Schwarze Tollkirsche

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Bild:Giftig.png Schwarze Tollkirsche
Atropa bella-donna © by Danny S.

Systematik
Klasse: Zweikeimblättrige (Magnoliopsida)
Unterklasse: Asternähnliche (Asteridae)
Ordnung: Nachtschattenartige (Solanales)
Familie: Nachtschattengewächse (Solanaceae)
Gattung: Tollkirschen (Atropa)
Art: Schwarze Tollkirsche
Wissenschaftlicher Name
Atropa bella-donna
Linnaeus, 1758

Die Schwarze Tollkirsche (Atropa bella-donna L.) ist eine giftige Pflanze und zählt innerhalb der Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae) zur Gattung der Tollkirschen (Atropa). Erstmalig beschrieben wurde die Art von dem schwedischen Naturwissenschaftler Carl von Linné im Jahre 1758. Im Englischen wird die Art Deadly nightshade oder Belladonna genannt, im deutschen Volksmund wird sie unter anderem gelegentlich ebenfalls als Belladonna und außerdem als Teufelsauge oder Teufelskraut bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie

Die Bezeichnung „Atropa“ für die Pflanzengattung geht auf „Atropos“ zurück, jene der drei Moiren (Schwestern und Schicksalsgöttinnen der griechischen Mythologie), welche den Lebensfaden durchschneidet, den zuvor ihre Schwestern gesponnen und bemessen haben; folglich steht ihr Name für „das Unabwendbare“, den Tod. Das Artepitheton „bella-donna“, in der Regel „belladonna“ geschrieben, bedeutet im Italienischen „schöne Frau“ und ist vermutlich auf den Brauch von Frauen während der Renaissance zurückzuführen, in dessen Rahmen sie sich Tollkirschensaft in die Augen tropften, wodurch ihre Pupillen größer und füllender wurden, seinerzeit ein Schönheitsideal; eventuell wurde der tiefrote Tollkirschensaft aber auch als Schminkmittel genutzt. Die geläufige deutsche Bezeichnung „(Schwarze) Tollkirsche“ ist einerseits auf die Wirkung größerer Mengen der Pflanzengiftstoffe (nämlich in sofern, als dass sie zu psychogener Erregung mit tobsuchtartigen Anfällen, einer „Tollheit“, führen können), andererseits auf das typische kirschartige Aussehen der im reifen Zustand schwarz gefärbten, kleinen Beerenfrüchte zurückzuführen.

Botanik

Merkmale

Atropa bella-donna: Herbarbeleg (2012) © by Danny S.
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Atropa bella-donna: Herbarbeleg (2012) © by Danny S.

Die Tollkirsche bildet eine dicke, fleischige Wurzel, aus welcher eine kräftige, aufrechte Sprossachse hervorwächst, die sich im oberen Teil stark verzweigt. Die krautige, das heißt nicht verholzende, Pflanze wird bis zu 150cm hoch. Die 5 bis 25cm langen und 2,5 bis 12 cm breiten Blätter sind grün, kurzgestielt, eiförmig bis elliptisch geformt, zugespitzt und besitzen einen ganzrandigen Blattrand. Im oberen Bereich der Pflanze sind sie gepaart. Die nickenden Blüten entspringen den Blattachseln. Sie stehen in der Regel einzeln, sind violettbraun gefärbt und weisen eine glockenartige Form auf; die Blütezeit erstreckt sich über die Monate Juni bis August. Die Blüten bringen kleine Beerenfrüchte hervor, welche zunächst grün, im reifen Zustand aber schwarz glänzend sind und mehrere kleine nierenförmige Samen enthalten.

Pharmazeutische Droge

Im pharmazeutschen und übrigens auch ursprünglichen Sinne wird mit dem Begriff „Droge“ (Niederländisch: „droog“ = „trocken“) zumeist getrocknetes Pflanzenmaterial (Arzneipflanzen) bezeichnet. Das Europäische Arzneibuch (Pharmacopoea Europaea, Ph. Eur.) monographiert Belladonnablätter (Belladonnae folium) und daraus hergestelltes Eingestelltes Belladonnapulver (Belladonnae pulvis normatus) sowie Eingestellten Belladonnablättertrockenextrakt (Belladonnae folii extractum siccum normatum). Als Drogen-Grundlage lässt das Arzneibuch sowohl die Blätter, als auch die blühenden (unter Umständen zum Teil auch fruchttragenden) Zweigspitzen zu. Die Einstellung des Pulvers auf einen bestimmten Wirkstoffgehalt (nämlich 0,3 Prozent) erfolgt entweder mittels Milchzucker (Lactose) oder mit gepulverten Belladonnablättern eines geringeren Wirkstoffgehalts. Im Folgenden wird auf Merkmale der Belladonnablätter (Belladonnae folium) eingegangen.

Makroskopische Merkmale

Die geschnitte Droge ist nur schwer zu identifizieren. Es sind braungrüne, leicht eingerollte und sehr zerbrechliche Blätter erkennbar. Ältere Blätter weisen auf den Blattnerven eine schwache Behaarung auf. Charakertistisch sind Blüten und Früchte, sofern sie vorhanden sind. Blüten weisen verwachsene Kelchblätter (Kelch mit gespreizten Zipfeln) und eine purpurfarbene bis gelbbraune Blütenkrone von länglich glockenförmiger Gestalt mit fünf Kurzen
Atropa bella-donna: Keimling © by Danny S.
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Atropa bella-donna: Keimling © by Danny S.
Zipfeln auf. Sie sind circa 2,5cm lang. Die Früchte sind grünlich schwarz bis violett schwarz und besitzen noch den ausdauernden Kelch. Die nierenförmigen Samen sind im reifen Zustand braun gefärbt. Die Droge schmeckt schwach bitter; auf sinnesphysiologische Überprüfung der Identität sollte aufgrund der Giftigkeit (Toxizität) verzichtet werden.

Mikroskopische Merkmale

Zur Identifizierung der Identität und auch zur Überprüfung der Reinheit können neben makroskopischen Merkmalen auch mikroskopische Merkmale herangezogen werden. Belladonnablätter weisen diesbezüglich einen bifacialen Blattquerschnitt mit einreihigem, chlorophyllhaltigem (grünen) Palisadengewebe, Calciumoxalat-Sand in Idioplasten sowie Palisaden- und Schwammgewebe (Schwammgewebe ebenfalls chlorophyllhaltig) auf. Die Leitbündel in den Blättern sind vom Typ der Schraubengefäße. Im Mesophyll finden sich weitere Oxalatsand-Zellen. Die Zellen der Epidermis der Blattunterseite weisen wellige Zellwände sowie Spaltöffnungen vom anisocytischen, zum Teil auch vom anomocytischen, Typ mit zumeist 3 Nebenzellen auf. Die Epidermiszellen besitzen eine deutliche Kutikularstreifung. Blatt-oberseits sind die Zellwände der Epidermis ebenfalls wellig, es sind jedoch nur vereinzelt Spaltöffnungen vorhanden. Drüsenhaare mit kurzem, einzelligem Stiel und eiförmigen, mehrzelligem Köpchen sowie Drüsenhaare mit langem, einreihig-mehrzelligem Stiel und rundem, einzelligem Köpchen sind vorhanden. Neben Blattmerkmalen können Blüten- und Fruchtmerkmale vorhanden sein. Blütenmerkmale sind: papillöse Epidermis, einreihig-mehrzellige Deckhaare und tricolporate Pollenkörner mit poriger Exine (Oberfläche/ Hülle); Fruchtmerkmale sind: stark wellige, dicke Zellwände (im Querschnitt U-förmig verdickt) in der Samenschale.

Pharmakologie

Wirkstoffe

Hauptwirkstoff: Hyoscyamin
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Hauptwirkstoff: Hyoscyamin
Atropinsulfat (DL-Hyoscyamin)
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Atropinsulfat (DL-Hyoscyamin)

Für die toxischen (giftigen) und in entsprechender Dosierung therapeutischen Effekte der Tollkirsche verantwortlich sind in erster Linie die sogenannten Tropan-Alkaloide. Dabei handelt es sich um Ester, also Stoffe die aus der Reaktion einer Carbonsäure mit einem Alkohol hervorgehen. Im Falle der Tollkirsche sind dies Ester von (alpha-) Tropanolen (=Tropine; Alkoholkomponente) und der Tropasäure. In den Blättern liegt der Gesamtgehalt an Tropan-Alkaloiden zwischen 0,1 und 1,2%, davon fallen 95 bis 98% auf das L-Hyoscyamin, womit dieses das Haptalkaloid darstellt. Weitere Tropan-Alkaloide sind L-Scopolamin und Atropin (DL-Hyscyamin; Racemat: 1:1-Gemisch aus L- und D-Hyoscyamin) sowie Belladonnin und Apoatropin. Weiterhin kommen in Spuren flüchtige Stickstoffbasen (unter anderem Nicotin, N-Methylpyrrolin und Pyrridin), Cumarine (Scopolin (Glycosid = „Zuckerverbindung“) und dessen Aglykon („zuckerfreies Molekül“) Scopoletin), Flavonglycoside, Gerbstoffe und organische Säuren wie die Bernsteinsäure vor.

Frische Blätter, Samen und unreife Früchte enthalten vorwiegend L-Hyoscyamin. Beim Trocknen der Pflanze (etwa für pharmazeutische Zwecke), aber auch im Rahmen der natürlichen Fruchtreife innerhalb der Früchte, wandelt sich ein großer Teil des L-Hyoscyamins in D-Hyoscyamin um, bis dass beide Komponenten in einem 1:1-Verhältnis vorliegen; diese Mischung aus gleichen Anteilen von D- und L-Hyoscyamin wird als DL-Hyoscyamin bezeichnet, meist jedoch Atropin genannt. Der Vorgang der Atropin-Bildung durch Umwandlung von L-Hyoscyamin ist eine Racemisierung, Atropin ein Racemat (Def.: 1:1-Gemisch aus zwei optisch aktiven Isomeren (Spiegelbildisomere/ Enantiomere) eines Stoffs; das eine Enantiomer ist linksdrehend (L bzw. S), das andere rechtsdrehend (D bzw. R); im Racemat hebt sich die optische Aktivität auf). Weil allein L-Hyoscyamin Wirksamkeit besitzt, nicht jedoch D-Hyoscyamin, ist Atropin etwa genau halb so stark wirksam wie L-Hyoscyamin, da dieses im Atropin zur zu 50% vorliegt, folglich ist L-Hyoscyamin auch doppelt so giftig wie Atropin.
Atropa bella-donna: Blüte © by Danny S.
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Atropa bella-donna: Blüte © by Danny S.

Wirkungen

Allgemein lässt sich sagen, die Tropan-Alkaloide der Tollkirsche, genauer Hyoscyamin/ Atropin, wirken als Anticholinergika, setzen also die Aktivität des cholinergen Systems (jenen Nervenzellen des vegetativen Nervensystems, zwischen denen Acetylcholin (ACh) die Reizübertragung vermittelt) herab, in der Regel indem sie die postsynaptischen („hinter der Synapse“) Acetylcholinrezeptoren besetzen und für das Acetylcholin blockieren, man spricht hier auch von Acetylcholin-Rezeptor-Antagonisten (Syn.: Muscarinrezeptor-Antagonist); dadurch ist die Reizübertragung von einer Nervenzelle auf die nächste oder auf einen Muskel unterbrochen. Muscarinerge ACh-Rezeptoren befinden sich vor allem im Parasympathikus, dem Teil des vegetativen Nervensystems, der in Ruhesituation aktiviert ist und zusammen mit seinem Gegenspieler, dem Sympathikus, Einfluss auf Herz-Kreislauf-Tätigkeit, Bronchien und Verdauungstrakt sowie weitere Organsysteme nimmt. Tropanalkaloide wirken durch ACh-Rezeptor-Blockade hemmend auf den Parasympathikus. Kompensatorisch werden adrenerge Nerven im Sympathikus (Parasympathikus-Gegenspieler; in Stresssituationen aktiviert) erregt. Schon niedrige Mengen wirken sich vor allem peripher (außerhalb des Zentralnervensystems) an den parasympathischen Nervenendigungen aus. Durch die Auswirkungen auf das vegetative Nervensystem werden im gesamten Körper Sekretausscheidungen (z.B. Tränenflüssigkeit, Speichel, Schweiß, Verdauungssekrete einschließlich Magensäure) unterdrückt respektive stark gedämpft (folglich kommt es beispielsweise zu Mundtrockenheit, trockenen Augen u.s.w.), die Herzfrequenz wird gesteigert, die Blutgefäße verengt und der Blutdruck angehoben, die glatte Muskulatur innerer Hohlorgane und des Verdauungskanals entspannt sich und die Bronchien werden geweitet. Am Auge kommt es zu einer Lähmung des parasympathisch gesteuerten Musculus sphincter pupillae, wodurch sich die Pupillen erweitern; diese Pupillenerweiterung (sog. Mydriasis) ist zusammen mit Mundtrockenheit sowie trockener, geröteter Haut (ggf. Übertemperatur, weil kein Schitzen mehr) und Herzrasen (=Tachykardie; oft nach anfänglicher Verlangsamung der Herzfrequenz (Bradykardie)) ein Leitsymptom der Tollkirschen- und Atropinvergiftung.

Atropa bella-donna: Samen © by Danny S.
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Atropa bella-donna: Samen © by Danny S.

Größere Mengen der Tollkirsche bewirken, bedingt durch Atropin und L-Hyoscyamin, eine Erregung des Zentralnervensystems (Gehirn, verlängertes Mark und Zwischenhirn) mit Halluzinationen und Tobsuchtsanfällen („Tollheit“) als Folge. Diese zentralnervösen Effekte sind darin begründet, dass die Wirkstoffe als Anticholinergika das acetylcholinerge System schwächen, wodurch im Zentralnervensystem der Einfluss des dopaminergen Systems (Dopamin) überwiegt; Dopamin, auch als „Glückshormon“ bekannt, führt dann zu Euphorie und Libidosteigerung, unter Umständen aber auch zu Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Verwirrungszuständen. Außerdem kommt es zu Vergesslichkeit/ Amnesie, weil ACh auch an der Gedächtnisfunktion beteiligt ist.

Niedrigere und mittlere Dosen an Atropin aktivieren das zentrale Atemzentrum. Über einen noch nicht völlig aufgeklärten Mechanismus wirken Atropin/ L-Hyoscyamin in hohen Dosen jedoch zentral lähmend auf das Atemzentrum; letale (tödliche) Dosen der Giftstoffe können zum Tod durch Atemlähmung führen. Potentiell tödlich sind für Menschen allgemein Mengen ab 3-4 (10) Beeren, entsprechend etwa ab 60 bis 100mg Atropin aufwärts, für Kinder sind bereits weit geringere Mengen (1-10mg Atropin) lebensbedrohlich. Toxikologische Daten zu Atropin (Tierversuche): mittlere letale Dosis (LD50), peroral (durch den Mund) aufgenommen: Mäuse: 400mg je kg Körpergewicht (KG); Ratten: 622mg/kg KG.

Scopolamin tritt aufgrund seines relativ geringen Gehalts gegenüber L-Hyoscyamin/ Atropin etwas in den Hintergrund. Es wirkt ebenfalls als ACh-Rezeptor-Antagonist; während L-Hyoscyamin/ Atropin eher zentral erregend wirken, besitzt Scopolamin jedoch eher zentral dämpfende Effekte, ist aber trotzdem ein sehr potentes Halluzinogen. Seine atemdepressive Wirkung ist wohl noch deutlicher ausgeprägt, als die von L-Hyoscyamin/ Atropin. Toxikologische Daten zu Scopolamin: LD50, intravenös, Maus: 163mg/kg KG; LD50, subcutan (Injektion unter die Haut), Maus: 1700mg/kg KG; geringste letale Dosis beim Menschen: 14mg, peroral (durch den Mund).

Atropa bella-donna: Blattunterseite © by Danny S.
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Atropa bella-donna: Blattunterseite © by Danny S.

Die freien Alkaloide sind recht lipophil (fettlöslich) und daher in der Lage, durch die intakte Haut in den Blutkreislauf aufgenommen zu werden. Darin begründet sich auch ihre Verwendung in mittelalterlichen „Hexansalben“: auch bei dieser Form der Anwendung können beträchtliche Mengen aufgenommen und entsprechende Symptome, einschließlich Wahnvorstellungen, beobachtet werden.

Ethnobotanik

Historie

Die Schwarze Tollkirsche stellt ein altes Hexenkraut und ein vielfach als Zauberpflanze angewandtes Kraut dar, wobei sie auf einer Ebene mit weiteren sagenumwobenen Pflanzen wie der Alraune (Mandragora officinarum) steht. In den bekannten Hexen- respektive Flugsalben fand sie sich vermutlich häufig; der Begriff „Flugsalbe“ und der „Hexenflug“ sind wohl auf Flugvorstellungen im Rahmen entsprechender Halluzinationen/ Sinnestäuschungen zurückzuführen. Ebenso wurde sie bereits seit Jahrhunderten gezielt als Rauschpflanze genutzt, in vielerlei Zubereitungen und auch roh. In manchen Kulturen wird die Tollkirsche von Jägern zur Hebung der Stimmung nach wie vor konsumiert. Mancherorts werden die Beerenfrüchte zur Intensivierung der Rotfärbung von Wein verwendet. Als Genussdroge ist Atropa belladonna aufgrund der toxikologischen Risiken und unangenehmen Begleiterscheinungen heutzutage nicht von großer Bedeutung. Psychogene Wirkungen treten erst ab einer Dosis auf, welche bereits im toxischen, also giftigem, Bereich liegt. Eine Nutzen-Risiko-Abwägung fällt also zugunsten der Risiken aus, wohingegen der Nutzen („Nutzen“ ist hier als nicht wertender Begriff zu sehen, da der Nutzen sich hier auf die vom Drogenkonsumenten erwünschten Rauschwirkungen bezieht) im Verhältnis zum Risiko gering ist. Die Pflanze ist als Rauschdroge nicht weit verbreitet, allerdings nimmt der Konsum halluzinogener und legal beschaffbarer Pflanzen („Naturdrogen“, deren Risiken unterschätzt werden; etwa auch bei Engelstrompete (Brugmansia sp.) und Stechapfel (Datura sp.) zu beobachten) in einschlägigen Kreisen generell durchaus zu.

Medizinische Verwendung

Zubereitungen aus Belladonnablättern (als Extrakt (Extractum Belladonnae)) fanden Gebrauch als spasmolytisches, das heißt entkrampfendes, Mittel im Magan-Darm-Kanal (bei Magengeschwüren, Verstopfung (durch verkrampfte Darmmuskulatur) und Koliken) sowie zur Entkrampfung und damit Erweiterung der Bronchien (bei Asthma).

Aufgrund der Toxizität (Giftigkeit) und damit verbundenen Risiken ist die Anwendung heutzutage nicht mehr gebräuchlich, da sicherere Alternativen zur Verfügung stehen.

Atropa bella-donna: junge Pflanze © by Danny S.
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Atropa bella-donna: junge Pflanze © by Danny S.

Nach wie vor im Einsatz ist das reine Atropin, in der Regel als Atropinsulfat („Atropinsalz der Schwefelsäure“), als Antidot (Gegengift) für bestimmte Vergiftungen und in der Augenheilkunde zur Pupillenerweiterung. Selten findet Atropin bei Hyperhydrosis (übermäßiges Schwitzen) wegen seiner stark schweißhemmenden Wirkung sowie bei Morbus Parkinson (hier wegen indirekter Stärkung des dopaminergen Systems) noch Verwendung.

Die Inhaltsstoffe der Tollkirsche sind verschreibungspflichtig. Von einer Anwendung der Pflanze im Rahmen der Selbstbehandlung oder der Anwendung zu Rauschzwecken ist aufgrund lebensbedrohlicher Risiken dringend abzuraten!

In der Homöopathie nach Hahnemann wurde Belladonna unter anderem bei Scharlach und Wundrose angewandt.

Vorkommen

Die Schwarze Tollkirsche ist eine weit verbreitete Waldpflanze, in trockenen Gebieten jedoch nur zerstreut bis selten anzutreffen. Zu den Habitaten (Lebensräumen) zählen mehr oder weniger frisch geschlagene Kahlschläge, Lichtungen und Wegränder (Waldwege). Es werden Böden mit relativ hohem Nährstoffgehalt und basischen Eigenschaften (meist kalkhaltig) bevorzugt. Die Pflanze meidet öfter austrocknende Böden ebenso wie zu nasse Böden; meist findet man sie auf mittelfeuchtem Untergrund. Weiterhin stellt sie einen ausgesprochenen Stickstoffanzeiger dar. Die Lichtausbeute beträgt an den Standorten im Sommer bei voller Belaubung der Bäume bis zu 20 Prozent, das heißt 20 Prozent des Tageslichtes dringen bis zur Pflanze vor (relative Beleuchtungsstärke bei diffuser Beleuchtung).

Deutschlandweit ist die Tollkirsche natürlicherweise verbreitet in den Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pflanz, Saarland, Nordrhein-Westfalen (Osten; im Süden nur zerstreut), Hessen, Thüringen, Niedersachsen (Süden), Sachsen und Sachsen-Anahlt (Süden; Harzgebiet). In Brandenburg gilt Atropa bella-donna als selten anzutreffender Neophyt. Ebenso als Neophyt wird er in Mecklenburg-Vorpommern betrachtet, wo die Art jedoch inzwischen wieder als ausgestorben angesehen wird. (Ein Neophyt ist definiert als eine Pflanze, welche nach der Entdeckung Amerikas (1492) in einem fremden Gebiet eingeschleppt wurde/ dort hin eingewandert ist und sich dort dauerhaft etablieren konnte.) Über die Grenzen Deutschlands hinaus ist die Schwarze Tollkirsche in weiten Teilen Europas und Kleinasiens verbreitet.

Atropa bella-donna: Frucht
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Atropa bella-donna: Frucht

Ökologie

Die Schwarze Tollkirsche Atropa bella-donna wird vorwiegend durch Insekten (Insecta) bestäubt, vor allem durch Hummeln (Bombus), durchaus aber auch durch andere Hautflügler (Hymenoptera). Die Blüten weisen eine sogenannte Vorweiblichkeit auf, was bedeutet, dass die weiblichen Organe (Gynoceum) der Blüte (genauer: die Narben des Gynoceums) sich öffnen und für männliche Keimzellen (Pollen) belegbar werden, bevor sich die Staubbäuter öffnen und die eigenen Pollen freigeben. Somit wird eine Befruchtung durch Pollen der eigenen Blüte(n) minimiert und die Chance zur Vermischung verschiedenen Erbguts erhöht. Die Ausbreitung der Samen erfolgt durch Endozoochorie, die Früchte werden also von Tieren gefressen und die unverdaulichen Samen an einem anderen Ort wieder ausgeschieden. Da es sich bei Atropa bella-donna um einen Kältekeimer handelt, ist für die Keimung der Samen eine Periode kühlerer Temperaturen (unter 5° Celsius, gegebenenfalls Frost) erforderlich.

Quellen

Literatur

  • Rothmaler, Jäger et al.: Rothmaler; Exkursionsflora von Deutschland. Gefäßpflanzen: Grundband., Auflage 20, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2011. ISBN 978-3-8274-1606-3.
  • Roth, Daunderer & Kormann: Giftpflanzen - Pflanzengifte, Auflage 5, NIKOL Verlag. ISBN 3868200096.
  • Alberts & Mullen: Psychoaktive Pflanzen, Pilze und Tiere, Kosmos Verlag, Stuttgart 2006. ISBN 3-440-10749-3.
  • Rahfeld: Mikroskopischer Farbatlas pflanzlicher Drogen, Spektrum Akademischer Verlag, 2009. ISBN 978-3-8274-1951-4.
  • Stahl & Schild: Pharmazeutische Biologie, 4.; Drogenanalyse II: Inhaltsstoffe und Isolierungen, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart/ New York, 1981, ISBN 3-437-20209-X.
  • Pahlow: Das grosse Buch der Heilpflanzen, Bechtermünz Verlag. ISBN 3-8289-1839-5.
  • Reichl: Taschenatlas der Toxikologie, 2. Auflage, Nikol Verlag, Hamburg 2008, ISBN 978-3-86820-005-8.
  • Stichmann & Stichmann-Marny: Der Kosmos Pflanzenführer, Franckh Kosmos. ISBN 3-440-07364-5.
  • Holm & Herbst: Botanik und Drogenkunde, Deutscher Apotheker Verlag, 9. Auflage. ISBN 978-3-7692-5240-8.
  • Eisenreich, Handel & Zimmer: BLV-Handbuch Tier und Pflanzen, BLV Verlagsgesellschaft mbH, ISBN 3-405-16740-X.
  • Willfort: Gesund durch Heilkräuter, 9. Auflage 1967, Rudolf Taruner Verlag Linz.
  • de Gruyter: Pschyrembel; Klinisches Wörterbuch, 261. Auflage, 2007, Walter de Gruyter, Berlin, New York, ISBN 978-3-11-018534-8.
  • Burkart et al.: Botanica – das ABC der Pflanzen, Tandem Verlag GmbH 2003 (Weltbild 2010).
  • Bianchini, Corbetta & Pistoia: Der große Heilpflanzenatlas, Unipart Verlag, Stuttgart 1986, ISBN 3-8122-0198-4.
  • Köhler: Rauschdrogen: Geschichte, Substanzen, Wirkung, C.H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56245-7.

Weblinks

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