Schliefer

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Buschschliefer
Buschschliefer (Heterohyrax brucei)

Systematik
Unterstamm: Wirbeltiere (Vertebrata)
Überklasse: Kiefermäuler (Gnathostomata)
Reihe: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Schliefer
Wissenschaftlicher Name
Hyracoidea
Huxley, 1869

Die Ordnung der Schliefer (Hyracoidea) zählt innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zu den Höheren Säugetieren (Eutheria). Innerhalb der Familie der Kletterschliefer (Procaviidae) sind rezente drei Gattungen mit insgesamt elf rezenten Arten angesiedelt. Es handelt sich um die Gattungen der Baumschliefer (Dendrohyrax), der Buschschliefer (Heterohyrax) und der Klippschliefer (Procavia). Zwei weitere Familien, die Seggeurius und Pliohyracidae sowie die Gattungen Prohyrax und Gigantohyrax aus der Familie der Kletterschliefer (Procaviidae) gelten als ausgestorben.

Hyracoidea kommt aus dem griechischem und bedeutet "Spitzmaus".

Inhaltsverzeichnis

Evolution

Insgesamt sind etwa 20 Gattungen innerhalb der Ordnung der Schliefer bekannt. Die meisten sind davon freilich zwischen dem Eozän und dem Pliozän ausgestorben. Noch im Pliozän, vor etwa 2 bis 7 Millionen Jahren, gab es zahlreichen Arten. Zu dieser Zeit waren Schliefer auch in Südeuropa beheimatet und ihr Verbreitungsgebiet reichte bis nach Ostasien. Die Art Pliohyrax graecus lebte sogar im oder zumindest unmittelbar am Wasser. Die meisten Fossilien stammen aus der ausgestorbenen Familie der Pliohyracidae. Einige Arten erreichten leicht die Größe eines heutigen Tapirs, die meisten Arten waren jedoch kaum größer als die rezenten Arten. Alle Arten waren Herbivoren. Die ältesten gefundenen Fossilien stammen aus dem späten Miozän. Es handelt sich hierbei um Heterohyrax auricampensis und wurde in Namibia gefunden. <1>

Man glaubt, dass Schliefer bereits vor 50 bis 45 Millionen weite Teile Afrikas und Asiens besiedelten. Die Artenvielfalt nahm ab, als sich vor rund 25 Millionen Jahren Huftiere stark ausbreiteten. Die Schliefer zogen sich damals mit einer deutlich reduzierten Anzahl an Gattungen und Arten in felsige und baumreiche Regionen zurück. Die rezenten Schlieferarten weisen noch eine Reihe der urtümlichen Merkmale auf. Dazu gehört beispielsweise die wenig effiziente Ausnutzung der Nahrung. Auch die mangelnde Fähigkeit der Thermoregulation ist ein Indiz für eine sehr alte Tiergruppe. <2>

Beschreibung

Aussehen und Maße

Schliefer erreichen eine Körperlänge von 32 bis 60 Zentimeter sowie ein Gewicht von 1,7 bis 5,4 Kilogramm. Die Geschlechter weisen keinen Dimorphismus auf. Das dichte Fell weist eine hellbraune bis dunkelbraune Grundfärbung auf. Je nach Art zeigen sich dorsal dunkelbraune, hellbraune, gelblichbraune oder gelbliche Rückenflecken.
Schädel eines Buschschliefers (Heterohyrax brucei)
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Schädel eines Buschschliefers (Heterohyrax brucei)
Ventral ist das Fell meist weißlich bis cremefarben gefärbt. Das Fell ist je nach Art unterschiedlich lang und kann bei den Baumschliefern eine Länge von bis zu 7,5 Zentimeter aufweisen. Der Körperbau wirkt bei allen Arten robust. Äußerlich ähneln sie großen Nagetieren (Rodentia), mit den sie jedoch nicht verwandt sind. Auch wenn es nicht so ausschaut - Schliefer sind eng mit den Elefanten (Elephantidae) und Seekühen (Sirenia) verwandt. In der Überordnung der Afrotheria bilden die Buschschliefer, so wie auch die Rüsselspringer (Macroscelididae), neben den Rüsseltieren (Proboscidea) eine eigene Ordnung. <3>

Der Schwanz hat nur rudimentären Charakter und ist meist im dichten Fell verborgen. Markantes Merkmal sind die Füße der Tiere. Sie sind sehr gut zum Graben geeignet. Die Fußballen an den hinteren Füßen verfügen auf der Unterseite über zahlreiche Drüsen, über die beim Laufen Schweiß abgesondert wird. Dadurch erhöht sich der Halt auf glattem Untergrund. Sie können ihre Fußunterseite leicht zusammenziehen, so dass die Fußsohlen beim Klettern als "Saugnapf" fungieren. Die vorderen Füße verfügen über fünf Zehen. Schaut man sich das Fell genauer an, so wird man feststellen, dass zahlreiche verlängerte Haare aus dem Fell herausschauen. Die Funktion dieser Haare ist noch nicht abschließend geklärt. Man geht jedoch davon aus, dass sie ähnlich wie die Vibrissen der Orientierung dienen. Ebenfalls noch ungeklärt ist die Funktion der Rückendrüse, über die ein Sekret abgesondert wird. Es ist davon auszugehen, dass Schliefer über diese Duftstoffe kommunizieren. Das Gebiss besteht aus 34 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet 1/2, 0/0, 4/4, 3/3. <4> <5>

Lebensweise

Buschschliefer (Heterohyrax brucei)
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Buschschliefer (Heterohyrax brucei)

Schliefer sind tagaktive Herbivoren. Alle Arten gelten als ausgezeichnete Kletterer. Je nach Art verbringen Schliefer die meiste Zeit in Bäumen oder auf Felsen. Hier sind sie vor den meisten Fleischfressern in Sicherheit. Die meisten Arten sind ausgesprochen gesellig und leben in größeren Kolonien. Baumschliefer leben hingegen überwiegend einzelgängerisch oder in kleinen Familiengruppen. Da Schliefer ihre Körpertemperatur nicht oder nur geringfügig kontrollieren können, sieht man sie am Vormittag meist in Gruppen an sonnenexponierten Stellen beim Sonnenbaden. Schliefer bewegen sich nicht übermäßig viel, abgesehen von der Nahrungssuche und –aufnahme sind sie eher inaktiv. Es verwundert daher nicht, dass ihr Stoffwechsel für ein Säugetier ausgesprochen niedrig ist. Die Sozialstruktur hängt nicht nur von der jeweiligen Art ab, sondern auch sehr stark vom Lebensraum. Neben der bereits angesprochenen kolonialen Lebensweise ist ein Leben in stabilen Familien- der Haremsgruppen sehr häufig zu beobachten. Eine durchschnittliche Gruppe weist neben einem dominanten Männchen meist drei bis fünf Weibchen und deren Nachwuchs auf. Je nach Lebensraumqualität leben nicht selten mehrere Gruppen nah beieinander. Schliefer sind nicht unbedingt territorial, sie beanspruchen je nach Gruppenstärke und Art ein Streifrevier in einer Größe von 2.000 bis 4.000 Quadratmetern. Zu territorialen Kämpfen kommt es nicht. Schliefer urinieren an angestammten Plätzen. Aufgrund der ungelösten Kalziumkarbonate, die ausgeschieden werden, bildet sich mit der Zeit an den Urinplätzen eine weißliche Schicht. Ureinwohner in Afrika nutzen diese Ablagerungen auch heute noch zur Behandlung von Krankheiten.

Verbreitung

Das Hauptverbreitungsgebiet der Schliefer erstreckt sich in Afrika südlich der Sahara. Sudanklippschliefer (Procavia ruficeps) sind im auch im nordöstlichen Afrika verbreitet. Andere Arten aus der Gattung der Klippschliefer (Procavia) sind im Nahen Osten in Israel, in Libanon und Jordanien anzutreffen. Kleinere Populationen leben auch auf der Arabischen Halbinsel. Bewohnt werden zahlreiche, höchst unterschiedliche Lebensräume. Schliefer sind sowohl in der Ebene als auch im Hochgebirge bis in Höhen von 4.200 Metern zu Hause. Da verwundert es nicht, dass beispielsweise auch der Kilimandscharo oder der Mount Kenia besiedelt wird. Je nach Art werden felsige Hochgebirgsregionen, aride Baum- und Strauchsavannen, lichte Trockenwälder oder immergrüne tropische Regenwälder bewohnt.

Prädatoren, Parasiten

Prädator: Löwe (Panthera leo)
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Prädator: Löwe (Panthera leo)

Zu den natürlichen Fleischfressern gehören insbesondere Greifvögel wie der Kaffernadler (Aquila verreauxii), Raubadler (Aquila rapax) und Kampfadler (Polemaetus bellicosus). Aber auch Löwen (Panthera leo), Leoparden (Panthera pardus), Streifenschakale (Canis adustus), Schabrackenschakale (Canis mesomelas) und Tüpfelhyänen (Crocuta crocuta) stellen den Schliefern zahlreich nach. Selbst Schlangen (Serpentes) haben es lokal auf Schliefer abgesehen.

An Parasiten sind Zecken (Ixodida), Tierläuse (Phthiraptera), Milben (Acari), Flöhe (Siphonaptera) und Fadenwürmer (Nematoda) nachgewiesen. Infektionskrankheiten wie Milzbrand (Anthrax anthrax) oder Leishmaniose dezimieren die Bestände der Schliefer ebenfalls zahlreich. Milzbrand wird durch Bacillus anthracis übertragen, Leishmaniose wird durch Parasiten der Gattung Leishmania übertragen. <6>

Ernährung

Schliefer ernähren sich von zahlreichen Pflanzen. Abweichend von anderen Schliefern ernähren sich Klippschliefer von derben Gräsern. Ihre Bezahnung ist daher speziell auf diese Nahrung eingestellt. Sie verfügen daher über eine hypsodonte (hochkronige) Bezahnung. Alle anderen Schliefer ernähren sich überwiegend von weicheren Blättern und verfügen daher über eine brachyodonte (kurzkronige) Bezahnung. Die Nahrung wird nicht wiedergekaut. Dennoch ist ihr Darmsystem hoch komplex entwickelt und teilt sich in drei getrennte Bereiche. Auch die Nieren sind leistungsstark. Daher benötigen Schliefer eine sehr geringe Menge an Flüssigkeit. Zudem können Harnstoff und auch Elektrolyte konzentrieren. In diesem Zusammenhang können große Mengen an ungelösten Kalziumkarbonaten ausgeschieden werden. <7>

Fortpflanzung

Schliefer erreichen die Geschlechtsreife im Alter von 16 bis 17 Monaten. Die Weibchen der Schliefer sind einmal im Jahr empfänglich. Zu den meisten Geburten kommt es während der Regenzeit, da in diesem Zeitraum Nahrung reichlich vorhanden ist. Das dominante Männchen begattet alle geschlechtsreifen und empfänglichen Weibchen einer Gruppe. Alle Weibchen bringen ihren Nachwuchs nahezu gleichzeitig in einem Zeitfenster von ein bis zwei Wochen zur Welt. Je nach Art liegt die Wurfgröße bei ein bis vier Jungtiere. Die Tragezeit beträgt artabhängig zwischen 212 und 240 Tage. Der Nachwuchs ist bei der Geburt bereits voll entwickelt. Sowohl die Augen als auch die Ohren sind bei der Geburt bereits geöffnet. Gesäugt wird der Nachwuchs für rund 150 Tage. Mit Erreichen der Geschlechtsreife verlassen sie ihre Geburtsgruppe und schließen sich anderen adulten Weibchen an. Männchen bleiben meist bis zu 30 Monate in der Nähe ihrer Geburtsgruppe. Innerhalb ihrer Geburtsgruppe werden sie vom dominanten Männchen jedoch nicht geduldet. Männchen können insgesamt in verschiedene Sozialformen eingeteilt werden: a) dominante und territoriale Alphamännchen, b) Männchen in der Peripherie einer Gruppe und c) Männchen, die früh oder sehr spät die eigene Gruppe verlassen. Dominante Alphamännchen sind ausgesprochen territorial, die gleichgeschlechtliche Artgenossen von den Sonnenplätzen, den Schlafhöhlen und den Futterplätzen vehement vertreiben. Die Lebenserwartung liegt unter günstigen Umständen bei neun bis zehn Jahren. <8>

Gefährdung und Schutz

Die meisten Arten der Schliefer gelten heute als noch nicht gefährdet. Dies gilt zumindest für die Arten südlich der Sahara. Die Arten und Populationen im Norden und Nordosten von Afrika sowie auf der Arabischen Halbinsel sind zum Teil gefährdet oder bereits stark gefährdet. In der Roten Liste der IUCN werden nur vier der elf Schlieferarten geführt. Dieses sind der Steppenwald-Baumschliefer (Dendrohyrax arboreus), der Gemeine Baumschliefer (Dendrohyrax dorsalis), der Buschschliefer (Heterohyrax brucei) sowie der Klippschliefer (Procavia capensis). Alles vier Arten werden als nicht gefährdet (LC, Least Concern) geführt. Aufgrund der weitreichenden Abholzung der Wälder wird es um die Baumschliefer (Dendrohyrax) mittelfristig nicht gut gestellt sein.

Systematik der Schliefer

Ordnung Schliefer (Hyracoidea)

Anhang

Literatur und Quellen

'Persönliche Werkzeuge