Sandgräber

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Sandgräber
Nacktmull (Heterocephalus glaber)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Stachelschweinverwandte (Hystricognatha)
Teilordnung: Hystricognathi
Familie: Sandgräber
Wissenschaftlicher Name
Bathyergidae
Waterhouse, 1841

Sandgräber (Bathyergidae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Nagetiere (Rodentia) und zur Ordnung der Stachelschweinverwandten (Hystricognatha). Es sind rund 14 (15) rezente Arten in 5 Gattungen bekannt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Ähnlich wie Maulwürfe sind Sandgräber stark an das Leben unter der Erde angepasst. Sandgräber leben in unfangreichen Gangsystemen mit zahlreichen Wohn-, Vorrats- und Kotkammern. Der Körper ist zylindrisch und die Extremitäten sind ausgesprochen kurz. Eine weitere Anpassung an das Leben unter der Erde ist die lose aufliegende Haut. Dadurch können sich Sandgräber mühelos wenden und drehen. Sie können in den Gangsystemen sowohl vorwärts als auch rückwärts laufen. Sandgräber erreichen je nach Art und Geschlecht eine Körperlänge von 9 bis 30 Zentimeter sowie ein Gewicht von 30 bis 1.800 Gramm. Zu den größten Arten gehören Strandmulle, zu den kleinsten Arten die Nacktmulle. Bis auf den völlig nackten Nacktmull weisen die anderen Arten eine weiches, dickes und wolliges Fell auf. Bei einigen Arten kann das Fell auch samtig sein. Es ist üblicherweise graubraun bis braun gefärbt.

Zum Graben der Gangsysteme dienen in erster Linie die weit aus dem Maul ragenden, meißelartigen Schneidezähne. Eine Ausnahme bilden lediglich die Strandgräber (Bathyergus). Beim Graben gerät jedoch keine Erde in die Mundhöhle, da sich die leicht behaarten Lippenfalten hinter den Schneidezähnen schließen. Strandgräber nutzen zum Graben ihre mit langen Krallen versehenen Vorderfüße. In harter Erde sind Strandgräber daher nicht anzutreffen, sie bevorzugen sandige Böden. Der mit den Zähnen oder den Vorderpfoten gelöste Erde wird mit den Vorderpfoten ventral nach hinten und später nach oben weggeschoben. So entstehen im Übrigen die charakteristischen maulwurfartigen Hügel an der Erdoberfläche. Bei Nacktmullen herrscht eine Arbeitsteilung. Einige Individuen graben, andere schaffen die lose Erde weg, wieder andere schaffen diese an die Erdoberfläche. Im Bereich der Füße und des Schwanzes verfügen alle Sandgräber über steife Härchen. Diese borstenartigen Härchen, dienen zum Festhalten von Erde. Nacktmulle weisen davon abweichend an den Schwänzen keine Härchen auf. In den Gangsystemen herrscht ganzjährig ein gleichbleibendes Mikroklima.

Die Augen der Sandgräber haben nur rudimentären Charakter, da sie unter der Erde in absoluter Dunkelheit keine Funktion aufweisen. Sie können mit ihrem Sehsinn allenfalls Hell-Dunkel unterscheiden. Über die am weitesten entwickelten Augen unter den Sandgräbern verfügen die Blessmulle (Georychus), die weit mehr als alle anderen Arten auch gelegentlich an der Erdoberfläche zu beobachten sind. Der am höchsten entwickelte Sinn ist der Tastsinn, der bei allen Arten eine große Rolle spielt.
Silbergrauer Erdbohrer (Heliophobius argenteocinereus)
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Silbergrauer Erdbohrer (Heliophobius argenteocinereus)
Die meisten Arten verfügen über das ganze Fell verteilt über berührungsempfindliche Haare. Nur bei den Nacktmullen sind berührungsempfindliche Haare nur an den Beinen anzutreffen. Das Gehör und der olfaktorische Sinn sind ebenfalls gut entwickelt. Über eine sichtbare Ohrmuschel verfügen Sandgräber jedoch nicht. Diese hat sich zugunsten der unterirdischen Lebensweise völlig zurückgebildet. Die Nasenlöcher und Augen können beim Graben verschlossen werden.

Lebensweise

Sandgräber gelten als ausgezeichnete Gräber. Am leichtesten lässt sich in weichen und feuchten Böden graben. Dies ist insbesondere während der Regenzeit der Fall. Während der Regenzeit bewegt eine Nacktmull- oder Graumullkolonie leicht bis zu 2 Tonnen an Erdreich. Außerhalb der Regenzeit geht die Grabtätigkeit drastisch zurück. Beim Sozialverhalten unterscheiden sich die einzelnen Gattungen zum Teil extrem. Die Vertreter der Gattungen der Strandgräber, der Blessmulle und der Erdbohrer leben einzelgängerisch und verhalten sich gegenüber Artgenossen aggressiv. Trommelnde Geräusche mit den Hinterbeinen signalisieren Artgenossen die Anwesenheit. Dieses charakteristische Trommeln dient während der Paarungszeit auch dem Anlocken von paarungsbereiten Weibchen. Bei den geselligen Sandgräbern ist innerhalb einer Kolonie immer nur ein Weibchen trächtig. Dies verhindert vor allem Inzest innerhalb einer Kolonie. Zu den geselligen Sandgräbern gehören Graumulle und Nacktmulle. Man hat festgestellt, dass eine Kolonie von einem Paar gegründet wurde. Demnach gelten alle anderen Mitglieder einer Kolonie als die Nachkommen des Gründerpaares. Die Mitglieder einer Kolonie kümmern sich gemeinschaftlich um die Futtersuche und um die Aufzucht des Nachwuchses. Sind die Umweltbedingungen günstig, so kann es bei dem Nachwuchs dennoch zur Abwanderung und zur Bildung einer neuen Kolonie kommen. Eine Kolonie weist bei Graumullen eine Stärke von rund 10 bis 20 Tieren auf, bei Damara-Graumull rund 15 bis 25 (max. bis 40) Tiere und bei Nacktmullen sogar bis zu 290 Tieren. Eine durchschnittliche Nacktmullkolonie weist jedoch nur eine Stärke von gut 80 Tieren auf. Das gebärfähige Weibchen einer Kolonie zeichnet sich durch einen deutlich längeren Rumpf aus. Der Rumpf verlängert sich von Schwangerschaft zu Schwangerschaft. Dieses Weibchen dominiert aller anderen Mitglieder einer Kolonie. Die anderen Weibchen werden durch Stress unfruchtbar. Der Stress wird durch heftige Stöße des dominanten Weibchens ausgelöst. Das dominante Weibchen, die auch als Königin bezeichnet wird, paart sich meist mit 2 bis 3 Männchen. Ein Wurf kann demnach mehrere Väter haben. Die Kommunikation untereinander erfolgt über olfaktorische Sinne. Die Mitglieder einer Kolonie erkennen sich also am Geruch. Fremde Artgenossen werden erbittert bekämpft und mitunter auch getötet.

Verbreitung

Prädator: die Schlankmanguste (Galerella sanguinea)
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Prädator: die Schlankmanguste (Galerella sanguinea)

Sandgräber kommen nur in Afrika südlich der Sahara mit Ausnahme der tropischen Regenwälder vor. Aride und halbaride Lebensräume mit sandigen Böden, insbesondere grasige Steppen oder Waldsavannen und ähnlich offene Landschaften mit sandigen und lehmigen Boden gehören zu den natürlichen Lebensräumen. Einige Arten wie beispielsweise der Ansells Graumull (Cryptomys anselli) sind nur in kleinen Gebieten endemisch.

Prädatoren

Zu den wenigen Fleischfressern der Sandgräber gehören Schlangen (Serpentes). Dabei verfolgen Schlangen meist einen solitär lebenden Sandgräber in sein Tunnelsystem. Als nachgewiesen gilt die Maulwurfsnatter (Pseudaspis cana), verschiedene Sandboas (Erycinae) und die Westafrikanische Schnabelnasennatter (Rhamphiophis oxyrhynchus), die wahrscheinlich durch frisch aufgeworfene Erde angelockt werden. Ansonsten stellen auch der Zorilla (Ictonyx striatus), die Tüpfelhyäne (Crocuta crocuta), die Schlankmanguste (Galerella sanguinea), der Karakal (Caracal caracal) und Schakale wie der Schabrackenschakal (Canis mesomelas) den Sandgräbern nach.

Ernährung

Sandgräber ernähren sich rein vegetarisch. In ihren Gangsystemen suchen sie nach Wurzeln und Kryptophyten (Geophyten). Kryptophyt ist eine Sammelbezeichnung für einen bestimmen Wuchstyp von Pflanzen. Man unterscheidet bei den Geophyten zwischen Zwiebel-, Knollen- oder Rhizom-Geophyten. Je nach Art werden beispielsweise Kürbisgewächse (Cucurbitaceae), Schmetterlingsblütler (Faboideae), Akanthusgewächse (Acanthaceae), Zypergräser (Cyperus) und Hyazinthengewächse (Hyacinthaceae) wie Milchsterne (Ornithogalum) gefressen. Die Gangsysteme, in denen nach Nahrung gesucht wird, können extrem lang werden. Bei Graumullen (Cryptomys) können die Gänge eine Gesamtlänge von bis zu einem Kilometer lang sein. Bei den Nacktmullen (Heterocephalus) sogar bis zu 3 Kilometern. Die Länge der Futtertunnel hängt im Wesentlichen von der Anzahl der Individuen und dem Alter der Tiere ab. Gelegentlich sammeln Sandgräber auch oberirdisch Pflanzenteile wie Gräser und Kräuter ab. Man geht davon aus, dass Sandgräber Nahrungsteile nicht explizit suchen, sondern mehr oder weniger darüber stolpern. Nahrung wird entweder sofort gefressen oder eingelagert. Das gleichbleibend feuchte Mikroklima in den Gangsystemen und der hohe Feuchtigkeitsgehalt der Nahrung sorgen dafür, dass Sandgräber kein Trinkwasser benötigen.

Fortpflanzung

Sandgräber erreichen die Geschlechtsreife mit rund 6 bis 8 Monaten. Innerhalb einer Kolonie ist nur das Weibchen paarungsberechtigt. Aus dem Heer der Männchen sucht sie sich einige Männchen aus und lässt eine Paarung zu. Die Paarungsaktivitäten gehen ausschließlich von der Königin aus. Aber auch bei solitär lebenden Arten leben die Geschlechter polygam. Die Tragezeit erstreckt sich ja nach Art über rund 70 bis 95 Tagen. Dies ist bei Nagetieren eine erstaunlich lange Zeit. Ein durchschnittlicher Wurf liegt bei den meisten Arten zwischen 2 und 5 Jungtieren. Zu den wenigen Ausnahmen gehören Blessmulle mit bis zu 10 Jungen und Nacktmulle mit bis zu 28 Jungen. Ein durchschnittlicher Wurf einer Nacktmullkönigin liegt jedoch bei lediglich 12 Jungtieren. Größere Würfe treten meist nur bei älteren Weibchen auf. Die Jungtiere sind nur wenig entwickelt und wiegen bei den meisten Arten kaum 1 bis 10 Gramm. Um die Aufzucht des Nachwuchses kümmert sich das Weibchen oder bei in Kolonien lebenden Arten die ganze Gemeinschaft. Die Säugezeit erstreckt sich über rund drei bis vier Wochen. Gegen Ende der Säugezeit nehmen die Jungtiere bereits feste Nahrung zu sich. Je nach Art liegt die Lebenserwartung zum Beispiel bei dem Nacktmull in Gefangenschaft bis zu 25 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Freiheit dürfte jedoch unter 10 Jahren liegen. Studien haben ergeben, dass die reproduktiven Geschlechter durchschnittlich doppelt so alt werden wie die nicht-reproduktiven.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Die meisten Arten gehören heute noch nicht zu den gefährdeten Arten. Die beiden einzigen Ausnahmen bilden Ansells Graumull (Cryptomys anselli), er steht in der Roten Liste der IUCN auf der Vorwarnliste. Die Art Cryptomys kafuensis gilt als gefährdet (VU, vulnerable). In der Nähe des Menschen gelten Sandgräber durchaus zu den Schädlingen. Sie richten nicht nur auf landwirtschaftlichen Flächen Schäden an den Wurzeln und Knollen an, sondern beißen auch Kabel durch oder unterhöhlen Straßen. Durch die aufgeworfenen Erdhügel kann es mitunter auch zu Schäden an Erntemaschinen kommen. Auf der anderen Seite sind Sandgräber auch sehr nützliche Tiere, da sie durch ihre Gänge den Boden durchlüften. Dennoch stellt der Mensch den Tieren lokal zum Teil stark nach.

Systematik der Familie Sandgräber

Familie: Sandgräber (Bathyergidae)

Unterfamilie: Bathyerginae
Gattung: Strandgräber (Bathyergus)
Gattung: Graumulle (Cryptomys; Syn. Fukomys)
Gattung: Blessmulle (Georychus)
Gattung: Gypsorhychus
Gattung: Erdbohrer (Heliophobius)
Gattung: Proheliophobius
Gattung: Richardus
Unterfamilie: Nacktmulle (Heterocephalinae)
Gattung: Nacktmulle (Heterocephalus)

Literatur und Quellen

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