Südlicher Andenhirsch

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Südlicher Andenhirsch
Männchen

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Familie: Hirsche (Cervidae)
Unterfamilie: Trughirsche (Odocoileinae)
Gattung: Andenhirsche (Hippocamelus)
Art: Südlicher Andenhirsch
Wissenschaftlicher Name
Hippocamelus bisulcus
(Molina, 1782)

IUCN-Status
Endangered (EN)

Der Südliche Andenhirsch (Hippocamelus bisulcus) zählt innerhalb der Familie der Hirsche (Cervidae) zur Gattung der Andenhirsche (Hippocamelus). nIm Englischen wird die Art Patagonian Huemul, Chilean Guemal, Chilean Huemul, South Andean Deer oder South Andean Huemul genannt. Die Art ist monotypisch, Unterarten sind demnach keine bekannt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der gedrungen wirkende Südamerikanische Andenhirsch erreicht eine Körperlänge von 151 bis 163 Zentimeter, eine Schulterhöhe von 81 bis 90 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 11 bis 13 Zentimeter sowie ein Gewicht von 70 bis 100 Kilogramm. Weibchen bleiben kleiner und kleiner als Männchen. Der Rücken ist leicht gewölbt, die Beine sind relativ kurz. Das Fell ist ausgesprochen dicht und grob. Es besteht aus einer dichten Unterwolle und gröberen, oben aufliegenden Grannenhaaren. Die Grannenhaare sind hohl. Durch die eingeschlossene Luft in den Haaren wird eine gute Wärmeisolierung gewährleistet. Das Fell ist einheitlich braun bis dunkelbraun oder rostbraun gefärbt. Im Winter ist das Fell bis zu 7 Zentimeter lang und es zeigt sich eine deutlich hellere Färbung, meist eine gelblichbraune bis hell graubraune Färbung. Das Sommerfell ist bis zu 4 Zentimeter lang. Ventral und im Steißbereich zeigt sich eine weißliche bis cremefarbene Färbung. Der Schwanz ist ausgesprochen kurz und weist eine weißliche Unterseite auf. Die langen und schmalen Ohren, die eine Länge von bis zu 17 Zentimeter erreichen können, ähneln den Ohren von Hasen. Innen sind die Ohren mit feinen weißen Haaren besetzt. Im Gegensatz zu den Weibchen verfügen die Männchen über imposante Geweihe. Ein Geweihseite kann bis zu 5 Enden und eine Länge von 30 bis 35 Zentimeter aufweisen. Den Männchen wächst das erste Geweih im Alter von 18 Monaten. Die Geweihe werden jährlich nach der Brunft abgeworfen (Nowak, 1999; Smith-Flueck, 2000).

Lebensweise

Südliche Andenhirsche sind überwiegend am Tage, eher selten sind sie auch in der Nacht aktiv. Die Sinne, insbesondere der olfaktorische Sinn sowie der Gesichtssinn und das Gehört sind gut entwickelt. Dem Menschen gegenüber sind Südliche Andenhirsche nur wenig scheu, dicht besiedelte Regionen, insbesondere Regionen mit zahlreichen verwilderten Haushunden werden gemieden. Das Balzverhalten ist vergleichbar mit dem der anderen Hirscharten der Neuen Welt. Die Balz ist geprägt von heftigen Kommentkämpfen, Flehmen, Beschnuppern und Belecken der Analogenitalregion sowie der Reviermarkierung mittels Sekreten aus preorbital gelegenen Drüsen. Durch das Flehmen können Hirsche ein Weibchen auf eine Entfernung von bis zu 300 Meter wittern. Südliche Andenhirsche leben einzelgängerisch oder in kleinen Gruppen mit bis zu 5, selten mit bis zu 10 Tieren. Die Gruppen sind in ihrer Zusammensetzung variabel und meist recht flexibel. Die meisten Tiere leben jedoch einzelgängerisch. Kleinstgruppen bestehen meist aus einem Weibchen mit ihrem Nachwuchs. Vor allem die Männchen zeichnen sich durch eine hohe Territorialität aus. Die Reviere weisen je nach Lebensraumqualität eine Größe von 36 bis 73 Hektar auf (Nowak, 1999; Diaz & Smith-Flueck, 2000; Pefaur et al., 1968).

Verbreitung und Lebensraum

Vorkommen

Südliche Andenhirsche - Weibchen
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Südliche Andenhirsche - Weibchen

Südliche Andenhirsche sind in Südamerika in den südlichen Anden verbreitet. Besiedelt werden rechts und links der Anden, Chile und das westliche Argentinien. Das historische Verbreitungebiet erstreckt sich über weite Teile der Anden bis in die patagonische Steppe. Heute ist es stark fragmentiert, so dass es kaum noch zum Austausch zwischen den einzelnen Populationen kommt. Die verbliebenen Teilpopulationen leben hauptsächlich in Nationalparks und anderen geschützten Regionen. Zu den geschützten Parks gehört beispielsweise der Bernado O´Higgins National Park in Chile (Nowak, 1999; Vila et al., 2006; Corti et al., 2005; Diaz & Smith-Flueck, 2000).

Lebensraum

Je nach Vorkommen und Jahreszeit leben Südliche Andenhirsche in höchst unterschiedlichen Lebensräumen. Ein Großteil der Populationen lebt in Höhenlagen von 900 bis 1.700 Metern über NN. Eher selten halten sich Südliche Andenhirsche in Küstennähe auch auf Meereshöhe auf. Die Wahl des Lebensraumes richtet sich im Wesentlichen nach der Jahreszeit. Ein limitierender Faktor ist hierbei Schnee. Südliche Andenhirsche meiden Lebensräume mit einer Schneedecke von mehr als 30 Zentimeter. Im Sommer halten sich die Tiere meist unterhalb der Baumgrenze auf, jedoch kann es auch häufig vorkommen, dass sie in Regionen oberhalb der Baumgrenze vordringen. Südliche Andenhirsche gelten als ausgezeichnete Kletterer. Diese Eigenschaft kommt ihnen in Lebensräumen mit Steigungen von bis zu 40 Grad zugute. Zu den natürlichen Lebensräumen gehören alpine Wiesen, Buschland und lichte subalpine Wälder. In den Lebensräumen finden sich insbesondere Pflanzen wie verschiedene Buchengewächse (Fagaceae), Doldengewächse (Apiaceae), Kreuzdorngewächse (Rhamnaceae), Heidekrautgewächse (Ericaceae) wie Scheinbeeren (Gaultheria) und Silberbaumgewächse (Proteaceae). Die Lebensräume der Südlichen Andenhirsche sind heute stark fragmentiert. Die Siedlingsdichten liegen nach Diaz & Flueck (2000) bei 0,02 bis 5,66 (1,25) Tiere/km². Die aktuelle Gesamtpopulation wird auf kaum 1.500 Individuen geschätzt. Davon leben etwa 500 in Argentinien und 1.000 in Chile (Nowak, 1999; Diaz & Flueck, 2000, Flueck & Smith-Flueck, 2006a; Gill et al., 2007; Diaz, 1993).

Saisonale Wanderungen

Vom Frühjahr bis in den Herbst hinein leben Südliche Andenhirsche in Höhenlagen der Anden, nicht selten oberhalb der Baumgrenze. Hier leben sie auf zum Teil kargen Grünflächen, seltener auch in dichten Wäldern. Felsige Habitate sind dabei die Regel, da die Tiere hier vor den meisten Feinden in Sicherheit sind. Im Spätherbst oder im zeitigen Winter wandern Südliche Andenhirsche in Tallagen, da sie in den Tälern nicht so hart vom Winter getroffen werden. Die saisonalen Wanderungen erstrecken sich jedoch nur über wenige Kilometer. Weitere Strecken sind nicht dokumentiert (Nowak, 1999; McCullough, 1985, Haller, 2002).

Prädatoren

Prädator: der Andenschakal (Pseudalopex culpaeus)
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Prädator: der Andenschakal (Pseudalopex culpaeus)

Südliche Andenhirsche haben in ihren natürlichen Lebensräumen nur wenige natürlichen Feinde. Erwachsene Tiere können im Grunde nur vom Puma (Puma concolor) gerissen werden. Jungtiere sind deutlich mehr gefährdet. Ihnen stellen insbesondere die Chilenische Waldkatze (Leopardus guigna), die Kleinfleckkatze (Oncifelis geoffroyi), der Andenschakal (Pseudalopex culpaeus), verwilderte Hauskatzen (Felis catus), verwilderte Haushunde sowie der Andenkondor (Vultur gryphus) und größere Greifvögel (Falconiformes) nach. Als einzige Verteidigungsmöglichkeit wird die Flucht angenommen, wobei Südamerikanische Andenhirsche keine ausdauernden Läufer sind. Ist ein Gewässer in der Nähe, so flüchten die Tiere auch ins Wasser. Sie gelten als ausgezeichnete Schwimmer (Nowak, 1999; Smith-Flueck & Flueck, 2001; Wensing, 2005).

Ernährung

Südliche Andenhirsche ernähren sich im Wesentlichen von Blättern. Zu einem kleinen Teil (weniger als 10%) werden jedoch auch Blumen und Blüten, Gräser, Kräuter, Moose und Flechten gefressen. Blätter und junge Triebe stellen bis zu 72% am Nahrungsaufkommen dar. Saisonal und regional, insbesondere je nach Höhenlage variiert die aufgenommene Nahrung zum Teil sehr stark. Nachgewiesen wurden je nach Lebensraum bis zu 48 verschiedene Futterpflanzen. Zu den bevorzugten Pflanzenarten gehören beispielsweise Weiden (Salix), Johannisbeeren (Ribes), Inkalilien (Alstroemeria), Orchideengewächse (Orchidaceae), Storchschnäbel (Geranium), Scheinbuchen (Nothofagus), wie die Lenga-Südbuche (Nothofagus pumilio), Pfefferbäume (Schinus), Spindelbaumgewächse (Celastraceae) und Heidekrautgewächse (Ericaceae) wie Scheinbeeren (Gaultheria) (Nowak, 1999; Fernández & Busse ,1997; van Winden, 2006; Smith-Flueck 2003; Diaz, 1993, Diaz & Smith-Flueck, 2000).

Fortpflanzung

Die Weibchen erreichen die Geschlechtsreife bereits im Alter von 6 Monaten. Zur ersten Paarung kommt es meist erst gegen Ende des ersten Lebensjahres. Männchen sind erst im 2. Lebensjahr geschlechtsreif. Die Reproduktionsrate ist relativ gering. Der Abstand zwischen 2 Geburten liegt in der Regel bei 2 Jahren. Die Paarungszeit erstreckt sich in den meisten Regionen von Februar bis Mai. Lokal kann der Beginn der Paarungszeit jedoch stark variieren und richtet sich im Wesentlichen nach den klimatischen Bedingungen. Die Männchen zeichnen sich während der Brunft durch eine große Territorialität und Aggressivität aus. Einen limitierten Zugang zu den geschlechtsreifen Weibchen haben nur die dominanten Hirsche, die sich in Kommentkämpfen gegen Artgenossen durchsetzen konnten. Südliche Andenhirsche können daher als polygam bezeichnet werden. Nach einer Tragezeit von 200 bis 220 Tagen bringt ein Weibchen ein Jungtier zur Welt. Zu den Geburten kommt es üblicherweise zwischen November und Dezember. Während dieser Zeit ist Nahrung ausreichend vorhanden. Der Nachwuchs weist bei der Geburt ein wolliges schokoladenbraunes Fell auf. Die Körperlänge beträgt gut 61,5 Zentimeter, das Geburtsgewicht liegt bei 2.035 Gramm. Die Geburt erfolgt losgelöst von anderen Gruppenmitgliedern an geschützter Stelle. An der Wurfstelle verbleibt ein Kalb die ersten Lebenswochen. Die Mutter kommt mehrmals am Tag zum Säugen vorbei. Dies dient in erster Linie dem Schutz vor natürlichen Feinden. Erst wenn ein Jungtier kräftig genug ist, folgt es der Mutter. Die Entwöhnung von der Muttermilch erfolgt spätestens im Alter von gut 5 Monaten. Die Lebenserwartung liegt unter günstigen Umständen bei 14 Jahren´(Nowak, 1999; Smith-Flueck, 2000).

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Gefährdung

Der Südliche Andenhirsch zählt heute zu den stark gefährdeten Hirscharten. In der Roten Liste der IUCN wird die Art daher als stark gefährdet (EN, Endangered) geführt. Die aktuellen Bestände werden von den meisten Forschern auf 1.048 bis 1.500 Individuen geschätzt. Selbst großzügig geschützte Bestände von bis zu 2.500 Tiere wären aufgrund des großen Verbreitungsgebietes sehr wenig. Der Lebensraum der Südlichen Andenhirsche ist heute stark fragmentiert, ein Austausch zwischen verschiedenen Populationen ist kaum mehr möglich (Nowak, 1999; Diaz & Smith-Flueck, 2000).

Gefährdungsgründe

Die deutliche Reduzierung der Populationen beruht auf einer langen Tradition. Bereits früh sorgten die Bejagung, die Überweidung der natürlichen Lebensräume durch Hausvieh, die Vernichtung der natürlichen Lebensräume zugunsten von landwirtschaftlichen Flächen und anderen Gründen für dramatische Rückgänge. Heute steht die Art vor der Ausrottung. Ein großes Problem stellt heute die starke Fragmentierung der Lebensräume dar. Es kommt aufgrund eines fehlenden Austausches zwischen den einzelnen Populationen zur genetischen Armut. In einigen Lebensraumfragmenten leben kaum 10 bis 30 Individuen. Andere Gefahren wie der ungeregelte Tourismus, Krankheiten und die erhöhte Mortalität durch verwilderte Haushunde sind in den letzten Jahrzehnten hinzugekommen. Hinzu kommt auch, dass Schutzmaßnahmen nur unzureichend in die Tat umgesetzt werden. Wilderer haben beispielsweise freien Zugang zu Schutzgebieten und werden bei der Bejagung der Südlichen Andenhirsche nicht behindert. Dem Raubbau an der Natur sind in den letzten Jahren vor allem die Winterquartiere der Tiere zum Opfer gefallen. Den Tieren bleibt kaum etwas anderes übrig, als über längere Strecken zu wandern oder in den Sommerquartieren zu verbleiben. Letzteres hat nicht selten den Tod aufgrund von Nahrungsmangel und Kälte zur Folge. In der Nähe des Menschen steht nicht nur die Bejagung im Vordergrund, sondern auch die Konkurrenz zum Hausvieh der Menschen. Südliche Andenhirsche begegnen dieser Gefahr zwar mit einer hohen Anpassungsfähigkeit, jedoch sind dieser auch Grenzen gesetzt. Immer mehr Hausvieh wie beispielsweise Schafe und Rinder werden in die Lebensräume der Hirsche getrieben.

Von Rindern und anderen Haustieren geht jedoch nicht nur eine Nahrungskonkurrenz aus, sondern auch Krankheiten, für die die Südlichen Andenhirsche anfällig sind. Hier ist insbesondere die Maul- und Klauenseuche (MKS) zu nennen. Aber auch der Befall durch Bandwürmer (Cestoda) wie Cysticercus tenuicollis, der sich als Zystizerkose (Cysticercose) bemerkbar macht. Zystizerkosen sind Einlagerungen der Finnenformen des Bandwurmtypes Cysticercus (Blasenwurm). Die Zystizerkosen werden mit der Nahrung aufgenommen und entwickeln sich im Endwirt zum eigentlichen Bandwurm. Ein weiteres Problem stellt die Osteomyelitis dar. Es handelt hierbei um eine infektiöse Entzündung des Knochenmarks. Feldstudien haben ergeben, dass bis zu 52% der adulten Tiere von der Osteomyelitis befallen sind. Die Gründe für diese Erkrankung sind unklar.

Nahhrungskonkurrent: der Feldhase (Lepus europaeus)
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Nahhrungskonkurrent: der Feldhase (Lepus europaeus)
In den letzten Jahren kam das Problem der Neozoa (invasive Arten) hinzu. Zahlreiche nichtheimische Arten wurden eingeführt und vermehrten sich prächtig. Sie stehen jedoch in Lebensraum- und Nahrungskonkurrenz zu den Südlichen Andenhirschen. Als Neozoa sind insbesondere Wildschweine (Sus scrofa), Feldhase (Lepus europaeus), Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus), Europäische Damhirsche (Dama dama), Himalaya-Tahr (Hemitragus jemlahicus), Europäische Rehe (Capreolus capreolus), Steinböcken (Capra ibex) und Rothirsch (Cervus elaphus), zu nennen. Hinzu kommt die Nahrungskonkurrenz zu Haustieren wie Rindern, Schafen, Pferden und Ziegen.

Die Verluste durch Prädatoren spielen im Grunde keine große Rolle. Zumindest wäre es so, wenn der Südliche Andenhirsch gesunde Bestände aufweisen würden. Neben den natürlichen Feinden fallen zahlreiche Tiere jedoch auch verwilderten Haushunden zum Opfer. Vor allem in den letzten Jahren haben die Bestände von wild lebenden Haushunden stark zugenommen. Corti (2006) schätzt, dass jährlich 36% der Jungtiere Haushunden zum Opfer fallen. In Verbindung mit den anderen Gefährdungsgründen ergeben sich dramatische Bestandsrückgänge. (Nowak, 1999; Diaz & Smith-Flueck, 2000, 2003; Redford & Eisenberg, 1992; Caughley, 1994; Fleck & Smith-Flueck 2006b; Corti et al., 2005, 2006).

Anhang

Siehe auch

  • Hauptartikel: die Familie der Hirsche (Cervidae)

Literatur und Quellen

Qualifizierte Weblinks

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