Spitzgebuckelter Raukopf

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Giftig! Spitzgebuckelter Raukopf

Systematik
Reich: Pilze (Fungi)
Abteilung: Basidienpilze (Basidiomycota)
Klasse: Ständerpilze (Basidiomycetes)
Ordnung: Blätterpilze (Agaricales)
Familie: Schleierlingsartige (Cortinariaceae)
Gattung: Schleierlinge (Cortinarius)
Untergattung: Rauköpfe (Leprocybe)
Art: Spitzgebuckelter Raukopf
Wissenschaftlicher Name
Cortinarius rubellus
Cooke

Der Spitzbuckelige Raukopf (Cortinarius rubellus), unter anderem auch unter den Namen Spitzbuckeliger Orangeschleierling und Cortinarius speciosissimus bekannt, ist ein hochgiftiger Pilz aus der Familie der Schleierlingsartigen (Cortinariaceae) und zählt innerhalb der Gattung der Schleierlinge (Cortinarius) zur Untergattung der Rauköpfe (Leprocybe). Erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde er von Mordecai Cubitt Cooke. Im Englischen wird die Art Deadly webcap genannt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen

Die Form des Spitzgebuckelten Raukopfes ist allgemein recht schlank. Der Hut ist anfangs noch halbgekugelt, später konvex. Manchmal ist der Hut auch nahezu flach, allerdings dann oft wellig. In der Mitte ist der Hut kegelig bis spitz gebuckelt, insgesamt erreicht er einen Durchmesser von drei bis acht Zentimetern. Die Huthaut weist eine orangebraune bis fuchsig rotbraune Färbung auf und ist faserschuppig sowie am Rand etwas aufgehellt. Die entfernt zueinander stehenden, breiten und dicken Lamellen der Hutunterseite sind orangebraun bis rot- oder rostbraun gefärbt. Die warzig bis punktierten Sporen des Pilzes sind recht oval geformt und rostbraun gefärbt. Der Stiel weist eine Höhe von unter sechs bis maximal zwölf sowie eine Dicke von 0,5 bis 1,5 Zentimetern auf und ist orangebraun bis gelbbraun gefärbt. Er hat eine keulenartige Form, ist längs etwas gestreift und hat eine gelblich Natterung (Faserung). Wie bei allen Arten der Schleierlinge zeigt sich auch beim Spitzgebuckelten Raukopf bei den jungen Fruchtkörpern (oberirdischer Teil des Pilzes) eine Velum partiale (Membran), die vom Hutrand abwärts Teile des Stiels bedeckt und schützt, später aufreißt und dann als sogenannter "Schleier" (Cortina) am Hutrand zurückbleibt. Das gesamte Fruchfleisch des Pilz-Fruchtkörpers, das sogenannte Trama, ist blass orange bis bräunlich gelb gefärbt, der Pilz hat einen schwachen, "typischen" Pilzgeruch, zudem riecht er leicht nach Rettich. Der gesamte Fruchtkörper ist frei von schleimigen Überzügen, wie es bei anderen Schleierlings-Arten häufig der Fall ist. Der Geschmack des Pilzes ist unauffällig, von einer Geschmackprobe dieses Giftpilzes ist jedoch dringend abzuraten, auch wenn das Probestückchen sofort wieder ausgespieen wird.

Toxizität

Der Spitzgebuckelte Raukopf ist ein tödlich giftiger Pilz. Die Giftigkeit der Rauköpfe wurde erst genauer untersucht, als es 1952-1957 in Polen zu einer Massenvergiftung mit einem nahen Verwandten des Spitzgebuckelten Raukopfes, dem Orangefuchsigen Raukopf (Cortinarius orellanus), kam. Von 132 Patienten starben über 19 Personen. Bis dahin war nicht mal von giftigen Schleierlingen (Cortinarius) die Rede gewesen. Beim Spitzgebuckelten Raukopf ist sogar eine noch längere Latenzzeit (Zeitraum zwischen Verzehr des Pilzes oder der Pilze und dem Auftreten erster Vergiftungssymptome) als beim Grünen Knollenblätterpilz (Amanita phalloides, Latenzzeit max. 48 Stunden) nachgewiesen. Die ersten Vergiftungsanzeichen treten, ähnlich wie beim Orangefuchsigen Raukopf, frühestens 36 Stunden, im Extremfall erst zwei Wochen nach der folgeschweren Intoxikation (Giftaufnahme) auf, was zwar nicht zwangsläufig sein muss, aber durchaus sein kann. Zu einem solchen Zeitpunkt ist die Schädigung durch das Gift bereits sehr weit fortgeschritten. Der Stoff, der für die Giftwirkung verantwortlich ist, ist das Gift (Toxin) Orellanin (C10H8N2O6), welches nach dem Orangefuchsigen Raukopf, C. orellanus , benannt wurde. Die chemische Zusammensetzung von Orellanin ist sehr komplex. Beim Spitzgebuckelten Raukopf kommt es als Orellanindiglucosid vor und wird im Magen zu Orellanin umgewandelt. Orellanin schädigt das Gewebe der Nieren, es zählt also zu den sogenannten Nephrotoxinen (von griechisch Nephros = Niere). Zu den ersten Symptomen die Auftreten zählen Durstgefühl, Schmerzen der Nieren, Versiegen der Urinproduktion und Kopfschmerzen. Der Tod tritt nach zwei bis drei Wochen, selten auch nach mehreren Monaten durch Nierenversagen ein. Die Vergiftung mit Orellanin wird als Orellanus-Syndrom bezeichnet.

Bei dem Verdacht auf eine Vergiftung durch den Spitzgebuckelten Raukopf oder einen seiner nicht minder giftigen Verwandten (u.a. Orangefuchsiger Raukopf, aber auch Löwengelber Raukopf (Cortinarius limonius)) ist sofort ein Arzt einzubeziehen. Sofern die verhängnisvolle Mahlzeit nicht bereits zu lange zurückliegt wird medizinisch Erbrechen herbeigeführt und eine Magenspülung unternommen, um die weitere Aufnahme von Giftstoffen zu verhindern, Aktivkohle zur Bindung der sich noch im Darm befindenden Giftstoffe verabreicht und der Darm entleert (in den Blutkreislauf gelangen die Gifte vor allem über die Darmwand). Es sollten auch unbedingt ein oder mehrere Pilze mitgebracht werden, damit diese bestimmt werden können, um den Verlauf der weiteren Behandlung festlegen zu können. Eine Bestimmung kann mit etwas Glück notfalls auch anhand der Reste aus dem Magen durchgeführt werden. Eine Dialyse (Blutwäsche) ist erst bei starkem Rückgang der entgiftenden Nierenfunktion aufgrund der nephrotoxinen Schädigung anzuraten.

Doppelgänger

Verwechslungsgefahr

Verwechslungsmöglichkeiten mit essbaren Pilzen sind zwar möglich, aber es gibt nur wenige Pilze, die von dem Spitzgebuckelten Raukopf kaum zu unterscheiden sind. Allerdings ist es ratsam zu erwähnen, dass man jeden Pilz, der annähernd Ähnlichkeiten mit diesem tödlich giftigen Pilz aufweist, stehen lassen sollte! Am Ehesten ist eine Verwechslung noch mit verwandten Arten möglich, beispielsweise mit dem Orangefuchsigen Raukopf (Cortinarius orellanus) oder dem Löwengelben Raukopf (Cortinarius limonius). Allerdings bevorzugt der Orangefuchsige Raukopf trockenere Eichen- und Kiefernmischwälder, hat keinen spitzgebuckelten Hut und hat in der Regel eher gelblich-orangefarbene Lamellen. Auch mit anderen Schleierlingen (Cortinarius) wie Hautköpfen (Cortinarius, Untergattung Dermocybe) ist eine Verwechslung nicht auszuschließen. Im Jahr 2003 wurde drei Jugendlichen ihre Unkenntnis zum Verhängnis. In der Absicht und der Überzeugung den berauschend und psychoaktiv wirkenden, psilocybinhaltigen Spitzkegeligen Kahlkopf (Psilocybe semilanceata) zu finden und nun vor sich zu haben, hatten sie
Lebensraum Fichtenwald/-forst
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Lebensraum Fichtenwald/-forst
versehentlich den Spitzbuckeligen Raukopf eingesammelt und verzehrt. Gerettet werden konnten alle drei in letzter Minute durch eine Nierentransplantation. Verwechselbare Speisepilze sind beispielsweise Pfifferlinge (Cantharellus cibarius), junge Pfifferlinge können bei flüchtigem Blick mit den jungen Fruchtkörpern eines Raukopfes verwechselt werden, es gilt also: immer mehrmals hinschauen. Und wie bei allen Pilzen gilt es, bereits beim ersten Anzeichen von Zweifel an der Bestimmung einen Pilz liegen zu lassen, nur sammeln, was man zu hundert Prozent kennt!

Verbreitung

Vorkommen und Standort

Der Spitzgebuckelte Raukopf hat ein recht zerstreutes Verbreitungsgebiet über dem gesamten europäischen Kontinent. Am häufigsten ist er wahrscheinlich im Alpenbereich anzutreffen, insbesondere im Alpenvorland. Nach Norden zu wird er seltener und in Norddeutschland fehlt er in weiten Teilen, auch nach Süden hin nimmt seine Häufigkeit ab. In Südeuropa ist er nur noch zerstreut anzutreffen.

Das Mycel (Pilzgeflecht) des Spitzgebuckelten Raukopfes, also der eigentliche, unterirdisch wachsende Pilz (der oberirdische Teil ist der Fruchtkörper und dient nur der Fortpflanzung), wächst bevorzugt in sauren, nährstoffarmen und feuchteren Böden in Nadelwäldern, gerne auch in Moorwäldern unter Fichten zwischen Torfmoos. Die Fruchtkörper des Pilzes erscheinen von Frühsommer (Juni/Juli) bis in den späten Herbst (Oktober).

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Erwald Gerhardt: BLV Bestimmungsbuch: Pilze, BLV Verlagsgesellschaft mbH, Auflage 3, ISBN 3-405-13401-3
  • A. Gminder und T. Böhning: Kosmos Naturführer: Welcher Pilz ist das?, Franckh Kosmos Verlags-GmbH und Co. KG, ISBN 3-440-10797-3
  • T. R. Lohmeyer & Ute Künkele: Pilze bestimmen und Sammeln, Parragon Books Ltd., ISBN 978-1-4054-8695-8
  • GEO Themenlexikon: Tiere und Pflanzen: Geschöpfe, Arten, Lebensräume; Teil 3 / Bd. 35. ISBN 3765394652

Systematik

  • Erwald Gerhardt: BLV Bestimmungsbuch: Pilze, BLV Verlagsgesellschaft mbH, Auflage 3, ISBN 3-405-13401-3
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