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30.12.06


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Warum immer mehr Tiere eine neue Heimat suchen

Die Zahl eingewanderter Tierarten nimmt rapide zu. Sollen wir sie willkommen heißen – oder gefährden sie unsere einheimische Fauna?


Dr. Werner Schnappauf,bayerischer Staatsminister für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz
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Dr. Werner Schnappauf,
bayerischer Staatsminister für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz

Der Einwanderer kam von Süden und überquerte die Grenze nach Deutschland auf unwegsamen Bergpfaden in der Nacht zum 20. Mai 2006. Gut einen Monat später, am 26. Juni, lag er tot auf der Kümpflalm in den bayerischen Alpen. Erschossen von einer dreiköpfigen Eingreiftruppe des zuständigen Landratsamtes. Weil der jugendliche Braunbär Bruno (amtlich: „JJ1“) Schafe, Ziegen und Hühner getötet sowie mehrere Bienenstöcke aufgebrochen hatte, war er vom bayerischen Umweltminister Dr. Werner Schnappauf (* 1953) zum „Problembären“ erklärt worden – das Todesurteil.
Mit Bruno wurde 140 Jahre nach dem Abschuss des letzten Braunbären auf deutschem Gebiet erstmals wieder ein großes Raubtier getötet. JJ1 hatte sich in Italien auf den Weg gemacht und wollte in Bayern auf eigene Faust eine neue Bärenpopulation gründen. Aber selbst wenn er dem Tötungskommando hätte entwischen können, wäre sein Wunsch nach einer zotteligen Partnerin zum Scheitern verurteilt gewesen: Es gibt keine Bärin in Bayern.
Mag auch die Immigration von Meister Petz misslungen sein – andere Tierarten sind da deutlich erfolgreicher. Zurzeit wird Deutschland geradezu überrollt von einer Welle einwanderungswilliger Tiere. Einige wie Wolf und Luchs haben schon früher hier gelebt, wurden irgendwann ausgerottet oder vertrieben und kehren jetzt zurück. Andere wie Waschbär, Großer Alexandersittich oder Nandu (eine südamerikanische Straußenart) sind aus Farmen oder Volieren in die Freiheit geflüchtet. Außerdem erwerben immer mehr Menschen exotische Tiere wie Schmuckschildkröte oder Bienenfresser, die von ihren Besitzern ausgesetzt werden, wenn der Reiz des Neuen verflogen ist.
Nach einer Erhebung des Bundesamtes für Naturschutz gibt es derzeit in Deutschland 48.000 Tierarten; den größten Anteil bilden die Insekten (33.300), den kleinsten die Säugetiere (91). Im Vergleich mit anderen Staaten ist Deutschland ein artenarmes Land. Aber in den letzten 20 Jahren sind 4.000 Tierarten dazugekommen, die vorher noch nicht hier gelebt haben – Tendenz steigend. Die tierische Einwanderung hat sogar einen eigenen Wissenschaftszweig entstehen lassen, der sich mit Neuzugängen - den „Neozoen“ – beschäftigt: die Invasionsbiologie. Die Experten dieser Zunft haben eine ganze Reihe von Erklärungen für die Wanderlust der Tiere – auch für die Beliebtheit Mitteleuropas und speziell Deutschlands:

  • Expansion ist ein Merkmal des Lebens. Jede Pflanze, jedes Tier und auch der Mensch ist bestrebt, den eigenen Lebenstraum auszuweiten und neue Gebiete zu erobern.
  • Europa war schon immer Transitgebiet für durchziehende Eroberer – seien es Hunnen oder Türken, die Wanderratte, der Kartoffelkäfer oder die Bisamratte.
  • Die globale Erwärmung hat zur Folge, dass sich mittlerweile auch kälteempfindliche Tierarten in Deutschland wohlfühlen: Mittelmeer-Schmetterlinge in Bayern, Papageien in Kölner Parks und Chile-Flamingos im Münsterland finden unser Klima prima.
  • Der Wegfall des Eisernen Vorhangs war nicht nur für die Menschen segensreich, sondern auch für Wolf, Bär und andere Großraubtiere: Wo der Grenzübertritt früher im Minengürtel blutig scheiterte, ist heute freier Durchgang möglich.

Das Überleben einer eingewanderten Art ist damit allerdings noch lange nicht gesichert: Die meisten Neozoen, die zu uns kommen, können sich nicht durchsetzen und bilden keine neuen Populationen. Entweder, weil sie ganz allein unterwegs sind und keinen Partner finden, oder weil sie von einheimischen Konkurrenten um den Lebensraum getötet werden. Nach Schätzungen des Umweltbundesamtes kann sich nur jede vierte fremde Art in Deutschland etablieren – indem sie entweder eine freie ökologische Nische besetzt oder der ortsansässigen Konkurrenz erfolgreich Widerstand leistet.
Aber Deutschland ist nicht nur Zuwandererland – es gibt auch Auswanderer. Deutsche Graureiher haben im nordnorwegischen Tromsø Kolonien gegründet. Das Kaninchen hat Australien besiedelt, nachdem europäische Einwanderer es mitgebracht hatten. Rebhuhn, Hase, Hirsch und Gämse fühlen sich in Neuseeland wohl, wo die Säugetiere ursprünglich mit drei Arten von Fledermäusen vertreten waren; Katze und Hund kamen ebenfalls erst mit den Europäern ins Land. Die europäische Strandkrabbe machte sich in den Ballastwassertanks von Schiffen auf den Weg rund um den Globus – jetzt lebt sie auch an den Küsten von Südafrika, Japan und Kalifornien. In Amerika hat sie sich erheblich verändert: Wo alles ein wenig größer ist, wird auch die Krabbe doppelt so groß wie ihre Artgenossen auf Helgoland. Und sie hat ihre Ernährung umgestellt. Statt europäischer Miesmuscheln verzehrt sie jetzt koreanische Muscheln – die übrigens auch gerade erst aus Südostasien zugewandert sind.
Für die Fachleute ist es schwer, zu beurteilen, ob Neozoen gut oder schlecht für ihre neue Heimat sind. Die europäische Strandkrabbe scheint in Kalifornien niemanden weiter zu stören (mit Ausnahme der koreanischen Muscheln). Der aus Amerika stammende Ochsenfrosch dagegen, der seit 2003 auch deutsche Tümpel besiedelt, gilt als eher unerwünscht. Er frisst alle anderen Frösche in seiner neuen Umgebung auf, weil er mit bis zu 20 Zentimeter Länge viel größer und stärker ist. Außerdem vermehrt er sich ungeniert mit über 10.000 Exemplaren pro Jahr, weil es hier keine Krokodile gibt, die ihm nachstellen. Offenbar hat der Ochsenfrosch so etwas wie den Sechser im Lotto gezogen – darf und soll der Mensch da Schiedsrichter spielen?
Das Umweltbundesamt und das Bundesamt für Naturschutz sind sich diesbezüglich auch nicht ganz sicher. Nur eines empfehlen sie: Touristen sollten darauf verzichten, fremde Arten aus dem Urlaub mitzubringen. Und wenn sie schon hier sind, sollten sie nicht in die Natur entlassen werden.

Europäischer Braunbär
(Ursus arctos arctos)


Die bis zu 250 Kilogramm schweren Tiere wurden in Österreich und Italien wiederangesiedelt. Der im Juni 2006 erschossene Jungbär Bruno war der Erste, der es bis nach Deutschland schaffte. Invasionsbiologen rechnen aber damit, dass weitere Braunbären die Grenze überqueren und sich in den bayerischen Alpen einen neuen Lebensraum erschließen werden – es sei denn, ein Exemplar wird als „Problembär“ klassifiziert und von den Behörden zum Abschuss freigegeben.
Waschbär
(Procyon lotor)


Der putzige Allesfresser stammt aus Nordamerika. In den 1930er Jahren wurde er in Deutschland ausgesetzt, um den Bestand des jagdbaren Wilds zu erhöhen. Heute hat er ganz Deutschland besiedelt. Die gesamte Population in Mitteleuropa dürfte in die Hunderttausende gehen. Der Waschbär ist nicht geschützt und wird das ganze Jahr über gejagt – ohne dass sich der Bestand dadurch merklich verringert hätte.
Europäischer Elch
(Alces alces alces)


Der schwerste aller Hirsche (bis 800 Kilogramm) ist ein ausdauernder Wanderer – der Weg von Skandinavien nach Mitteleuropa ist kein Problem für ihn. In der Römerzeit war er schon im Bayerischen Wald heimisch, jetzt kehrt er dahin zurück. Mindestens 15 Elche leben bereits im Dreiländereck Tschechien-Österreich-Deutschland. Der vorwitzigste von ihnen wagte sich sogar schon bis nach München. Elche gelten als Jagdwild, sind aber in Deutschland ganzjährig geschützt.
Rotwangenschmuckschildkröte
(Trachemys scripta elegans)


Während die deutsche Sumpfschildkröte vom Aussterben bedroht ist, scheint sich die aus Mexiko und den Südstaaten der USA stammende Rotwangenschmuckschildkröte hier richtig wohlzufühlen. Ihre Besitzer haben sie ausgesetzt, und jetzt vermehren sie sich in deutschen Tümpeln und Weihern prächtig. Im Münchner Westpark wurden schon bis zu 160 Tiere beim gemeinsamen Sonnenbad beobachtet.
Euroasiatischer Luchs
(Lynx lynx)


Die scheue Großkatze wurde 1846 in Deutschland ausgerottet, hundert Jahre später kam sie wieder zurück. Heute leben über 1.000 Luchse in Deutschland, hauptsächlich im Bayerischen Wald, im Pfälzer Wald und in der Eifel. Sie sind nach dem Artenschutzabkommen geschützt.
Großer Alexandersittich
(Psittacula eupatria eupatria)


Der bis zu 52 Zentimeter große grüne Papageienvogel wurde von Alexander dem Großen aus Asien mitgebracht – daher sein Name. Seit 1980 leben aus Käfigen und Volieren geflohene Exemplare in Köln und Wiesbaden. Ein kleinerer Bruder des Alexandersittichs, der Afrikanische Halsbandsittich (Psittacula krameri krameri), hat sich auch in Parkanlagen anderer Großstädte angesiedelt.
Chilenischer Flamingo
(Phoenicopterus chilensis)


1982 flüchteten einige der gut einen Meter großen Vögel aus einem deutschen Zoo. Im münsterländischen Vogelschutzgebiet Zwillbrocker Venn hat sich eine ganze Brutkolonie etabliert: die nördlichste Flamingo-Population Europas.
Graunandu
(Rhea americana americana)


Die mannsgroßen südamerikanischen Straußenvögel sind aus einer Farm in Schleswig-Holstein geflüchtet und leben jetzt frei im Mecklenburger Wackenitzgebiet. Nandus sind nicht ungefährlich: Wer ihrem Gelege zu nahe kommt, wird vom brütenden Hahn mit rabiaten Tritten in die Flucht geschlagen. Nandus sind geschützt.
Europäischer Grauwolf
(Canis lupus lupus)


Mitte des 19. Jahrhunderts war der Wolf in Deutschland so gut wie ausgerottet. 1989 wurde er durch die Berner Konvention ganzjährig unter Schutz gestellt. Seit dem Jahr 2000 lebt wieder ein Wolfsrudel in Deutschland – es hat sich auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz in Sachsen angesiedelt und dort sogar Junge zur Welt gebracht und aufgezogen. Invasionsbiologen glauben, dass sich in Ostdeutschland 100 bis 200 Wölfe ansiedeln könnten.
Nordamerikanischer Ochsenfrosch
(Rana catesbeiana)


Seit 2003 macht sich eine Population des nordamerikanischen Lurchs in der Gegend von Karlsruhe breit. Der bis zu einem Kilogramm schwere Monster-Frosch frisst alles, was in sein gigantisches Maul passt, sogar kleine Enten – und den eigenen Nachwuchs. Daran herrscht kein Mangel, weil die Tiere 10.000 bis 20.000 Eier pro Jahr legen. In Deutschland hat der Ochsenfrosch keine natürlichen Feinde, in seiner Heimat wird er von Krokodilen, Alligatoren und Schlangen gejagt.



Ihre Meinung

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Ein sehr interessanter und ausführlicher Artikel über die Invasionsbiologie. Da wir auch schon einige nicht einheimische Tiere sahen, können wir auch zu diesem Artikel unsere Erlebnisse beitragen. Nicht nur in Köln und in Wiesbaden hält sich der Große Alexandersittich (Psittacula eupatria eupatria) auf, sondern auch in Düsseldorf. Wir konnten im Düsseldorfer Schloßpark am Benrather Schloß eine ganze Kolonie Großer Alexandersittiche (Psittacula eupatria eupatria) beobachten. Leider hatten wir keine Kamera dabei gehabt. Gegen Abend versammelten sie sich auf den Bäumen im Schloßpark am Benrather Schloß, um gemeinsam ihre Schlafplätze aufzusuchen, dabei machten sie einen ohrenbetäubenden Lärm, daß die Spaziergänger im Schloßpark so wie wir stehenblieben und die Vögel staunend beobachten und es nicht fassen konnten. Des weiteren entdeckten wir in Offenbach eine Gelbwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta scripta) im Naturlehrgarten Buchhügel in einem Teich, die höchstwahrscheinlich auch ausgesetzt wurde. Aber offensichtlich fühlt sie sich in dem Teich sehr wohl, denn Anwohner berichteten uns, dass sie sich schon seit ein bis zwei Jahren dort aufhält. Angst haben wir nur um die Teichfrösche (Rana esculenta), die auch in diesem Teich zu finden sind. Denn die Gelbwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta scripta) verschmäht die Kaulquappen der Teichfrösche (Rana esculenta) nicht. Ja, und nicht zu vergessen die Nilgans (Alopochen aegyptiacus), die wir an verschiedenen Teichen in Offenbach und am Mainufer in Offenbach tagtäglich beobachten können. Mehrere Aufzuchten der Nilgans (Alopochen aegyptiacus) haben wir miterlebt und auch fotografiert, weitere Fotos der Nilgans kann man unter diesem Link bewundern.--Petra 08:35, 31. Dez 2006 (CET)

"Europa war schon immer Transitgebiet für durchziehende Eroberer – seien es Hunnen oder Türken, die Wanderratte, der Kartoffelkäfer oder die Bisamratte"
Diese Aufzählung ist etwas unglücklich, und hat einen rassitischen Beigeschmack. Bitte um Änderung!
Ansonsten hübscher Artikel mit interessanten Beispielen, auch wenn die ökologisch wichtigen wirbellosen Neueinwanderer (zugunsten spektakulärer Wirbeltiere) vernachlässigt werden. Seegraswiese 17:59, 2. Jan 2007 (CET)
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