Wanderfalke

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Wanderfalke

Systematik
Klasse: Vögel (Aves)
Unterklasse Neukiefervögel (Neognathae)
Ordnung: Greifvögel (Falconiformes)
Familie: Falkenartige (Falconidae)
Unterfamilie: Eigentliche Falken (Falconinae)
Gattung: Falken (Falco)
Art: Wanderfalke
Wissenschaftlicher Name
Falco peregrinus
Tunstall, 1771

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Der Wanderfalke (Falco peregrinus) zählt innerhalb der Familie der Falkenartigen (Falconidae) zur Gattung der Falken (Falco). Im Englischen wird der Wanderfalke Peregrine Falcon genannt. Der Wanderfalke wurde zum Vogel des Jahres 1971 gewählt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen, Maße

Der Wanderfalke erreicht je nach Geschlecht und Unterart eine Körperlänge von 38 bis 55 Zentimeter, eine Flügelspannweite von 90 bis 112 Zentimeter sowie ein Gewicht von rund 850 bis 1.000 Gramm. Weibchen werden deutlich größer und schwerer als Männchen. Weibchen sind meist um die 20 Prozent größer und bis zu 40 Prozent schwerer. Auch die einzelnen Unterarten unterscheiden sich zum Teil beträchtlich in Größe, Gewicht und Färbung. Die Flügel sind wie bei allen Falken spitz zulaufend, der Schwanz ist relativ kurz. Das Gefieder, insbesondere die Flügeldecken, ist überwiegend graublau gefärbt. Der Rücken zeichnet sich durch schwarze Muster aus. Seitlich am Hals, die Brust und der Bauch sind überwiegend weißlich bis cremefarben. In den hellen Gefiederbereichen sind gräuliche Quermusterungen zu sehen. Rund um die Augen ist deutlich ein gelber Augenring zu sehen. Die Wachshaut am Schnabelansatz ist gelblich, der Schnabel an sich weist eine dunkelgraue Färbung auf. Die Läufe und die Zehen sind gelblich gefärbt, die Krallen weisen eine dunkelgraue Färbung auf. Der obere Teil der Extremitäten ist weißlich befiedert. Hier ist deutlich eine dunkle Querbänderung zu erkennen. Jungvögel sind stets dunkler gefärbt und weisen mehr Brauntöne auf.

Lebensweise

Wanderfalken sind tag- und dämmerungsaktive Greifvögel. Verpaarte Falken halten sich in Mitteleuropa ganzjährig im Revier auf. Die beanspruchte Reviergröße richtet sich stark nach dem Nahrungsangebot. Es umfasst in Eurasien in der Regel eine Größe von 150 bis 1.000 Quadratkilometer. In Nordamerika und in Städten (wo das Nahrungsangebot mehrfach größer ist) ist die Dichte deutlich höher. Hier können die einzelnen Nester in Abständen von fünf bis acht Kilometern voneinander entfernt sein. Während der Brutzeit jagen die Wanderfalken meist im Umkreis von fünf bis zehn Kilometern rund um den Horst. Wanderfalken gehören zu den schnellsten Vögel überhaupt. Im Normalflug erreicht der Wanderfalke Geschwindigkeiten von knapp über 100 km/h. Im Sturzflug kann er durchaus eine Geschwindigkeit von über 350 km/h erreichen. Selbst bei diesen Geschwindigkeiten leitet sie ihr hoch entwickelter Sehsinn zielsicher zu ihrem Ziel.

Unterarten

Mitteleuropäischer Wanderfalke (Falco peregrinus germanicus)
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Mitteleuropäischer Wanderfalke (Falco peregrinus germanicus)

Verbreitung

Vorkommen

Der Wanderfalke findet fast weltweit seine Verbreitung. Bis auf die tropischen Regenwälder und dem ewigen Eis der Polarregionen ist er in weiten Teilen der Welt verbreitet. Er ist mit seinen zahlreichen Unterarten sowohl in Europa, Asien, Afrika, Australien als auch in Nord-, Mittel- und Südamerika anzutreffen. In der südlichen Palärarktis gilt der Wanderfalke als Standvogel. In nördlichen Verbreitungsgebieten ist er Strich- oder Zugvogel. Bei den Zugvögeln liegen die Brutgebiete und Winterquartiere räumlich voneinander getrennt. Die nordamerikanischen Populationen wandern im Herbst nach Südamerika, insbesondere nach Argentinien und Chile. Europäische Populationen ziehen zumeist nach Afrika. Hier überwintern sie in der Regel südlich der Sahara. Die nordasiatischen Vögel überwintern in Südostasien.

Lebensraum

Wanderfalken leben bevorzugt in offenen Lebensräumen. Man findet die Vögel in der Heide, der Tundra, in Trockensteppen, Halbwüsten und in Wäldern. Auch in Gebirgsregionen sind sie nicht selten anzutreffen. In Höhenlagen kommen sie in Höhen von bis zu 3.500 Metern vor. Die bevorzugten Nistplätze liegen auf Klippen und in Felsspalten. Mittlerweile brüten in einigen Ländern bis zu 1/4 der Population an hohen Gebäuden wie Schornsteinen, Rathaus-/Kirchtürmen o.ä..

Bedrohung, Schutz

Insgesamt ist die Art noch nicht gefährdet. In der Roten Liste des IUCN wird der Wanderfalke in seiner Gesamtheit als nur gering gefährdet geführt. Das Washingtoner Artenschutzabkommen stellt die Tiere in Anhang I seit 01.07.1975 unter besonderem Schutz. Einzelne Unterarten, insbesondere die mitteleuropäischen Populationen stehen seit Jahrzehnten stark unter Druck oder sind gebietsweise sogar schon ausgestorben. Das hat sicherlich mehrere Ursachen. Allen voran stellt die Vernichtung der natürlichen Lebensräume das Hauptproblem dar. Aber auch die allgemeine Umweltverschmutzung, die Ausbringung von Schädlingsbekämpfungsmittel, Pestiziden und DDT stellen eine Gefahr für den Wanderfalken dar. Die Gifte nehmen sie insbesondere über ihre Nahrung auf. Die Gifte wirken sich dann vor allem auf den Bruterfolg aus. Ab einer bestimmten Menge an Gift werden die Eischalen nicht mehr vollständig ausgeprägt und die Schalen zerbrechen aufgrund nicht genügendem Kalziuminhaltes. Der Gebrauch giftiger Chemikalien wie DDT ist zwar mittlerweile in weiten Teilen der Welt geächtet und verboten, jedoch werden diese Gifte in vielen Winterquartieren, die in der Dritten Welt liegen, weiterhin ausgebracht.

Prädatoren

Raubvögel stehen zwar am oberen Ende der Nahrungskette, jedoch stehen Wanderfalken auf der Speisekarte größerer Raubvögel und Eulen. Zu den gefiederten Fressfeinden der Wanderfalken gehören insbesondere der Uhu (Bubo bubo), Steinadler (Aquila chrysaetos) und der Gerfalke (Falco rusticolus). Eier und Nestlinge werden oft von Raubvögeln, Füchsen, Katzen, Bären und Waschbären gefressen. Wanderfalken verteidigen ihr Gelege allerdings vehement und schrecken auch nicht vor deutlich größeren Feinden zurück. Besonders gefährdet sind Nester, die sich in Bodennähe befinden. In der Regel sucht sich der Wanderfalke allerdings sehr hoch gelegene Nistplätze aus.

Nestlinge und auch die adulten Vögel werden oft von diversen Ekto- und Endoparasiten wie Flöhen (Siphonaptera), verschiedenen Saugwürmern (Trematoda), Fadenwürmern (Serratospiculum), Bandwürmern (Cestoda) und verschiedenen Läusen heimgesucht. Der Befall durch Parasiten führt oftmals zu Krankheiten, die nicht selten mit dem Tode enden.

Ernährung

Wanderfalken ernähren sich fast ausschließlich von Vögeln aller Art. Dazu gehören Singvögel, Tauben, Rallen und Limikolen, in Berlin-Mitte kommen noch zahlreiche Mauersegler und Wachteln dazu. Nur sehr selten erbeuten sie auch kleinere Säugetiere wie Eichhörnchen, Ratten und Mäuse sowie kleinere Reptilien. Unter den Vögeln gelten Tauben der Familie Columbidae zur bevorzugten Nahrung. Wanderfalken jagen zumeist von einer Ansitzwarte aus. Haben sie ein Opfer erspäht, so erheben sie sich in die Luft und stürzen sich bei Erreichen der Beute im Sturzflug auf das Tier. Als Ansitzwarte dient zumeist ein Felsvorsprung oder ein Ast in einem Baum. Selten sieht man die Wanderfalken auch im Suchflug auf der Suche nach Beutetieren. In südlichen Verbreitungsgebieten wurden Wanderfalken auch bei der Jagd auf dem Boden beobachtet. Dabei wurden insbesondere Insekten und Reptilien erbeutet. Dies ist allerdings eine eher seltene Jagdmethode. Auf die Jagd geht ein Wanderfalke in der Regel alleine. Nur selten sieht man sie auf der Nahrungssuche paarweise. Wird das Beutetier nicht schon durch das Aufgreifen getötet, geschieht das mit einem gezielten Biss in die Halswirbelsäule.

Fortpflanzung

Wanderfalken erreichen die Geschlechtsreife mit knapp einem Jahr. Die Brutgebiete des Wanderfalken liegen in den nördlichen Gebieten der Palärarktis, insbesondere in Europa, Nordamerika und Asien. In Europa wird überwiegend in Mitteleuropa, Skandinavien und in Nordrussland gebrütet. In Nordamerika liegen die Brutgebiete in Kanada, Alaska und den nördlichen Staaten der USA. In Asien brüten Wanderfalken in Nordrussland und Sibirien. Männchen kommen meist schon im Januar oder Februar aus den Winterquartieren. Weibchen treffen erst sehr viel später im März im Brutgebiet ein.

Nistplatz

Ein Nest wird in der Regel nicht selbst gebaut, sondern von anderen Vögeln übernommen und ausgebessert. Beliebte Nester stellen die Horste des Kolkraben (Corvus corax) oder ähnlich großer Vögel dar. Fehlt es an Nestern, so kann der Wanderfalke aber auch in Felsklippen und Felsnischen brüten. In Skandinavien brütet er auch auf dem Boden in einfachen Mulden. Der Wanderfalke ist da nicht wählerisch. Bevorzugt werden allerdings Nester in Felsklippen. In menschlichen Siedlungen werden gelegentlich auch Gebäude als Nistplatz gewählt. Dies können Kirchtürme, alte Ruinen, hohe Kamine oder ähnliche Bauten sein. Ein durchschnittliches Brutgebiet umfasst in Mitteleuropa zwischen 30 und 40 Quadratkilometer. Die Größe eines Brutrevieres hängt vom Nahrungsangebot ab.

Balz, Paarung

In den meisten Verbreitungsgebieten beginnt die eigentliche Balz Ende Februar oder im März. Im nördlichen Südeuropa kann die Balz aber auch schon während der Wintermonate beginnen. Dieses hängt ganz von der Witterung ab. Männchen treffen als erstes in den Brutgebieten ein und warten auf einer exponierten Ansitzwarte auf ein potentielles Weibchen. Insbesondere facettenreiche Balzflüge mit einhergehenden Sturzflügen prägen die Balz. Während dieser Balzflüge lassen sich die Paare kreisend zu Boden fallen und fangen sich erst kurz vor dem Erdboden ab.

Brutverlauf

Nach erfolgreicher Paarung legt das Weibchen meist drei oder vier Eier, seltener 2 oder 5. Die Eier werden im Abstand von etwa zwei Tagen gelegt. Die Gelegegröße richtet sich in der Regel nach dem Alter des Weibchens. Einjährige Weibchen legen meist nur drei Eier. In Mitteleuropa hat man eine Erfolgsrate bei der Brut von 2,5 Jungvögeln je Paar und Jahr festgestellt. Das Weibchen fängt zumeist ab dem Dritten Ei mit dem bebrüten der Eier an. Die Brutdauer erstreckt sich über 32 Tage. In der Regel beteiligt sich das Männchen an der Arbeit. Dies ist aber nicht immer und überall der Fall. Während der Nacht brütet fast ausschließlich das Weibchen. Die Nestlingszeit erstreckt sich über einen Zeitraum von mindestens 40 Tagen. Während dieser Zeit wird der Nachwuchs von beiden Elternteilen mit Nahrung versorgt.

Jungvögelentwicklung

Die geschlüpften Küken verfügen über ein weißes Dunenkleid. Die Augen sind beim Schlupf noch nicht offen. Sie öffnen sich zumeist ab dem vierten Tag. Die Kommunikation zwischen den Altvögeln und ihrem Nachwuchs erfolgt über Lautäußerungen. Die Jungvögel erkennen daran ihre Eltern. Bei der Fütterung recken sie ihre Köpfe nach oben, sperren ihren Schnabel auf und warten auf Nahrung. Nach einer Woche haben die Jungvögel ihren Körper mehr und mehr unter Kontrolle. Ab diesem Zeitpunkt nehmen sie auch schon selbständig dargereichte Nahrung auf. Nach zwei Wochen ist den Jungvögeln ein neues, weiches Dunenkleid gewachsen. Es bedeckt sie vollständig. Mit diesem Dunenkleid werden sie auch nicht mehr von den Eltern gehudert und können sich selbständig warm halten. In der dritten und vierten Lebenswoche bilden sich langsam die Handschwingen heraus. Dargereichte Beutetiere werden nun auch schon selbständig mit dem Schnabel zerteilt. Mit Beginn der sechsten Woche hat sich das Jugendgefieder fast vollständig (bis auf das Großgefieder) entwickelt und die Jungvögel beginnen mit dem Flügeltraining. Kurze Zeit später sind sie flügge. Die Jungvögel bleiben allerdings noch weitere ca sechs Wochen bei den Eltern und betteln um Nahrung. Die Sterblichkeit unter den Jungvögeln liegt im ersten Jahr bei rund 50 Prozent. Die Lebenserwartung liegt in der Regel bei 10 bis 13 Jahren, unter günstigen Umständen können Wanderfalken auch ein Alter von 17 Jahren und in Gefangenschaft sogar über 20 Jahre erreichen.

Anhang

Literatur und Quellen

  • Pierandrea Brichetti: Vögel. In Garten, Park und freier Natur. Neuer Kaiser Verlag , 2002.ISBN 370431322X
  • Rob Hume: Vögel in Europa. Dorling Kindersley; Auflage: 1 (Januar 2003) ISBN 3831004307
  • Gottfried Mauersberger, Wilhelm Meise: Urania Tierreich, 7 Bde., Vögel.Urania, Stuttgart (1995) ISBN 3423032049
  • Dr. Einhard Bezzel: Der zuverlässige Naturführer. BLV Handbuch Vögel. 3. überarbeitete Auflage (2006). BLV Buchverlag GmbH & Co. KG, München.ISBN 3-8354-0022-3; ISBN 3-8354-0022-1
  • Manfred Pforr, Alfred Limbrunner: Ornithologischer Bildatlas der Brutvögel Europas, Band 2. Weltbild Verlag GmbH, Augsburg, 1991 ISBN 3894400072

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