Westkaukasischer Steinbock

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Westkaukasischer Steinbock

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Familie: Hornträger (Bovidae)
Unterfamilie: Ziegenartige (Caprinae)
Gattung: Ziegen (Capra)
Art: Westkaukasischer Steinbock
Wissenschaftlicher Name
Capra caucasica
Güldenstädt & Pallas, 1783

IUCN-Status
Endangered (EN) - IUCN

Der Westkaukasische Steinbock (Capra caucasica; syn.: Capra ibex severtzovi), der auch als Kuban-Tur bezeichnet wird, zählt innerhalb der Familie der Hornträger (Bovidae) zur Gattung der Ziegen (Capra). Im Englischen wird der Westkaukasische Steinbock West Caucasian Tur genannt.

Das Synonym Kuban-Tur setzt sich aus den Begriffen "Kuban" und "Tur" zusammen. Tur ist die russische Bezeichnung für Ziege, Kuban ist ein Fluss im nördlichen Kaukasus nahe des schwarzen Meeres. Die Art ist monotypisch, Unterarten sind demnach keine bekannt.

Inhaltsverzeichnis

Taxonomische Stellung

Die körperlichen Merkmale des Westkaukasischen Steinbocks entsprechen im Allgemeinen denen der Steinböcke in Größe, Gewicht, Fortpflanzungsverhalten, Ernährung und Verbreitungsgebieten (alpine Landschaft, jährliche Wanderbewegung). Besonders ähnlich ist der Westkaukasische Steinbock dem Ostkaukasischen Steinbock (Capra cylindricornis). Beide Arten sind uneingeschränkt untereinander fruchtbar und biologisch nahezu identisch, was eine Trennung in zwei Arten per Definition erschwert. Die Stellung innerhalb des Capra-Komplexes war lange Zeit umstritten. Einige Forscher sahen den Westkaukasischen Steinbock als Unterart des Alpensteinbocks (Capra ibex) an und führten ihn als Capra ibex severtzovi oder Capra ibex caucasica. Verwirrungen gab es auch um den Ostkaukasischen Steinbock (Capra cylindricornis), den man zeitweise als Unterart des Westkaukasischen Steinbocks führte.

Beschreibung

Aussehen und Maße

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Der Westkaukasische Steinbock erreicht je nach Geschlecht eine Körperlänge von 120 bis 165 Zentimeter, eine Schulterhöhe von 78 bis 109 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 10 bis 14 Zentimeter sowie ein Gewicht von 50 bis nahezu 100 Kilogramm. Weibchen bleiben deutlich keiner und leichter als Männchen. Das Fell weist je nach Jahreszeit eine unterschiedliche Färbung auf. Es ist graubraun bis rostbraun, im Winter aber zeigt sich eine gräuliche bis helle graubraune Färbung. Ältere Tiere sind in der Regel immer etwas heller gefärbt. Das Fell besteht aus einer dichten Unterwolle und oben aufliegenden gröberen Grannenhaaren. Die Bauchseite ist nur unwesentlich heller gefärbt. Der Körperbau kann als massig und kräftig bezeichnet werden. Der Eindruck wird durch die relativ kurzen Beine unterstrichen. Die Extremitäten sind für gewöhnlich etwas dunkler gefärbt als das restliche Fell. Eine ähnliche Färbung weist auch der kurze Schwanz auf. Das Männchen hat unter dem Kinn einen kleinen Bart. Dieser ist auch beim Weibchen vorhanden, fällt jedoch etwas kürzer aus.
älteres Männchen
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älteres Männchen
Beide Geschlechter weisen Hörner auf. Das Männchen, das auch als Bock bezeichnet wird, verfügt über zwei gewaltige Hörner, die V-förmig auseinanderlaufen und im Bereich der Spitze deutlich gekrümmt sind. Die Hörner können durchaus eine Länge von 65 bis 75, selten auch bis 80 Zentimeter erreichen. Weibchen haben deutlich kleinere und weniger stark gekrümmte Hörner. Sie erreichen bei den Weibchen lediglich eine Länge von 20 bis 30 Zentimeter. Die Hörner des Männchens können ein Gewicht von bis zu 1.800 Gramm je Horn aufweisen. Sie sind fest mit dem Kopf verwachsen, werden nicht abgeworfen und wachsen ein Leben lang. Die Verbindung zwischen Horn und Schädeldecke stellen sogenannte Knochenzapfen dar. Das Männchen hat auf der Stirn zudem massive Verknöcherungen, die bei den Kämpfen die Kopfstöße abmildern. Alle Sinne der Westkaukasischen Steinböcke sind sehr gut entwickelt. Vor allem der gut ausgebildete Geruchssinn hilft ihnen bei der Nahrungssuche. Die Beine, mit den extrem gut angepassten Hufen, sind Zeichen für die Anpassung an den Lebensraum im Hochgebirge dar. Die Laufzehen verfügen zusätzlich über sogenannte Felssporne, die aufgesetzt werden können. Damit haben sie selbst im steilsten Gelände einen guten Halt. Sie sind natürlich gute Kletterer und Springer, die mühelos Sprünge von mehreren Metern absolvieren können. Überhaupt bewegen sich die Tiere im Hochgebirge mit traumwandlerischer Sicherheit.

Lebensweise

Die überwiegend tagaktiven und geselligen Westkaukasischen Steinböcke leben in kleinen Gruppen, wobei sich die Geschlechter in unterschiedlichen Gruppen aufteilen. Mehrere Weibchen<1> und deren Nachwuchs bilden eine Gruppe von zehn bis fünfzehn Tieren. Zeitweise schließen sie sich zu größeren Herden zusammen. Im Winter weisen die Herden in der Regel eine größere Stärke auf. Geschlechtsreife Jungböcke bilden eigene Junggesellengruppen. Alte Böcke leben vorwiegend einzelgängerisch. Westkaukasische Steinböcke leben in unzugänglichen Gebirgsmassiven und sind hier vor allem im Bereich der Felsen anzutreffen. Vor allem die Männchen steigen sehr weit in Felsen hinauf. Weibchen mit ihrem Nachwuchs bevorzugen eher sichere Abschnitte in den Bergen. Im Winter versammeln sich Westkaukasische Steinböcke meist auf offenen und sonnigen Flächen. Im Sommer werden derartige Flächen, insbesondere während der Mittagszeit, gemieden.

Die tägliche Hauptaktivität im Sommer entfällt auf die Vormittags- und späten Nachmittags- oder Abendstunden. Nur bei bewölktem oder regnerischem Wetter sind die Tiere ganztägig aktiv. In Regionen, wo Westkaukasische Steinböcke auf Menschen treffen können, verlegen sie ihre Aktivität auf die Dämmerung. Die beanspruchten Streifreviere erstrecken sich je nach Vorkommen, Jahreszeit und Gruppenstärke über 0,1 bis 5 Quadratkilometer. Auch die täglichen Wanderungen hängen mitunter von der Jahreszeit und dem Nahrungsaufkommen ab. Im Schnitt wandern die Tiere jedoch um die 15 Kilometer umher. In der Regel bewegen sich Westkaukasische Steinböcke eher langsam. Auf der Flucht können sie durchaus höhere Geschwindigkeiten erreichen. Selbst im felsigen Gelände sind Geschwindigkeiten von über 10 km/h möglich. Um einer Überhitzung im Sommer zu entgehen ruhen Westkaukasische Steinböcke in der Mittagszeit unter Felsvorsprüngen, unter Bäumen oder wälzen sich, falls vorhanden, auch gelegentlich im Schnee. Schnee stellt bis zu einem gewissen Maße auch bei der Nahrungssuche kein Problem dar. Mit ihren Hufen graben sie auch im Tiefschnee in Tiefen von 30 bis 40 Zentimeter nach Nahrung. In strengen Wintern suchen die Tiere Schutz in Tallagen, in Wäldern, unter Klippen oder in natürlichen Höhlen. Meist steigen sie Ende September oder im frühen Winter auf Höhen unterhalb von 1.500 Metern hinab. Spätestens im Frühjahr steigen sie wieder in die Hochlagen hinauf. Selbst alpine Zonen von bis zu 4.000 Metern über NN. stellen kein Problem dar.

Verbreitungsgebiet
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Verbreitungsgebiet

Verbreitung

Das deutsche Synonym bezieht sich auf das Verbreitungsgebiet, denn der Westkaukasische Steinbock ist im westlichen Kaukasus endemisch. Sein sehr kleines Verbreitungsgebiet erstreckt sich über einen schmalen Streifen zwischen der Grenze des südwestlichen Russland und dem nördlichen Georgien. In Georgien reicht das Verbreitungsgebiet im Westen von der autonomen Republik Abchasien bis ins westliche Südossetien. Die Größe des Verbreitungsgebietes erstreckt sich über 4.000 bis 4.500 Quadratkilometer. Der natürliche Lebensraum erstreckt sich über die subalpinen und alpinen Hochgebirgslagen des Kaukasus. Hier sind Westkaukasische Steinböcke bis in Höhen von über 4.000 Metern anzutreffen. Im Winter ziehen die Tiere jedoch in Tallagen hinab, die sich meist in Höhen von 800 bis 1.000 Metern befinden.

Prädatoren

Selbst im lebensfeindlichen Hochgebirge hat der Westkaukasische Steinbock zahlreiche Fleischfresser. Zu den natürlichen Fleischfressern gehören insbesondere der Europäische Luchs (Lynx lynx), der Wolf (Canis lupus) und der Leopard (Panthera pardus). Weitere Fleischfresser sind der Braunbär (Ursus arctos), der Bartgeier (Gypaetus barbatus) und der Steinadler (Aquila chrysaetos), die es jedoch ausschließlich auf Lämmer abgesehen haben. Die im Kaukasus lebende Unterart des Leoparden stellt jedoch keine akute Gefahr mehr dar, da sie so leider gut wie ausgestorben ist.

Ernährung

Der Westkaukasische Steinbock ernährt sich überwiegend von Gräsern, Kräutern, Moosen und Flechten.
Nahrungskonkurrent: Gämse (Rupicapra rupicapra)
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Nahrungskonkurrent: Gämse (Rupicapra rupicapra)
Aber auch junge Triebe und Knospen, insbesondere von Rosengewächsen (Rosaceae), Läusekräuter (Pedicularis), Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae) und Weiden der Gattung Salix stehen auf ihrem Speiseplan. In den Sommermonaten bilden Gräser zu rund 80 bis 90 Prozent die Hauptbestandteile der Nahrung, im Winter nur noch zu 60 bis 70 Prozent. Hin und wieder werden auch Pilze gefressen. Um ihren Mineralhaushalt auf Vordermann zu halten, nutzen sie die im Gebirge vorhandenen Salzlecken. Die Nahrungssuche und -aufnahme erfolgt meist in den frühen Morgen- und Abendstunden. Während der Mittagszeit ruhen die Tiere in der Regel. Dies trifft vor allem auf die Sommermonate zu. Während der Suche nach Nahrung legen Westkaukasische Steinböcke durchschnittlich 10 bis 15 Kilometer am Tag zurück. Im Winter gestaltet sich die Nahrungssuche als eher schwierig. Mit den Vorderbeinen wird dabei auch in tiefem Schnee gegraben, um Moose und Flechten zu finden. Im Winter bilden vor allem Blätter von verschiedenen Gewächsen die Nahrungsrundlage. In weiten Teilen ihres eher kleinen Verbreitungsgebietes stehen Westkaukasische Steinböcke in Nahrungskonkurrenz zum Vieh der Landwirte (Ziegen und Schafe). Im Sommer gelten auch Gämsen (Rupicapra rupicapra) zu den Nahrungskonkurrenten. In den Wintermonaten treffen Westkaukasische Steinböcke und Gämsen nicht aufeinander.

Fortpflanzung

Weibchen erreichen die Geschlechtsreife mit etwa zwei bis drei Jahren. Männchen brauchen meist ein oder zwei Jahre länger. Die Paarungszeit erstreckt sich im Winter vom späten November bis in den Januar hinein. Zur Fortpflanzungszeit stoßen die Männchen zu den Geißgruppen. Dabei kommt es unter den Männchen zu heftigen Kämpfen, denn nur der stärkste Bock hat ein Recht auf Paarung mit allen Weibchen einer Geißgruppe. Daher haben junge geschlechtsreife Böcke kaum eine Chance auf die Fortpflanzung. Um die Paarungsbereitschaft der Weibchen festzustellen dient den Böcken vorallem das sogenannte Flehmen, d.h. das Wittern der Geschlechtsgerüche, vor allem der Pheromone. Beim Flehmen wird das Maul weit geöffnet, um eine maximale Aufnahme der Geruchsstoffe zu ermöglichen.

Zu den Geburten kommt es im späten Frühjahr oder im Frühsommer. Nach einer Tragezeit von 150 bis 160 Tagen bringt das Weibchen an einer geschützten Stelle ein, selten zwei Jungtiere zu Welt. Das Geburtsgewicht liegt je nach Wurfgröße zwischen 3.000 und 4.000 Gramm.

In den ersten Lebenstagen bleibt das Jungtier in der Vegetation, abseits der Gruppe, verborgen. Erst danach ist das Jungtier in der Lage, der Mutter und der Gruppe zu folgen. Die Jungtiere haben ein besonders dichtes Fell, das sie gegen Kälte und Nässe schützt. Sie wachsen innerhalb der Gruppe in Kindergruppen mit mehreren Jungtieren auf. Die Säugezeit erstreckt sich für gewöhnlich über vier bis sechs Monate. Jedoch wird ab dem zweiten Lebensmonat bereits zusätzlich feste Nahrung in Form von Gräsern und Kräutern zu sich genommen. Unhabhängig sind die Jungtiere meist im Alter von etwa 18 Monaten. Die Mortalität unter den Jungtieren ist mit etwa 10 Prozent relativ hoch. Viele Jungtiere fallen Fleischfressern zum Opfer oder überleben den ersten Winter nicht. Die Lebenserwartung eines Westkaukasischen Steinbocks liegt in Freiheit bei 12 bis 15 Jahren, in Gefangenschaft auch mehr als 20 Jahre.

Gefährdung und Schutz

Trotz der dramatisch Gefährdung werden Westkaukasische Steinböcke immer noch von Trophäenjägern geschossen. Lokale Verwaltungen vergeben für viel Geld Abschusslizenzen an Trophäenjäger. Diese Praxis ist jedoch nicht neu und hat ihren Ursprung bereits vor über 100 Jahren. Mittlerweile gilt der Westkaukasische Steinbock als stark gefährdet (EN, endangered) und wird als solches auch in der Roten Liste der IUCN geführt. Die aktuellen freilebenden Bestände werden auf allenfalls 10.000 Individuen geschätzt. Im Washingtoner Artenschutzabkommen ist die Art nicht verzeichnet.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

Links

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