Wasserfledermaus

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Wasserfledermaus

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Fledertiere (Chiroptera)
Unterordnung: Fledermäuse (Microchiroptera)
Überfamilie: Glattnasenartige (Vespertilionoidea)
Familie: Glattnasen (Vespertilionidae)
Unterfamilie: Eigentliche Glattnasen (Vespertilioninae)
Gattung: Mausohren (Myotis)
Art: Wasserfledermaus
Wissenschaftlicher Name
Myotis daubentonii
(Kuhl, 1817)

IUCN-Status
Least Concern (LC) - IUCN

Die Wasserfledermaus (Myotis daubentonii) zählt innerhalb der Familie der Glattnasen (Vespertilionidae) zur Gattung der Mausohren (Myotis). Im Englischen wird diese Fledermaus Daubenton's Bat genannt. Der Erstbeschreiber, Heinrich Kuhl, nannte die Wasserfledermaus 1817 ursprünglich Vespertilio daubentonii und führte sie in der Gattung der Zweifarbfledermäuse (Vespertilio). Erst im Jahre 1898 prägte Michael Rogers Oldfield Thomas den noch heute gültigen Namen.

Inhaltsverzeichnis

Fossile Funde

Fossile Funde der Wasserfledermaus konnten auf das frühe Pleistozän datiert werden. Die ältesten Funde stammen insbesondere aus Ungarn, Rumänien und Tschechien. Neuere Funde aus dem mittleren und späten Pleistozän stammen ebenfalls aus Ungarn sowie aus dem ehemaligen Jugoslawien. Funde als dem späten Pleistozän wurden in Deutschland, Bulgarien, Belgien und Polen nachgewiesen. Europaweite und asiatische Funde stammen im Wesentlichen aus dem Holozän. Eine nah verwandte Art der Wasserfledermaus, die ausgestorbene Art Myotis paradaubentonii, stammt aus dem mittleren Pliozän und wurde in Ungarn gefunden. <1>

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die mittelgroße Wasserfledermaus erreicht je nach Geschlecht und Unterart eine Körperlänge von 40 bis 60 Millimeter, eine Schwanzlänge von 27 bis 48 Millimeter, eine Flügelspannweite von 240 bis 275 Millimeter, eine Forderarmlänge von 33 bis 42 Millimeter, eine Ohrlänge von 9,1 bis 14,2 Millimeter, eine condylobasale Schädellänge von 12,8 bis 14,7 Millimeter sowie ein Gewicht von 5 bis 15 Gramm. Die ostasiatischen Populationen bleiben insgesamt kleiner und leichter als die europäischen Populationen. Männchen bleiben ein wenig kleiner als Weibchen. Der Schädel eines Weibchens wird beispielsweise zwischen 0,6 und 1,4 Prozent größer als bei einem Männchen. <2>

Das Calcar (knorpeliger Sporn an den Hinterbeinen) ist schlank und weist keinen Kiel auf. Das Uropatagium (Schwanzflughaut) ist gerade geformt und ähnlich dem Patagium (Flughaut, Flugmembran) gefärbt. Das Patagium weist eine rötlichbraune bis dunkelbraune Färbung auf. Die Gesichtshaut ist leicht pink gefärbt, wobei sich die Haut im Wesentlichen nur rund um die Augen zeigt. Das dichte und kurze Fell ist dorsal bräunlich, graubraun bis hin zu einem dunklen bronzebraun, nicht selten auch mit einem leicht rötlichen Schimmer, gefärbt. Ventral zeigt sich eine silbergraue Färbung. Es treten gelegentlich auch Albinos auf, die in Freiheit jedoch kaum eine Überlebenschance haben. Die Ohren sind kurz, gerundet und stehen weit auseinander. Der Schädel weist im Profil eine ebene Form auf, er ist zudem breit und dorsal abgeflacht. Das Gebiss besteht aus 38 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i2/3, c1/1, p3/3, m3/3. <3>

Wasserfledermäuse verfügen über 38 Wirbel, die sich in 7 Halswirbel (Cervical vertebrae), 11 Brustwirbel (Thoracic vertebrae), 5 Lendenwirbel (Lumbar vertebrae), 4 Kreuzbeinwirbel (Sacral vertebrae) und 11 Steißbeinwirbel (Coccygeal vertebrae) gliedern. Der Penisknochen (Baculum) der Männchen ist schlank und einfach gebaut. Die Herzschlagfrequenz liegt während des Winterschlafes bzw. im Torpor bei einer Hauttemperatur von 8,9 bis 10,2 Grad Celsius bei 108 bis 120 Schläge/min. Bei Erregung oder Anstrengung kann die Herzschlagfrequenz bei einer Hauttemperatur von 36,5 bis 37,6 Grad Celsius auf 450 bis 750 Schläge/min. steigen. Während der Winterruhe sinkt pro 100 Tage Torpor das Körpergewicht um 20 bis 21 Prozent. Der Wasserverlust während des Torpor wird geringehalten, da nur hoch konzentrierter Urin ausgeschieden wird. <4>

Lebensweise

Wasserfledermäuse sind gesellige Fledermäuse. Dies trifft auf beide Geschlechter zu, wobei Weibchen üblicherweise in größeren Kolonien leben. Während der kalten Jahreszeit halten die Tiere eine Winterruhe. Diese erstreckt sich je nach Vorkommen von September bis in den März hinein. In Polen, im Nietoperek Fledermaus-Schutzgebiet, sind Winterschlafkolonien in Größen von bis zu 17.000 Tiere bekannt. Die durchschnittliche Größe einer Winterkolonie liegt jedoch zwischen einigen Dutzend und 140 Tieren. In den Kolonien halten nicht selten auch andere Fledermausarten auf. Dies kann beispielsweise auch eine Fransenfledermaus (Myotis nattereri) sein. Der Anteil der Jungtiere in den Winterpopulationen liegt zwischen 20 und 22 Prozent. Die durchschnittliche Temperatur in den Winterquartieren liegt zwischen 0 und 10 Grad Celsius, temporär kann die Temperatur bei -2 Grad Celsius liegen, ohne das die Tiere Schaden nehmen. Die durchschnittliche Dauer der Winterruhe liegt in Zentraleuropa zwischen 175 und 190 Tage. Nach der Winterruhe fliegen die Tiere aus. Die zurückgelegten Entfernungen liegen in Deutschland zwischen 0,5 und 88 Kilometer. <5>

Wasserfledermäuse sind ausschließlich nachtaktiv. Ihre Aktivität beginnt rund 30 bis 130 Minuten nach Sonnenuntergang und endet 60 bis 120 Minuten vor Sonnenaufgang. Zur Orientierung nutzen Wasserfledermäuse die Echolokation. Die ausgesendeten Töne weisen eine Frequenz von 20 bis 30 kHz bzw. 70 bis 95 kHz auf und erreichen eine Länge von rund 3 bis 6 ms, in Intervallen von 56 bis 103 ms. Wasserfledermäuse sind territorial und beanspruchen ein Revier in einer Größe von durchschnittlich 420 m². Koloniale Nahrungsgründe weisen eine Größe von gut 4.600 m² auf. Die Nahrungsgründe können bis zu 10 Kilometer von den Schlafplätzen entfernt liegen. Wasserfledermäuse sind gute und gewandte Flieger. Die durchschnittliche Fluggeschwindigkeit liegt bei 3,4 bis 4,1 m/sec. 90 Prozent der Flugzeit erfolgt in niedriger Hohe von kaum 2 Metern. In dieser Höhe gehen die Tiere auch nach Beutetieren. Meist handelt es sich dabei um Insektenschwärme. <6>

Unterarten

Verbreitung und Lebensraum

Vorkommen

Die Wasserfledermaus ist in der Paläarktis in Europa und Asien weit verbreitet. Im Westen beginnt das Verbreitungsgebiet von Porugal und Irland, im Osten ist die Art bis nach China und Korea anzutreffen. In Europa erstreckt sich die Verbreitung von Skandinavien, 63 Grad nördlicher Breite, bis nach Griechenland, 40 Grad nördlicher Breite. Das Verbreitungsgebiet der Wasserfledermäuse erstreckt sich insbesondere über Österreich, Belgien, China, Tschechien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland,
Nahrungshabitat: ein Weiher
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Nahrungshabitat: ein Weiher
Ungarn, Indien, Irland, Italien, Korea, Laos, Lettland, Luxemburg, Mongolei, Niederlande, Norwegen, Polen, Portugal, Rumänien, Russland, Slowakei, Slowenien, Spanien, Schweden, Schweiz, Türkei und England. Die Tiere sind sowohl in der Ebene als auch in Höhenlagen von 300 bis 1.100 Metern, selten auch bis in Höhen von 1.400 Metern über NN anzutreffen. In Tibet wurde ein Exemplar sogar in einer Höhe von 2.750 Meter gefunden. <7> <14>

Lebensraum

Wasserfledermäuse leben meist in der Nähe von Seen, Teichen, Weihern oder Flüssen. Sie sind aber auch in lichten Wäldern anzutreffen, wobei sich jedoch immer ein Gewässer in der Nähe befindet. Im Sommer befinden sich die Schlafplätze meist in hohlen Bäumen, unter Brücken, in alten Gemäuern oder zuweilen auch in Nistkästen oder Höhlen von Vögeln sowie in felsigen Höhlen. Die Kinderstuben der Wasserfledermäuse liegen in kleineren bis mittelgroßen Kolonien, die aus 100 oder mehr Muttertieren und ihrem Nachwuchs bestehen. Männchen halten sich außerhalb der Paarungszeit in kleinen Junggesellentrupps auf und stoßen nur für kurze Zeit zu den Weibchen. Die Winterquartiere liegen an frostsicheren Plätzen wie beispielsweise alten Häusern, Bunkern, Minen und ähnlichen Plätzen.

Biozönose

Prädatoren

Zu den natürlichen Fleischfressern der Wasserfledermäuse zählen insbesondere Hauskatzen (Felis catus), Steinmarder (Martes foina), Waldmäuse (Apodemus sylvaticus) oder Waldspitzmäuse (Sorex araneus). Zu den gefährlichsten Fleischfressern gehören jedoch Eulen (Strigiformes) wie die Schleiereule (Tyto alba), der Waldkauz (Strix aluco) oder die Waldohreule (Asio otus). Bussarde (Buteo) stellen den Tieren auch nach, jedoch weisen Fledermäuse und Bussarde unterschiedliche Aktivitätszeiten auf. <8>

Parasiten

Wasserfledermäuse sind Wirte für zahlreiche Ekto- und Endoparasiten. Dazu gehören insbesondere Fledermausfliegen (Nycteribiidae), wie Basilia nana, Penicillidia monoceros, Nycteribia vexata, Nycteribia kolenatii oder Nycteribia schmidlii. In einigen Regionen sind bis zu 90 Prozent der Populationen mit Fledermausfliegen behaftet. Durchschnittlich beherbergt eine Wasserfledermaus zwischen 3,9 und 4,7 Fledermausfliegen. Weitere Ektoparasiten sind verschiedene Milben (Acari), Flöhe (Siphonaptera) und Zecken (Ixodida). Nachgewiesen sind auch zahlreiche Endoparasiten wie Saugwürmer (Trematoda), Fadenwürmer (Nematoda) und Bandwürmer (Cestoda). Felduntersuchungen in England haben ergeben, dass zahlreiche Wasserfledermäuse mit Plasmodien (Plasmodiidae) wie Polychromophilus murinus oder Grahamella sp. infiziert waren. Auch parasitierende Protozoen wie Babesien (Babesia) treten häufig auf. <9>

Ernährung

Wasserfledermäuse ernähren sich im Wesentlichen von Insekten (Insecta). Zahlreiche Magenanalysen haben ergeben, dass vor allem Zweiflügler (Diptera), Köcherfliegen (Trichoptera), Eintagsfliegen (Ephemeroptera), Schmetterlinge (Lepidoptera) und Käfer (Coleoptera). Lokal werden jedoch auch Ostrakoden (Ostracoda) und winzige Blattfußkrebse (Branchiopoda) gefressen. Nachgewiesen sind auch Partikel von Knochenfische (Osteichthyes). Die Nahrungssuche erfolgt in unmittelbarer Nähe zu einem Gewässer oder über einem Gewässer. Wassertiere werden wahrscheinlich im Tiefflug von der Wasseroberfläche erbeutet. <10>

Fortpflanzung

Das Fortpflanzungsverhalten der Wasserfledermaus ist relativ gut erforscht. Die Wasserfledermaus erreicht die Geschlechtsreife gegen Ende des ersten Lebensjahres. Die Paarungszeit richtet sich im Wesentlichen nach dem geografischen Vorkommen und beginnt, wenn die Männchen an die Paarungsplätze eintreffen. Dies ist in der Regel der Fall, wenn die Jungen aus dem letzten Wurf von der Muttermilch abgesetzt wurden. Die Paarungszeit beginnt demnach im August und setzt sich bis in den April fort.

In einer Saison kommt es lediglich zu einem Wurf. Die Geschlechter der Wasserfledermaus leben in einer polygamen Beziehung. Eine feste Paarbindung ist demnach nicht festzustellen. Bei der Kopulation, die ventrodorsal erfolgt, klammert sich das Männchen am Rücken des Weibchens fest und führt sein Begattungsorgan in die Vulva des Weibchens ein. Kopulation erstreckt sich für gewöhnlich über 15 bis 30 Minuten. Erfolgt die Kopulation vor der Winterruhe, so beginnt noch nicht direkt die embryonale Entwicklung, sondern es setzt eine Keimruhe ein. Die eigentliche embryonale Entwicklung beginnt dann erst mit Ende der Winterruhe. Die Tragezeit erstreckt sich über 53 bis 55 Tage. Die Länge der Tragezeit hängt insbesondere von den lokalen klimatischen Bedingungen ab. Zu den Geburten kommt es je nach Vorkommen zwischen Mitte Juni und Ende Juni. Im Osten Russlands treten die Geburten meist erst Anfang Juli auf. <11>

Ein Weibchen bringt 1 bis 2 (1) Jungtiere zur Welt. Das Geschlechterverhältnis liegt bei nahezu 1:1. Es weist ein Gewicht von 1,6 bis 2,4 Gramm, eine Körperlänge von 22,8 Millimeter, eine Schwanzlänge von 15,7 Millimeter, eine condylobasale Schädellänge von 10,3 Millimeter sowie eine Vorderarmlänge von etwa 15,9 Millimeter auf. Die Jungtiere kommen blind und taub zur Welt, sie klammern sich im Fell der Mutter fest. Die sensorischen Tasthaare im Bereich der Schnauze sind jedoch schon bei der Geburt vorhanden. Ähnliches gilt auch für das dorsale Fell, das bereits spärlich vorhanden ist. Es ist kurz und graubraun gefärbt. Die Ohren und die Flughaut der Säuglinge sind graubraun gefärbt. Zum Säugen des Nachwuchses verfügt das Weibchen über vier Zitzen im Brustbereich. Die Säugezeit erstreckt sich für gewöhnlich über rund 35 bis 45 Tage. Um die Aufzucht des Nachwuchses kümmert sich ausschließlich das Weibchen. <12>

Im Alter von 21 Tagen weisen die Jungtiere bereits ein Gewicht von 5,5 Gramm und sowie eine Vorderarmlänge von etwa 32,7 Millimeter auf. Das Milchgebiss besteht aus 22 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i2/3, c1/1, p2/2. Molaren fehlen dem Milchgebiss. Die Milchzähne brechen mit der Geburt durch, die ersten bleibenden Zähne brechen ab dem achten Lebenstag durch. Im Alter von 31 Tagen verfügen die Jungtiere über ein voll entwickeltes bleibendes Gebiss. Die Augen öffnen sich zwischen dem achten und zehnten Lebenstag, das Fell ist bis zum 21. Lebenstag voll ausgebildet. Abgeschlossen ist das Haarwachstum jedoch erst im Alter von 31 bis 35 Tagen. Die adulte Größe wird im Alter von 9 bis 10 Wochen erreicht. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Wasserfledermaus liegt bei 4,5 bis 5 Jahre. Unter sehr günstigen Umständen kann die Lebenserwartung bei bis zu 20 Jahren liegen. In Gefangenschaft erreicht eine Wasserfledermaus ein hohes Alter von 28 Jahren. <13>

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Auch wenn die Wasserfledermaus insgesamt noch nicht zu den gefährdeten Arten gehört, so ist sie im westlichen Europa heute nur noch selten zu beobachten. Dies trifft im Übrigen auf zahlreiche Fledermausarten zu. In Deutschland steht die Art unter strengem Schutz. In der Roten Liste der IUCN wird die Wasserfledermaus als nicht gefährdet (LC, Least Concern) geführt. Zu den Gefährdungsfaktoren zählen die fehlende Schlafplätze in den vom Menschen dicht besiedelten Regionen, die Habitatsfragmentierung sowie der übermäßige Pestizideinsatz in der modernen Landwirtschaft. Die Wasserfledermaus nehmen die Pflanzenschutzmittel und Insektizide zwangsläufig über die Nahrung auf und schädigt mitunter das Erbgut. <15>

Anhang

Siehe auch

  • Hauptartikel: die Ordnung der Fledertiere (Chiroptera)

Literatur und Quellen

Qualifizierte Weblinks

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