einwirkung der Gonadotropine der Hirnanhangdrüse.

Fortpflanzung

Brunft

Das Paarungs- und Fortpflanzungverhalten der Rothirsche unterliegt einer strengen saisonalen Periodik. Der Brunstzyklus der Weibchen beginnt in der Regel mit der Ovulation (Eisprung). Wird die Ovulation übergangen, so erfolgt 18 Tage später eine zweite Ovulation. Bei den Hirschböcken verändert der gesamte Geschlechtsapparat während der Brunft noch deutlicher. Nach dem Fegen des Geweihes beginnt die Aktivierung der Gonaden (griech. goné = Geschlecht; und áden = Drüse) und die Produktion der Geschlechtshormone. Während der Brunft sind die Hirsche zudem in bester körperlicher Verfassung in Verbindung mit einem großen Fettvorrat (Feistvorrat). Die Feistzeit dient den Rothirschen dazu, sich Fettreserven anzuäsen. Die Fettreserven sind notwendig, um für die kräfteraubende Brunft ausreichend Kraft zu haben. In der Feistzeit zeichnen sich Hirsche durch ein ruhiges Verhalten aus. Das ändert sich allerdings während der Brunft grundlegend, denn aus den spielerischen Scheinkämpfen werden während der Brunft harte Auseinandersetzungen. Mit dem Ende der Feistzeit lösen sich die Hirschrudel auf und die Hirsche wandern zu ihren Brunftplätzen. Die ältesten und kräftigsten Hirsche wandern zuerst aus den Hirschrudeln ab. Im Verlaufe der Feistzeit verändert sich zusehens der Körper der Hirsche. Vor Allem der eher schlanke Hals wird deutlich kräftiger. Dieser Eindruck wird durch die lange Mähne noch verstärkt. Auch der Nacken wächst und der Kehlkopf tritt deutlich hervor. Neben den bereits angesprochenen Merkmalen wird nun auch das Anorbitalorgan, also die Voraugendrüse bzw. die Tränengrube, aktiv. Das Anorbitalorgan sondert während der Brunft ein übelriechendes Sekret ab, das der Markierung des Brunftreviers dient. Die Hirsche kommen vor den Kühen in die Brunft. Den zeitlichen Unterschied nutzen die Hirsche, um ein Brunftrevier zu besetzen. Man geht davon aus, dass die Hirsche auf die erhöhte Testosteron-Absonderung reagieren. Ein Hirsch gesellt sich zu einem Kahlwildrudel und wartet, bis die ersten Weibchen brünftig werden. Hat ein Hirsch seine Funktion als Platzhirsch in einem Kahlwildrudel eingenommen, so duldet er keine anderen Hirsche in der Nähe des Rudels. Kontrahenten müssen als so genannte Beihirsche einen respektvollen Abstand zum Kahlwildrudel halten. Der zeitliche Kernbereich der Brunft erstreckt sich über rund drei bis vier Wochen. Inklusive Vor- und Nachbrunft kann sich die Brunft auf bis zu sechs Wochen erstrecken. In Mitteleuropa erstreckt sich die Kernbrunft von Mitte September bis Anfang Oktober. Regional kann die Brunft auch bis Ende Oktober oder sogar bis in den November hinein andauern. Zu Schwankungen im Beginn und Ende der Brunft kann es auch aufgrund der Witterung und des Ernährungszustandes kommen. Bei schlechter körperlicher Verfassung verzögert sich die Brunft.

Bei dem Brunftplatz, dem Kernbereich eines Bruftterritoriums, handelt es sich um eine freie Fläche oder um eine Fläche mit geringer Vegetation. Auf derartigen Flächen halten sich vor allem Kahlwildrudel zum Äsen auf. Ein Platzhirsch wird dabei stets sein Rudel gegen Kontrahenten verteidigen, wobei typische Verhaltensweisen zum Tragen kommen. Ein Hirsch wird stets seinem Rudel folgen und es verteidigen. Nur selten verlässt ein Hirsch sein Rudel in den frühen Morgenstunden und stößt erst am Abend wieder dazu. Das Brunftterritorium wird akustisch und optisch markiert, aber auch olkfaktorisch (durch Gerüche) mit Hilfe des Sekretes aus den Voraugendrüsen. Das optische Markieren erfolgt durch Bodenforkeln (Wühlen mit dem Geweih im Boden). In der entstandenen Brunftkuhle suhlt sich der Platzhirsch häufig. In die Brunftkuhle uriniert der Hirsch auch, so dass sich zusammen mit dem Sekret der Voraugendrüsen ein markanter Geruch ergibt, der Kontrahenten abschrecken soll.

Mit beginnender Brunft sind die charakteristischen Brunftschreie der Hirsche zu hören. Zum Höhepunkt der Brunft sind die Schreie stets und in beachtlicher Lautstärke zu hören. Die röhrenden Schreie gibt ein Hirsch aus verschiedenen Anlässen ab. Ist ein Hirsch auf der Suche nach einem Weibchen, so ertönt der Schrei in einer monotonen Tonlage und erklingt nur wenig herausfordernd. Der Tonfall wird jedoch deutlich kräftiger, wenn auf das Röhren eines Kontrahenten geantwortet wird. Ein Platzhirsch bei einem Kahlwildrudel röhrt aus vollem Hals. In der Regel erfolgt das Röhren bzw. das Schreien im Stehen, seltener auch im Liegen. Beim Trenzen, dem sogenannten Sprengruf, erfolgt der Schrei in der Bewegung. Das Trenzen ist eine Abfolge kurzer, in schneller Abfolge auftretender Laute. Trenzen tritt im Grunde nur bei Verfolgungsjagden auf oder wird einem unterlegenen Kontrahenten nachgerufen. Neben dem Röhren tritt auch ein Kampfschrei in Erscheinung. Er tritt unmittelbar vor einem Brunftkampf auf. Anders als beim Röhren verstärken sich die Laute beim Kampfschrei. Beim normalen Röhren lassen die einzelnen Laute kontinuierlich nach. Das Röhren der Hirsche unterscheidet sich in Länge und Tonlage je nach Alter der Tiere. Je älter ein Hirsch, desto tiefer ist seine Stimmlage. Die Rufe, bzw. das Röhren mittelalter Hirsche erscheint am lebhaftesten. Am intensivsten ertönen die Brunftschreie während der Hochphase der Brunft. Tageszeitlich sind die Brunftschreie besonders in den frühen Morgenstunden, gegen Abend und in der Nacht zu hören. Am Tage lassen sie merklich nach. Man geht auch davon aus, dass die Witterung einen Einfluss auf die Brunftschreie hat. Bei ruhigem Herbstwetter mit großen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht schreien Hirsche besonders intensiv, bei Frost sogar besonders kräftig. Starke Winde oder hohe Temperaturen dämpfen offensichtlich die Lust an Brunftschreien.

Während der Brunft steht die Abhängigkeit der sozialen Rangordnung unter den Hirschen in engem Zusammenhang mit dem Alter, insbesondere mit der altersabhängigen Körperkraft. Zu einem Brunftkampf kommt es insbesonders unter älteren, meist in etwa gleich alten Hirsche. Aber auch jüngere Hirsche treten häufig in Rivalenkämpfe mit gleichaltrigen an. Bei den jüngeren Hirschen geht es allerdings nicht um die Dominanz in einem Kahlwildrudel und die Kämpfe weisen keine große Ernsthaftigkeit auf.
Kampf während der Brunft
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Kampf während der Brunft
Dem eigentlichen Brunftkampf geht ein ritualisiertes Droh- und Imponierverhalten voraus. Die Kontrahenten schätzen sich so gegenseitig ein. Zu Kämpfen kommt es daher in der Regel nur zwischen in etwa gleich stärken Hirschen. Ein jüngerer Hirsch hätte gegen einen älteren aufgrund der fehlenden Körperkraft keine Chance. Die Kämpfe zwischen zwei gleichaltrigen und gleichstarken Kontrahenten werden verbissen und nicht selten bis zur völligen Erschöpfung geführt. Vor allem der Platzhirsch verteidigt sein Rudel mit großer Verbissenheit und Härte. Zu Beginn der Auseinandersetzung sehen sich die Kontrahenten noch nicht. Sie nehmen nur durch den Brunftschrei voneinander Notiz. Es folgt ein Ruf- und Annäherungsspiel, das bei kampfeswilligen Hirschen mit Auseinander- und Zugehen einhergeht. Dabei ist zuerst ein Droh- und Imponiergehabe zu beobachten. Die Annäherung erfolgt in der Regel eher langsam und bedächtig, ja fast prüfend; dabei zeigen die Kontrahenten ihre Breitseite. Befinden sich die Kontrahenten in Sichtweite zueinander, so stoßen sie die Brunftrufe aus. Es folgt die Abkehr eines Kontrahenten von der verkehrt parallelen Stellung. Dies ist gleichzeitig die Ausgangsposition zum parallelen Imponiermarsch. Gibt keiner der beiden Kontrahenten bei diesem Imponiermarsch nach, so kommt es unausweichlich zum direkten Kampf. Dabei werfen sich die Hirsche in einer Verteidigungsdrehung zueinander und der Kampf beginnt. Sie fahren nun mit den Geweihen ineinander, wobei die ganze Wucht ihres Körpers hinter diesem Stoß liegt. Nun stemmen sich die Hirsche mit gebundenen Geweihen ineinander. Die Läufe verankern sie dabei im Boden, so dass die Körperkraft in den Druck auf den Kontrahenten wirkt. Muss ein Hirsch zurückweichen, so zieht er sich einige Schritte zurück. Die Hirsche schieben sich so über den Kampfplatz. Gegen Ende des Kampfes, besonders wenn die Kräfte ermüden, schieben sich die Hirsche mit minimaler Geschwindigkeit über den Kampfplatz. Der schwächere Hirsch läuft dabei rückwärts und versucht immer wieder, sich in den Boden zu stemmen. Die Kämpfe können durch Kampfpausen unterbrochen sein, die mit Imponieren und Röhren einhergehen. Ein Kampf ist zu Ende, wenn einer seine Unterlegenheit hinnimmt und die Flucht ergreift. Der siegreiche Hirsch stellt dem Unterlegenen noch eine Zeit nach, zum weiteren Kampf kommt es in der Regel jedoch nicht mehr.

Trächtigkeit und Geburt

Die Tragezeit erstreckt sich beim Rothirschen über etwa 34 Wochen. Das Kalb weist ein Geburtsgewicht von etwa vier Kilogramm auf. Der Setztermin (Geburtstermin)steht in direktem Zusammenhang mit der zeitlichen Entwicklung während der Brunftzeit und der eigentlichen Kopulation. Die meisten Geburten, in Mitteleuropa rund 95%, entfallen auf die Monate Mai und Juni. Die Hauptsetzzeit erstreckt sich demnach über zwei Monate. Spätsetzlinge, die zwischen August und Oktober zur Welt kommen, haben kaum eine Überlebenschance. Gegen Ende der Tragezeit löst sich ein Kahlwildrudel in kleinere Gruppen auf. Erst einige Tage nach der Setzzeit findet ein Kahlwildrudel wieder zueinander. Wenige Tage vor der Geburt zieht sich ein trächtiges Muttertier mit dem Kalb aus dem Vorjahr an eine geschützte Stelle zurück. Erst kurz vor der Geburt sondert sie sich auch von ihrem Kalb ab und bringt das Jungtier zur Welt. Mit beginnender Geburt erschlaffen die Beckenbänder, die Vulva weitet sich und sondert Schleim ab. Diese Phase kann sich über ein bis drei Stunden erstrecken. Während der eigentlichen Austreibungsphase presst das Muttertier im Stehen oder Liegen, was rund zwei bis vier Stunden dauern kann. Ist die Fruchtblase sichtbar, so versucht das Muttertier, sie durchzubeißen. Die Geburt erfolgt in der Kopfendlage. Die Nachgeburtsphase kann sich über bis zu zwei Stunden erstrecken. Die Nabelschnur reißt für gewöhnlich zwei bis drei Zentimeter vom Körper des Jungtieres entfernt. Unmittelbar nach der Geburt säubert das Muttertier den Setzplatz, die Nachgeburt wird gefressen, um verräterische Gerüche zu tilgen. Ist der Platz gesäubert, so wird auch das Jungtier sauber geleckt und zum ersten Mal gesäugt. Das Belecken des Nachwuchses erfolgt gegen den Haarstrich. Während des Trockenleckens versucht ein Kalb erstmals aufzustehen. Das Trockenlecken ist gleichzeitig eine Massage und sorgt somit für die Stabilisierung des Kreislaufes des Kalbes.

Jungen- und Jugendentwicklung

Ein Kalb wird von der Mutter ständig bewacht. Dies gilt auch für den Setzplatz, wobei sich die Mutter nicht unmittelbar beim Nachwuchs aufhält, sondern immer in sicherer Entfernung, jedoch immer in den Wind gestellt. Bei Gefahr springen Mütter sofort zu ihrem Nachwuchs. Die unmittelbare Verteidigungsbereitschaft hält für rund zwei Monate an und geht dann immer weiter zurück. Mit Einsetzen der nächsten Brunft erlischt die Verteidigungsbereitschaft vollständig. In den ersten drei bis vier Wochen hält ein Muttertier ihr Kalb in schützender Vegetation verborgen. Erst danach gesellt es sich wieder mit ihrem Nachwuchs zum Kahlwildrudel. Das erste Säugen bzw. die erste Kontaktaufnahme mit dem Euter erfolgt kurz nach der Geburt. Meist ist es zehn Minuten nach dem Absetzen erstmals der Fall. Das erste eigentliche Säugen erfolgt nach etwa einer halben Stunde. Im ersten Lebensmonat wird der Nachwuchs durchschnittlich sechs Mal am Tag gesäugt. Ähnlich dem Trockenlecken nach der Geburt wird ein Kalb von seiner Mutter im Zuge der Haarpflege geleckt und nimmt bis zum vierten Lebensmonat deutlich ab. Ein Kalb kann bereits am Tag der Geburt stehen, sicher läuft es jedoch erst nach einigen Tagen. Dem Kalb fehlt es noch an der nötigen Kraft und Ausdauer, um der Herde zu folgen. Daher verbleibt es bis zu vier bis sechs Wochen abseits der Herde an einer sicheren Stelle im Dickicht oder im hohen Gras. Kälber werden von den Müttern streng erzogen und bei Nichtgehorchen abgestraft. So entsteht eine enge Mutter-Kind-Beziehung. Kann das Kalb der Mutter und der Herde nach spätestens sechs Wochen folgen, so gesellt sich auch das Jungtier des Vorjahres wieder zum Familienverband. Gemeinsam folgt nun auch die Äsung.

Wie bereits erwähnt, können die Kälber nach wenigen Stunden bereits stehen und ab dem zweiten Lebenstag sicher gehen. Schon wenige Tage später sind sie zu kleineren Bocksprüngen und zum Galopp in der Lage. Ein Kalb reagiert sehr schnell nach der Geburt auf das Mahnen und Stampfen der Mutter. Bei unbekannten Geräuschen duckt es sich instinktiv in der schützenden Deckung. Das Fluchtverhalten ist jedoch erst im Laufe der zweiten Lebenswoche voll entwickelt. Die Fluchtdistanz erweitert sich im Laufe der ersten sechs Lebenswochen sehr schnell von anfänglich drei auf bis zu zwanzig Metern. In den ersten Tagen geben Kälber überwiegend klagende und fiepende Laute von sich. Bis zum vierten Lebensmonat kommen auch mahnende und warnende Laute hinzu. Schreckende Laute werden erst recht spät im Alter von gut einem Jahr erlernt. Putzende Bewegungen werden schon in den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt erlernt. Zu den ersten Putzbewegungen gehören Lecken, Beknabbern und das Kratzen mit den Hinterläufen. Das Suhlen entwickelt sich im ersten Herbst nach der Geburt, der Spieltrieb setzt hingegen schon einige Tage nach der Geburt ein. In der ersten Lebenswoche stellt die Muttermilch die einzige Nahrung für die Kälber dar. Erste Erdbrocken oder Sand werden zur Unterstützung der Verdauung, zur Stärkung der Verdauungsorgane sowie der Bildung der Darmflora nach einigen Tagen erstmals aufgenommen. Die erste feste Nahrung in Form von Gräsern und Ähnlichem erfolgt nach zwei Wochen. Die ersten Gräser werden jedoch noch nicht abgeschluckt. Dazu kommt es frühestens in der vierten Lebenswoche. Die Säugezeit erstreckt sich meist bis in den Dezember oder Januar. Zu diesem Zeitpunkt stellt die Mutter die Milchproduktion ein, denn nun werden alle Kräfte für das neue Kalb im Uterus gebraucht. Im Alter von gut elf Monaten sind die Jungtiere voll in die Tagesperiodik eingebunden und mehr oder weniger selbständig. Völlig selbständig sind die Jungtiere gegen Ende des ersten Lebensjahres.

Sonstiges

Ein Rothirsch erreicht unter natürlichen Bedingungen ein Alter von bis zu 20 Jahren. Das Alter ist mehr oder weniger begrenzt durch die Gebrauchsfähigkeit des Kauapparates. Ein Alter von 20 Jahren erreichen freilich nur wenige Individuen. Hirsche erreichen meist ein Alter bis 17 oder 18 Jahren. Weibchen erreichen in etwa das gleiche Alter.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Bereits früh hat der Mensch in das Leben des Rothirsches eingegriffen. Besonders dramatisch wirkt sich dabei die Vernichtung und Zersiedelung der natürlichen Lebensräume aus. Den Rothirschen verbleiben in dem fast überall dicht besiedelten Verbreitungsgebiet meist nur noch die Feld- und Waldflächen zwischen den Siedlungen oder Städten. Selbst diese verbliebenen Flächen werden in der Regel mehr oder weniger stark bewirtschaftet. Infolge der zunehmenden Inanspruchnahme des Lebensraumes der Rothirsche durch den Menschen, beschränkt sich das Areal der Tiere nur noch auf kleine Teilflächen des ursprünglichen Lebensraumes. Bei den heutigen Populationen handelt es sich meist nur noch um kleine und isolierte Teilpopulationen. Heute liegen die Sommer- und Wintereinstände meist nah beieinander, da es aufgrund der Zersiedelung der Lebensräume kaum noch zu Wanderungen kommen kann. Die Wanderungen sind nicht nur für die Nahrungssuche im Winter notwendig, sondern dienen auch dem Genaustausch zwischen verschiedenen Populationen.

Flurschäden durch Rothirsche

Vor allem an und auf landwirtschaftlichen Flächen kommen die Rothirsche, aber auch in den Forstbeständen in denen vor allem Forstbesitzer und Landwirte involviert sind, in Konflikt zum Menschen. Zu den Schäden, die durch Rotwildpopulationen angerichtet werden, zählen insbesonders das Schälen von Bäumen im Winter wie auch im Sommer und das Verbeißen von jungen Trieben. Letzteres kann erhebliche Auswirkungen auf den Pflanzenbestand nach sich ziehen. Auch das Bodenforkeln sowie das Schlagen des Geweihs an Bäumen und Sträuchern kann mitunter erhebliche Schäden anrichten.

CITES und IUCN

Im Washingtoner Artenschutzabkommen werden die einzelnen Unterarten in unterschiedlichen Anhängen geführt. Der Kaschmirhirsch (Cervus elaphus hanglu) ist in Anhang I aufgelistet, Cervus elaphus bactrianus (ungültiges Synonym) in Anhang II. In der dritten Kategorie (III) wird der Atlashirsch (Cervus elaphus barbarus) geführt.

Auch die Einstufung der Unterarten in der Roten Liste der IUCN fällt unterschiedlich aus. Als stark gefährdet (Endangered) gelten der Jarkandhirsch (Cervus elaphus yarkandensis), der Tyrrhenische Rothirsch (Cervus elaphus corsicanus) und der Kaschmirhirsch (Cervus elaphus hanglu). Cervus elaphus bactrianus (ungültiges Synonym) wird als gefährdet (Vulnerable) geführt, die restlichen Unterarten als wenig oder nicht gefährdet.

Synonyme

Zu den veralteten oder ungültige gültigen Synonymen gelten nach Wilson & Reeder (2003) albicus (Matschie, 1907), albifrons (Reichenbach, 1845), albus (Desmarest, 1912), bajovaricus (Matschie, 1907), balticus (Matschie, 1907), debilis (Matschie, 1912), germanicus (Desmarest, 1912), hippelapus (Erxleben 1777), montanus (Botezat, 1903), neglectus (Matschie, 1912), rhenanus (Matschie, 1907), saxonicus (Matschie, 1912), typicus (Lydekker, 1898), varius (Fitzinger, 1874), visurgensis (Matschie, 1912), Vulgaris (Botezat, 1903). <3>

Anhang

Siehe auch

  • Hauptartikel: die Familie der Hirsche (Cervidae)

Literatur und Quellen

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