Tenreks

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Tenreks
Kleiner Igeltenrek (Echinops telfairi)

Systematik
Unterstamm: Wirbeltiere (Vertebrata)
Überklasse: Kiefermäuler (Gnathostomata)
Reihe: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Überordnung: Afrotheria
Ordnung: Tenrekartige (Afrosoricida)
Familie: Tenreks
Wissenschaftlicher Name
Tenrecidae
Gray, 1821

Tenreks (Tenrecidae) gehören in der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Tenrekartigen (Afrosoricida). Im Englischen werden sie Tenrecs genannt. Die Anzahl der Arten in der Familie schwankt je nach Autor zwischen 24 und mehr als 30. Sie werden in 4 Unterfamilien und 10 Gattungen geführt.

Inhaltsverzeichnis

Evolution, Entwicklung

Die ältesten fossilen Funde von den Vorfahren der Tenreks stammen aus dem Miozän und weisen somit ein Alter von rund 24 Millionen Jahren auf. Die Fossilien wurden im Wesentlichen in Kenia gefunden. Die madegassischen Vertreter sind erst seit dem Pleistozän nachgewiesen. Wo genau der Ursprung der Tenreks liegt, ist weitestgehend unbekannt. Man geht jedoch davon aus, das ihr Ursprung im frühen Eozön, also vor etwa 50 bis 53 Millionen Jahren, liegt. Die Abspaltung der madegassischen Linie muss demnach vor etwa 37 Millionen Jahren erfolgt sein.

Ursprünglich ordnete man die Tenreks den Insektenfressern (Insectivora, Lipotyphla) zu. In der Tat weisen Tenreks zahlreiche morphologische Parallellen zu Insektenfressern auf. Augrund molekulargenetischer Untersuchungen konnte man dies jedoch revidieren. Tenreks stammen nach diesen Untersuchungen von einer völlig anderen Abstammungslinie ab. Man führt sie heute in der Überordnung der Afrotheria. Weitere Vertreter der Afrotheria sind Röhrenzähner (Tubulidentata), Rüsselspringer (Macroscelidea), Schliefer (Hyracoidea), Seekühe (Sirenia) und Rüsseltiere (Proboscidea).

Beschreibung

Tenreks zeichnen sich durch die reiche Formenvielfalt aus. Diese kam in völliger Isolation zu Stande. Insgesamt sind Tenreks eine sehr alte Säugerfamilie, die noch Merkmale früher Plazentatiere aufweisen. Dazu gehören eine niedrige, variable Körpertemperatur, eine gemeinsame Körperöffnung für Urogenital- und Analtrakt sowie bei den Männchen die nicht im Hodensack engelagerten Hoden. Die Hoden liegen bei den meisten Arten in der Bauchhöhle.

Aussehen und Maße

In Größe und Form unterscheiden sich die einzelnen Arten zum Teil erheblich. Die kleinsten Vertreter der Tenreks treten in der Gattung Spitzmaustenreks (Microgale) auf. Sie erreichen eine Körperlänge von 4,3 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 0,5 bis 1 Zentimeter sowie ein Gewicht von rund 5 Gramm.
Große Otterspitzmaus (Potamogale velox)
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Große Otterspitzmaus (Potamogale velox)
Zu den größten Arten gehört der Große Tenrek (Tenrec ecaudatus). Er erreicht eine Körperlänge von 25 bis 39 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 4,5 Zentimeter und ein Gewicht von 500 bis 1.500 Gramm. Auch das Fell unterscheidet sich bei den einzelnen Arten erheblich. Es kann weich oder borstig bis hin zu stachelig sein und weist meist eine gräuliche bis graubraune oder braune Färbung auf. Mitunter zeigt sich auch eine auffällige Streifung, wie es beispielsweise beim Streifentenrek (Hemicentetes semispinosus) der Fall ist. Der Kleine Igeltenrek (Echinops telfairi) verfügt statt einem Fell über ein dorsales und laterales Stachelkleid. Die Körperform reicht von igelartig bis spitzmausartig. Otterspitzmäuse (Potamogalinae) verfügen über einen eleganten und schlanken Körper, der eine zylindrische Form aufweist. Der Kopfbereich ist dabei dorsal deutlich abgeflacht. Die Augen und die Nasenöffnungen liegen bei den Otterspitzmäusen weit oben am Schädel. Bei den aquatisch lebenden Arten zeigen sich zwischen den Zehen Schwimmhäute, die die Schwimmaktivitäten verbessern. Der abgeflachte Schwanz dient als Ruder oder zusätzliches Antriebsorgan.

Langschwanztenreks und Zwergtenreks ähneln sehr stark den Spitzmäusen. Man kann dieses ähnliche Aussehen mit der konvergenten Evolution erklären. Verwandtschaftliche Zusammenhänge bestehen zumindest nicht. Beide Gruppen besetzen in ihren Lebensräumen semiarboricole (semifeuchte) und terrestrische Nischen. Einige dieser Arten gelten auch als gute Kletterer. Die Vertreter der Reistenreks (Oryzorictes) ähneln Maulwürfen und legen wie diese eine ähnliche Lebensweise an den Tag. Reistenreks verfügen über ein dichtes und samtweiches Fell und über rückgebildete Augen und Ohren. Die großen Vorderpfoten dienen den Tieren zum Graben in weichen Bodenschichten.

Streifentenrek (Hemicentetes semispinosus)
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Streifentenrek (Hemicentetes semispinosus)
Die Sinne der Tenreks sind bis auf den Sehsinn gut entwickelt. Der Sehsinn spielt meist nur eine untergeordnete Rolle, da Tenreks in der Regel nachtaktiv sind. Das Gehör, die olfaktorischen Sinne und der Tastsinn spielen hingegen eine große Rolle und sind daher hoch entwickelt. Im Bereich der Schnauze, die meist spitz zulaufend ist, zeigen sich lange Vibrissen, die der Orientierung dienen. Der Kommunikation untereinander dienen vor allem Lautäußerungen, die sich in Zischen, Grunzen, Zwitschern oder Schnalzen ausdrücken. Das kräftige Gebiss verfügt artabhängig über 32 bis 40 (42) Zähne. Die zahnmedizinische Formel lautet 2-3/2-3, 1/1, 3/3, 2-3/2-3. Viele Vertreter leben in unmittelbarer Nähe zu Gewässern oder sogar überwiegend im Wasser und sind demnach zumindest teilaquatisch. Beliebte Lebensräume sind insbesondere Bäche, Flüsse, See und Sumpfgebiete.

Lebensweise

Tenreks leben je nach Art in Familiengruppen (z.B. Streifentenreks) oder auch einzelgängerisch wie die Großen Igeltenreks. Die meisten Arten sind ausschließlich in der Nacht aktiv, nur wenige auch am Tage. Bei einzelgängerisch lebenden Arten treffen die Geschlechter nur während der Paarungszeit aufeinander. Die Kommunikation untereinander erfolgt überwiegend über den Geruchssinn. Zur Reviermarkierung dienen Kot und Urin oder je nach Art auch ein Sekret aus Augen- oder Nackendrüsen. Die Reviergröße liegt zwischen 0,5 und 200 Quadratmeter. Viele Arten halten sich während der Ruhephase in Erdbauten oder an ähnlich geschützten Stellen auf. Vor allem Große Tenreks sind ausgezeichnete Gräber und legen sich umfangreiche Baue und Gangsysteme an. Dazu sind sie aufgrund ihrer mächtigen Krallen an ihren Füßen ohne weiteres in der Lage. Die gegrabenen Tunnels können dabei durchaus eine Länge von bis zu zwei Metern haben. Meist verfügt das Tunnelsystem über zwei Ein- und Ausgänge.

Tenreks weisen je nach Art bei Aktivität eine Körpertemperatur von 30 bis 25 Grad Celsius auf. Der Zwergtenrek und einige Arten der Unterfamilie der Igeltenreks (Tenrecinae) fallen während der kühlen oder sehr warmen Jahreszeit in eine saisonale Hyperthermie (starreähnlicher Schlafzustand, auch Torpor genannt). Die Dauer kann sich über Tage bis hin zu Perioden von bis zu 6 Monaten erstrecken. Vielfach gehört die Hyperthermie zum Physiologie- und Verhaltenszyklus. Bei anderen Arten wie dem Großen Tenrek sind Hyperthermie-, Aktivitäts- und Paarungszyklus sehr fein aufeinander abgestimmt, so dass physiologische Veränderungen wie die Aktivierung der Hoden oder Eierstöcke noch in der Starre erfolgen, da die Fortpflanzung innerhalb weniger Tage nach dem Erwachen beginnt. Viele Arten, darunter auch die Große Otterspitzmaus (Potamogale velox), sparen ganzjährig Energie, da die Körpertemperatur am Tage, also während der Tagesruhe, bis auf Lufttemperatur fällt. Keine Andere Tierfamilie weist derartige Zusammenhänge zwischen den Schwankungen der Körpertemperatur und der Fortpflanzung auf. In vergleichbaren Aktivitätsperioden ist die durchschnittliche Körpertemperatur um rund 0,6 Grad Celsius niedriger, da die Spermien nur unterhalb der normalen Körpertemperatur produziert werden. Gleiches gilt für die Speicherung der Spermien.

Verbreitung

Tenreks sind auf Madagaskar sowie im westlichen und zentralen Afrika verbreitet. Der Große Tenrek (Tenrec ecaudatus) wurde auf den Komoren, Mauritius, Réunion und den Seychellen eingeführt. Besiedelt wird je nach Art eine große Bandbreite an Lebensräumen, die von halbtrockenen bis zum tropischen Regenwald reichen. Sie sind im Flachland und auch im Hügelland anzutreffen. Viele Arten führen eine aquatische Lebensweise und sind daher in unmittelbarer Nähe zu einem Gewässer beheimatet. Einige Arten wie der Große Igeltenrek (Setifer setosus) meiden jedoch Feuchtlebensräume und sind ausschließlich in halbtrockenen Lebensräumen zu beobachten.

Prädatoren

Tenreks stehen auf der Speisekarte zahlreicher Fleischfresser. Dazu gehören insbesondere zahlreiche Schleichkatzen (Viverridae) wie beispielsweise die madegassische Fossa (Cryptoprocta ferox) oder Mangusten (Herpestidae) wie der Ringelmungo (Galidia elegans). Aber auch Schlangen (Serpentes) wie die Südliche Madagaskarboa (Acrantophis dumerili) stellen den Tenreks nach.

Ernährung

Kleiner Igeltenrek (Echinops telfairi)
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Kleiner Igeltenrek (Echinops telfairi)

Tenreks gehören zu den ausgesprochenen Nahrungsopportunisten. Auf der Speisekarte stehen vor allem Gliederfüßer (Arthropoda) wie Insekten (Insecta) sowie kleinere Wirbeltiere (Vertebrata) und zum Teil auch pflanzliche Nahrung. Auf Nahrungssuche gehen die meisten Arten nur an Land, Otterspitzmäuse (Potamogalinae) gehen hingegen nur im Wasser auf Nahrungssuche. Mit ihren sensiblen Tasthaaren spüren sie unter Wasser verschiedenste Beutetiere auf. Die Nahrungsaufnahme erfolgt auch bei Otterspitzmäusen an Land. Krebstiere (Crustacea) stehen dabei weit oben auf der Speisekarte. Reistenreks (Oryzorictes) suchen ihre Nahrung meist unter der Erde, zuweilen auch im Wasser. Viele Arten nehmen zusätzlich auch Früchte zu sich. Größere Arten wie der Große Tenrek verschmähen auch kleinere Säugetiere (Mammalia), kleinere Reptilien (Reptilia), Nestlinge von Vögeln (Aves) und Lurche (Amphibia) nicht. Beim Aufspüren von Nahrung spielen leben dem Tastsinn auch das Gehör und der olfaktorische Sinn eine große Rolle. Auf Nahrungssuche gehen die meisten Arten zwischen der späten Dämmerung und dem Morgengrauen. Der Streifentenrek (Hemicentetes semispinosus) geht als einer der wenigen Arten am Tage auf Nahrungssuche.

Fortpflanzung

Je nach Art erreichen Tenreks die Geschlechtsreife mit 35 Tagen beim Streifentenrek, bis bin zu 8 Monaten beim Großen Igeltenrek. Die Paarungszeit der madegassischen Arten erstreckt sich für gewöhnlich von Oktober bis November. Die zentralafrikanischen Arten paaren sich zumeist ganzjährig, wobei es zu den meisten Paarungen während der Regenzeit kommt. Die Fortpflanzung verläuft je nach Art unterschiedlich und geht mit typischen Merkmalen einher. Die Prozesse in den Eierstöcken unterscheiden sich dabei von denen anderer Säugetiere. In den reifen Ovarialfollikeln entwickelt sich keine flüssigkeitsgefüllte Höhle. Die Spermatozoen dringen noch vor der Reifung der Follikel ein und befruchten sie. Neben den Tenreks ist dies unter den Säugetieren nur noch bei der Großen Kurzschwanzspitzmaus (Blarina brevicauda) der Fall. Bei fast allen Arten fallen die Geburten in die Regenzeit. Zu dieser Zeit ist Nahrung vor allem in Form von Gliederfüßern (Arthropoda) reichlich vorhanden.

Nach einer artabhängigen Tragezeit von 50 bis 65 Tagen bringt ein Weibchen 2 bis 32 Jungtiere zur Welt. Die Große Otterspitzmaus bringt beispielsweise selten mehr als 2 Jungtiere zur Welt. Große Tenreks bringen hingegen durchschnittlich 20 Jungtiere zur Welt, nicht selten auch bis zu 30 oder mehr. Die Größe der Würfe scheint insbesondere mit klimatischen Bedingungen und dem Vorhandensein von Nahrung zu korrelieren. Der Nachwuchs der Tenreks ist nur wenig weit entwickelt. Beim Streifentenrek (Tragezeit 55 bis 58 Tage) liegt die durchschnittliche Wurfgröße bei 6,3 Jungtiere. Sie weisen ein Gewicht von 11 Gramm und eine Körperlänge von 5,5 bis 6,7 Zentimeter auf. Die Augen öffnen sich nach rund 8 bis 10 Tagen, die volle Bewegungsfähigkeit wird nach 20 bis 25 Tagen erreicht.

Auch die Zahl der Zitzen ist bei einigen Arten bemerkenswert. So verfügt ein Weibchen des Großen Tenreks über 29 Zitzen. Dies ist unter den Säugetieren unerreicht. Die Weibchen haben während der Laktationsphase einen so hohen Energiebedarf, dass sie nicht nur nachts, sondern auch tagsüber auf Nahrungssuche gehen muss. Der Nachwuchs ist bei der Nahrungssuche immer dabei. Dies erklärt auch die gestreifte Färbung der Jungtiere, die ihnen als Tarnung dient. Die Jungen dieser Art wachsen schnell heran und sind bereits im Alter von 25 bis 20 Tagen selbständig. Kurze Zeit später erreichen sie auch schon die Geschlechtsreife. Da verwundert es nicht, dass eine Gruppe in einer Saison mehrere Würfe hervorbringen kann. Die Lebenserwartung der Tenreks liegt zwischen 1 und 6 Jahren.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Zahlreiche Tenrekarten gehören heute zu den gefährdeten oder gar stark gefährdeten Arten. Der Wassertenrek (Limnogale mergulus), Microgale dryas und Microgale monticola gehören zu den gefährdeten (VU, vulnerable) Arten. Microgale jenkinsae, Microgale nasoloi und die Zwerg-Otterspitzmaus (Micropotamogale lamottei) gelten als stark gefährdet (EN, endangered). Die restlichen Arten gelten als wenig oder nicht gefährdet. In einigen Regionen des Verbreitungsgebietes stehen Tenreks auf der Speisekarte des Menschen. Dies ist beispielsweise beim Großen Tenrek (Tenrec ecaudatus) auf Madagaskar der Fall. Überhaupt steht es um die madegassischen Arten nicht gut, da die angestammten Lebensräume, insbesondere die tropischen Regenwälder weitflächig vernichtet werden.

Systematik der Tenreks

Anhang

Literatur und Quellen

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