Tagpfauenauge

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Tagpfauenauge

Systematik
Klasse: Insekten (Insecta)
Unterklasse: Geflügelte Insekten (Pterygota)
Überordnung: Neuflügler (Neoptera)
Ordnung: Schmetterlinge (Lepidoptera)
Familie: Edelfalter (Nymphalidae)
Gattung: Inachis
Art: Tagpfauenauge
Wissenschaftlicher Name
Inachis io
(Linnaeus, 1758)

Das Tagpfauenauge (Inachis io) zählt innerhalb der Familie der Edelfalter (Nymphalidae) zur Gattung Inachis. Im Englischen wird die Art als Peacock butterfly bezeichnet. Erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde das Tagpfauenauge im Jahre 1758 von dem schwedischen Naturwissenschaftler Carl von Linné.

Für das Jahr 2009 wurde das Tagpfauenauge vom BUND NRW Naturschutzstiftung und der Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen e.V. zum Schmetterling des Jahres gewählt. Mit der Wahl dieses Falters soll auf die zunehmende Klimaerwärmung aufmerksam gemacht werden. Schon heute kommt es häufig zu einer zweiten Generation des Tagpfauenauges, was früher die Ausnahme war und ausschließlich in sehr langen Sommern oder in den wärmsten Gebieten Mitteleuropas vorkam. Andere Schmetterlingsarten bringen in Folge der Klimaerwärmung sogar wesentlich mehr Generationen als üblich hervor.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Ansicht der Flügelaußenseite
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Ansicht der Flügelaußenseite

Aussehen und Maße

Das Tagpfauenauge erreicht eine Flügelspannweite von 45 bis 65 Millimetern, womit es zu den größeren Edelfaltern zählt. Die Oberseite des Körpers, der in Kopf (Caput), Brust (Thorax) und Hinterleib (Abdomen) gegliedert ist, weist eine bräunliche Färbung sowie eine deutliche Behaarung auf, der Hinterleib kann darüber hinaus je nach Lichteinfall einen weißlichen Glanz erkennen lassen. Die Gliederung des Chitinpanzers ist gut zu erkennen. Die Beine des Tagpfauenauges sind schwarz und weiß gescheckt, die Komplexaugen sind bräunlich schwarz marmoriert und die Fühler sind schwarz, hell gesprenkelt und besitzen einen hellen Punkt an der keulenartig ausgebildeten Spitze. Die Flügeloberseite respektive Innenseite ist rostrot in ihrer Grundfärbung, die hinteren Ränder weisen einen schmalen, schwarzen Rand und einen breiteren, bräunlichen Saum auf. Charakteristisch sind die großen Augenflecken der Flügelinnenseiten. Auf dem hinteren Flügelpaar zeigen sich je ein blau schillerndes, schwarz umrandetes und auf den Vorderflügeln je ein weißes, größtenteils schwarz umrandetes Scheinauge mit einem roten Mittelpunkt und oft einem Feld, wo das weiß in blau übergeht. Außerdem sind auf den Hinterflügeln ein helles Band über jedem der beiden Augenflecken und mehrere kleine, weiße Pünktchen auf den Vorderflügeln zu erkennen. Die vorderen Ränder der Vorderflügel sind schwarz-weiß gestreift und es sind schwarze Flecken auf den Vorderflügeln vorhanden. Die Flügelunterseiten sind dunkelbraun bis fast schwarz gefärbt, sie weißen eine leichte Marmorierung und dunklere Querstreifen sowie vereinzelt hellere, ockerfarbene Regionen und Pünktchen auf. Allgemein sind die Flügelränder leicht gezackt und geschwungen. Die Raupen des Tagpfauenauges sind schwarz gefärbt und stark bedornt. Sie erreichen bis zu ihrer Verpuppung eine Körperlänge von insgesamt etwa 42 Millimetern.

Lebensweise

Die Falter sind mit der ersten Generation des Jahres in Extremfällen bereits ab Februar fliegend zu beobachten, sofern sich die Temperaturen im Februar entsprechend anheben. Sonst kommen die ersten Tiere des Tagpfauenauges etwa ab März an die Luft und beginnen auf Nahrungssuche zu gehen. Die zweite Generation sind die Nachkommen der ersten Generation und gleichsam die erste Generation des nächsten Jahres. Sie fliegen bis in den Oktober hinein und überwintern in Höhlen und Erdhöhlen wie Fuchsbauten, Klippspalten, Hütten, Scheunen, Kellern, Garten- und Gewächshäusern, Baumhöhlen, auf Dachböden oder in ähnlichen Versteckmöglichkeiten. Die Temperaturen in den Winterquartieren dürfen nicht zu hoch sein, überwintert ein Falter beispielsweise in dem Heizraum im Keller eines Hauses, geht der Stoffwechsel des Schmetterlings in gewöhnlichem Tempo weiter und die Energiereserven werden schnell aufgebraucht, so dass das Tagpfauenauge bald stirbt. Sind die Temperaturen niedrig, kann der Falter lange von den Energiereserven zehren und den Winter so überdauern. Auch durch zu geringe Luftfeuchtigkeit
Lebensraum: Blumenwiese
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Lebensraum: Blumenwiese
kommt es oft zum Tod der Falter, wenn sich diese für den Winter in menschlichen Behausungen einnisten, vor allem am Dachboden, Keller sind in der Regel feucht genug für die Art. Tagpfauenaugen sind am Tage aktive Schmetterlinge, die häufig auf ihren Futterpflanzen sitzend oder durch Gärten, Wiesen und Felder fliegend zu beobachten sind. Die Raupen sind anfangs gesellig lebend, oft kommen sie zu hunderten in einem Brennnesselbestand vor. In späteren Entwicklungsstadien suchen sie jeder für sich alleine Plätze für die folgende Verpuppung.

Verbreitung

Vorkommen

Das Tagpfauenauge hat über Europa und Asien ein weit reichendes Verbreitungsgebiet. Die Art kann in allen Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland nachgewiesen werden. Auch ist das Tagpfauenauge mit Ausnahme des Nordens Skandinaviens in nahezu ganz Europa anzutreffen. Nach Osten hin kommt es über ganz Asien bis nach Japan vor, fehlt aber im Norden Russlands, im tief tropischen Südosten Asiens sowie in den kargen Steppen und Wüsten. Der Falter ist in den alpinen Gebieten bis in 2.500 Meter Höhe anzutreffen, wo er nur eine Generation pro Jahr hervorbringt.

Lebensraum

Das Tagpfauenauge ist in offenem Gelände fast überall häufig aufzufinden. Es kommt in Gärten, Parkanlagen und auf Agrarflächen, bachbegleitenden Wiesen, Magerrasen, an Waldrändern und auch in lichten Wäldern, nicht jedoch in dunkleren Wäldern mit dichtem Baumbestand und Kronendach vor. Auch direkt an Seen und Flüssen oder auf Halden kommt der Schmetterling vor.
Erwachsene Raupe vom Tagpfauenauge
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Erwachsene Raupe vom Tagpfauenauge
Grundvoraussetzung für sein Vorkommen ist das unmittelbare Vorhandensein von Blütenpflanzen für die Ernährung der ausgewachsenen Falter und ein ausreichender Bestand mit Großen Brennnesseln (Urtica dioica) in der näheren Umgebung als Futterpflanzen für die Raupen.

Fortpflanzung

Paarung und Entwicklung

Die Fortpflanzungszeit beginnt mit den langsam steigenden Temperaturen nach dem überstandenem Winter. Die Geschlechtspartner suchen und finden sich am Tag. Die Kopulation, also die Begattung, bei der das Männchen seinen Samen (altgr. Spérma = Keim, Same) zur Befruchtung der Eizellen durch die weibliche Geschlechtsöffnung einführt, erfolgt nur während der Nacht. Das Weibchen des Tagpfauenauges legt die Eier, welche eine grünlich goldene Färbung und einen metallischen Glanz aufweisen, alle auf einen Fleck an der Unterseite eines Brennnesselblattes ab. Sie kann zwischen 50 und 100 Eier legen. Die Eier entwickeln sich etwa vierzehn Tage lang bis zum Schlupf der Raupen. Das Männchen verteidigt die Eier während dessen, soweit es ihm möglich ist. Es bewacht die Anflugwege zu den Nesseln. Wird es gestört, umkreist es den Eindringling und gibt knisternde Geräusche mit den Flügeln von sich, um den Feind zu verwirren und zu verjagen. Die frisch geschlüpften Raupen weisen noch eine grüne Färbung auf. Erst nach mehreren Häutungen sind sie dann schwarz gefärbt und weisen über die gesamte Körperoberfläche die typischen weißlichen Pünktchen und die starke Bedornung auf. Kurze Zeit nach dem Schlupf beginnen sich die Raupen bereits ein weißes Gespinst zu spinnen, das ihnen als Gemeinschaftsnest dient. Diese Gemeinschaftsnester sind oft bereits vom weiten zu erkennen, wenn sich eine große Anzahl von Raupen in einem Brennnesselbestand befindet. Vor der Verpuppung nach etwa 30 Tagen Raupenstadium erreichen die Raupen eine Länge zwischen 35 und 42 Millimetern. Zur Verpuppung ziehen sich die Raupen in einzelne Verstecke unter Blättern, beispielsweise unterhalb der Stielbasis eines Brennnesselblattes, zurück. Dort legen sie dann um sich herum einen grünlich Kokon an, der frei nach unten hängt (Stürzpuppe). In diesem Kokon findet die vollkommene Metamorphose (Holometabolismus) von der Raupe zum Falter statt. Die Raupen lösen sich durch abgesonderte Verdauungssäfte nahezu vollständig auf, einige Zellen bleiben intakt. Aus diesen übrigen Zellen entwickelt sich nun der Imago, also das ausgewachsene Tagpfauenauge. Die benötigte Energie wird aus den vorverdauten Resten der Raupe bezogen. Der Prozess der Zellzersetzung wird „Histolyse”, die Neuentstehung der Zellen „Histogenese” genannt. Nach etwa 20 Tagen schlüpfen daraus die fertigen Falter. Mit den folgenden Bildern wird die Metamorphose des Tagpfauenauges dargestellt.

Ernährung

Die Imagines (Singular Imago; = ausgewachsene Insekten) des Tagpfauenauges saugen mit ihrem einrollbaren Rüssel, der als eine Art Strohhalm fungiert und unterhalb zwischen den beiden Komplexaugen liegt, den Nektar von verschiedenen Blüten. Zu den Blütenpflanzen, an denen Tagpfauenaugen regelmäßig zu beobachten sind, zählen Veilchen (Viola), Leberblümchen (Hepatica nobilis), Blüten von Salweiden (Salix caprea) und Schlehen (Prunus spinosa) sowie Klee (Trifolium), Gewöhnlicher Wasserdost (Eupatorium cannabinum), verschiedenste Disteln (beispielsweise Kratzdisteln (Cirsium)), Huflattich (Tussilago farfara) und einige andere. Auch verschiedenste Kulturpflanzen des Gartens werden von Tagpfauenaugen besucht, darunter der Schmetterlingsflieder (Buddleja davidii), Flieder (Syringa) und Alpenrose (Rhododendron). Die Raupen ernähren sich nahezu ausschließlich von den Blättern der Großen Brennnesseln (Urtica dioica). Allerdings fressen die Raupen der Tagpfauenaugen diverser Inselpopulationen des östlichen Mittelmeeres auch andere Pflanzen, da dort die Große Brennnessel fehlt.
Futterpflanze: Huflattich (Tussilago farfara)
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Futterpflanze: Huflattich (Tussilago farfara)

Ökologie

Parasiten, Prädatoren und Verteidigung

Das Tagpfauenauge ist als Insekt vielen großen Gefahren ausgesetzt und eigentlich als beinahe wehrlos zu betrachten. Allerdings verfügt der Schmetterling über sehr gute Verteidigungsstrategien, genauer über gute Täuschungsfähigkeiten gegenüber seinen Fressfeinden, den Prädatoren. Droht Gefahr, so sperrt der Falter ruckartig seine Flügel auf und zeigt seine Augenflecken und seine bunte Farbentracht. Dies soll dem Feind zur Abschreckung ein großes und gefährliches Tier vormachen und ihn so in die Flucht schlagen. Zusätzlich können die Tiere zur Abschreckung knisternd-zischende Geräusche mit den Flügeln von sich geben. Außerdem ist das Tagpfauenauge mit zusammengeklappten Flügeln beispielsweise an einem Baum oder auf dunklem Boden bestens getarnt. Zu den Hauptfeinden zählen Vögel (Aves) und Kriechtiere (Reptilia) sowie Spinnentiere (Arachnida) wie die Veränderliche Krabbenspinne (Misumena vatia) aus der Ordnung der Webspinnen (Araneae), welche sich von den Augenflecken nicht abschrecken lassen. Eine große Gefahr stellen auch einige parasitär lebende Tiere dar, darunter zum Beispiel einige Arten von Fliegen (Brachycera), welche sich parasitär von den Raupen des Tagpfauenauges ernähren.

Beziehungen zur Umwelt

Schmetterlinge (Lepidoptera) können allgemein sehr gut als Umweltindikatoren, im Falle lebendiger Organismen umgangssprachlich auch als „Zeigerorganismen” (zeigen Umweltveränderungen und Umweltfaktoren an) bezeichnet, zum Einsatz kommen. Sie passen sich sehr schnell an wechselnde Umweltbedingungen an, was am Beispiel des Admirals (Vanessa atalanta) deutlich wird, da dieser anstatt sich über den Winter wieder zurück in den warmen Süden zu ziehen, gehäuft in Mitteleuropa überwintert, weil die Winter hier immer milder werden und das winterliche Klima somit akzeptabel für den Admiral wird. Andere Schmetterlinge, die an das kühlere Klima gebunden sind, werden weiter in den Norden zurückgedrängt, es kommt zu einer regelrechten Verschiebung der Verbreitungsgebiete. Das Tagpfauenauge verdeutlicht die Klimaerwärmung durch seine Anzahl an Generationen pro Jahr. Waren es vor wenigen Jahrzehnten bis Jahren noch eine und nur in den wärmsten Gebieten
REM-Aufnahme des Kopfes
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REM-Aufnahme des Kopfes
Mitteleuropas und während übermäßig lang anhaltenden Sommern zwei Generationen, so sind zwei Generationen von Tagpfauenaugen in einem Jahr heutzutage die Regel. Begünstigt wird dies durch länger anhaltende warme Temperaturen, so können sich die Eier und Raupen besser und schneller entwickeln. Bei anderen Arten von Schmetterlingen kann es in Folge der Klimaerwärmung zu drei bis vier Generationen jährlich kommen. Man kann für einige Tiere also auch von Vorteilen aus dem Klimawandel sprechen.

Gefährdung und Schutz

Das Tagpfauenauge ist allgemein nocht sehr häufig anzutreffen und es ist nicht akut gefährdet, was es unter anderem seiner Anspruchslosigkeit zu verdanken hat. Durch die zweiten Generationen kann man womöglich sogar von einem Anstieg der Populationen sprechen. Allerdings ist auch dieser Schmetterling bedroht, durch den Menschen. Insbesondere Insektenbekämpfungsmittel (Insektizide), die eigentlich gegen Schadinsekten eingesetzt werden, tragen immer wieder auch unter den Tagpfauenaugen zu Verlusten bei, da viele Insektizide auch unbeteiligte und nützliche Insekten töten. Auch die Vernichtung von Wildpflanzen und Brennnesselbeständen stellt ein Gefährdungsfaktor dar. Des Weiteren ist nicht außer Acht zu lassen, dass auch gentechnisch manipulierter Mais gefährlich für die Falter ist! Laut einer Studie sollen 20 Prozent von Tagpfauenaugenraupen gestorben sein, nachdem sie Brennnesselblätter gefressen hatten, die mit Gen-Mais-Pollen kontaminiert waren. Wer das Tagpfauenauge schützen will, tut schon einen großen Schritt, indem er in seinem Garten eine Ecke mit Disteln und Brennnesseln kontrolliert verwildern lässt oder gar Blütenwiesen anlegt, um dem Falter und seinen Raupen Nahrung zu bieten. Auch sollte man auf Feldern, Wiesen und in lichten Wäldern keine seltenen Pflanzen pflücken und auch keine große Mengen von häufiger vorkommenden Blütenpflanzen mitnehmen. Auch der Verzicht auf Gen-Mais und das Verwenden von biologischen und umweltfreundlichen Pflanzenschutzmitteln kommt den Schmetterlingen zu Gute.

Galerie

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • GEO Themenlexikon: Tiere und Pflanzen: Geschöpfe, Arten, Lebensräume; Teil 3 / Bd. 35. ISBN 3765394652
  • Heiko Bellmann: Der große Kosmos Tierführer - 1.000 Arten Mitteleuropas, Franckh Kosmos Verlag, ISBN 3-440-10093-6
  • Die Tiere der Welt - wie sie sich entwickelten und wie wir sie heute sehen und ordnen (ohne ISBN-Nummer)
  • W. Eisenreich, A. Handel und U. Zimmer: BLV-Handbuch Tiere und Pflanzen, BLV Verlagsgesellschaft mbH, ISBN 3-405-16740-X
  • Heiko Bellmann: Welches Insekt ist das?, Franckh-Kosmos Verlag, ISBN 3440098745
  • W. Stichmann, E. Kretzschmar: Kosmos Tierführer, Franckh-Kosmos Verlag, ISBN 3440095754
  • Selten und schön - Blumen und Schmetterlinge unserer Heimat, für "Quelle" von Urania-Verlag Leipzig - Jena - Berlin, Sailer-Verlag Nürnberg, BNR: 199.191.8
  • Mike & Peggy Briggs: THE NATURAL HISTORY of the BRITISH ISLES, Parragon Verlag, ISBN 9781405482981

Weblinks

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