Wasserspinne

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Wasserspinnen
Illustration aus "Brehms Tierleben"

Systematik
Klasse: Spinnentiere (Arachnida)
Ordnung: Webspinnen (Araneae)
Teilordnung: Echte Webspinnen (Araneomorphae)
Überfamilie: Agelenoidea
Familie: Gebirgstrichterspinnen (Cybaeidae)
Gattung: Wasserspinnen (Argyroneta)
Art: Wasserspinne
Wissenschaftlicher Name
Argyroneta aquatica
Clerck, 1757

Verbreitungsgebiet
Ungefähres Verbreitungsgebiet

Die Wasserspinne (Argyroneta aquatica) zählt innerhalb der Familie der Gebirgstrichterspinnen (Cybaeidae) zur Gattung der Wasserspinnen (Argyroneta). Sie wurde erstmals im Jahre 1757 von Carl Alexander Clerck beschrieben und wird auch Silberspinne genannt. Im Englischen nennt man sie Water Spider. Die Wasserspinne fasziniert durch ihre ausgergewöhnliche, einzigartige und höchst interessante Lebensweise.

Im Jahre 2000 wurde die Wasserspinne von der Arachnologischen Gesellschaft e.V. als erste Spinne des Jahres von Deutschland ausgezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Maße, Aussehen

Die Wasserspinne ist eine mittelgroße Spinne. Weibchen werden maximal 8 bis 10 Millimeter lang, Männchen erreichen rund 10 bis 15 Millimeter, dieser Größenunterschied zu Gunsten des Männchens ist unter Spinnen eine Seltenheit. Dabei beträgt die durchschnittliche Länge beider Geschlechter um 9 Millimeter und die Beinspannweite bis etwa 35 Millimeter. Die schwarzen Giftklauen (Chelizeren) sind nur wenige Millimeter lang, aber dennoch spitz und lang genug, um die menschliche Haut zu durchdringen. Die Grundfärbung liegt allgemein bei braun. Die Kopfbrust (Cephalothorax), also der Vorderkörper, ist mehr grau gefärbt, abgeflacht und weist einige sternartig angeordnete dunkle Streifen auf, vor den Giftklauen hebt sich die Kopfbrust von außen nach innen zu leicht an, wie der Giebel eines Hauses. Der hellere, braune Hinterleib (Abdomen) ist länglich und leicht nach unten gekrümmt. Auf dem gesamten Körper, vor allem auf dem Hinterleib, bilden Haare einen samtweichen Überzug, die Beine sind ebenfalls braun gefärbt und behaart.

Toxizität

Ein Biss dieser Spinne kann leichte bis mäßig starke, stechend brennende Schmerzen verursachen oder, wenn nur sehr wenig Gift injiziert wurde und die Giftklauen nicht richtig durchgebrochen sind, auch nur einen leichten Juckreiz begleitet von einer Rötung der Haut. Dabei kann die Bissstelle und das Gewebe um die Bissstelle herum etwas anschwellen. Allerdings kann man die Wasserspinne als ungefährlich bezeichnen, weil sie auf Grund ihrer Lebensumstände so gut wie keinen direkten Kontakt zum Menschen hat. Außerdem gab es noch nie einen nachgewiesenen Bissunfall mit längerem Krankenhausaufenthalt oder gar mit Todesfolge. Aber bei Kindern, sowie alten und geschwächten Menschen ist nach einem eventuellen Biss immer eine genaue Beobachtung der Entwicklung des Zustandes des Betroffenen angeraten, wie auch bei einem Bienenstich, da auch allergische Reaktionen nicht ausgeschlossen sind. Kommt es zu einer allergischen Reaktion, ist es angeraten, einen Arzt zu konsultieren, welcher ein entsprechendes Antiallergikum verabreicht.

Lebensweise

Allgemeines

Die Wasserspinne ist sowohl am Tage, als auch in der Nacht aktiv, geht aber überwiegend in der Dunkelheit auf die Beutefang. Sie ist nicht an ein Netz mit festem Standort gebunden bzw. ist nicht gar all zu ortstreu, wie dies viele Trichterspinnen (Agelenidae) sind, sie halten sich so lange wie möglich an ein und dem selben Ort in
Auf Tauchstation
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Auf Tauchstation
ein und dem selben Netz auf, sofern die Umweltfaktoren stimmen und regelmäßig Beute zur Verfügung steht. Bei der Wasserspinne verhält es sich anders, sie braucht regelmäßig neue Netze und sucht sich auch immer neue Orte im selben Gewässer, welche nicht zu weit von einander entfernt sind, für diese aus. Die Netze sind etwas ganz besonderes, genauso wie restliche Lebensweise, auf welche im folgenden Absatz näher eingegangen wird.

Auf Tauchstation

Die Wasserspinne ist die einzige Spinne weltweit, die unter Wasser lebt, sonst gibt es lediglich einige Spinnen, wie die Gerandete Jagdspinne (Dolomedes fimbriatus), welche auf dem Wasser laufen und unter Wasser jagen können. Die Wasserspinne jedoch lebt unter der Wasseroberfläche, und dies ihr ganzes Leben, von der Geburt, bis zum Tod. Sie kommt nur sehr selten zur Pflege der leicht filzenden Körperhaare aus dem Wasser, überhaupt pflegt und putzt sie ihr Haarkleid sehr gründlich. Da sie keine Kiemen besitzt und Luft zum Atmen benötigt, lebt sie unter Wasser in einer Art "Taucherglocke", welche zwischen Wasserpflanzen und Ästen im Wasser befestigt wird. Die Spinne webt zum Bau dieser Glocke ein engmaschiges und feines Netz horizontal zwischen diesen Pflanzen oder Pflanzenteilen, taucht auf, streckt den Hinterleib und die hinteren Beine aus dem Wasser und taucht wieder ab. Dabei lässt sie sich von zuvor an die Wasseroberfläche gestiegenen "Leitfäden" aus Spinnenseide, welche mit dem engmaschigen Netz in Verbindung stehen, führen. Beim Abtauchen bleibt eine Luftblase zwischen den hinteren Beinen und rund um den Hinterleib hängen, welche unterhalb des zuvor gewebten Netzes losgelassen wird. So wird dieses mit Luft gefüllt und richtet sich glockenartig auf. Diese luftgefüllte Glocke wird nun eine ganze Zeit bewohnt, die Luft wird regelmäßig erneuert und der Raum mit der Zeit einiges erweitert. Von der Glocke aus führen mehrere Signalfäden ab durch das freie Wasser zu einer anderen Pflanze. Die Wasserspinne schwimmt in Rückenlage.

Über die Wintermonate lebt die Wasserspinne ebenfalls in der Wohnglocke, sie hält dort eine Winterstarre. Oft friert die Glocke, welche im Winter in der Regel in Hohlräumen wie leeren Schneckenhäusern im Wasser angebracht wird, sogar im Eis ein. Die Spinne übersteht diese Zeit durch minimalen Verbrauch von Sauerstoff und beinahe bis völliges einstellen der Vitalfunktionen, auch der Stoffwechsel wird unterbunden, so benötigt das Tier keine Nahrung. Die Spinne kann auch selbst gefrieren und dennoch im nächsten Jahr wieder auftauen und weiterleben.

Die Bionik, also die Wissenschaft, die sich mit den Anwendungsmöglichkeiten biologischer Materialien und Strukturen, sowie Erzeugnissen der Natur und ihren Anwendungsmöglichkeiten in
Anatomie einer Spinne
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Anatomie einer Spinne
der Techink befasst oder Vorbilder für die Technik in der Natur sucht, hat sich auf der Suche nach einem wasserabweisenden Schutzmantel für Schiffe auch mit der Wasserspinne auseinander gesetzt. Dabei wurden die Strukturen der Haare der Spinne mikroskopisch und elektronenmikroskopisch untersucht und mittels der gewonnen Kenntnisse konnte man zunächst Stoffe entwickeln, die bis zu vier Tage unter Wasser trocken bleiben. Ein unter Wasser trocken bleibendes Schiff gibt es zwar noch nicht, aber die Biologen, Ingenieure, Techniker ect., die in der Biotechnologie und Bionik Hand in Hand arbeiten, machen ständig Fortschritte.

Ernährung

Die Wasserspinne ist eine kaum aktive Jägerin. Sie lauert als Ansitzjägerin in ihrer Wohnglocke auf vorbeischwimmende Beutetiere. Berührt eine potentielle Beute die Warnfäden, welche von der Glocke wegführen, "schießt" die Wasserspinne förmlich aus ihrer Glocke und packt sich die Beute mit den kräftigen Giftklauen und den Tastbeinen und injiziert ihr Gift. Zur Aufnahme der Nahrung zieht die Spinne ihr erbeutetes Tier in die Wohnglocke. Dort speit sie Verdauungssekrete über und in das Beutetier, diese Sekrete verflüssigen es und die Spinne saugt es aus wie ein Vampir. Was übrig bleibt sind je nach dem, um was für eine Beute es sich gehandelt hat, die Haut, Schuppen oder der Chitinpanzer der Beute.

Potentielle Beutetier der Wasserspinne sind allerlei Kleintiere wie Kleinkrebse, Wasserinsekten, Wasserasseln (Asellus aquaticus) und jede Menge im Wasser lebende Larven. Auch viele andere Wirbellose und kleinere Fische wie Elritzen (Phoxinus phoxinus), sowie Kaulquappen, die Larven von Lurchen (Amphibia), stehen auf dem Speiseplan der Wasserspinne.

Fortpflanzung

Die Paarung findet, wie so viele Tätigkeiten der Wasserspinne, in der Wohnglocke statt. Dazu führt das Männchen einen der zuvor mit Sperma befüllten Pedipalpen, genauer den jeweiligen Tarsus, also das letzte Glied eines in diesem Falle Tastbeines, in die Geschlechtsöffnung des
Lebensraum: Ganzjährig Wasser führender, naturnaher Teich
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Lebensraum: Ganzjährig Wasser führender, naturnaher Teich
Weibchens, die Epigyne, ein und legt dort sein Samenpaket ab, um die Eier zu befruchten. Ist die Paarung geglückt, webt das Weibchen vor der Eiablage eine besonders hohe Wohnglocke. Im oberen Teil bringt sie den Eikokon mit den Eiern an. Dort schlüpft dann später die Brut, welche bis zur ersten Häutung noch keine Haare hat und in der Glocke der Mutter verweilt. Die Haare erfüllen die Funktion des festhaltens der Luft in Form von einer Blase beim Abtauchen, sie sind also lebensnotwendig für die Wasserspinne. Die erste Nahrung der kleinen Jungspinnen sind in der Regel sehr kleine Tiere wie Wassermilben oder Wasserflöhe, wobei auch größeres erbeutet werden kann.

Verbreitung

Die Wasserspinne ist in fast ganz Eurasien verbreitet, um genauer zu sein, etwa von den britischen Inseln im Westen bis ins östliche Asien nach Japan. Sie bewohnt saubere und mäßig bis kaum durchströmte Gewässer mit nicht gar all zu großer Tiefe und viel submersen (unter Wasser lebende Pflanzen) Bodenbewuchs mit Pflanzen wie beispielsweise die Arten aus der Gattung Sphagnum. Für ein Vorhandensein der Wasserspinne müssen sich in dem Gewässer genügend Kleintiere, also Nahrung, befinden, der Sauerstoffgehalt darf nicht zu gering sein und der Säuregrad (pH-Wert) des Gewässers sollte günstigen Falls um den Neutralpunkt sieben liegen.

Allgemein kommt, oder mehr kam, die Wasserspinne in allen möglichen Kleinstgewässern, Tümpeln, Abzugsgräben und in der Uferzone von Seen vor. Sehr günstig sind Torfstiche mit den bereits erwähnten Spahgnum-Arten, dort fand man früher oft regelrechte Kolonien dieser Spinnen. Heutzutage kommt die Wasserspinne nur noch in sehr abgelegenen Moorgebieten vor und man muss es leider als ein besonderes Erlebnis bezeichnen, diese Art beobachten zu können.

Ökologie

Auf Grund der Tatsache, dass die Wasserspinne auf sehr saubere, naturbelassene und unbelastete Kleinstgewässer und Seen angewiesen ist, welche auch keinen zu geringen Sauerstoffgehalt aufweisen sollten, hat sie es schwierig, sich heutzutage in einer ökologischen Nische einzufinden. Anders ausgedrückt: Sie hat keinen Platz mehr im heutigen Deutschland! Die meisten Gewässer sind entweder durch Abwässer oder Abfälle verunreinigt, durch Chemiekalien belastet oder zu unruhig bei Straßen gelegen. Seen werden in den von der Wasserspinne bevorzugten Zonen, den Uferbereichen, oft durchwühlt (zum Beispiel durch Hunde oder von Anglern) oder Kinder reißen die Pflanzen heraus. In Abflussgräben auf Feldern hat die Spinne mit Düngermitteln zu kämpfen und in Seen oft mit Überdüngung und dadurch auch mit "Eutrophierung", denn durch die Überdüngung bricht fast das gesamte Nahrungssystem in einem See zusammen. In Deutschland steht die Wasserspinne auf der Deutschen Roten Liste als stark gefährdet (ist jedoch nicht in der Roten Liste des IUCN gelistet), außerdem ist sie streng geschützt und darf nicht einfach ohne Grund und amtliche Erlaubnis eingefangen werden.

Abgesehen von den durch Menschen verursachten Bedrohungen rücken ihnen auch andere Fleischfresser zu Leibe. Dies können, um nur einige Beispiele zu nennen, Forellen (Salmo trutta), kleinere Europäische Hechte (Esox lucius), Kaulbarsche (Gymnocephalus cernua) und andere Fische (Actinopterygii), sowie manchmal auch die Gerandete Jagdspinne (Dolomedes fimbriatus) sein. Auch einige räuberische, im Wasser lebende Wanzen (Heteroptera) oder Käfer (Cleoptera) fressen gelegentlich die Wasserspinne, wenn sie ihr nicht selbst zum Opfer fallen sollten.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Heinz Sielemann: Was ist was?: Spinnen, Tessloff Verlag, neue Ausgabe ISBN 3-7886-0413-1
  • Heinz Sielemann: Was ist was?: Spinnen, Tessloff Verlag, Alte Ausgabe, selbe ISBN-Nummer, wie die der oben genannten neuen Ausgabe
  • Heiko Bellmann: Der große Kosmos Tierführer, 100 Arten Mitteleuropas, Franckh Kosmos Verlag, ISBN 3-440-10093-6
  • B. und M. Baehr: Kosmos Naturführer: Welche Spinne ist das?, Franckh Kosmos Verlag, ISBN 3-440-09210-1
  • M. Bergau, P. Habbe, B. Schäfer: Umwelt:Biologie, Ernst Klett Verlag, ISBN 3-12-029200-1
  • A. Gerhardt, J. Dicksen, P. Höner: bsv Biologie, Beyerischer Schulbuch Verlag, ISBN 3-7627-4119-0
  • W. Stichmann, E. Kretzschmar: Kosmos Tierführer, Franckh Kosmos Verlag, ISBN 3-440-09575-4
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