Sambar

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Sambar

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Familie: Hirsche (Cervidae)
Unterfamilie: Echte Hirsche (Cervinae)
Gattung: Rusa
Art: Sambar
Wissenschaftlicher Name
Rusa unicolor
Kerr, 1792

IUCN-Status
Vulnerable (VU)

Der Sambar (Rusa unicolor) zählt innerhalb der Familie der Hirsche (Cervidae) zur Gattung Rusa. Die Art wird gelegentlich noch unter dem alten Namen Cervus unicolor geführt. Im Englischen wird die Art Sambar Deer genannt. Es sind 7 Unterarten bekannt (Wilson & Reeder, 2005).

Inhaltsverzeichnis

Erkennung

Die 4 Arten der Gattung Rusa, also neben dem Sambar der Prinz-Alfred-Hirsch (Rusa alfredi), der Philippinenhirsch (Rusa marianna) und der Mähnenhirsch (Rusa timorensis) kommen allopatrisch vor. Die Vorkommen der einzelnen Arten überschneiden sich demnach nicht. Der Sambar kann von den anderen Arten durch den robusten Körperbau, in der Größe und einer sehr tiefen Voraugendrüse (Tränengruben) unterschieden werden. Der Sambar ist mit Abstand der größte in Asien vorkommende Vertreter der Hirsche (Cervidae). In der Größe ähnelt der Sambar dem Rothirschen (Cervus elaphus) (Leslie, 2011).

Fossile Funde

Hirsche (Cervidae) sind eine artenreiche Familie mit eurasischem Ursprung. Bislang konnten rund 80 fossile Arten insgesamt in 26 fossilen Gattungen zugeordnet werden. Zu den wichtigsten Fossilien zählt Amphitragulus aus der Familie Palaeomerycidae sowie Procervulus und Eostylocerosaus der Familie der Hirsche (Cervidae), die ihren Ursprung im Miozän haben. In Südamerika tauchten die ersten Vertreter der Hirsche im Pliozän auf. Die höchste Diversität wiesen Hirsche gegen Ende des Pliozän und Anfang des Pleistozän auf. Die ältesten fossile Funde der Gattung Rusa stammen aus dem Pliozän und wurden in Europa gefunden. Cervus philisi hat große Ähnlichkeit mit den heutigen Arten der Gattung Rusa. Die Wurzeln der Entwicklung der Rusa reichen zurück bis ins späte Pliozän vor 2 bis 2,5 Millionen Jahren. Pleistozäne Funde der Rusa stammen auch aus China. Es handelt sich neben dem Sambar und 4 weitere, jedoch ausgestorbene Arten. Dies sind Rusa elegans, Rusa microta, Rusa stehlini und Rusa yunnanensis (Leslie, 2011).

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der Sambar erreicht je nach Geschlecht und Unterart eine Körperlänge von 162 bis 246 cm, eine Ohrlänge von 17,8 bis 20,3 cm, eine Schulterhöhe von 102 bis 160 cm, eine Schwanzlänge von 25 bis 30 cm sowie ein Gewicht von 200 bis 320 kg. Männchen werden größer und schwerer als Weibchen. Markantes Merkmal der Männchen ist das mächtige Geweih. Es besteht meist aus 3, selten aus 4 Stangen. Das raue und robuste Geweih kann eine mittllere Länge von 109,8 cm aufweisen. Wird das alte Geweih abgeworfen, beginnt sofort das Wachstum des neuen Geweihes. Während des Wachstums ist das Geweih samtartig mit einer modifizierten Haut überzogen. Die Unterarten unterscheiden sich nicht nur in der Größe sondern auch in der Fellfärbung. Selbst zwischen den Individuen einer Population kann es Unterschiede in der Färbung geben. Die Farbvariationen reichen von gelblichbraun, über graubraun, gräulich bis braun oder schwarzbraun. Juvenile Tiere und adulte Weibchen sind insgesamt etwas heller gefärbt. Das Fell ist insgesamt sehr grob und wirkt zottig. Im Bereich des Halses ist das Fell am längsten. Der Schädel ist robust gebaut, er erreicht eine Länge von 322,5 bis 392,5 (357,5) mm, eine Condylobasallänge von 305,2 bis 375,8 (340,5) mm, eine basale Länge von bis 285,6 bis 351 (318,6) mm und eine Hirnschädelbreite von 79,2 bis 94,2 (86,7) mm. Die Ohren sind groß, breit und insgesamt leicht oval geformt. Salzdrüsen (Supraorbitaldrüsen) fehlen völlig. Das Gebiss besteht aus 34 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i0/3, c1/1, p3/3, m3/3. Der Magen besteht aus 4 Kammern, in dem die Nahrung mikrobiell verdaut wird (Leslie, 2011).

Lebensweise

Sambare leben anders als die meisten Hirscharten nur in kleinen Gruppen, mitunter auch einzelgängerisch. Innerhalb einer Gruppe dominiert ein Weibchen. Männchen im Alter von mehr als 5 oder 6 Jahren leben typischerweise einzelgängerisch oder in kleinen Junggesellengruppen. Lokal, wie beispielsweise auf Sri Lanka, ist eine Gruppenstärke von 30 bis 40 Individuen nachgewiesen. Das Fortpflanzungsverhalten kann als polygam betrachtet werden. Ein Männchen begattet in der Regel alle Weibchen einer Gruppe. Während der Paarungszeit sind Männchen ausgesprochen territorial und verteidigen Revier und Harem. Jüngere Männchen halten sich in der Peripherie einer Gruppe auf und fordern den Bullen einer Gruppe heraus. Meist kommt es dabei zu heftigen Kämpfen unter den Männchen. Die Kräftigen Geweihe werden als Waffe eingesetzt. Ein ähnliches Verhalten wird auch gegen Prädatoren eingesetzt. Auch Weibchen verteidigen ihren Nachwuchs gegen Feinde. Da die Sehkraft nur mäßig entwickelt ist, dient der Kommunikation untereinander eher der olfaktorische Sinn. Sambare sind meist dämmerungs- und nachtaktiv. Lokal sind die Tiere jedoch auch am Tage aktiv (Leslie, 2011).

Unterarten

Unterarten und Erstbeschreiber nach Wilson & Reeder, 2005; Verbreitung nach Leslie, 2011:

Vorkommen

Verbreitung und Lebensraum

Der Sambar ist in Indien und in Südostasien weit verbreitet. Er kommt insbesondere in Indien, Sri Lanka, Pakistan, Kambotscha, auf Borneo und Sumatra, in Malaysia, Myanmar, Thailand, Vietnam, Laos, sowie in den Chinesischen Provinzen Guangxi, Guizhou, Hainan, Hunan, Jiangxi, Sichuan und Yunnan vor. In Australien, den USA und auf Neuseeland wurde die Art eingeführt (IUCN, 2014).

In der Wahl des Lebensraumes ist der Sambar äußerst flexibel. Es werden hauptsächlich bewaldete Habitate besiedelt. Neben dichten Wäldern und Berghängen, Sumpfgebieten wird lokal aber auch offenes Grasland besiedelt. Auch mit Wasser haben die Tiere keine Probleme, Sambare sind ausgezeichnete Schwimmer. Die Art ist relativ sesshaft, zu kleineren Wanderungen kommt es nur bei Nahrungsmangel. In Nepal kann es zu saisonalen Wanderungen zwischen Winter- und Sommerquartier kommen. Die Größe der Reviere hängt von der Lebensraumqualität und den Nahrungsressourcen ab. In den Ausläufern des Himalaya und anderer Gebirge sind die Tiere bis in Höhen von über 3.000 m über NN anzutreffen (Leslie, 2011).

Populationen

Trotz der weiten Verbreitung und der Besiedelung verschiedener Lebensraumtypen ist die Art in weiten Teilen des Verbreitungsgebietes selten geworden oder bereits völlig verschwunden. Gesicherte Bestände gibt es fast nur noch in ausgewiesenen Schutzgebieten. Es ist insgesamt schwierig, die Gesamtpopulation zu ermitteln, da die Tiere überwiegend dämmerungs- oder nachtaktiv sind, in kleinen Gruppen leben und eine große Scheu dem Menschen gegenüber zeigen. Die überall beobachtete Siedlungsdichte ist gering bis verschwindend gering. In Indien liegt die Siedlungsdichte in feuchten und trockenen Wäldern zwischen 0,24 und 10,7 Individuen/km², auf Sri Lanka zwischen 0,70 und 1,17 Tiere/km², in Nepal zwischen 2,0 und 11,5 Tiere je km², in Thailand zwischen 1,9 und 4,2 Tiere je km² und auf Sumatra zwischen 0,62 und 1,42 Tiere je km² (Leslie, 2011).

Biozönose

Krankheiten und Parasiten

In Sri Lanka und Indien tritt bei der Art häufig die Maul- und Klauenseuche (MKS) auf. MKS ist eine hoch ansteckende Viruserkrankung. Eine Übertragung durch Schmierinfektion, also durch Berührung auf den Menschen ist möglich. In Australien ist die eine Infektiöse Bovine Rhinotracheitis (IBR) nachgewiesen. Es handelt sich hierbei um eine Nasen- und Luftröhrenentzündung. In Gefangenschaft kann es zur Arthritis (entzündliche Gelenk­erkrankung), Tuberkulose (Erkrankung in Lunge, Rachen und Darm), Peritonitis (Entzündung des Bauchfells) und Arteriosklerose (Arterienverkalkung) kommen. Nachgewiesen sind auch zahlreiche Ekto- und Endoparasiten. Dazu gehören insbesondere Fadenwürmer (Nematoda), Bandwürmer (Cestoda), Saugwürmer (Trematoda), verschiedene Protozoen, Egel (Hirudinea), Zecken (Ixodida), Tierläuse (Phthiraptera) und Flöhe (Siphonaptera). Im Einzelnen sind folgende Endoparasiten nachgewiesen: Haemonchus, Oesophagostonmum, Strongyloides, Trichuris, Ashwortius sidemi, Rinadia andreevae, Spiculopteragia houdemeri, Fischoederius, Homologaster, Paramphistomum explanatum, Gastrothylax crumenifer, Gongylonema pulchrum, Coenurus gaigeri, Ceylonocotyle streptocoelium und Paramphistomum explanatum. Zu den bekanntesten Ektoparasiten gehören Haemaphysalis ramachandrai und andere Vertreter dieser Gattung, Dermacentor variabilis, Tabanus rubidus, Tabanus striatus, Stomoxys calcitrans, Haematobia irritans und Musca crassriostris (Leslie, 2011).

Interspezifische Wechselwirkungen

Sambare stehen in Lebensraum- und Nahrungskonkurrenz zu zahlreichen anderen Arten, insbesondere großen Pflanzenfressern. Dies sind beispielsweise der Axishirsch (Axis axis), der Schweinshirsch (Axis porcinus), der Barasingha (Cervus duvaucelii), der Indische Muntjak (Muntiacus muntjak), die Hirschziegenantilope (Antilope cervicapra), die Indische Gazelle (Gazella bennettii), die Vierhornantilope (Tetracerus quadricornis), Nilgauantilope (Boselaphus tragocamelus), der Gaur] (Bos gaurus), der Sikahirsch (Cervus nippon), der Wasserbüffel (Bubalus bubalis), aber auch der Asiatische Elefant ( Elephas maximus), das Panzernashorn (Rhinoceros unicornis), der Chinesische Moschushirsch (Moschus berezovskii), der Schopfhirsch (Elaphodus cephalophus), der Chinesische Muntjak (Muntiacus reevesi), das Wasserreh (Hydropotes inermis), der Himalaya-Moschushirsch (Moschus chrysogaster), der Goral (Naemorhedus goral), der Sumatra-Serau (Capricornis sumatraensis) und der Weißlippenhirsch (Cervus albirostris). Kuhreiher (Bubulcus ibis) und Wanderelster (Dendrocitta vagabunda) assoziieren dem Sambar, indem sie Parasiten aus dem Fell picken (Leslie, 2011).

Prädatoren

Zu den natürlichen Feinden zählten in der Vergangenheit oder auch heute noch der Löwe (Panthera leo), der Leopard (Panthera pardus), der Bengal-Tiger (Panthera tigris tigris) und der Sumatra-Tiger (Panthera tigris sumatrae). Kälber und kranke Tiere fallen auch kleineren Räubern wie dem Rothund (Cuon alpinus) und dem Rotfuchs (Vulpes vulpes) zum Opfer (Leslie, 2011).

Ernährung

Der Sambar ist hauptsächlich ein pflanzenfressender Wiederkäuer. Die Variation bei der Nahrungsauswahl in Abhängigkeit von Nahrungsverfügbarkeit sehr groß. Gefressen werden neben Gräsern und Kräutern eine Vielzahl an Sträuchern und Blättern von Bäumen. Die Nahrungsauswahl variiert zudem stark je nach Saison, Vorkommen und Lebensraumtyp. Gefressen werden auch fleischige Früchte und Samen von beispielsweise Sumachgewächse (Anacardiaceae) wie Choerospondias axillaris. Früchte stellen vor allem im indischen Himalaya eine wichtige Nahrungsquelle dar. Der Sambar trinkt regelmäßig Wasser, wobei das Wasser meist aus kleinen temporären Quellen aufgenommen wird. Fließende Gewässer werden gemieden. Die Nahrungsaufnahme erfolgt meist in der Nacht (Leslie, 2011).

Fortpflanzung

In freier Wildbahn erreichen Weibchen die Geschlechtsreife im Alter von 18 bis 24 Monaten. In den meisten Regionen zeigen sich bei der Fortpflanzung keine saisonalen Muster. Der mittlere Geburtsintervall liegt bei 300 bis 360 (329) Tage. Der Zyklus der Weibchen liegt bei 18,2 Tage. Nach einer Tragezeit von rund 8 Monaten bringt ein Weibchen ein Jungtier zur Welt. Zwillingsgeburten sind sehr selten. In Taiwan wurde nur bei 2 von 320 Geburten Zwillinge zur Welt gebracht. Weibliche Nachkommen bleiben auch mit dem Erreichen der Selbständigkeit bei der Mutter, Männchen verlassen die Mutter im Alter von 1 Jahr. Neugeborene weisen ein Gewicht von 5 bis 8,5 kg und eine Körperlänge von 36 bis 43,1 cm auf. Die erste feste Nahrung nehmen die Jungen im Alter von 2 bis 3 Wochen auf. Die Säugezeit beträgt knapp ein Jahr (Leslie, 2011).

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Der Sambar gehört heute zu den gefährdeten Arten und wird in der Roten Liste der IUCN in der Kategorie VU, Vulnerable, geführt. Alle während der letzten 3 Generationen der Gesamtpopulation ist ein Rückgang von mehr als 50% zu verzeichnen. Insbesondere in Vietnam, Laos, Thailand, Kambodscha, Myanmar, Malaysia, Bangladesch sowie auf Borneo und Sumatra steht die Art vor der Ausrottung. Nur in Indien, Nepal und auf Taiwan gelten die Populationen als stabiler. Die Art wurde immer stark bejagt. Auch heute noch gilt das Fleisch der Tiere in ganz Südostasien als Delikatesse. Dies ist insbesondere in Indonesien und Vietnam der Fall. Teile der Tiere wie beispielsweise die Geweihe landen zudem in der traditionellen lokalen Medizin. Neben der Bejagung stellt die Vernichtung des natürlichen Lebensraumes das größte Problem dar. Der Lebensraum geht zugunsten von Bergbau- und Energiegewinnung, landwirtschaftlichen Flächen, Siedlungsbau und Straßenbau verloren (IUCN, 2014).

Anhang

Siehe auch

  • Hauptartikel: die Familie der Hirsche (Cervidae)

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X

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