Taschenratten

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Taschenratten
Gebirgs-Taschenratte (Thomomys bottae)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha)
Familie: Taschenratten
Wissenschaftlicher Name
Geomyidae
Bonaparte, 1845

Taschenratten (Geomyidae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Nagetiere (Rodentia) und zur Unterordnung der Mäuseverwandten (Myomorpha). Es werden in 2 (1) Unterfamilen und 10 (5) Gattungen rund 98 (39) rezente Arten geführt. Die 59 Arten der Taschenmäuse, Unterfamilie Heteromyinae, werden von einigen Forschern auch in einer eigenen Familie geführt.

Inhaltsverzeichnis

Evolution und Entwicklung

Taschenratten gehören zu einer alten Tiergruppe. Die ältesten fossilen Funde lassen sich auf das Eozän datieren, weisen also ein Alter von rund 36 Millionen Jahren auf. Man geht davon aus, dass Taschenratten zwei Phasen der Diversifikation durchliefen. Die letzte begann vor 5 Millionen Jahren im Pliozän und führte letztlich zu den heutigen rezenten Gattungen. Fossile Funde der rezenten Flachland-Taschenratten (Geomys) und Gebirgs-Taschenratten (Thomomys) stammen aus dem Pliozän. Die anderen Gattungen sind seit dem Pleistozän nachgewiesen. Alle fossilen Funde stammen aus Nordamerika. Taschenratten zeichnen sich evolutionsgeschichtlich durch zahlreiche Anpassungen an das Leben unter der Erde aus. Im folgenden Artikel wird auf diese Anpassungen explizit eingegangen.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Alle Arten der Taschenratten zeichnen sich durch einen walzenförmigen Körper sowie kurze Hinter- und Vorderbeine auf. Die Hinterbeine der Kängurumäuse aus der Gattung Microdipodops sind deutlich länger als ihre Vorderbeine und bewegen sich durch kleine Sprünge fort, da die Vorderbeine verkümmert sind und lediglich der Nahrungsaufnahme dienen. Der lange Schwanz, der artabhängig eine Länge von bis zu 21,5 Zentimeter aufweisen kann, dient bei den Sprüngen als Balancierorgan.

Markantes und namengebendes Merkmal sind die mit Fell ausgekleideten Backentaschen, die zum Transportieren von Nahrung und Nistmaterial dienen. Die Taschen befinden sich außen an beiden Seiten der Schnauze. Der in der Regel kurze bis mittellange Schwanz ist nur wenig behaart und äußerst berührungsempfindlich.
Markante Schneidezähne: die Mazama Taschenratte (Thomomys mazama)
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Markante Schneidezähne: die Mazama Taschenratte (Thomomys mazama)
Die langen Schneidezähne ragen deutlich sichtbar auch bei geschlossenem Maul aus den Lippen heraus. Beißen Taschenratten in Wurzeln, so gerät keine Erde ins Maul. Taschenratten gelten als ausgezeichnete Gräber. Ihre Grabaktivitäten bewältigen sie mit ihren kräftigen Vorderpfoten, die über verlängerte Krallen verfügen. Einige Arten setzen zum Graben auch die Schneidezähne ein. Bei diesen Arten sind die Schneidezähne weiter nach vorne gebogen und dienen mehr oder weniger als Meißel. Dies ist insbesondere bei einigen Gebirgs-Taschenratten (Thomomys) der Fall. Die Haut der Taschenratten sitzt relativ locker und ist mit einem eher kurzen, aber dichten Fell bedeckt. Neben dem Schwanz weist auch das übrige Fell an verschiedenen Stellen berührungsempfindliche Haare auf. Diese dienen im Wesentlichen der Orientierung. Das Fell der Arten in subtropischen oder tropischen Regionen ist weniger dicht als bei Arten in gemäßigten Regionen. Die Fellfärbung variiert von graubraun über bräunlich bis hin zu schwarzbraun. Trotz ihres plumpen Aussehens sind Taschenratten erstaunlich beweglich und schnell. Sie können sogar rückwärts laufen. Dies ist in den engen Gangsystemen ein entscheidender Vorteil.

Taschenratten erreichen je nach Art eine Körperlänge von 10 bis 30 Zentimeter sowie ein Gewicht von 45 bis 900 Gramm. Weibchen bleiben grundsätzlich ein wenig kleiner und leichter als Männchen. Die Größenunterschiede schwanken jedoch je nach Art und Unterart. Auch lokal kann es Abweichungen geben. Der Dimorphismus der Geschlechter kann auch durch die Lebensraumqualität beeinflusst werden. Dies ist mit dem abweichenden Nährstoffgehalt der Nahrung zu erklären. Viele Gattungen und Arten ähneln sich so sehr, dass eine Unterscheidung oftmals nur durch Gebissanalysen oder Analysen der Schädelknochen möglich ist. Aufschluss geben kann auch die Anzahl der Furchen der oberen Schneidezähne. Der Schädel der Taschenratten ist sehr massiv und dorsal deutlich eingekerbt. Er verfügt zudem über einen breiten Schläfenbereich und über ein kräftiges Jochbein. Bei den Taschenmäusen sind die Schädelknochen deutlich dünner als bei den Taschenratten. Die oberen Schneidezähne unterscheiden sich je nach Art. Sie können glatt oder gefurcht sein. Die Backenzähne sind kräftig ausgebildet und dienen zum Zermahlen von Nahrung. Die Zähne wachsen aufgrund der starken Beanspruchung ein Leben lang. Bei einigen Arten wie beispielsweise der Gebirgs-Taschenratte (Thomomys bottae) wachsen die Zähne bis zu einem Millimeter am Tag. Das Gebiss besteht aus 20 Zähnen. Die zahnmedizinische Formel lautet 1/1, 0/0, 1/1, 3/3.

Lebensweise

Taschenratten leben einzelgängerisch, die Geschlechter treffen sich im Grunde nur kurz während der Paarungszeit. Sie sind durchaus als territorial zu bezeichnen, die beanspruchten Reviere weisen zumeist eine Größe von 100 bis 200 Quadratmeter auf. Taschenmäuse und Kängururatten leben in größeren Kolonien und sind ausgesprochen territorial. Jedes Tier verfügt in einer Kolonie über einen eigenen Bau, der aktiv gegenüber Artgenossen verteidigt wird. Eine Kolonie kann aus einigen Dutzend Individuen und entsprechend vielen Erdbauen bestehen. Die Reviere können 60 bis über 300 Quadratmeter groß sein, wobei die Reviere der Weibchen deutlich kleiner sind. Die Reviere von Männchen und Weibchen überschneiden sich dabei.

Alle Arten sind überwiegend in der Nacht aktiv, dies gilt vor allem für die Nahrungssuche, die in der Nacht in den Gangsystemen und an der Erdoberfläche stattfindet. Am Tage graben sie gelegentlich unterirdisch nach Wurzeln. Taschenratten gelten als ausgezeichnete Gräber. Ihr Tunnelsystem reicht dabei über Strecken von einigen Dutzend Metern, Rekordlängen von über 100 Metern sind dabei in Feldstudien dokumentiert worden.
Flachland-Taschenratte (Geomys bursarius)
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Flachland-Taschenratte (Geomys bursarius)
Die Tunnels, die einen Durchmesser von etwa 4 bis 6 Zentimeter aufweisen, liegen meist dicht unter der Erdoberfläche (15 bis 50 Zentimeter), die Wohnkammern liegen in Tiefen von 50 bis 300 Zentimeter und weisen meist einen Durchmesser von bis zu 20 bis 30 Zentimeter auf. Die Kammern dienen als Wohnraum oder Vorratskammer. Die Wohnkammern sind mit weichen Pflanzenteilen und getrockneten Gräsern ausgepolstert. Die Tiere halten während der kalten Jahreszeit keine Winterruhe, jedoch legen sie für Mangelzeiten Nahrungsvorräte an.

Verbreitung

Taschenratten kommen nur in Nordamerika vor. Die einzelnen Arten leben dabei in benachbarten Gebieten, die im Wesentlichen keine oder nur sehr geringe Überlappungen aufweisen. Die einzelnen Arten sind offensichtlich nicht in der Lage, ihren unterirdischen Lebensraum mit anderen Arten zu teilen. Der Grund hierfür ist unbekannt. Innerhalb des sehr großen Verbreitungsgebietes werden eine Vielzahl an Lebensräumen besiedelt. Sandige und krümelige Böden werden jedoch bevorzugt. Taschenratten kommen je nach Art in der Ebene als auch in Höhenlagen in Höhen von bis zu 3.500 Metern über NN. vor. Lokal sind sie auch oberhalb der Baumgrenze anzutreffen. In südlichen, subtropischen und tropischen Regionen werden auch Bergwald und tropisches Buschland besiedelt. Da Pflanzen die Hauptnahrung bilden, werden reine Wüstengebiete gemieden. Auch wenn sich das Leben der Taschenratten hauptsächlich unterirdisch abspielt, so kommen sie in der Nacht während der Nahrungssuche auch an die Erdoberfläche. Hier gehen sie vor allem auf die Suche nach saftigen Gräsern und Kräutern.

Prädatoren

Zu den natürlichen Fleischfressern der Taschenratten und Taschenmäuse gehören insbesondere Eulen (Strigiformes) und Greifvögel (Falconiformes) wie der Fleckenkauz (Strix occidentalis), Waldohreule (Asio otus), Schleiereule (Tyto alba), Rotschwanzbussard (Buteo jamaicensis) und Virginia-Uhu (Bubo virginianus). Aber auch größere Säugetiere (Mammalia) stellen den Tieren nach. Nicht selten graben Räuber die Taschenratten aus ihren Bauten heraus. Unter den Säugern treten insbesondere Rotfüchse (Vulpes vulpes), Kitfüchse (Vulpes velox), Silberdachse (Taxidea taxus), Graufüchse (Urocyon cinereoargenteus), Langschwanzwiesel (Mustela frenata), Hermeline (Mustela erminea), Amerikanische Nerze (Mustela vison), Streifenskunks (Mephitis mephitis) und Kojoten (Canis latrans) als Fleischfresser in Erscheinung. Unter den Reptilien gelten Schlangen (Serpentes) wie die Kiefernatter (Pituophis melanoleucus), Prärieklapperschlangen (Crotalus viridis), Gewöhnliche Kutscherpeitschennattern (Masticophis flagellum), Gewöhnliche Königsnatter (Lampropeltis getula) als natürliche Fleischfresser.

Darüber hinaus sind eine Reihe von Ekto- und Endoparasiten bekannt, die den Taschenratten und Taschenmäuse das Leben schwer machen. Dazu gehören beispielsweise Flöhe (Siphonaptera), Kieferläuse (Mallophaga) aus der Gattung Geomydoecus sowie Milben (Acari).

Ernährung

Taschenratten, Taschemmäuse und Kängururatten ernähren sich rein vegetarisch. Auf ihrer Speisekarte stehen Gräser, Knollen und Wurzeln, Sämereien, Waldfrüchte aller Art und ähnliche Nahrung. Lokal und saisonal kann sich das Nahrungsangebot deutlich unterscheiden. So werden je nach Verbreitungsgebiet unter anderem Beifußgewächse (Artemisia), Zypergräser (Cyperus), Schneckenklee (Medicago), Sorghumhirsen (Sorghum), Bartfaden (Penstemon), verschiedene Süßgräser (Poaceae), Wegeriche (Plantago), Raublattgewächse (Boraginaceae), Opuntien (Opuntia), Trespen (Bromus) und Kreuzdorn (Rhamnus) gefressen. In der Nähe des Menschen werden auf landwirtschaftlichen Flächen, insbesondere Getreidefeldern, auch Körner gefressen. Für magere Zeiten legen Taschenratten, Taschemmäuse und Kängururatten Vorräte in ihren Erdbauten an. Gespeichert werden insbesondere Sämereien und Körner, da diese relativ lange haltbar sind. Dazu gehören beispielsweise die Samen von Erodium und Lepidium. Um Nahrung in ihren Bau zu schaffen, füllen Taschenratten ihre äußeren Backentaschen. Die Futterlager befinden sich in der Nähe des Wohnkessels und sind meist vom Hauptgangsystem abgetrennt.

Nördliche Taschenratte (Thomomys talpoides)
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Nördliche Taschenratte (Thomomys talpoides)
Trinkwasser nehmen die Tiere nicht zu sich, der Wasserbedarf wird ausschließlich über die Nahrung gedeckt. Sie haben sich exzellent an die trockenen Lebensräume angepasst. In den Nieren wird dem Urin viel Wasser entzogen, so dass beim Urinieren nur hoch konzentrierter Urin abgegeben wird. Nahrung wird sowohl auf der Erdoberfläche als auch unter der Erde in Form von Wurzeln und Knollen gesucht.

Fortpflanzung

Die Geschlechtsreife erreichen Gebirgs-Taschenratten im Alter von gut 3 bis 5 Monaten. Zur ersten Paarung kommt es meist erst im ersten Frühjahr nach der Geburt, also im Alter von knapp einem Jahr. Die Paarungszeit erstreckt sich in den meisten Verbreitungsgebieten über das ganze Jahr. In den gemäßigten Regionen konzentriert sich die Paarungszeit jedoch über das Frühjahr und den Frühsommer, dies trifft vor allem auf die nördlichen Populationen in den USA zu. Je nach Verbreitungsgebiet kann es in einem Jahr zu 1bis 4 Würfen kommen. Das Weibchen bringt nach einer Tragezeit von 17 bis 22 Tagen 2 bis 5, selten bis 7 Jungtiere zur Welt. Bei den Kängururatten liegt die Tragezeit bei 28 bis 31 Tagen. Zur Geburt kommt es in den unterirdischen Bauten der Weibchen. Die Jungtiere sind nur wenig entwickelt. Sie sind nackt, blind, wiegen bei der Geburt zwischen 2 und 5 Gramm und weisen eine Körperlänge von etwa 40 bis 70 Millimeter auf. Die Augen und Ohren öffnen sie im Laufe der vierten Lebenswoche. Die Backentaschen öffnen sich zu Beginn der vierten Lebenswoche. Im Alter von 6 bis 7 Wochen werden die Jungtiere von der Muttermilch abgesetzt und ernähren sich ab diesem Zeitpunkt von fester Nahrung. Die Selbständigkeit wird nach 2 Monaten erreicht. Ausgewachsen sind die Jungtiere im Alter von gut 3 Monaten. Die Lebenserwartung einer Gebirgs-Taschenratte liegt bei 1 bis 2 Jahren. Ein Alter von 3 oder gar 4 Jahren wird aufgrund der vielen Fleischfresser nur selten erreicht. Weibchen werden im Schnitt älter als Männchen.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Taschenratten spielen in ihrem Ökosystem eine durchaus wichtige Rolle. Zum einen dienen sie zahlreichen Fleischfressern als Nahrung, zum anderen sind sie für die Dynamik des Bodens außerordentlich wichtig. Vor allem auf landwirtschaftliche Flächen sorgen sie für gelockerten Boden, den vor allem Rinder und andere Weidetiere verfestigt haben. Durch die Grabtätigkeit der Taschenratten verbessert sich die Durchlässigkeit und die Belüftung des Bodens. Beiden sind wichtige Merkmale für ein gesundes Pflanzenwachstum. Auf der anderen Seite sind Taschenratten auf landwirtschaftlichen Flächen nicht gerne gesehen, da sie bei massenhaftem Auftreten Ernteschäden anrichten können. In weiten Teilen der USA versucht man die Populationen zu kontrollieren. Die Kontrollmaßnahmen haben meist nur mäßigen Erfolg. Einige Arten und Unterarten gelten jedoch als gefährdet, zum Teil auch als stark gefährdet. Der Hauptgrund ist in der Vernichtung der natürlichen Lebensräume zu suchen.

Systematik der Taschenratten

Riesen-Kängururatte (Dipodomys ingens)
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Riesen-Kängururatte (Dipodomys ingens)

Die Unterfamilie Heteromyinae wird von einigen Forschern auch in einer eigenen Familie mit der wissenschaftlichen Bezeichnung Heteromyidae geführt. Familie: Taschenratten (Geomyidae)

Unterfamilie: Geomyinae
Tribus: Geomyini
Gattung: Flachland-Taschenratten (Geomys)
Gattung: Pappogeomys
Gattung: Riesentaschenratten (Orthogeomys)
Gattung: Tuzas (Zygogeomys)
Gattung: Cratogeomys
Tribus: Thomomyini
Gattung: Gebirgs-Taschenratten (Thomomys)
Unterfamilie: Heteromyinae
Tribus: Heteromyini
Gattung: Liomys
Gattung: Heteromys
Tribus: Perognathini
Gattung: Seiden-Taschenmäuse (Perognathus)
Gattung: Chaetodipus
Tribus: Dipodomyini
Gattung: Dipodomys
Gattung: Microdipodops

Anhang

Lesenswerte Einzelartikel

Literatur und Quellen

Spezielle Quellen:

Allgemeine Quellen

  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
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