Tana-Stummelaffe

aus Tierdoku, der freien Wissensdatenbank

Tana-Stummelaffe
Foto/Zeichnung folgt.

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mamalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Trockennasenaffen (Haplorhini)
Familie: Meerkatzenverwandte (Cercopithecidae)
Unterfamilie: Schlank- und Stummelaffen (Colobinae)
Gattung: Rote Stummelaffen (Procolobus)
Art: Tana-Stummelaffe
Wissenschaftlicher Name
Piliocolobus rufomitratus
oder
Procolobus rufomitratus (veraltet)
Peters, 1879

IUCN-Status
Endangered (EN)

Der Tana-Stummelaffe (Piliocolobus rufomitratus) zählt innerhalb der Familie der Meerkatzenverwandten (Cercopithecidae) zur Gattung der Roten Stummelaffen (Procolobus). Im Englischen wird die Art Eastern Red Colobus oder Tana River Red Colobus genannt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der schlank gebauten Tana-Stummelaffe erreicht eine Körperlänge von 45 bis 67 cm, eine Schwanzlänge von 52 bis 80 cm sowie ein Gewicht von 5.100 bis 11.300 (5.800) g. Das Fell ist dorsal dunkelgrau bis grauschwarz gefärbt, ventral, auf dem Kopf und den Innenseiten der Gliedmaßen zeigt sich eine rötlichbraune bis graubraune Färbung. Markant ist die rotbraune Kappe des Oberkopfes. Die Finger sind ausgesprochen lang, der Daumen ist rückgebildet. Dies stellt eine Anpassung an das Baumleben dar. (Nowak, 1999).

Lebensweise

Tana-Stummelaffen leben in großen geselligen Gruppen mit bis zu 50 Individuen. Eine Gruppe weist 1 bis 2 Männchen, mehreren Weibchen sowie deren Nachwuchs auf. In stark fragmentierten Lebensräumen erreicht eine Gruppe jedoch nur eine Stärke von bis zu 30 Tieren. Tana-Stummelaffen sind tagaktiv. Die aktive Zeit teilt sich wie folgt auf: Ruhen 47,8%, Nahrungssuche und -aufnahme 30%, Fortbewegung 7,2%, Komfortverhalten (Autogrooming) 4,1%, andere soziale Interaktionen 3,4%. Die Nahrungssuche erfolgt für gewöhnlich in den frühen Morgenstunden und am späten Nachmittag. Zwischen den einzelnen Männchen kommt es häufig zu agonistischer Verhaltensweise und ist geprägt durch Grimassenschneiden, Rütteln an Ästen und ähnliches. Zu körperlicher Gewalt kommt es hingegen nur selten. Die Reviere der Tana-Stummelaffen sind mit etwa 9 ha relativ klein. Pro Tag bewegt sich eine Gruppe rund 600 m in ihrem Revier (Nowak, 1999; Oates, 1994).

Verbreitung und Lebensraum

Die Art ist in Kenia an den Ufern des unteren Tana endemisch. Der Tana ist der größte Fluss in Kenia. Das gesamte Verbreitungsgebiet erstreckt sich über lediglich 60 km und verteilt sich über etwa 34 Waldgebiete, die heute stark fragmentiert sind. Besiedelt werden hauptsächlich Galeriewälder entlang des Flussufers. Typische Pflanzen sind beispielsweise Topffruchtbaumgewächse (Lecythidaceae) wie Pachystela und Barringtonia. Die aktelle Gesamtpopulation wird auf etwa 1.100 bis 1.300 Individuen geschätzt, die sich in 86 Gruppen aufteilen (IUCN, 2011).

Biozönose

Die Art lebt sympatrisch mit anderen Primaten (Primates) wie der Haubenmangabe (Cercocebus galeritus), der Diademmeerkatze (Cercopithecus mitis), dem Steppenpavian (Papio cynocephalus) und einigen anderen Meerkatzen (Cercopithecus) (IUCN, 2011).

Tana-Stummelaffen haben aufgrund ihrer Größe und der baumbewohnenden Lebensweise nur wenige natürliche Feinde. Zudem sind die Tiere im Geäst der Bäume durch ihre Fellfärbung gut getarnt. Zu den größten natürlichen Feinden zählen Schimpansen (Pan troglodytes) und der Kronenadler (Stephanoaetus coronatus). Im gesamten Verbreitungsgebiet stehen Tana-Stummelaffen unter Verdrängungsdruck durch Schimpansen, die regelrecht Jagd auf die kleineren Verwandten machen. Tana-Stummelaffen warnen sich jedoch gegenseitig durch Alarmrufe und verteidigen die Gruppe gemeinschaftlich. Der größte Feind ist jedoch der Mensch, der für die Lebensraumvernichtung und Fragmentierung verantwortlich ist. Zudem werden die Primaten gejagt und landen als Buschfleich auf den traditionellen Fleischmärkten (Nowak, 1999).

Ernährung

Der Tana-Stummelaffe ernährt sich hauptsächlich von Blättern. Sowohl das Gebiss als auch der Magen- und Verdauungstrakt sind an diese Ernährungsweise angepasst. Der Magen besteht aus einer großen Hauptkammer und einem kleineren Vormagen, wo spezielle Säure produziert wird. Die Säure bewirkt eine bakterielle Fermentation. Die Backenzähne sind stark gefurcht, was ein Aufbrechen der Zellwände und die Extraktion der Nährstoffe bewirkt. Neben jungen Blättern fressen Tana-Stummelaffen auch unreife Sämereien (25%), Knospen (16,4%), alte Blätter (11,5%) und Blüten (6,2%). Zu den wichtigsten Futterpflanzen zählen Maulbeer-Feigen (Ficus sycomorus), Sumachgewächse (Anacardiaceae) wie Sorindeia obtusifoliolata und Akazien (Acacia) (Mowry, Decker & Shure, 1996).

Fortpflanzung

Tana-Stummelaffen führen eine polygyne Lebensweise. Ein Männchen paart sich innerhalb einer Fortpflanzungsperiode demnach mit mehreren Weibchen. Zugang zu den Weibchen hat vor allem das dominante Männchen. Die Paarungsbereitschaft der Weibchen lassen sich an den periodische Schwellungen. Die Fortpflanzung ist nicht saisonal gebunden, Geburten treten ganzjährig auf. Das Paarungsverhalten wird üblicherweise von den Männchen eingeleitet. Nach einer Tragezeit von 4,5 bis 5,5 Monaten bringt ein Weibchen meist ein 1 Jungtier zur Welt. Der Intervall zwischen 2 Monaten beträgt etwa 20 bis 26 Monate. Das Fell der Jungtiere ist seidenweich. Es weist dorsal eine schwärzliche Färbung auf, ventral ist das Fell gräulich gefärbt. Im Alter von 2 bis 2,5 Monaten stellt sich die adulte Fellfärbung ein. Ein Jungtier wird von der Mutter in den ersten Lebenswochen am Bauch getragen. Männchen kümmern sich um den Nachwuchs im Allgemeinen nicht. Ab dem 4. Lebensmonat stellt sich eine Selbständigkeit ein und die Jungtiere beginnen mit ersten sozialen Interaktionen wie dem Spiel. Im Alter von 1,5 Jahren verlassen subadulte Tiere ihre Geburtsgruppe und schließen sich anderen Gruppen an. Die Lebenserwartung liegt in Gefangenschaft bei etwa 30 Jahren, die Lebenserwartung in Freiheit ist unbekannt, dürfte jedoch deutlich darunter liegen (Nowak, 1999; Marsh, 1979).

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Der Tana-Stummelaffee gehört heute zu den stark gefährdeten Primatenarten. Die Art wird in der Roten Liste der IUCN daher als stark gefährdet (EN, Endangered) geführt. Die Gesamtpopulation wird auf Sansibar auf kaum 1.300 Individuen geschätzt. Etwa 40% des Gesamtbestandes lebt im Tana River Primate National Reserve. Das Areal umfasst etwa 13 km². Die Gründe für die starke Gefährdung sind vielschichtig. Zum einen hat sich die Vegetation aufgrund der zahlreichen Dämme verändert, zum anderen wurde der ursprüngliche Lebensraum zum großen Teil zugunsten der Landwirtschaft vernichtet. Zudem wird die Art von der einheimischen Bevölkerung stark bejagt (IUCN, 2011).

Anhang

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • Thomas Geissmann: Vergleichende Primatologie. Springer Verlag, 2003, ISBN 3540436456
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X

Qualifizierte Weblinks

'Persönliche Werkzeuge