Wildkatze

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Wildkatze

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Ordnung: Raubtiere (Carnivora)
Unterordnung: Katzenartige (Feliformia)
Familie: Katzen (Felidae)
Unterfamilie: Kleinkatzen (Felinae)
Gattung: Felis
Art: Wildkatze
Wissenschaftlicher Name
Felis silvestris
Schreber, 1775

Verbreitungsgebiet

IUCN-Status
Least Concern (LC) - IUCN

Die Wildkatze (Felis silvestris), wird auch von den Wissenschaftlern zur besseren Unterscheidung zwischen einer verwilderten Hauskatze (Felis catus) und einer Wildkatze als Waldwildkatze bezeichnet. Die Wildkatze zählt innerhalb der Familie der Katzen (Felidae) zur Gattung Felis. Die afrikanische Variante der Wildkatze, die Falbkatze (Felis silvestris lybica), gilt als die Stammform unserer Hauskatze (Felis catus). Im Englischen wird die Wildkatze European Wildcat genannt.

Inhaltsverzeichnis

Systematik

Der Deutsche Zoologe Theodor Haltenorth hat mit seiner grundlegenden Arbeit über die Wildkatzen der Alten Welt, Ordnung in das Arten- und Unterarten-Durcheinander der europäischen Wald-, asiatischen Steppen- und afrikanischen Falbkatzen gebracht. Er stufte sie insgesamt als Angehörige der Art Felis silvestris ein und beließ ihnen nur den Rang von Unterarten. Die Ansätze für diese Zusammenfassung zeichneten sich schon im vergangenen Jahrhundert ab, ihren Abschluß fanden sie durch Haltenorth (1953). Wald-, Falb- und Steppenkatze bilden demnach eine Art, die sich über drei Festländer ausbreitet und sich innerhalb dieses Raumes in 21 Unterarten gliedert, von denen sieben in Europa leben (Haltenorth 1957). Heptner & Sludskij (1980) fassen die Art Felis silvestris in zwei Formengruppen zusammen, die früher als sehr nahestehende, aber selbständige Arten galten: Felis silvestris Schreber 1775, die Wildkatze Europas, Kleinasiens sowie des Kaukasus, und Felis lybica Forster 1780, die Steppenkatzen Afrikas und Asiens. Nach Pocock (1951) stehen sich beide Arten morphologisch sehr nahe, so dass es zwischen ihnen keine für das große Verbreitungsgebiet gültigen kraniologischen Unterschiede gibt. Alle Formen sowohl der Gruppe der europäischen Wildkatze (Felis silvestris) als auch der Gruppe der Steppenkatze (Felis lybica) paaren sich unter besonderen Umständen in freier Wildbahn mit der Hauskatze (Felis catus). Letztere ist aus der domestizierten Steppenkatze (Falbkatze) Nordostafrikas, Felis silvestris lybica, hervorgegangen. <1>

Fossile Vorkommen

Mit den Waldformen wie Auerochse (Bos primigenius primigenius), Rothirsch (Cervus elaphus), Wildschwein (Sus scrofa), Braunbär (Ursus arctos) und Eurasischer Luchs (Lynx lynx) tritt erst in der Erdneuzeit (Känozoikum), dem Zeitalter des Menschen (Homo), die Wildkatze auf. Nach Thenius (1972) stammt die Wildkatze aus Asien und hat als Bewohner warm-trockene Gebiete die Beringstraße nie überschritten. Die Eiszeiten mit ihrem Wechsel von Kalt- und Warmzeiten prägten die charakteristischen Merkmale dieser Tierart, die das europäische Festland noch heute bewohnt. Die Wildkatze paßte sich physiologisch und anatomisch so gut als möglich der vordringenden Kälte an. Dabei wich sie aber vor ihr in die schützenden Wälder zurück, die außerhalb der kalten Zonen lagen. In dieser Periode entwickelte sie sich zu der Waldwildkatze, wie wir sie heute noch kennen, das heißt, sie ist größer, gedrungener und langhaariger, außerdem besitzt sie einen verhältnismäßig kürzeren Schwanz und kürzere Ohren als die Asiatische Wildkatze (Felis silvestris ornata). <2>

An vielen mittel- und jungpleistozänen Lagerplätzen eiszeitlicher Jäger wurden Knochen von Wildkatzen und einer entsprechenden Begleitfauna ausgegraben. Außerdem ist ihr Vorkommen aus vielen vorgeschichtlichen Höhlenfunden aus fast ganz Europa belegt. Skelettreste von Wildkatzen fand man in Höhlenablagerungen Großbritanniens, Belgiens, Frankreichs, Deutschlands, der Schweiz, Österreichs, Italiens, Spaniens, Portugals, sowie Polens, Tschechiens, Ungarns, Serbiens, Rumäniens und Bulgariens. Sogar aus Dänemark liegen Funde aus dem gesamten Neolithikum bis zur Bronzezeit vor (Degerbøl, 1934). Die ältesten Funde der Wildkatze in Mitteleuropa stammen nach Toepfer (1963) aus dem Mittelpleistozän (etwa 500.000 bis 300.000 v. u. Z.). Mania (1974) entdeckte bei Bilzingsleben einen Travertinkomplex, der in der Holsteinwarmzeit, etwa vor 300.000 bis 350.000 Jahren entstand. Er enthielt in seinen Basisablagerungen außer den recht bedeutungsvollen alpaläolithischen Hominidenfunden auch eine größere Anzahl Tierknochen, worunter sich ein rechtes distales Femurfragment einer Wildkatze befand. Alle Knochen waren Überreste der Jagdbeute, sie wurden sicher zur Markgewinnung kurz und klein geschlagen. <2>

Wildkatze
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Wildkatze

Die nacheiszeitliche Ausbreitung erfolgte etwa 5.000 bis 3.000 v. u. Z. im lockeren Eichenmischwald. Die Klimaverschlechterung, die ungefähr 4.000 v. u. Z. einsetzte, brachte schneereiche Winter mit sich. Die damit verbundene hohe, lang anhaltende Schneedecke zwang die Wildkatze, bisher besiedelte Lebensräume aufzugeben, denn unter diesen meteorologischen Bedingungen ist die relativ kurzbeinige Wildkatze stark in ihrer Fortbewegung beeinträchtigt und hat außerdem große Schwierigkeiten, Beute zu erlangen. Dies traf besonders für Südschweden zu, aber auch für den Nord- und Nordostteil des mitteleuropäischen Waldgebietes. Das gilt ebenso für Polen, den Ostseeraum Russlands, Estlands, Lettlands, Litauens sowie die Bayerische Oberpfalz, das Fichtelgebirge und den Böhmerwald. Durch die großräumige Entwaldung mußte sie danach auch Dänemark und Norddeutschland aufgeben. Nachweise der Wildkatze aus der letzten Eiszeit gelangen Peters et al. (1972) in einem fossilen Bautensystem des Dachses, das sich in einer Stauchmoräne bei Pisede (Kr. Malchin) befand. Neben den Knochen der Wildkatze wurden auch solche vom Dachs (Meles meles), Rotfuchs (Vulpes vulpes) und Auerhuhn (Tetrao urogallus) ausgegraben. Die Reste der Fasanenartigen (Phasianidae) sowie die von Wolf (Canis lupus) und Wildkatze belegen eine Besiedlungsphase desselben Baues aus der Zeit vor der Ausrottung dieser Tierarten in Mecklenburg. Unterirdische Tierbauten werden vor allem im Winter kurzfristig oder auch für längere Zeit als Unterschlupf aufgesucht und dabei können die darin nachgewiesenen Arten eines natürlichen Todes gestorben sein. Auch im Mesolithikum (etwa 800-500 v. u. Z.) bis in die Zeit der Slaven (800-1200 u. Z.) war die Wildkatze in Mecklenburg heimisch. Knochen dieser Art konnte Gehl (1961) bei Hohen Viecheln nördlich des Schweriner Sees in einem mittelsteinzeitlichen Wohnplatz nachweisen. Die Begleitfauna setzte sich aus folgenden Tierarten zusammen: Reh (Capreolus capreolus), Rothirsch (Cervus elaphus), Elch (Alces alces), Auerochse (Bos primigenius primigenius), Wildschwein (Sus scrofa), Wildpferd (Equus ferus), Europäischer Biber (Castor fiber), Feldhase (Lepus europaeus), Braunbär (Ursus arctos), Wolf (Canis lupus), Haushund (Canis lupus familiaris), Rotfuchs (Vulpes vulpes), Dachs (Meles meles), Europäischer Iltis (Mustela putorius), Fischotter (Lutra lutra) und Eurasischer Luchs (Lynx lynx). Auch Müller (1967) stellte bei der Untersuchung der Tierreste von der slawischen Burg von Neu-Nieköhr/Walkendorf noch die Wildkatze fest. Auf dem mesolithischen Moorfundplatz nördlich der Havel gelegenen Friesack wies Gramsch (1987) auch die Wildkatze nach. Die Faunenliste enthält außerdem Fischotter (Lutra lutra), Wolf (Canis lupus), Haushund (Canis lupus familiaris), Rotfuchs (Vulpes vulpes), Braunbär (Ursus arctos) und Eurasischer Luchs (Lynx lynx). <2>

Bei der Ausgrabung einer urgeschichtlichen Höhlenkultstätte am Südhang des Kyffhäusergebirges fand man größere Mengen von Menschen- und Tierknochen. Unter den zahlreichen Säugetiernachweisen waren auch 486 sehr gut erhaltene Wildkatzenknochen. Die Bearbeitung des bisher umfangreichsten Knochenmaterials dieser Tierart an einer Fundstelle aus ur- und frühgeschichtlicher Zeit in Mitteleuropa führte Teichert (1978) durch. Die archäologische Datierung ergab, dass die Knochen zu verschiedenen Zeiten in die Höhle gelangt sind. Aus einer bandkeramischen Fundschicht fielen die ältesten Knochen der Wildkatze an. Die Bandkeramik ist die älteste neolithische Kultur Mitteleuropas und hielt sich in dem Gebiet etwa von 4.500 bis 3.500 v. u. Z. Der überwiegende Teil der Wildkatzenknochen stammt aber aus der Bronzezeit, die etwa von 1.700 bis 700 v. u. Z. andauerte. Da auch gegenwärtig die Wildkatze im Kyffhäusergebirge noch vorkommt, kann sie durch die zuvor angeführten Fundnachweise in diesem Gebiet seit etwa 5.000 bis 6.000 Jahren zum Standwild gezählt werden. Bei der Besichtigung der Fundstelle zeigte sich, dass dort für die Wildkatze ideale Bedingungen bestanden. Die steilen höhlenreichen, locker bewaldeten Südhänge des Kyffhäusergebirges boten den Wildkatzen nicht nur einen ausgezeichneten Lebensraum, sondern auch ein günstiges Jagdrevier, darauf lassen die in den Kulthöhlen nachgewiesenen zahlreichen Knochen von Mäusen (Mus), Hasen (Leporidae) und Kleinvögeln schließen. <2>

Wildkatze
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Wildkatze

In der kulturhistorischen Betrachtung kommt Teichert (1978) unter anderem zu folgenden Schlüssen: das in den Höhlen geborgene Knochenmaterial von Wildkatzen enthält sehr wahrscheinlich mehrere Komponenten. Der überwiegende Teil wird allem Anschein nach primär Überreste der Jagdbeute des Menschen sein. Dafür sprechen der ungleichmäßige Anteil der einzelnen Knochen am Gesamtmaterial sowie Schnitt- und Brandspuren an einzelnen Knochen. Welche Gründe für die Erbeutung der Katzen vorrangig in Betracht kamen, läßt sich anhand der Grabungsfunde nicht eindeutig sagen. Es ist möglich, dass die Wildkatzen wegen ihres guten Felles und vielleicht auch für Nahrungszwecke gejagt wurden. Als sekundärer Grund ist ihre Verwendung bei der Ausübung von Kulthandlungen in Erwägung zu ziehen, da ein großer Teil der Wildkatzenknochen in gleicher Art und Weise wie die Knochen der übrigen Opfertiere aufgefunden wurde. Die Hauskatze (Felis catus) scheidet als Opfertier aus, da sie während der Bronzezeit, als die Kulthandlung erfolgten, in Mitteleuropa noch nicht vorhanden war. Da die Wildkatzen trockene Felshöhlen und -klüfte auch als Schaf- und Wurfplatz benutzen, ist anzunehmen, dass ein Teil der in den Höhlen gefundenen Katzenknochen von verendeten Alt- und Jungtieren stammt, also zur natürlichen Totengemeinschaft (Thanatocoenose) gehört. Die Knochen dieser Individuen weisen keine Beschädigungen auf. Bißspuren an den Knochen sind allerdings ein Hinweis dafür, dass manche Wildkatzen auch Beutegreifern zum Opfer gefallen waren. Als Feinde der Wildkatze kommen Wolf (Canis lupus), Haushund (Canis lupus familiaris), Rotfuchs (Vulpes vulpes), Braunbär (Ursus arctos) und Uhu (Bubo bubo) in Betracht. Sie sind durch Knochenfunde in den Kulthöhlen nachweisbar, lebten demzufolge in der Umgebung des Fundplatzes. <2>

Ein ähnlich interessanter Nachweis von Wildkatzenknochen gelang Astre (1963) in einer fossilen Lagerstätte in der Haute-Garonne Südfrankreichs. Aus einer noch nicht systematisch ausgegrabenen Pleistozänfauna ragten Knochenreste von Bären (Ursidae), Hyänen (Hyaenidae), Wildschwein (Sus scrofa), Rothirsch (Cervus elaphus), Gämse (Rupicapra rupicapra) und anderen Tieren heraus. Darauf lagerte in einem gelben, lockeren Ton eine fast nicht fossilierte postpleistozäne Fauna isolierter Knochenreste. Sie enthielt keine für ein kaltes Klima charakteristischen Arten, sondern gab Aufschluß über die jüngeren Zeitabschnitte des Neolithikums. Als am besten geeignetes Faunenelement, diese Zeit zu definieren, erwies sich die Wildkatze. Dies ist vor allem deshalb besonders erwähnenswert, weil Astre (1963) nach 40 Jahren der Bearbeitung von Skelettresten aus Höhlen der Pyrenäen erstmals nachweisen konnte, dass diese carnivore Art einer Fundstätte ihren dominierenden Charakter verlieh. Für Schleswig-Holstein belegte Lüttschwager (1953) das Vorkommen der Wildkatze in neolithischer Zeit (2.000 v. u. Z.). Die subfossilen Skelettreste stammten von drei verschiedenen Grabungen. Die Begleitfauna bestand aus Reh (Capreolus capreolus), Rothirsch (Cervus elaphus), Elch (Alces alces), Auerochse (Bos primigenius primigenius), Wildschwein (Sus scrofa), Wildpferd (Equus ferus), Fischotter (Lutra lutra) und Eurasischer Luchs (Lynx lynx) sowie Europäischer Biber (Castor fiber). Im Verein mit einer recht ähnlichen Begleitfauna konnte Paaver (1958) den nördlichsten Erstnachweis der Wildkatze für das Baltikum in Estland erbringen. <2>

Die bei der Bearbeitung aller Knochenfunde gewonnenen metrischen Ergebnisse zeigten, dass sich die Wildkatze seit der Eiszeit größenmäßig und in der Form von Schädel- und Knochenbau im Vergleich mit der rezenten Art nicht verändert hat. So wie heute existierten damals schon schwächere und stärkere Individuen und wohl auch sich größenmäßig etwas unterscheidende Unterarten. Der osteometrische Vergleich von Extremitätenknochen adulter Wildkatzen aus den Höhlen des Kyffhäusergebirges ergab, dass sie im Mittel etwas größer sind als die von rezenten Wildkatzen aus dem Harz. Diese beiden Populationen weisen annähernd die gleiche Größenvariation auf. Eine Ausnahme konnte bei der größten Länge des Schienbeins festgestellt werden. Bei rezenten Wildkatzen aus dem Harz beträgt der Maximalwert für dieses Maß nur 141,6 Millimeter, dagegen bei ur- und frühgeschichtlichen Tibien aus den Höhlen des Kyffhäusergebirges 157,2 Millimeter. Sehr wahrscheinlich stammt diese Tibia von einem besonders großen männlichen Tier. Derartig große Schienbeine sind nach den Untersuchungen von Z. Kratochvil (1976) nicht einmal unter den Wildkatzen aus der Slowakei vertreten, die als Maximalwert der größten Länge 151 Millimeter aufweisen. Zusammenfassend betrachtet ergibt sich daraus, dass die Wildkatze als eine recht konservative Art angesehen werden kann. Wie bereits erwähnt und nach folgenden Funden zu urteilen, dürfte die Wildkatze im Leben des Menschen der Vorzeit eine besondere Rolle gespielt haben. Aus einem zur Havelländischen Kultur gehörenden Totenhaus gelang es Teichert (1984), unter den Leichenbrandresten 24 Fundstücke von mindestens sechs Wildkatzen zu identfizieren. Darunter befanden sich durchbohrte Hakenzähne sowie ein ebenfalls durchbohrter Mittelhandknochen, der als Schmuckanhänger gedient hatte. Unter den Tierresten aus Gruben der Bernburger Kultur des Mittelelbe-Saale-Gebietes fanden sich nach Müller (1985) neben Knochen auch zwei durchlöcherte Eckzähne von Wildkatze und Wolf (Canis lupus). <2>

Wildkatze
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Wildkatze

Clason (1971) wies aus einer Siedlung der Schnurbandkeramiker einen im Wurzelbereich durchbohrten Eckzahn nach, der als Schmuckanhänger diente. Vor allem die Eckzähne von Braunbär (Ursus arctos), Wolf (Canis lupus), Rotfuchs (Vulpes vulpes), Dachs (Meles meles), Europäischer Iltis (Mustela putorius) und Fischotter (Lutra lutra) fanden dazu Verwendung. In Form von Ketten wurden sie den Toten mit ins Grab gegeben. Die Beutegreifer jagte man sicher nicht in erster Linie wegen ihrer Eckzähne, sondern weil sie einen mehr oder weniger wertvollen Pelz lieferten. Dass Wildkatzen abgebalgt worden waren, folgerte Müller (1977) aus Schnittlinien, die er an Schädelstücken erkannte. Zvelebil (1986) wies darafhin, dass nacheiszeitlicher Tierzahnschmuck als Statussymbol getragen wurde. Die Gräber der Wohlhabendsten enthielten Halsketten aus dem wertvollsten Gut, den Bärenzähnen. Eine mittlere Gruppe wurde mit Halsketten von Schneidezähnen des Bibers (Castor fiber) oder von Elchzähnen begraben. Die ärmsten Vertreter einer Sippe beerdigte man völlig schmucklos. Welchen Stellenwert die Eckzähne von Wildkatzen innehatten, ist bisher nicht bekannt. Die große Rodungsperiode zwischem dem 7. und 13. Jahrhundert brachte eine stärkere strukturelle Gliederung der Landschaft mit sich, wobei Urwald in bäuerliche Kulturlandschaft umgewandelt wurde und damit das Bevölkerungswachstum anstieg. Nach Schubert (1979) war, im Südwesten beginnend und nordwestlich fortschreitend, im 7. bis 9. Jahrhundert bereits das heutige Wald-Feld-Verhältnis erreicht. Im Gegensatz dazu vertritt Freitag (1962) die Auffassung, dass nach der großen Rodungsperiode die Walddichte im früheren Mitteleuropa sehr viel geringer war als in der Gegenwart. Ganz gleich wie es gewesen ist, für die Wildkatze ging damit Lebensraum in großem Umfang verloren, so dass die Art bis heute nur in einigen als Refugien dienenden Mittelgebirgen überleben konnte. Unter den Tierknochen einer früheisenzeitlichen Siedlung wies Döhle (1984) die Wildkatze bei Gommern, Kr. Burg, nach. Die Faunenliste enthielt überwiegend Haustiere. Die Wildtierfauna war inzwischen auch bedeutend ärmer geworden und nur noch durch Rothirsch (Cervus elaphus), Reh (Capreolus capreolus), Feldhase (Lepus europaeus), Wildschwein (Sus scrofa) und Wolf (Canis lupus) vertreten. Die Knochenfunde aus der Slawenzeit zusammenfassend betrachtet, zeigen, dass die Wildkatze in unseren Breiten, damals wie heute, nur in waldreichen Landschaften heimisch war. <2>

Einen bislang unikaten Fund aus der Vorhauskatzenzeit, und deshalb von besonderem Interesse, stellt die aus einem spätbronzezeitlichen Hügelgrab (um 1.000 v. u. Z.) stammende, älteste in Mitteleuropa geborgene Tonfigur eines Katers dar. Sie wurde im Forst Rosenfeld/Annaburg (Kr. Torgau) anläßlich der Untersuchung eines durch Stubbenroden stark zerstörten Grabhügels gefunden. Die eine rötliche Brandfarbe aufweisende, 9,5 Zentimeter lange und 4 Zentimeter breite Katzenfigur lag inmitten einer größeren Anzahl von Leichenbrandurnen und Beigefäßen. Es handelte sich um eine normale Urnenbestattung von zwei Erwachsenen und einem Kind der Lausitzer Kultur. Nach Behrens (1952) war nicht zu klären, ob es sich um ein Kinderspielzeug oder um die nachgebildete Jagdtrophäe eines in einer Urne beigesetzten Jägers gehandelt hat. Im Gegensatz dazu hält Petzsch (1951/1952) diese Katzendarstellung eher für ein Idol oder eine Votivgabe, anstatt für ein belangloses, der unbegreiflichen Laune eines Töpfers zu verdankendes einfaches Kinderspielzeug. Die Untersuchung zusammenfassend, kommt Petzsch zu dem Ergebnis, es sprechen alle zoologischen Indizien dafür, dass es sich um eine Darstellung der damals hier häufigen Wildkatze handelt. Dieses durch Vorhandensein eines Skrotums als Kater manifestierte Tier ist in Verteidigungsstellung mit angelegten Ohren und emporgestrecktem Schwanz wiedergegeben. Auch der konvex gekrümmte Rücken der Plastik ist so typisch katzenhaft, dass die Annahme, es könne sich um einen plumpen Hundewelpen oder ein anderes Waldtier der damaligen Fauna handeln, nicht in Betracht kommt. <2>

Morphologie und Anatomie

Haarkleid und Fellstruktur

Alterskleid
Wildkatze
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Wildkatze

Sowohl die Färbung als auch die Struktur des Fells der Wildkatze sind wichtige Kriterien zum Erkennen der Art. Bereits Schreber (1778) führt als Charakteristikum der Wildkatze an, sie habe im Vergleich zur Hauskatze (Felis catus) einen platten Kopf, einen gleich dicken Schwanz und ein weit längeres, feines Haarkleid. Die Grundfarbe des Wildkatzenfells ist ein marmoriertes Grau mit einem mehr oder weniger gelblichen Unterton. Die Oberseite ist dunkler gezeichnet als die hellere Unterseite und die meist ockerfarbigen Flanken. Vor allem die Kehlregion sowie die Brust und der Bauch besitzen in der Regel kleine, deutlich ausgebildete weiße Haarpartien. Die dunkle Rückenzeichnung beginnt auf der Stirn und auf dem Scheitel mit maximal sechs Fleckenreihen, die sich im Oberbereich meist zu vier schwarzen Streifen vereinigen und im Nacken auslaufen. Die in der Schultermitte wieder auftretenden Streifen sind außerordentlich variabel angelegt. Über die Rückenmitte verläuft meist ohne Verbindung zur Schulterzeichnung ein verhältnismäßig schmaler, schwarzer Aalstrich, der vor der Schwanzwurzel endet. Die dunkle Rückenzeichnung ist genauso unterschiedlich ausgebildet wie die der Bauchseite. Eine punktartige, zuweilen in Doppelreihe angeordnete, dunkle Bauchfleckung weisen fast alle Exemplare auf. Auf einer größeren Entfernung ähnelt die Wildkatze einer wildfarbigen grau getigerten Hauskatze (Felis catus). Sie zeichnet sich jedoch stets durch ein verwaschenes schwarzes Tigermuster und nie durch das Marmelmuster der Hauskatze (Felis catus) aus. Der Vergleich zwischen einer Hauskatze (Felis catus) und einer Wildkatze zeigt eindeutig, dass schon rein visuell ein prägnanter Unterschied zwischen beiden Arten besteht. Ein direkter Vergleich ergab, dass sowohl die wildfarbenen Hauskatzen (Felis catus). als auch die Blendlinge meist wesentlich schärfere schwärzliche Zeichnungsmuster aufweisen als die Wildkatzen. Das Fellmuster einer alten Wildkatze erscheint deutlich abgeschwächter, weil sie stets wesentlich längere und damit beweglichere Grannenhaare besitzt als eine Hauskatze (Felis catus). Junge Wildkatzen dagegen weisen eine lebhafte Musterung auf. <3>

Bei dämmerungs- und nachtaktiven Tieren, zu denen die Wildkatze gehört, sind die Tast- und Leithaare meist gut ausgebildet, die Behaarung ist dicht. Nach Toldt (1935) zeigt die Wildkatze im Fellprofil von oben nach unten folgende Zonen: in der lockeren Spitzen- und Grannenhaarstufe sind die Spitzen schwarz und haben einen subapikalen weißlichen Ring, das obere Ende der basalen Pigmentierungsperiode der Grannenhaare ist schwarz. Hierauf wird die Behaarung infolge der zahlreichen Wollhaare dicht. Der zur Spitze gehörige apikale Teil des letzteren zeigt ein Hellgelb, das sich im Fellprofil als ein deutliches hellgelbes Band oben vom apikalen Schwarz der Basalpigmentierung der Grannenhaare, unten von der darunter folgenden allgemeinen, längeren gelblichbraunen Basalzone abhebt. Im Fellprofil entstehen dadurch zwei durch dieses dunkle Band getrennte helle Felder. Aufschlußreiche Untersuchungen über das Haarkleid der europäischen Wildkatze liegen von Meyer et al. (1982) vor. Welche große Haarfülle der dichte, gegen Wetterunbilden schützende Pelz dieser Tierart aufweist, veranschaulichen folgende Zahlen: je Quadratzentimeter Körperoberfläche kommen beim Jungtier 450 bis 1000 und bei erwachsenen Katzen 300 bis 600 Haargruppen vor. Das entspricht beim Jungtier 6.000 bis 26.000 und beim erwachsenen Tier 5.500 bis 24.000 Haaaren im Sommerkleid und 10.0000 bis 30.000 Haaren beim adulten Indviduum im Winter. Daraus ergibt sich, dass im Winterpelz im Minimalfalle fast doppelt so viel Haare vorhanden sind wie im Sommerfell. Das Winterhaarkleid ist außerdem insgesamt länger und feiner als das Sommerhaarkleid. Die längsten Haare (50 bis 70 Millimeter) weist der Rücken auf, die kürzesten (10 bis 30 Millimeter) sind an der Wange vorhanden. Das Winterkleid wird etwa fünf Monate getragen. Der Ausfall des dichten Winterpelzes setzt Mitte März ein. Nach etwa sechs Wochen ist der Haarwechsel ins Sommerkleid beendet. Die Anlage des Winterkleides beginnt dann wieder Ende August. <3>

Jugendkleid
Wildkatze - Jungtiere
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Wildkatze - Jungtiere

Junge Wildkatzen im Nestkleid fallen durch ein voll ausgeprägtes, tief schwarzbraunes Zeichnungsmuster des Wollhaares auf. Sie unterscheiden sich darin vom ersten Sommerkleid jung erwachsener Individuen. Bereits Altum (1886) stellte fest, dass die Zeichnung gegenüber der der Altkatzen durch Menge, Schärfe und intensive Färbung überrascht. Die Beschreibung der markantesten Einzelheiten führt er in acht Punkten durch. Obwohl die Zeichnung wie bei den Altkatzen variiert, steht fest, dass sie deshalb deutlich zu sehen ist, weil sich die längeren Grannen- und Tasthaare erst nach zwei Monaten entwickeln. Der Oberkopf ist von den Augen bis hinter die Ohren mit vier bis sechs Reihen von dunklen, teilweise unterbrochenen Streifen gezeichnet. Die Vibrissen des Gesichts sind bereits gut entwickelt. Der Rumpf und die Läufe weisen ähnliche Querstreifen auf wie die erwachsener Wildkatzen. Die Behaarung des Schwanzes unterscheidet sich deutlich von der des Alterskleides. Von der Spitze bis zur Wurzel weist er etwa 10 undeutlich abgesetzte schwärzliche Ringe auf. Die Schwanzform ist dünn und spitzendig. Das erste Sommerkleid entwickelt sich je nach Wurfzeit bis Ende August oder auch später. Sobald die Grannenhaare das Wollhaar des Nestkleides überwachsen, schwächt sich das Zeichnungsmuster deutlich ab. Ein weiterer Faktor, der das Aussehen des Haarkleides verändert, ist das Wachsen des Körpers, denn damit zieht sich das Zeichnungsmuster auseinander. Während dieser Zeit fallen die Wollhaare des Nestkleides aus, so dass mit dem Haarwechsel die Grundfarbe des Felles die des bereits beschriebenen Alterskleides ist. Nach dem Haarwechsel zum Winterkleid, der Ende September einsetzt, sehen die inzwischen jung erwachsenen Katzen wesentlich robuster aus als zuvor. Altum's Untersuchungen an in Gefangenschaft aufgezogenen Wildkatzen ergaben, dass das Nestkleid etwa acht Wochen getragen wird, und die Ausbildung des ersten Sommerkleides vier Wochen dauert. Der Haarwechsel zum Winterkleid erfolgt nach acht bis neun Wochen, letzteres tragen die Wildkatzen gegen 22 Wochen. <4>

Fellstruktur

Bislang dienten vor allem meßbare anatomische Merkmale zur Unterscheidung von Haus- und Wildkatze. Vogt (1984) wies darauf hin, dass die in der Literatur angeführten morphologischen Unterscheidungsmerkmale teilweise widersprüchlich sind, vor allem was Färbung, Zeichnung und Beschaffenheit des Felles anbelangt. Dieser Mangel tritt auf, sobald zur Untersuchung nur Felle, Bälge oder Präparate ohne Skeletteile vorliegen. Vogt wendete eine der fotografischen Technik entlehnte Methode zur Messung des Reflexionskontrastes an, mit deren Hilfe die Intensität der Flankenzeichnung gegenüber der Fellgrundfärbung in reproduzierbaren Zahlenwerten ausgedrückt wird. Die zu ermittelnden Merkmale Haarlänge und Zeichnungskontrast werden zum Haarlängen-Kontrast-Index=Haarlänge in Millimeter: Kontrastwert zum Grundwert 1 zusammengefaßt, der die schärfste objektive Hilfsgröße zur Determination von Wildkatzenfellen darstellt. Die Untersuchung der drei Haarsorten, das betrifft die Leithaare der Schwanzmitte, die Leithaare des Hinterrückens und die Wollhaare, mittels des Vogtschen Haarlängen-Kontrast-Indexes ermöglich eine eindeutige Unterscheidung der Wildkatzenfelle von Bastard- und Hauskatzenfellen. Vogt entnahm die Haarbüschel zur Untersuchung vom Hinterrücken auf 5/6 der Kopf-Rumpf-Länge, 3 Zentimeter seitlich der Rückgratslinie und die andere Probe auf der halben Schwanzlänge, 2 Zentimeter seitlich der Mittellinie. Die Haare wurden mit einem Skalpell unmittelbar an der Hautoberfläche abgeschnitten und je Tier und Entnahmestelle maximal vier Leithaare und jeweils bis zu sieben Grannen- und Wollhaare im gestreckten Zustand vermessen. Die umfassenden Untersuchungen Vogts ergaben, dass sofern lediglich die Haarlängen als Bestimmungshilfe herangezogen werden können, Mittelwerte und Signifikanzwerte wenig hilfreich sind, wichtig sind zu diesem Zweck nur die tatsächlichen Variationsbreiten. Die ermittelten Variationsbreiten ergaben, dass sich die Haarlängen von Wild- und Hauskatzen in allen Fällen hochsignifikant unterscheiden und Blendlinge Übergänge zeigen. Nicht bedeutsam sind die Unterschiede in der Schwanzbehaarung zwischen Wildkatzen und Blendlingen. Das von Vogt untersuchte Blendlingsmaterial war jedoch vor allem in Bezug auf die Schwanzbehaarung den Wildkatzen ähnlicher als den Hauskatzen (Felis catus). <5>

Wildkatze
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Wildkatze

Im Rahmen der Komplexforschung an der westkarpatischen Population der Wildkatzen wurden von Sládek (1976) die ersten Farbanomalien der Art in Mitteleuropa beschrieben. Unter mehr als 500 in den letzten 20 Jahren auf dem Gebiet der Slowakei erlegten Exemplare befanden sich je zwei Fälle mit Partielleucizmus, Totalmelanismus und Totalflavismus. Die Artzugehörigkeit der Katzen hat Sládek mittels kraniologischer Merkmale und der Körpermaße bewiesen. Der Autor ist der Ansicht, dass in der westkarpatischen Population Farbanomalien der Wildkatze häufiger vorkommen, sie entgehen aber der wissenschaftlichen Bearbeitung, weil die Jäger solche Exemplare für Hauskatzen (Felis catus) halten und ihnen nach der Erlegung keine Aufmerksamkeit widmen. Unter den 100 Exemplaren, die aus dem Harz untersucht wurden, besaß der bei Hainrode 1982 in einem Eisen gefangene Kuder (Kater) ein 3 Zentimeter langes, schneeweißes Schwanzende. Hinzu kommen zwei weitere Beobachtungen von Wildkatzen, die ebenfalls durch weiße Schwanzspitzen auffielen. Offensichtlich handelt es sich um verwandte Tiere, und die Abweichung von der normalen Schwanzfärbung ist genetisch fixiert. Die von Sládeck nachgewiesenen melanistischen Exemplare bilden eine beachtenswerte Parallele zu den schwarzen Kaukasus-Wildkatzen. Unter ihnen treten Melanisten auf, die Satunin (1904) als besondere Art Felis daemon beschrieben hat. Nach Aliev (1974) ist es nicht geklärt, ob wildlebende schwarze Katzen aus dem Kaukasus, von denen jährlich ein bis zwei Felle auf den Markt kommen, verwilderte Hauskatzen (Felis catus), eine schwarze Mutante der Wildkatze oder eine eigene Art darstellen. Heptner & Sludskij (1980) schreiben diesbezüglich unter anderem, es sind verwilderte Hauskatzen (Felis catus), vielleicht auch Mischlinge aus Wild- und Hauskatze. Vereinzelt kann es sich auch um schwarze Wildkatzen handeln, denn eine gewisse geografische Lokalisation dieser Formen im östlichen Teil der Südabdachung des Großen Kaukasus ist nachweisbar. <5>

Ohren

Im einschlägigen Schrifttum wurde bisher stets angeführt, dass die Wildkatze kleine und die Hauskatze (Felis catus) große Ohren hat. Diese optische Wirkung entsteht deshalb, weil das signifikant größere Ohr der Wildkatze in der langen Kopfbehaarung weniger sichtbar ist als bei der kurzhaarigen Hauskatze (Felis catus). Das Ohr des Kuders (Katers) der Wildkatze ist im Mittelwert 5 Millimeter länger als das der männlichen Hauskatze (Felis catus). Bei den Weibchen beträgt der Größenunterschied 3 Millimeter. Bezüglich der Ohrlänge ergab die Überprüfung der biometrischen Daten außerdem, dass beide Arten einen hoch signifikanten Geschlechtsdimorphismus aufweisen. <6>

Hinterfüße

Die samtartig behaarten, graugelb gefärbten Sohlen der Hinterfüße weisen zwischen einem markstückgroßen, zuweilen scharf abgegrenzten Fleck oder einem bis zur Ferse hin mehr oder weniger schwärzlich gefärbten Streifen viele Übergänge auf. Die Ausdehnung zwischen fünfter Zehe und Ferse kann 1,5 bis 6,0 Zentimeter betragen. Bei Beobachtungen in der Natur ist der von Vogt gemachte Hinweis zu beachten, dass sich wegen der samtigen Behaarung der Sohle der Eindruck der Färbung je nach Blickwinkel und Winkel des einfallenden Lichtes verändern kann. Bereits Nehring (1888) wies darauf hin, dass die afrikanischen Wildkatzen, die als Stammarten unserer Hauskatzen (Felis catus) zu betrachten sind, am Hinterlauf durchweg eine gänzlich schwarz gefärbte Sohle aufweisen, wie hierzulande fast alle wildfarbigen Hauskatzen. Über die Sohlenbezeichnung der Gattung Felis liegt auch eine umfassende Arbeit von Schwangart (1943) vor. Zu beachten ist, dass der schwarze Sohlenfleck und die zuweilen vorhandenen weißen Haarbüschel zwischen den Sohlenbalken kein sicheres Unterscheidungsmerkmal beim Vergleich mit der Hauskatze (Felis catus) bilden. Sollte ein intensiver schwarzer Sohlenstreifen vom Ballen bis zur Ferse vorhanden sein, spricht diese Zeichnung unter Besichtigung weiterer Kennzeichen eher für Haus- als für Wildkatze. Bei der Untersuchung der Körpermerkmale von Haus- und Wildkatze stellte Kratochvil (1976) unter anderem fest, dass die Unterschiede der Hinterfußlänge statistisch hoch signifikant sind. Die Hinterfußlänge der Hauskatze (Felis catus) variierte von 102 bis 135 Millimeter, die der Wildkatze von 120 bis 160 Millimeter. Der Deckungsbereich der Variationsbreiten ist nicht bedeutend, er schwankt von 120 bis 135 Millimeter. Es können deshalb Individuen, deren Hinterfußlänge über 135 Millimeter beträgt, als Wildkatzen, und Individuen, deren Hinterfußlänge 120 Millimeter nicht erreicht, als Hauskatzen (Felis catus) angesprochen werden. <7>

Wildkatze
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Wildkatze

Durch umfangreiche Vergleiche mit ermittelten Werten, zeigt sich, dass die Variationsbreite, ohne Berücksichtigung der Unterschiede, die zwischen den Geschlechtern ermittelt wurden, bei der Hauskatze (Felis catus) von 97 bis 146 Millimeter und bei der Wildkatze von 115 bis 148 Millimeter reicht. Das verglichene, im Umfang etwa gleich große Zahlenmaterial ergibt, dass die im hercynischen Raum lebenden Hauskatzen (Felis catus) maximal größere und die Wildkatzen aus dem Harz maximal kleinere Hinterfüße haben als die slowakischen Individuen. Die Überprüfung des Geschlechtsdimorphismus am untersuchten Material ergab, dass sich trotz größerer Variabilität der Maße die Mittelwerte von Männchen und Weibchen hoch signifikant zwischen Haus- und Wildkatze unterscheiden. Die von Sládek (1971) durchgeführte Untersuchung über die Variabilität der Länge des Hinterfußes ergab folgende Durchschnittswerte: Männchen 142 ± 2 Millimeter, Weibchen 133 ± 3 Millimeter, die Maximallänge betrug 160 Millimeter. Hieraus ergibt sich, dass sowohl die Männchen als auch die Weibchen der westkarpatischen Population 5 Millimeter längere Hinterfüße haben als die Wildkatzen aus dem Harz. <7>

Schwanz

Beim Ansprechen einer Katze in der Natur gilt es, vor allem auf den Schwanz zu achten. Vor dem schwarzen stumpfen Schwanzende der Wildkatze liegen zwei, seltener drei geschlossene, nach dem After zu schmaler und blasser werdende, schwärzliche Ringe, denen weitere, meist offene, folgen. Im Gegensatz dazu haben Hauskatzen (Felis catus) einen sich zur Spitze hin deutlich verjüngenden Schwanz. Alle bisher untersuchten wildfarbenen Hauskatzen (Felis catus) fielen dadurch auf, dass die kurzhaarigen Schwänze nicht so kontrastreich gefärbt waren wie die Schwänze der Wildkatzen. Das kommt einfach daher, dass alle zwischen den schwarzen Binden stehenden Haare deutlich sichtbare silbergraue Spitzen aufweisen. Ferner trägt die Wildkatze den Schwanz meist hängend, im unteren Drittel leicht nach oben gebogen, und bewegt ihn peitschend, während die Hauskatze (Felis catus) an der meist gestreckten, ruhigen Schwanzhaltung zu erkennen ist. Ist die Wildkatze erregt, spielt das schwarze Schwanzende ständig hin und her. Die erste umfassende Beschreibung der außerordentlich großen Variabilität der Schwanzzeichnung der Wildkatze aus verschiedenen Lebensräumen liegt von Eckstein (1919) vor. Bei der Untersuchung der Schwänze von 64 Wildkatzen aus Rheinland-Pfalz stellte Voor (1984) fest, dass bei durchaus langhaarigen und buschigen Schwänzen Fälle auftreten, die das wildkatzentypische abgehackt wirkende Schwanzende haben und andere, die sich im Vergleich dazu am Ende verjüngen. Nach Haltenorth (1957) macht der Schwanz der Wildkatze höchstens 50 Prozent der Körperlänge und der der Hauskatze (Felis catus) über 50 Prozent der Körperlänge aus. Ohne auf biometrische Daten von größeren Materialserien zu basieren, werden diese Prozentwerte zumeist in der Literatur angeführt. Im Gegensatz dazu erbrachten die Untersuchungen von Schauenberg (1977), dass der Schwanz fast immer die Hälfte der Körperlänge (170 Fälle von 85) überschreitet. Auch die Untersuchungen an Harzer Wildkatzen ergab die gleiche Tendenz. Sie haben rein metrisch einen signifikant längeren Schwanz als Hauskatzen (Felis catus). Die ermittelten Werte ergaben im Verhältnis von Schwanzlänge zur Kopf-Rumpf-Länge folgende Prozentzahlen:

Felis silvestris Männchen 52,8 Prozent, Weibchen 54,1 Prozent
Felis catus Männchen 50,5 Prozent, Weibchen 45,7 Prozent.

Für europäische Wildkatzen führt Schauenberg (1977) als Schwanzlänge für die Männchen 260 bis 345 Millimeter und für die Weibchen 250 bis 320 Millimeter an. Diese Variationsbreite entspricht weitgehend den an Harzer Wildkatzen ermittelten Werten. Im Gegensatz dazu zeigen die von Sládek (1971) errechneten Durchschnittswerte, (Männchen 318 ± 8 Millimeter, Weibchen 303 ± 10 Millimeter, maximale Länge 380 Millimeter) dass die Vertreter westkarpatischer Populationen größer sind. Optisch wirkt der Schwanz der Wildkatze deshalb kürzer, weil er, bedingt durch das stark buschige Schwanzhaar, eine dicke lunten- oder nudelholzförmige Gestalt aufweist. <8>

Schädel

Wildkatze
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Wildkatze

Für Katzen ist ein sehr kurzer Schädel mit einem schwach entwickelten Gesichtsschädel und einem stark gerundeten Hirnschädel charakteristisch. Im Gegensatz dazu haben die hundeartigen Beutegreifer einen lang gestreckten Gesichts- und Hirnschädel. Wildkatzen haben im Allgemeinen einen größeren Schädel als Hauskatzen (Felis catus), das trifft vor allem für die Männchen zu, daher sieht deren Kopf gedrungener und kräftiger aus. Z.Kratochvil (1973) führte eingehende morphometrische Untersuchungen am Schädel von Wild- und Hauskatzen durch. Die Ergebnisse führten zu dem allgemeinen Schluß, dass keines der überprüften Merkmale als eindeutiges Unterscheidungskriterium für beide Arten dienen kann. Zur Determination des Schädels verwendete Z.Kratochvil eine größere Anzahl subjektiver (morphologischer) und objektiver Kriterien. In der allgemeinen Praxis wird vor allem auf den Kontakt der Nasenknochen mit den Stirnknochen in einer Ebene oder Mulde geachtet. Es handelt sich dabei um das Vorhandensein oder Fehlen der Glabella. Szunyoghy (1952) stellte fest, dass die Kaudalregionen der Nasenbeine (Ossa nasalia) an der Berührungsstelle mit den Stirnbeinen (Ossa frontalia), das entspricht beim Menschen der meist unbehaarten Stelle zwischen Augenbrauen, bei der Hauskatze (Felis catus) in Form eines gut erkennbaren Grübchens (Glabella) unter die Ebene der benachbarten Knochenpartien eingedrückt ist. Im Gegensatz dazu hat die Wildkatze keine Glabella, sondern die Nasenbeine gehen völlig flach in die Stirnebene über. Lediglich bei 6 Prozent des von Z.Kratochvil untersuchten Materials war das Grübchen angedeutet. Das Szunyoghi-Grübchen ist sowohl deutlich zu sehen als auch zu fühlen. Am sichersten ist es jedoch feststellbar, wenn man ein Lineal auf die Kaudalregion der Nasenbeine stellt und den Schädel gegen das Licht hält. Fällt ein deutlicher Lichtstrahl unter dem Lineal hindurch, handelt es sich um eine Hauskatze (Felis catus), ansonsten um eine Wildkatze. Als besonders wichtig hat sich dieses Merkmal bei der Bestimmung der wildfarbenen Hauskatzen (Felis catus) oder vermutlichen Bastarde erwiesen. Obwohl die Schädel von Wild- und Hauskatzen gleichen Alters und Geschlechts bei oberflächlichem Betrachten recht ähnlich erscheinen, kann sie das geübte Auge unterscheiden. Insgesamt betrachtet wirkt der Wildkatzenschädel gedrungener und massiger, weil der Hirnschädel größer und die Schnauzenregion breiter angelegt sind. Das gilt auch für die hintere Jochbogenbreite. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal der beiden Katzenarten ist nach Z.Kratochvil (1973) der Processus mandibulae. Bei der Hauskatze ist er klein, kaudal überragt er den über ihm liegenden Gelenkfortsatz (Processus condylaris) nicht. Als weiteres Merkmal kommt am Unterkiefer der verschiedene Grad in Betracht, in dem der Processus coronoideus, Processus condylaris und Processus angularis in kaudale Richtung reichen. Infolgedessen fällt der Kiefer der Hauskatze (Felis catus), senkrecht auf diese Ausläufer gestellt, meist um. <9>

Beachtenswert ist auch der Hinweis von Z.Kratochvil, dass man in der Norma medialis am Processus angularis aufgerauhte Ansatzstellen für den Musculus pterygoideus erkennt. Bei der Wildkatze deckt sich ihr rostraler Teil in dieser Norm in den meisten Fällen nicht mit dem Ventralrand des Unterkiefers. Bei der Hauskatze (Felis catus) ist diese aufgerauhte Ansatzstelle des Muskels nur bei 60 Prozent der Invididuen einwandfrei festzustellen. Sie schließt sich der ganzen Länge nach an den Ventralrand des Unterkiefers an. Dorsal über der Muskelansatzstelle liegt das Foramen mandibulae. Seine Wände sind bei der Wildkatze schwächer, besonders die Lateralwand. Bei älteren Individuen pflegt dies der dünnste Teil der länglichen Grube des Kaumuskels (Fossa masseterica) zu sein. Bei der Hauskatze (Felis catus) ist das Foramen mandibulae zwar kleiner, fällt aber tiefer ein und ist markanter, seine Wände sind stärker. Kaudal von ihm liegt der Abdruck des Nervus mandibularis, bei der Hauskatze (Felis catus) ist er als Rille angedeutet, bei der Wildkatze ist er in der Regel gut kenntlich und breit. Wie eingangs angeführt, sind diese osteologischen Unterschiede keine völlig eindeutigen Merkmale, sondern sie müssen im Zusammenhang mit anderen Kriterien verwendet werden. Von der Tatsache ausgehend, dass die domestizierten Nachkommen wilder Tierarten eine geringere Hirnraumgröße aufweisen, gelang es Schauenberg (1969) eine neue craniometrische Methode zur Bestimmung der beiden Katzenarten zu entwickeln. Beim Anwenden dieser Methode kann man jeden einzelnen Schädel mit definitivem Gebiß ohne Hilfe einer Vergleichsserie bestimmen. Die Formel hierfür lautet:

Gesamtlänge des Schädels
——————————————————————————— = Index.
Schädelkapazität (Hirnraumgröße)

Liegt der Index-Wert unter 2,75, so handelt es sich um eine Wildkatze. Die Feststellung der Hirnraumgröße allein erlaubt es, innerhalb gewisser Grenzen, die Wildkatze von der Hauskatze (Felis catus) zu unterscheiden. Liegt die Schädelkapazität über 35 Kubikzentimeter, so handelt es sich zweifellos um eine Wildkatze, liegt sie dagegen unter 32 Kubikzentimeter, so gehört der Schädel einer Hauskatze (Felis catus). Bei Kapazitäten, die zwischen 32 und 35 Kubikzentimeter liegen, muß der Index nach vorstehender Formel berechnet werden. Nach Untersuchung von 446 Schädeln aus 14 Ländern und Regionen faßte Schauenberg (1977) die Ergebnisse wie folgt zusammen: die Gesamtlänge des Schädels erreicht im Maximum 113 Millimeter. Nur in einem gewissen Umfang ist es möglich, das Geschlecht nach der Schädellänge zu bestimmen. Die Maße der Männchen reichen von 97 bis 113 Millimeter, die der Weibchen liegen unter 89 Millimeter. Zwischen 87 und 97 Millimeter überschneiden sich die Geschlechter. Der Schädelinhalt schwankt zwischen 31 und 50 Kubikzentimeter. Es ist unmöglich, die Geschlechter nach dem Schädelinhalt zu unterscheiden, obwohl er bei den Männchen im Mittel den der Weibchen um ungefähr 5 Kubikzentimeter überschreitet. Die Identifikation an Schädeln juveniler Individuen, die noch das Milchgebiß besitzen, ist nicht möglich. <9>

Rohrkatze (Felis chaus)
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Rohrkatze (Felis chaus)

Die Geschlechtsunterschiede sind am deutlichsten bei den alten Wildkatzen, weniger ausgeprägt unter den Hauskatzen sowie den rezenten und modernen Wildkatzen. Am wenigsten traten sie bei den Hybriden in Erscheinung, wo sich auch die Variationsmuster von allen anderen Gruppen unterscheiden. Man schlußfolgerte aus den statistischen Ergebnissen, dass die alten Wildkatzen sehr wahrscheinlich noch eine saubere Felis silvestris-Population waren. Die Gruppe der rezenten/modernen Individuen enthält dagegen einen relativ hohen Anteil an Hybriden. Nach den ermittelten Fakten ereigneten sich die meisten Hybridisierungen wahrscheinlich bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts, als die Zahl der Wildkatzen gering war. Der Bestandszuwachs an Wildkatzen in den letzen 50 Jahren ist wahrscheinlich mitbedingt durch Hybridkatzen. Begünstigend dürfte sich auch die Aufforstung in Schottland ausgewirkt haben. Abschließend wird resümiert, dass moderne Wildkatzen dazu tendieren, etwas weniger Hybriden oder domestizierte Katzen zu sein, eher etwa mehr alten Wildkatzen zu ähneln im Vergleich zu den rezenten. Dieser gegenwärtige Trend könnte dahin gehen, Hybridisierungen zu verringern, aber es kann auch sein, dass die ursprüngliche Form der Wildkatze effektiv in Schottland ausgestorben ist. <9>

Gebiß

Für Katzen ist ein auffallend kurzer rundlicher Schädel mit einer reduzierten, kräftigen Bezahnung der Kiefer typisch. Das Zahnsystem der Wildkatze ist durch den Verlust der Kauflächen und die damit einhergehende Umgestaltung zu einem hochspezialisierten Reiß- und Schneideapparat geworden. Aufgrund der kurzen Hebelarme können Katzen vergleichsweise sehr stark zubeißen. Im Gegensatz dazu besitzen hundeartige Raubtiere einen lang gestreckten Schädel mit einer erheblich größeren Anzahl von Zähnen. Bei den Katzen besorgen das Ergreifen und Festhalten der Beute zuerst die Krallen und nicht gleich die Zähne wie beim notwendigerweise spitzschnäuzigeren Rotfuchs (Vulpes vulpes) oder Wolf (Canis lupus). Die unterschiedliche Bezahnung der Kiefer läßt sich am besten durch die für taxonomische Zwecke sehr wichtige Zahnformel veranschaulichen. Die Anzahl der unterschiedlich ausgebildeten Zähne wird jeweils für eine Kieferhälfte wie folgt beschrieben: von links nach rechts beginnt man mit den Schneidezähnen (Incisivi), es folgen die Eckzähne (Canini), die Vorbackenzähne (Praemolares) und die Backenzähne (Molares). Die hoch- und tiefgestellten Ziffern hinter den Abkürzungen I, C, P, M bezeichnen die Zahnstellung im Gebiß. Es bedeutet zum Beispiel I1 unterer Incisivus, M1 oberer Molar. Die Zahnanordnungen im Milchgebiß werden durch Kleinbuchstaben kenntlich gemacht. Wie unterschiedlich die Kiefer von Raubtieren mit Zähnen des Ersatz- oder Dauergebisses versehen sind, zeigen folgende Zahnformeln:

Wildkatze I3/3  C1/1  P3/2  M1/1 = 30
Rotfuchs    I3/3  C1/1  P4/4  M2/3 = 42.

Das Milchgebiß der Wildkatze zeigt folgende Formel auf:

i3/3  c1/1  p3/2.

Im ersten Gebiß fehlen die Backenzähne. Von den Vorbackenzähnen wird p2 ins Dauergebiß übernommen, alle anderen Zähne werden gewechselt. Im Milchgebiß bilden die Antagonisten p3 und p2 die Reißzähne. Im Dauergebiß wirken P3 und M1 als Reißzähne. Bei der Wildkatze ist der Zahnwechsel in 190 bis 195 Tagen abgeschlossen (Condé & Schauenberg 1978). Diesbezügliche Untersuchungen von Piechocki & Stiefel (1988) an Wildkatzen aus der freien Natur erbrachten nahezu gleiche Ergebnisse. Mit 5,5 bis 6 Monaten sind alle Milchzähne abgestoßen. P4 ist vollständig entwickelt wie sein Antagonist M1. P2 und P3 sowie P3 und P4 ragen etwa zur Hälfte ihrer Größe über die Kieferränder. Die Wurzeln der Canini sind noch offen, die der M1 fast geschlossen. Das Dauergebiß der Wildkatze ist insgesamt kräftiger gebaut als das der Hauskatze (Felis catus). Das gilt insbesondere für die zum Festhalten der Beute außerordentlich wichtigen Eck- oder Hakenzähne. Die oberen dolchförmigen Eckzähne der Wildkatze sind sowohl bei den Männchen als auch bei den Weibchen länger und schwerer als die der Hauskatze (Felis catus). Bezüglich des Geschlechtsdimorphismus der Canini besteht bei beiden Arten ein signifikanter Unterschied, dieser ist bereits vom sechsten Lebensmonat an erkennbar. Die stetige Massenzunahme ist vor allem durch die ansteigende Dentindicke bedingt. <10>

Eine Untersuchung des laktalen und permanenten Gebisses zur Alterseinschätzung liegt von Piechocki & Stiefel (1988) vor. Zusammenfassend wurden folgende Ergebnisse erzielt: mit 2,5 Wochen brechen die Eckzähne im Ober- und Unterkiefer durch, acht Tage später erscheinen die Milchprämolaren. Mit einem Monat treten die Schneidezähne und danach auch die Reißzähne (p3) in Funktion. Bei drei Monate alten Männchen sind die Milchschneidezähne noch in Gebrauch und die des Ersatzgebisses bereits sichtbar. Die Milcheckzähne im Ober- und Unterkiefer ragen 5 Millimeter weit aus dem Zahnfleisch. Die Prämolaren im Oberkiefer (p2-4) und im Unterkiefer (p3+4) sind voll entwickelt. Die Seitenzahngebiete des Unterkiefers weisen bereits geöffnete Molaralveolen auf. Im Alter von 3,5 bis 4 Monaten beginnt der Wechsel des Vordergebisses. Nach den Incisivi folgen die Canini, wobei der Unterkiefer dem Oberkiefer vorangeht. Vor den Milcheckzähnen ragen die spitzen Kronen der Canini im Oberkiefer etwa 4 bis 6 Millimeter und im Unterkiefer 8 bis 9 Millimeter weit aus den Alveolen. Die Milchprämolaren sitzen noch auf den bereits sichtbaren p2-4. Im Unterkiefer erhebt sich M1 etwa 1 bis 5 Millimeter über das Knochenniveau, ist damit aber noch nicht funktionsfähig. Mit dem Heranwachsen dieses nur im Dauergebiß vorhandenen Backenzahns beginnt die Entwicklung der bleibenden Brechschere (M1 und P4). Bei schätzungsweise 4,0 bis 4,5 Monaten alten Exemplaren ergibt sich, dass in der Zahnentwicklung zeitlich Variationen auftreten, die auf individuelle Konstitutionsunterschiede in den Frühjahrs- und Sommerwürfen zurückzuführen sind. In diesem Alter sind die Incisivi voll ausgebildet. Die permanenten Canini haben in der Regel im Unterkiefer die Milchzahnreste bereits abgestoßen, im Oberkiefer stehen sie dagegen noch hinter dem wachsenden Eckzahn. Die C1 ragen aus den Alveolen etwa 9 bis 10 Millimeter und die C1 6 bis 8 Millimeter heraus. Die Milchprämolaren des Oberkiefer stecken noch mit den Wurzelspitzen im Kiefer oder reiten bereits auf den hervorbrechenden permanenten Prämolaren. Im Unterkiefer sitzen sie dagegen noch in den Zahntaschen, während der M1 als neu hinzukommender Zahn meist bereits in Funktion ist. Der querstehende M1 ist durchgebrochen und schließt fast in gleicher Höhe an p4 an. Im Alter von 5 Monaten sind alle Canini (Eckzähne) in Funktion. Im Oberkiefer drücken P2 und P3 durch. Reste der Milchzähne, die durch das Zahnfleisch gehalten werden, sitzen noch auf den heranwachsenden Prämolaren. Im Gegensatz dazu stehen die Milchprämolaren noch fest im Unterkiefer. Lediglich die Spitzen der permanenten Zähne ragen über das Niveau des Kieferrandes. Mit 5,5 bis 6 Monaten sind alle Milchzahnreste abgestoßen, P4 ist wie sein Antagonist (gegenüberliegender Zahn) M1 vollständig entwickelt. <10>

Rohrkatze (Felis chaus)
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Rohrkatze (Felis chaus)

Am wachsenden Zahn entsteht die Wurzel zunächst durch das apikalwärts wachsende Dentin. Nach Erreichen der fast endgültigen Wurzellänge verengt sich der Dentinmantel, um das Foramen apicis dentis zu bilden. Die Canini sind sowohl im laktalen als auch im permanenten Gebiß die zuerst eruptierenden Zähne. Die Eckzähne der ersten Dentition üben ihre Funktion lediglich drei Monate lang aus. Am Eckzahn des bleibenden Gebisses setzt die Zementbildung etwa mit Abschluß des vierten Lebensmonats, gelegentlich auch erst nach dem sechsten Monat ein. Bei Frühwürfen (April bis Mai) lagert sich zunächst eine schmale (etwa 0,1 Millimeter messende) Schicht zellhaltigen Sommerzements ab. Spät (August-September) geborene Katzen erlangen die notwendige Eckzahnreife erst im Dezember, so dass ihre Zementaposition sofort mit zellfreiem Winterzement beginnt. Die bald nach der Mineralisation der Dentinoberfläche einsetzende Zementogenese schreitet vom Zahnhals in Richtung Wurzelspitze kontinuierlich fort. Später wird apikal jedoch weit mehr Substanz aufgelagert als lateral. Im Alter von fünf Monaten stehen bei den juvenilen Wildkatzen die Canini in Funktion. Zu diesem Zeitpunkt sind ihre Wurzeln längst nicht voll entwickelt, sondern liegen mit 10 Millimeter Länge um 30 Prozent unter der Norm. Das Foramen apicis dentis weist eine Weite von etwa 5 Millimeter auf. Selbst acht Monate alte Tiere besitzen teilweise recht große Foramina. In der Altersgruppe um 14 Monate schließlich erreichen die Wurzelanteile eine Länge von 14 bis 15 Millimeter. Im Verlauf der weiteren Entwicklung entsteht in der ständig an Dicke zunehmenden Zementschicht ein regelrechtes Delta apicale, das von den zu- und ableitenden Gefäßnervenbündeln gebildet wird. Dadurch wird die Versorgung der Zahnpulpa weiterhin aufrechterhalten. <10>

Rumpfskelett

Außer den allgemein bekannten Fakten, dass die Wirbelsäule 7 Hals-, 13 Brust-, 7 Lenden-, 3 Kreuz- und 19 bis 23 Schwanzwirbel besitzt, sowie die Angabe, Knochenmaße wurden bisher nur wenige genommen, konnte Haltenorth (1957) über das Skelett der Wildkatze kaum etwas berichten. Cantuel (1955) verglich lediglich das Skelett eines adulten Männchens der Wildkatze mit dem eines adulten Hauskaters. Inzwischen hat sich dieser Sachverhalt dank der ausführlichen Studie von Z.Kratochvil (1976), der eine Analyse der einzelnen Merkmale des postkranialen Skeletts von 31 Wildkatzen und 76 Hauskatzen (Felis catus) beider Geschlechter durchgeführt hat, grundlegend geändert. Die subjektive (morphologische) Analyse erbrachte mit der visuellen Methode keine eindeutigen Unterscheidungskriterien dieser beiden Katzenformen, sie zeigt vielmehr eine ziemlich breite Variabilität. Ein Mangel beruht darin, dass es viel zu wenig Literaturdaten über das Postkranialskelett der Katzen gibt und dass die entsprechenden Kenntnisse besonders über wildlebende Formen minimal sind und keinerlei statistische Auswertung der Unterschiede gestatten. Anschließend führte Z.Kratochvil (1977) eine Analyse der Korrelationen von Merkmalspaaren des postkranialen Skeletts der Wildkatze und der Hauskatze (Felis catus) durch. Der Vollständigkeit wegen wird auf die Lage bei zwei weiteren Formen domestizierter Katzen, der Perserkatze und der Siamkatze, hingewiesen, die sich mit ihrer asiatischen Herkunft und vor allem durch einen robusteren Skelettbau von der Hauskatze (Felis catus), die afrikanischen Ursprungs ist, unterscheiden (J.Kratochvil & Z.Kratochvil 1976). Die Analyse dieser Korrelationen bestätigt die bei der Untersuchung der einzelnen Merkmale gewonnenen Ergebnisse: Die Wildkatze und die Hauskatze (Felis catus) unterscheiden sich voneinander durch einen Komplex von Merkmalen. Die signifikantesten Unterscheidungskriterien des Postkranialskeletts zwischen Wildkatze und Hauskatze (Felis catus) sind vor allem die Merkmale der Knochen des Zeugopodiums (Radius, Ulna und Tibia, Fibula), in zweiter Linie aber auch des Stylopodiums (Humerus und Femur). <11>

Als Hilfsmittel zur Alterseinschätzung untersuchten Piechocki & Stiefel (1988) Wachstum und Ossifikation der großen Röhrenknochen der Hinterextremität. Die unterschiedliche Größe von Femur und Tibia wird durch die während der Aufzuchtperiode angebotene Quantität und Qualität der Nahrungsmenge entscheidend beeinflußt. Nach Abschluß des Längenwachstums werden die knorpeligen Epiphysenscheiben durch Knochenmasse ersetzt (Humerus und Femur). Wichtig sind in diesem Zusammenhang die Untersuchungen von Schauenberg (1980) an einer Serie von 28 Tieren (15 Männchen, 13 Weibchen), die aus der Zucht des zoologischen Laboratoriums der Universität von Nancy stammten. Da deren Geburts- und Todesdaten bekannt sind, war es möglich, das Alter zu ermitteln, in dem die Epiphysennähte der langen Röhrenknochen synostieren. Das Tier hat damit das Wachstum abgeschlossen und seine volle physische Reife erreicht. Alle Katzen, unter 18 Monate alt, weisen nicht oder nur teilweise verwachsene Epiphysen auf. Nach 20 Monaten sind alle Skelettelemente vollkommen, das heißt nahtlos synostiert. Das Stadium der physischen Reife tritt viel später ein, als die mit im zehnten Monat erfolgende sexuelle Reife vermuten läßt. Das Körperwachstum endet also zwei oder drei Monate vor Abschluß der Epiphysensynostierung. Bei adulten Inividuen synostieren die proximalen wie distalen Gelenkstücke so fest, dass die Epiphysennähte nicht mehr sichtbar sind. Von dieser Gegebenheit ausgehend wurde jeweils, nach Altersklassen getrennt, die größte Länge dieser Knochen ermittelt und der Grad der Verschmelzung der Gelenkköpfe mit dem Knochenschaft festgestellt. Die Parameter der Männchen ergaben, dass im Reifestadium das Längenwachstum der Oberschenkel- und Schienbeinknochen mindestens bis zum Alter von 15 Monaten währt. Abgeschlossen wird das Wachstum zwischen dem 18. und 20. Monat, das trifft auch für die Synostierung der Gelenkköpfe zu. Alle zwei Jahre alten und älteren Kuder (Kater) wiesen keine Epiphysenlinien mehr auf. <11>

Im Gegensatz dazu stellte sich bei den Weibchen heraus, dass das Wachstum der großen Röhrenknochen wesentlich zeitiger abgeschlossen sein kann. Ab 18. Monat und danach waren die Epiphysen stets nahtlos synostiert. Als Ursache für eine frühere Beendigung des Knochenwachstums bei den Weibchen wird angenommen, dass durch die Trächtigkeit hormonale Einflüsse wirksam werden, die die Synostierung beschleunigen. Zur Stützung der Befunde dienen folgende Erhebungen: Ein 10 Monate altes Weibchen, dessen 100 Millimeter langer, dunkel pigmentierter Uterus bepartitus Narben aufwies, hatte nahtlos synostierte Epiphysen. Der Uterus einer 11 Monate alten Katze wies drei Embryonen auf, die Nähte der Femurepiphysen waren noch sichtbar, ebenso bei einem 17 Monate alten Weibchen, das nach dem Zustand der Zitzen vier Junge gesäugt hatte. Nahtlos synostierte Gelenkköpfe besaß ein 15 Monate altes Weibchen. Es hatte Junge geworfen, der Uterus enthielt zwei Narben. Noch deutliche Fugenknorpel konnten dagegen bei einem gleichaltrigen, aber noch jungfräulichen Individuum nachgewiesen werden. Abgeschlossen war die Synostierung der Femurgelenkköpfe in der Regel bei allen über 16 Monate alten Katzen, die bereits geworfen hatten. In der ersten Entwicklungsperiode verläuft das Längenwachstum der Röhrenknochen bei männlichen und weiblichen Jungtieren etwa gleichförmig. Im Längenwachstum überholen die Männchen die Weibchen im Durchschnitt bereits im fünften Lebensmonat. Der stete Zuwachs hält bis zur Geschlechtsreife an. Danach sind sowohl der Oberschenkel als auch das Schienbein der Männchen im arithmetischen Mittel etwa 10 Millimeter länger als bei den Weibchen. Sofern die immaturen Weibchen in den Reproduktionszyklus eingegliedert werden, verläuft der Reifungsprozeß schneller als bei den Männchen. Nach Darstellung der angewandten Methode führt Schauenberg (1980) außerdem von Männchen und Weibchen adulter Wildkatzen Minimal- und Maximalwerte einiger postkranialer Knochen an. Unter Berücksichtigung der Kopf-Rumpf-Länge dienten die Meßwerte von Tibia und Femur (95 Männchen, 60 Weibchen) zur Widerlegung der These, es gäbe hochbeinige und kurzbeinige Wildkatzen. Interessant ist auch die Feststellung, dass es nur ein geringer Unterschied ist, der absolut zwischen Männchen und Weibchen besteht, zwar decken sich die Werte der Weibchen weitgehend, die der Männchen weisen jedoch bei nahezu gleicher Femurlänge eine etwas größere Kopf-Rumpf-Länge auf. Nicht zuletzt sei noch erwähnt, dass das feste Skelett des geschmeidigen Körpers als Schlüsselbein meist nur noch einen kleinen stabförmigen Restknochen aufweist, der keine Verbindung mehr zur Wirbelsäule hat. Dadurch ist die Beweglichkeit der Vordergliedmaßen wesentlich größer als bei anderen Säugetieren. Ein Grund dafür, dass Katzen gut klettern und springen, aber auch unversehrt fallen können. <11>

Falbkatze (Felis silvestris lybica)
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Falbkatze (Felis silvestris lybica)

Penisknochen

Die Struktur des Penisknochens gilt sowohl in der Systematik als auch zur Altersfeststellung bestimmter Arten von Säugetieren als wichtiges Merkmal. Diesbezügliche Kenntnisse liegen vor allem über Hunde (Canidae), Bären (Ursidae), Marder (Martes) und Robben (Pinnipedia) vor. Die Angehörigen dieser Familien besitzen relativ große, artspezifische Penisknochen. Recht klein sind sie dagegen bei den Katzen, woraus zu schließen ist, dass das Baculum (Os penis) keine funktionelle Bedeutung hat, was auch seine große Variabilität erklären würde. Treotzdem beschäftigten sich mehrere Zoologen mit diesem in der Dorsalregion der Eichel über der Harnröhre sitzenden maximal 5 bis 5,5 Millimeter langen Knöchelchen. Z.Kratochvil (1975) führt eine morphologisch-anatomische Untersuchung am Baculum durch, die die Eigenständigkeit des Eurasischen Luchses (Lynx lynx) gegenüber den Kleinkatzen ergab. Das Os penis der Gattung Panthera und das System der Katzen (Felidae) beschrieb J.Kratochvil (1976). Eine gurndlegende Beschreibung des Baculums von der Wildkatze verfaßte Schauenberg (1979). Die meisten von ihm selbst gesammelten und untersuchten Knochen hatten eine mehr oder weniger glatte Oberfläche. Bei einer gewissen Anzahl der Bacula waren leicht ausgehöhlte Zonen, sphärische oder längliche Vertiefungen, eine oder mehrere längliche Rillen, ja sogar Aushöhlungen, die im Extremfall den Knochen von einer Seite zur anderen durchdringen und ihn damit durchlöchern, vorhanden. Im Allgemeinen ist das Baculum asymmetrisch ausgebildet, symmetrische Knochen treten dagegen sehr selten auf. Schauenberg (1979) bildete in einer anschaulichen Weise für die Altersgruppen juvenil, subadult und adult 38 von Fall zu Fall unterschiedlich entwickelte Penisknochen ab. Die Vielzahl der Formen innerhalb der gleichen Art fällt dabei besonders auf. Man kann die Morphologie dieses Knochens, der bei allen Katzen (Felidae) bedeutende intraspezifische Variationen aufweist, nicht festlegen. Diese Neigung verrät die Publikation von Didier (1949), vor diesem Irrtum sei der Leser gewarnt! Didiers Angabe, die allgemeine Form des Os penis der Hauskatze (Felis catus) ähnele zwar dem der Wildkatze, lasse sich aber trotzdem leicht unterscheiden, trifft nach eingehenden Untersuchungen wegen der großen Variabilität nicht zu. <12>

Körpergewicht

Condé & Schauenberg (1971) weisen in ihrer grundlegenden Arbeit bezüglich der publizierten Gewichtsangaben über Felis silvestris darauf hin, dass die Wildkatze unter den Säugetieren Europas prädisponiert zu seine scheint für eine Art von Riesenwuchs, der mit dem Ruf besonderer Blutgier einhergeht. Es ist schwer, ein Tier zu entmystifizieren, das mit märchenhaften Angaben in der Jagdliteratur verankert ist. Sogar ernstzunehmende Zoologen wurden so stark beeinflußt, dass sie Gewichtsangaben Glauben schenkten, deren Wahrheit sie meist nicht überprüfen konnten. So ist es nicht verwunderlich, Hinweise in der Literatur zu finden, wonach der Wildkatze ein Maximalgewicht von 12 Kilogramm und mehr zugeschrieben wird. Selbst Haltenorth (1957) führt an, dass alte Exemplare in Deutschland 11,5 Kilogramm erreichen und die Gewichte nach Südeuropa zunehmen (15 bis 18 Kilogramm in der Slowakei). Sladek (1966) führt die Quelle für diese unglaublichen Gewichte an. Nach seiner Ansicht waren die Angaben falsch oder es handelte sich um eine Verwechslung mit dem Luchs (Lynx lynx). Nach Suminski (1962) schwanken die Gewichte der Wildkatze zwischen 3 und 15 Kilogramm. Er folgert daraus ein mittleres Gewicht von 6,14 Kilogramm für die Art. In einer weiteren Arbeit legt er das Mittel des unteren Gewichts mit 6 Kilogramm für das Männchen und mit 5 Kilogramm für das Weibchen fest. Während nach Haltenorth (1957) & Lindemann (1953, 1955) die Individuen in Wuchs und Gewicht auf dem Balkan zunehmen, sind die russischen Forscher der Meinung, dass die Wildkatzen aus der Ukraine und aus Westeuropa kleiner wären, als die aus dem Kaukasus stammenden. Nach Novikov (1956) beträgt deren Gewicht für das Männchen 6 Kilogramm und für das leichtere Weibchen 4 bis 5 Kilogramm. Alle Autoren, die Wildkatzen selbst gewogen haben, sind sich darüber einig, dass das Maximalgewicht unter 8 Kilogramm liegt. Condé & Schauenberg (1971) haben gewissenhafte Untersuchungen an über 177 Wildkatzen aus Frankreich durchgeführt. Die ermittelten Zahlen belegen, dass die Wildkatze weitgehend gleiche Gewichte in den Ländern aufweist, wo glaubwürdige Autoren objektive Untersuchungen durchgeführt haben. Zusammenfassend stellten Condé & Schauenberg (1971) folgendes fest: bei 88 Tieren in freier Wildbahn besteht eine jahreszeitliche Gewichtsvariation von 1,1 bis 2,2 Kilogramm. Bei den Weibchen ist die Gewichtsvariation weniger ausgeprägt und nicht so konstant wie bei den Männchen. Unter 68 Katzen in der Wildbahn schwankte das Gewicht zwischen 0,25 und 2,15 Kilogramm. Bei den Männchen ist das Gewicht um 5,0 Kilogramm am häufigsten (Maximalgewicht 7,7 Kilogramm). Das häufigste Gewicht der Weibchen liegt bei 3,5 Kilogramm. Das Maximalgewicht von 4,95 Kilogramm überschritt kein Weibchen außerhalb der Tragzeit. Vorstehende Ergebnisse finden eine nahezu identische Bestätigung durch Sládek (1971). Er untersuchte von 1950 bis 1970 die repräsentative Anzahl von 152 Wildkatzen in den Westkarpaten. Das durchschnittliche Körpergewicht betrug beim Männchen 5.107 Gramm ± 448 Gramm, beim Weibchen 4.100 ± 536 Gramm, das Maximalgewicht 8.000 Gramm. Die Werte der durchschnittlichen Körpergewichte zeigen saisonale und jährliche Änderungen. Diese stehen vor allem mit der Ernährungsökologie der Wildkatze im Zusammenhang, das heißt, sie hängen von den Faktoren ab, die die Menge und Zugänglichkeit der Beutetiere jahreszeitlich und in den einzelnen Jahren beeinflussen. <13>

Graukatze (Felis bieti)
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Graukatze (Felis bieti)

Nach diesen, aus geographischen Einheiten West- und Südeuropa stammenden Gewichtsserien werden nunmehr die in Mitteleuropa an der östlichen Verbreitungsgrenze im Harz ermittelten Gewichte vergleichend betrachtet. Raimer & Schneider (1983) ermittelten von einer aus dem Westharz stammenden Stichprobe von 15 Exemplaren folgende Körpergewichte: die Männchen erreichen durchschnittlich knapp 5 Kilogramm (3,8 bis 6,1 Kilogramm) und die Weibchen 3,6 Kilogramm (2,0 bis 4,9 Kilogramm). Piechocki (1986) stellte von erwachsenen Wildkatzen aus dem Harz und Nordthüringen folgende Gewichte fest: der Mittelwert 37 männlicher Individuen betrug 4,9 Kilogramm, die Variationsbreite 3,0 bis 6,5 Kilogramm und der Mittelwert von 25 Weibchen 3,5 Kilogramm, die Variationsbreite 2,3 bis 4,9 Kilogramm. Trotz des unterschiedlichen Umfangs der Stichproben stimmen die Körpergewichte der Harzer Population nahezu völlig überein. Die variablen Gewichte von Exemplaren gleicher Größe und Geschlechts sind in der Regel saisonal-, alters- oder ernährungsbedingt. Im besonderen Maße sind sie jedoch die Folge physiologischer Vorgänge, die endogen gesteuert werden. Der arithmetrische Mittelwert der Gewichte zeigt, dass der Massenzuwachs bis um sechsten Lebensmonat nahezu gleichmäßig verläuft. Der geschlechtsdimorph bedingte Unterschied tritt erst nach dieser Zeit ein. Das Gewicht der größeren Kuder steigt mit dem Älterwerden bis zum 18. Monat stetig an. Die Schwankungen des durchschnittlichen Körpergewichts sind bei den Geschlechtern nicht altersabhängig, sondern vor allem durch den jahreszeitlich bedingten Ansatz und Verbrauch der Fettreserven zu erklären. Die Fettspeicherung beginnt im August und kann Ende September bereits 15 Prozent vom Körpergewicht betragen. Als maximale Anteile subkutan und abdominal angelegter Fettdepots wurden Mitte November als Höchstwerte bei einem 1,5 Jahre alten Weibchen 782 Gramm = 18,5 Prozent und Anfang Dezember bei einem 3,5 Jahre alten Kuder (Kater) 1.245 Gramm = 23,4 Prozent Fettanteil vom Körpergewicht festgestellt. Diese lebenswichtigen, umfangreichen Fettdepots dienen in erster Linie zur Aufrechterhaltung des Energiehaushaltes bei Nahrungsmangel und als Schutz gegen Kälte im Winter, zusätzlich schaffen sie auch gute Ausgangsbedingungen für die Fortpflanzung. Die Fettpolster entwickeln sich zwischen Haut und Muskulatur sowie visceral, das heißt in der Bauchhöhle zwischen den Eingeweiden. Im Rahmen der jahreszyklischen Gewichtsveränderungen weisen in einem guten Ernährungszustand befindliche Individuen aller Altersklassen von September bis März Fettreserven auf. Daraus resultiert, dass die Körpermasse im angeführten Zeitraum die Höchstwerte erreicht. Für die Aufrechterhaltung der Körpertemperatur müssen Säugetiere allein etwa 70 bis 80 Prozent des basalen Energieumsatzes aufwenden. Sofern bei hohen Schneelagen nicht genügend Nahrung erbeutet wird, sind die Fettdepots bald verbraucht. Die von Puschmann & Kratzke (1986) unter Zoobedingungen aufgezogenen Wildkatzen brachten mit reichlich sieben Monaten höhere Körpergewichte auf die Waage, als wir sie bei gleichaltrigen Vertretern aus der freien Wildbahn ermitteln konnten. <13>

Die Körpermasse junger Wildkatzen, die sich noch im Zahnwechsel befinden, weist entsprechend des Entwicklungszustandes im ersten Lebensjahr eine große Variationsbreite auf. Beachtenswert ist, dass die Variationsbreite der Männchen und Weibchen fast im gleichen Bereich schwankt, der Mittelwert der Weibchen, die auch im erwachsenen Zustand im Durchschnitt weniger wiegen, dagegen erwartungsgemäß niedriger liegt. Der Mittelwert der Körpermasse der im abgemagerten oder verhungerten Zustand gewogenen Wildkatzen beträgt bei beiden Geschlechtern weniger als 50 Prozent vom Mittelwert der im normalen Ernährungszustand verendeten Wildkatzen (Piechocki 1986). Im offensichtlich abgemagerten oder verhungerten Zustand wurden lediglich Katzen im ersten Lebensjahr und über vir Jahre alte Individuen gefunden. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Gesamtfitneß einer Wildkatze vom optimalen Ernährungszustand abhängt, und das variable Körpergewicht zur Alterseinschätzung nur bedingt brauchbar ist. Nach Z.Kratochvil (1976) erwies sich im Rahmen einer statistischen Auswertung der Körpermerkmale adulter Individuen der Hauskatze (Felis catus) und der Wildkatze als wichtigstes Kriterium zur Unterscheidung der beiden Katzenarten die Beziehung zwischen dem Körpergewicht und der Gesamtlänge. Ferner stellte sich aufgrund der zahlreichen Untersuchungen heraus, dass die aus der freien Natur stammenden wildfarbigen Hauskatzen (Felis catus) etwas größer und die Harzer Wildkatzen etwas kleiner sind als die slowakischen Individuen. <13>

Körpermaße

Die Maße von Kopf-Rumpf-Länge und Schwanzlänge sind in den meisten Fällen ohne Berücksichtigung des Geschlechts zur Artbestimmung ungeeignet. Sládek et al. (1971) stellten an einer repräsentativen Probe der westkarpatischen Population für Männchen 609 ± 13 Millimeter, für Weibchen 568 ± 18 Millimeter fest. Als maximale Körperlänge ermittelte man 780 Millimeter. Die durchschnittliche Körperhöhe der Männchen betrug 376 ± 13 Millimeter, die der Weibchen 350 ± 13 Millimeter. Die maximal festgestellte Körperhöhe machte 430 Millimeter aus. Als durchschnittliche Körperhöhe - als solche wird die Schulterhöhe bezeichnet - führt Haltenorth (1957) von acht Exemplaren 38,5 Zentimeter an, die Variationsbreite reicht von 34 bis 42 Zentimeter. Schauenberg (1977) untersuchte 186 Tiere aus Frankreich und ermittelte dabei folgende Daten: bei der adulten Wildkatze mißt die Körperlänge der Männchen 520 bis 650 Millimeter, die der Weibchen 485 bis 570 Millimeter. Die Männchen sind 80 bis 100 Millimeter größer als die Weibchen. Bezüglich der Körpergröße ergab die von Piechocki & Stiefel (1988) durchgeführte Alterseinschätzung, dass beide Geschlechter der Wildkatze im Alter von sechs Monaten nahezu ausgewachsen sind. Die Variationsbreite der Gesamtlänge der Männchen variiert von 810 bis 970 Millimeter, die der Weibchen von 760 bis 940 Millimeter. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Populationen sind bezüglich der Körpermaße praktisch unbedeutend. Das trifft auch für die von Heptner & Sludskij (1980) zusammengestellten Körper- und Schädelmaße der Kaukasische Waldwildkatze (Felis silvestris caucasia) zu. Nach Schauenberg (1980) läßt sich die Variabilität der Gestalt erwachsener Tiere vor allem mit dem beträchtlichen Unterschied in der juvenilen Entwicklung erklären. Unterschiede gehen auch aus von der Größe des Wurfes, von der Menge der empfangenen Milch einerseits und von der Menge der in der Folge aufgenommenen Nahrung andererseits. Die Nahrungskonkurrenz unter den Jungen eines Wurfs kann die Entwicklung beschleunigen oder bei von Geburt an kleinen Tieren verzögern. Insgesamt betrachtet ist der Unterschied in der körperlichen Entwicklung bei der Wildkatze relativ gering. Im Gegensatz dazu kann der Unterschied im Wuchs innerhalb eines Wurfs bei der von Nordafrika bis Hinterindien auftretenden Rohrkatze (Felis chaus) beträchtlich sein. <14>

Organmaße

Inzwischen ist es eine bekannte Tatsache, dass sich carnivor ernährende Säugetiere eine kürzere Darmlänge haben als omnivore Arten. Das trifft auch für Wild- und Hauskatze zu. Der französische Zoologe und Anatom L.Daubenton (1716-1800) berichtete als erster, dass der Darm der Wildkatze kürzer ist als der der Hauskatze (Felis silvestris). Giebel (1859) äußerte sich darüber schon vor Wildhagen (1897) mit folgendem Zitat: "Der Darmkanal der Wildkatze hat nur dreifache, bei der Hauskatze aber fünffache Körperlänge, und das ist ein Unterschied, welchen nimmer Cultur, Zähmung, unnatürliche Fütterung hervorbringen kann, er ist ein ursprünglicher". Zitat Ende. Dieser ernährungsbiologisch bedingte und genetisch fixierte Unterschied der differenten Darmlänge hat sich als ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal erwiesen. Nach Haltenorth (1957) & Braunschweig (1963), der Darmlängen von 15 Wild- und Hauskatzen publiziert hat, mißt der Darm der Wildkatze 120 bis 150 Zentimeter, der der Hauskatze (Felis silvestris) stets über 150 Zentimeter, im Durchschnitt 200 Zentimeter. Die Darmlänge der Wildkatze liegt zwischen 1.170 und 1.650 Millimeter bei adulten Exemplaren. Bei Neugeborenen ist der Darm 3,16- bis 3,98 mal länger als der Körper. Der Darm der adulten Hauskatze (Felis silvestris) variiert zwischen 1.680 und 2.160 Millimeter. Der Darm der Hauskatze (Felis silvestris) ist immer länger als der der Wildkatze. Die Darmlänge von Wild- und Hauskatze ist auch zwischen den Geschlechtern unterschiedlich. Das berechnete Quantil der Normalverteilung beträgt bei der Wildkatze 5,02, bei der Hauskatze (Felis silvestris) 4,54, was einem statistisch hochsignifikanten Unterschied entspricht. Nach Schauenberg entspricht zum Beispiel die Darmlänge der männlichen Wildkatze 2,04- bis 3,17 mal der Körperlänge und die der männlichen Hauskatze (Felis silvestris) 3,27- bis 4,84 mal der Körperlänge. Im Gegensatz dazu führen Sládek & Mošanský (1971) an, dass bezüglich der Darmlänge keine sexuellen Unterschiede bestehen. Eine besondere interessante Frage kam auf, ob sich Wild- und Hauskatze auch bezüglich der Muskelmasse des Herzgewichts unterscheiden. Vor allem deshalb, weil Hesse (1921), der eine umfassende Arbeit über das Herzgewicht der Wirbeltiere anfertigte, lediglich zwei Herzen von der Wildkatze vorlagen, und Haltenorth (1957) auch nur zwei Gewichte anführen konnte. Die erste spezifische Publikation über die Variabilität des Herzgewichts von der Wildkatze verfaßten Sládek & Mošanský (1971). Sie stellten an Wildkatzen aus den Westkarpaten statistisch gesicherte sexuelle Unterschiede im Absolut- und Relativgewicht des Herzens fest. Des Weiteren ist ersichtlich, dass sowohl die absoluten als auch die Mittelwerte der Herzgewichte beider Geschlechter der Wildkatze höher liegen als die der Hauskatze (Felis silvestris). Wichtig ist jedoch die Feststellung, dass die Masse und damit die Leistungsfähigkeit des Herzmuskels zur Erfüllung aller Funktionen beim Wildtier größer ist als beim Haustier. Dieselbe Aussage trifft für das ebenso unterschiedliche Hirnvolumen von Wild- und Hauskatze. <15>

Sinnesorgane

Das Verhalten der Wildkatze wird in hohem Maße durch die Sinnesorgane gesteuert. Die Wildkatze kann hervorragend sehen und hören. Dagegen tritt das Geruchsvermögen etwas zurück. Zur Wahrnehmung der Beutetiere sind für die Wildkatze Auge und Ohr die wichtigsten Sinnesorgane. Haltenorth (1957) weist auf die im Verhältnis zum Schädel große Augenhöhle hin, die vom Augapfel vollständig ausgefüllt wird. Nach eingehenden Untersuchungen ergab das Verhältnis des knöchernen Augenringes zur Schädellänge für die Wildkatze 1:4, für den Luchs (Lynx lynx) 1:5 und für den Tiger (Panthera tigris) 1:6, das bedeutet, die kleinste Art hat den relativ größten Augapfel. Diesbezüglich übertreffen die Katzen (Felidae) alle Landraubtiere, was die biologische Bedeutung dieses Sinnesorgans hinreichend bezeugt. Das äußerlich sichtbare Auge hat je nach Geschlecht des adulten Tieres einen Durchmesser von 16,5 bis 20,0 Millimeter. Die marmoriert gezeichnete Augeniris alter Wildkatzen ist gelblich- bis weißlichgrün, die junger Exemplare dagegen leuchtend blau. Die Farbänderung beginnt nach vier Wochen, die Irisfärbung ist nach drei Monaten voll ausgebildet. Bei Dunkelheit hat die Wildkatze kreisrunde, pfenniggroße Pupillen, die sich bei ansteigender Helligkeit schlitzartig verengen, so dass sie auch in die Sonne sehen kann. Bei dorsaler und ventraler Fixierung des Schließmuskels der Pupille können sich bei dessen Kontraktion nur die Seitenpartien der Iris einander nähern, wodurch eine senkrechte Schlitzpupille entsteht. Das Auge der Katze vermag sich bei Dunkelheit schneller zu adaptieren als das Auge des Menschen. Bemerkenswert ist noch das auffallende Leuchten der Katzenaugen im Dunkeln. Es wird verursacht durch eine stark das Licht zurückwerfende Schicht (Tapetum lucidum) im Inneren des Auges. <16>

Spezielle Untersuchungen über die Anatomie und Physiologie des Auges der Wildkatze stehen noch aus. Das gilt in gleicher Weise für das Gehör, doch weiß man von der Jagdpraxis her, wie außerordentlich fein es ausgebildet ist. Die richtige Entfernung der Geräuschquelle wird von der Katze genau geschätzt, was zum Anschleichen und Sprung auf die Beute außerordentlich wichtig ist. Das Stellen der relativ großen Ohrmuscheln nach der Geräuschquelle erfolgt reflexartig. Die Nase wird vor allem zur Prüfung der Nahrung vor dem Verzehr gebraucht. Nur selten folgen Katzen einer Geruchsspur, und wenn es der Fall ist, dann immer gegen den Wind. Die an sich kleine Nasenhöhle enthält jederseits sechs feinporige knöcherne Nasenmuscheln, auf der die geruchsempfindliche Schleimhaut haftet. Gut bekannt für die Vorliebe von Hauskatzen (Felis silvestris) für Baldrian (Valeriana officinalis), dies trifft auch für die Wildkatze zu. In Gebieten, wo sie heimisch ist, lassen sich ihre Vertreter mit Baldrian, dessen Geruch sie nicht widerstehen können, anködern. Um eine solche Duftquelle zu lokalisieren, bewegt sich die Katze langsam schnüffelnd vorwärts. In der Umgebung von Pansfelder wurde früher Baldrian gewerbsmäßig angebaut. Das soll zu einer gewissen Konzentration der Wildkatze in diesem Raum geführt haben, so dass sie dort nach wie vor relativ häufig von Jägern beobachtet wird. Früher wurde in der Nähe von Forsthäusern Baldrian angepflanzt, um Wildkatzen in die Fallen zu locken. Als erster erwähnt Albertus Magnus (13. Jahrhundert) die besondere Vorliebe der Katzen für Echte Katzenminze (Nepeta cataria). Dieser Lippenblütler ist bis zum Ural und Altai in der borealen Zone verbreitet, was mit Einschränkungen auch für die Wildkatze zutrifft. Der Name "Kattekruid" wird um 1600 von Dodonaeus erläutert: Katzen haben an diesem Kraut viel Vergnügen, denn oft sieht man, dass sie von dem lieblichen Geruch angezogen werden, sie reiben sich auf ihm, rollen sich darüber und fressen mit großem Vergnügen Stückchen von diesen Blättern. Da sie dem Katzenminzenöl nicht widerstehen können, wird es auch als Anlockungsköder für Fallen verwendet. Das gilt auch für den in den Mittelmeerländern heimischen Katzen-Gamander (Teucrium marum). Den Namen "Katzenliebe" erhielt die Pflanze, "weil ihr Geruch den Katzen sehr angenehm ist, so dass sie allerhand wunderliche Gebärden dabei machen." Mit vorstehenden Hinweisen auf spezifische Duftstoffe sollte vor allem gezeigt werden, dass das Geruchsvermögen wahrscheinlich eine größere Rolle spielt, als man bisher angenommen hat. <16>

Der Gleichgewichtssinn ist bei der Wildkatze hoch entwickelt. Sie vermag deshalb geradezu mühelos auf schmalen Felsbändern oder dünnen Baumästen zu liegen oder zu laufen, so weit sie einigermaßen sicheren Halt findet. Nicht umsonst wird die Wildkatze auch "Baumreiter" genannt. Nach Haltenorth (1957) wurde an der Hauskatze (Felis silvestris) festgestellt, dass die von den Bogengängen des Labyrinths ausgelösten Bogengangreflexe mit den Haltungs- und Körperstellreflexen zusammenarbeiten. Infolgedessen kann sie sich, und das dürfte bei der Wildkatze ebenso sein, im freien Fall aus mindestens 2 bis 3 Meter Höhe noch schnell genug aus der Rücken- in die Bauchlage drehen, um den Fall mit den Füßen abzufangen. Dem sehr feinen Tastsinn dienen die Schnurr- und Tasthaare, zu ihnen gehören die blendend weißen Oberlippenschnurrhaare und die Überaugentasthaare, durch sie erhält der Katzenkopf sein charakteristisches Aussehen. Ferner befinden sich zwei kleine Tasthaarbüschel an der Innenseite der Handwurzel, das sogenannte Carpalorgan. Schnurr- und Tasthaare sind hochempfindliche Sinnesorgane, die ein eigenes Repräsentationsareal in der Großhirnrinde besitzen. Wenn diese Schnurrhaare gegen ein Hindernis stoßen, das heißt, die Umwelt ertasten, sammeln sie wertvolle Informationen. Die Wahrnehmungen dieser Haare werden von den Sinneszellen in der Haut in ein elektrisches Signal umgesetzt und entlang sensorischer Nervenbahnen zum Gehirn oder Rückenmark geleitet. Entfernt man die Schnurrhaare, so stoßen sowohl sehende Katzen als auch blinde Tiere in der Dunkelheit öfter an Hindernisse als solche mit Schnurrhaaren. Dies ergaben Versuche mit Hauskatzen (Felis silvestris), zweifellos ist es auch bei der Wildkatze der Fall. Die Stellung der Tasthaarbüschel ist stets abhängig vom Verhalten der Katze. Im Ruhezustand liegen die Tasthaare relativ eng beieinander, im Laufen werden sie dagegen fächerartig weit auseinandergespreizt. Letzteres ist bei nachtaktiven Tierarten besonders wichtig für das Raumempfinden. Beim Schnuppern, Zubeißen, Lippenlecken und in der Abwehr werden sie eng an die Backen gelegt. Die Tasthaarflächen der Männchen sind durchweg größer als die der Weibchen. <16>

Sandkatze (Felis margarita)
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Sandkatze (Felis margarita)

Nach bioakustischen Untersuchungen und unter Berücksichtigung der Literatur stellte Tembrock (1970) die Lautäußerungen von 15 Arten der Gattung Felis in einer Tabelle zusammen. Danach vermag die Wildkatze zu fauchen, spucken, prusten, knurren, schnurren, mauzen, miauen und zu jaulen. Die jaulenden Lautäußerungen des Wildkuders sind vor allem in der Ranzzeit zu hören. Nach De Leuw (1970) ist das immer wiederkehrende, weithin hörbare, kreischende Miauen mit dem zahmeren Schreien der Hauskatze (Felis silvestris) nicht zu verwechseln. Die Laute, die die Wildkatze bei Begegnungen mit Artgenossen außerhalb der Ranzzeit hören läßt, sind ein kurzes abgehacktes "Ma-u", "Ma-u", das wenig an das Miauen der Hauskatze (Felis silvestris) erinnert. Es hält oft eine Viertelstunde und mehr an. Ähnlich klingt es auch bei einem Rotfuchs (Vulpes vulpes). Wird die Wildkatze dagegen von einem Hund (Canis lupus familiaris) gestellt, versucht sie aufzubäumen, und dann erfolgt ein Fauchen und zorniges Knurren, weit stärker und anhaltender, als man es von einer bedrängten Hauskatze (Felis silvestris) kennt. Sitzt die Wildkatze in einer Lebendfalle, ist ein anhaltendes dumpfes Schnurren zu vernehmen. Während des Fressens, schreibt Zimmermann (1976), stößt die Katze knurrende Töne aus, die Ohren sind angelegt, und es werden peitschende, horizontale Schwanzbewegungen ausgeführt. Dieses Verhalten wird ausgelöst durch Annäherung eines Nahrungskonkurrenten oder durch andere Störungen am Futter. Wird die Katze beim Fressen gestört, faucht sie den Gegner an. Fauchen stellt eine höhere Intensität des Drohens am Futter dar, es tritt besonders häufig bei großer Beute auf. Ursächlich hängen diese Lautäußerungen mit dem völlig verknöcherten Bau des Zungenbeinapparates der Kleinkatzen zusammen. Die zum Brüllen befähigten Großkatzen besitzen dagegen im Bogen des Zungenbeines einen knorpeligen Zwischenast. Die Entwicklung der vielfältigen Lautgebung junger Wildkatzen beschreiben Lindemann & Rieck (1953) sowie Haltenorth (1957). In diesem Zusammenhang sei auch noch auf die Zunge der Wildkatze hingewiesen. Dieses muskulöse, in sich bewegliche Organ weist außer Geschmackspapillen auch die für Katzen typischen Hornstacheln auf. Im vorderen Teil der Zunge sind sie größer und hakenartig nach hinten gerichtet, die zur Zungenwurzel hin kleineren, weniger gekrümmten Hornzähnchen sind in 27 Reihen angeordnet. Insgesamt ist die Zunge der Wildkatze mit mindestens 700 Hornstacheln ausgestattet. Funktionell hat die Zunge nicht nur einen Anteil an der Lautbildung, sondern mit ihrer Hilfe wird vor allem auch die Nahrung gehalten und in die Speiseröhre befördert sowie schlappend getrunken. <16>

Pfotenabdrücke

Die Wildkatze hat an der Vorderpfote fünf Zehen, an der Hinterpfote vier. An den Vorderläufen ist der verkürzte Daumen so weit nach oben verschoben, dass er die Erde nicht berührt und somit auch nicht im Trittsiegel erscheint. Die Füße sind bis auf die dreigelappten Ballen völlig behaart. Der runde, geschlossene Abdruck der Läufe und Branten ist charakteristisch für Katzen. Kralleneindrücke sind nie zu finden, da die scharfen Krallen in Taschen eingezogen und nur beim Beuteschlagen, Klettern oder in Abwehrhaltung eingesetzt werden. Im Gegensatz zum Rotfuchs (Vulpes vulpes), der stets "nagelt". Eine Verwechslung auch mit anderen Raubtieren ist deshalb so gut wie unmöglich. Die Spur der Wildkatze findet man am ehesten auf feinsandigen Waldwegen oder an leicht abgeflachten Uferregionen. Sie benutzen auch gern die Wechsel anderer Säugetiere, ebenso menschliche Pfade. Am besten ist die Spur in nicht zu tiefem Neuschnee auszumachen. Die Pfotenabdrücke unterscheiden sich von der Hauskatze (Felis silvestris) eigentlich nur dadurch, dass sie etwa 1 Zentimeter länger und breiter sind. Beim Schnüren schränkt die Wildkatze dagegen stärker als die Hauskatze (Felis silvestris) und der Rotfuchs (Vulpes vulpes). Abweichungen von dieser Norm entstehen, wenn sie beim Anpirschen von Beutetieren oder beim Umgehen von Hindernissen die Körpermasse verlagert. Bei der von Raimer (1980) beobachteten Wildkatze lag die normale Schrittweite im Durchschnitt bei 23 Zentimeter. Legte sie kurzzeitig einen flotteren Gang ein, betrug die Schrittweite 36 bis 38 Zentimeter. Auch bei einer Schneehöhe von 5 bis 7 Zentimeter kann man dies noch feststellen. Flüchtet die Katze geduckt, oder jagt sie nach einer Beute, greift sie 40 bis 50 Zentimeter oder sogar 70 bis 80 Zentimeter weit aus. Bei einem jungen Weibchen wurde beobachtet, dass bei der Flucht der Abstand der hinteren und vorderen Pfoteneindrücke 80 bis 115 Zentimeter und der Abstand der Trittspuren (=Sprungweite) 150 bis 210 Zentimeter betrug. Ein wichtiges Kennzeichen der Spur ist der sogenannte "Mondring", da hier beim Trab der Hinterfuß deutlich etwas verschoben in die Spur der Vorderpfote tritt. Flüchtet die Wildkatze in Sprüngen, so entsteht ein stumpfwinkeliges Dreieck, wobei sich der Abdruck eines Hinterlaufes weiter zurück und drei Abdrücke halb schräg vorn in gerader Linie gerichtet befinden. <17>

Unterarten

Systematik nach Wilson & Reeder, 2003 <18>

Wildkatze
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Wildkatze
Wildkatze
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Wildkatze

Verbreitung

Laut der Roten Liste der IUCN weist die Wildkatze ein großes Verbreitungsgebiet auf, darunter zählen folgende Länder: Afghanistan, Albanien, Algerien, Andorra, Angola, Armenien, Österreich, Aserbaidschan, Weißrussland, Belgien, Benin, Bosnien und Herzegowina, Botsuana, Bulgarien, Burkina Faso, Burundi, Kamerun, Zentralafrikanische Republik, Tschad, China, Kongo, Kroatien, Tschechien, Dschibuti, Ecuador, Ägypten, Eritrea, Äthiopien, Frankreich, Gambia, Georgien, Deutschland (seit 2006 wieder im Schwarzwald), Ghana, Gibraltar, Griechenland, Guinea, Guinea-Bissau, Ungarn, Indien, Iran, Islamische Republik; Irak, Israel, Italien, Jordanien, Kasachstan, Kenia, Kuwait, Kirgisistan, Lettland, Libanon, Lesotho, Libyen, Litauen, Luxemburg, Mazedonien, Malawi, Mali, Mauretanien, Republik Moldau, Mongolei, Montenegro, Marokko, Mosambik, Namibia, Niger, Nigeria, Oman, Pakistan, Polen, Portugal, Rumänien, Russland, Ruanda, Saudi-Arabien, Senegal, Serbien, Sierra Leone, Slowakei, Slowenien, Somalia, Südafrika, Spanien, Sudan, Swasiland, Schweiz, Syrien, Tadschikistan, Tansania, Togo, Tunesien, Türkei, Turkmenistan, Uganda, Ukraine, Vereinigte Arabische Emirate, USA, Usbekistan, Westsahara, Jemen und Sambia. <19>

Der primäre Lebensraum der Wildkatze ist bewaldetes Land, deshalb wird sie im Gegensatz zu Steppenkatzen Asiens oder Falbkatzen Afrikas auch Waldkatze genannt. Entscheidend für die Wahl des Lebensraumes sind nicht so sehr Felsklippen, wie oft angeführt wird, sondern es müssen genügend trockene, warme Plätze im Bereich von lichten Laub- oder Nadelholzbeständen vorhanden sein. Die Wildkatze zeigt demnach deutliche Präferenz für sonnige und klimatisch günstige Lebensräume. Sie meidet Landschaften mit hohen langzeitlich beständigen Schneelagen. Als Unterschlupf wählt die Wildkatze tief beastete oder hohle Bäume und deren Wurzelwerk sowie Reisighaufen. Nicht selten bezieht sie auch Fuchs- oder Dachsbauten. Die von Trauboth (1961) angeführten Nachweise stammen aus größeren Dickungs- sowie Stangenholzkomplexen und teilweise größeren Kahlflächen oder Kulturen, die überwiegend mit Reitgräser (Calamagrostis) bestanden waren. Nach den langjährigen Erfahrungen von De Leuw (1971) paßt sich kaum eine Wildart den landschaftlichen Gegebenheiten so an wie gerade die Wildkatze. Je nach den Jahreszeiten und den davon abhängenden Lebensmöglichkeiten ändert sie ihren Standort. Im zeitigen Frühjahr wechselt sie aus den Waldgebieten in reine Feldgehölze und Ödländereien, weil hier im Sommer das Nahrungsangebot günstiger ist. Hinsichtlich der Deckungsmöglichkeiten ist die Wildkatze nicht wählerisch. Sie macht im Revier alles aus, war ihr als Schlupfwinkel dienen kann. Außer trockenen Felsspalten und vermoderten alten Reisighaufen mit viel zusammengewehtem Laub sucht sie gelegentlich mit Stroh überdachte Futterraufen, trockene Rohrhorste und Strohreste von Wildfutter-Hafergarben auf. Im Harz lebt sie auch gern unter den Stubben oder Kronen vom Wind umgeworfener Bäume. Nicht gerade selten nutzt die Wildkatze sogar bestimmte forstliche Einrichtungen als Unterschlupf oder zum Werfen der Jungen. Der Nadelwald scheint allerdings kaum zu den natürlichen Habitaten der Wildkatze zu gehören. Heptner & Sludskij (1980) führen diesen Umstand auf Nahrungsmangel zurück. Hinsichtlich die von Vogt dargelegte Bedeutung offener Flächen wie Waldwiesen, Kahlschläge, Jungbaumkulturen als Nahrungsgrundlage für die Wildkatze, so scheint es, dass derartige Stellen entscheidend dazu beitragen, dass die Wildkatze nichtnatürliche Nadelholzforste besiedeln kann. Auch das Vorhandensein dichter Dickungen als Unterschlupf- und Schlafplätze dürfte dabei eine Rolle spielen. Generell werden Kiefernbestände von der Wildkatze jedoch keineswegs gemieden. Waldflächen ohne Nachweis von Wildkatzen mit einem hohen Kiefernanteil bilden entweder isolierte, inselartige Wälder oder sie sind stark beunruhigt, so dass eher bei diesen Faktoren als bei der Baumart Kiefer die Gründe für das Fehlen der Wildkatze zu suchen sind. Wo sie lebt, besiedelt sie sowohl Laub- als auch Nadelwald. Für das Wohlbefinden der Wildkatze sind eine ausreichende Ernährungsgrundlage, Ungestörtheit im Revier und gute Deckungsmöglichkeiten, wie ausgedehnte Laub- oder Nadelholzanpflanzungen mit einer Vorliebe für Naturverjüngungen mit starker Verbuschung durch Himbeer- und Brombeerhecken, Weidenröschen und Heckenrosenbestände entscheidend. In diesen durch forstliche Flächennutzung entstandenen Kahlschlägen gibt es meist auch Baumstümpfe zum Sonnenbaden sowie Wurzelteller und Astwerkhaufen als Unterschlupf und Wurflager. Besonders wichtig für die Wildkatze sind nach Heller die in diesen Lichtungen meist vorhandenen grasbedeckten Freiflächen, die schnell von Mäusen (Mus) besiedelt werden, denn sie bilden die Ernährungsbasis der Wildkatze. <20>

Als recht wärmeliebende und Nässe meist scheuende Tierart besiedelt sie vorzugsweise Mittelgebirgslagen und meidet höhere Gebirgsregionen. In letzteren käme sie, zumindest im Winter, durch hohen Schnee in ernste Ernährungsschwierigkeiten. Dieser Zustand tritt nicht gerade selten auch in niederen Lagen bei extremen Schneefällen ein und endet nachweislich mit dem Hungertod der Katzen. Ansonsten stellt dieses sehr anpassungsfähige Wildtier keine besonderen Ansprüche an ein Waldgebiet. Die umfassende Studie von Parent (1975) über die Wildkatze im belgischen Lothringen enthält eine Anzahl gleich interessanter wie aufschlußreicher Ergebnisse. Die durchgeführten Untersuchungen erstreckten sich von 1967 bis 1971. Die Wildkatze sucht nur bewaldete Landesteile (Hochwald sowie Niederwald) vun Lichtungen auf. Sie wurde niemals inmitten einer Alluvialbildung angetroffen, obwohl sie manchmal den unmittelbaren Rand aufsucht (Eichen-Weißbuchenwald, Erlen-Eschenwald, Eschenwälder verschiedener Typen), ebenfalls niemals inmitten von Sumpfwäldern (Erlenwäldern, Moorbirkenwäldern, auf Torf wachsenden Widen und Birkendickichten). Gleichfalls wurde sie nicht in Pflanzenformationen beobachtet wie Heidekrautsteppen, Brachland mit Besenginster (Sarothamnus scoparius) und mit Straußgräser (Agrostis), Wiesenflächen mit Borstgras (Nardus stricta) oder im Echten Halbtrockenrasen (Mesobrometum). Alle von Parent angeführten Waldgesellschaften rangieren in der Klasse der Birken-Eichenwälder oder Eichen-Birkenwälder (Querceto-Fageta) und in der (Querceto-robori petraeae). Dies stellt eine gute ökologische Definition dar. Sie ist also ein Waldtier, das aus Nahrungsgründen hauptsächlich am Rand von Waldgebieten beobachtet wird. Die vergleichende Untersuchung des Milieus, wo das Vorkommen der Wildkatze festgestellt wurde, läßt ökologische Konstanten erkennen, ohne absolut zu sein, doch sehr häufig vorkommen: <20>

  1. Nähe von Wasser: Quellen, Bäche, Sickerstellen.
  2. Große Häufigkeit von Dickichten, besonders welche, die eine Wiederansiedlung des Waldes gewährleisten, wo die stacheligen Gewächse zahlreich sind, mit allgemeiner Dominanz der Schlehdorn (Prunus spinosa), und für Lothringen die Anwesenheit von Purgier-Kreuzdorn (Rhamnus cathartica), Rosen (Rosa) und Steinweichsel (Prunus mahaleb).
  3. Vorkommen am Rand der Waldmassive und nicht in der Mitte. Die einzigen Hochwälder, in denen die Wildkatze festgestellt werden konnte, waren die Hangwälder, wie der Buchenwald reich durchsetzt mit Linden (Tilia) und Bergulme (Ulmus glabra) auf den Nordseiten, oder Hangbuchenwald mit Dentaria pinnata und Ahorn-Lindenwälder der Schluchten, oder in den Ardennen stellvertretend der Ulmen-Ahornwald. Nicht das forstliche Aussehen ist für die Wildkatze maßgebend, sondern das Vorhandensein von Kleinsäugern, die vor allem im Geröll des Hanges leben.
  4. Die Wildkatze sucht immer wieder Habitate mit Randeffekten auf.
  5. Die Anwesenheit eines vom Rotfuchs (Vulpes vulpes) oder seltener vom Dachs (Meles meles) verlassenen Baus scheint gleichfalls konstant. Er liegt in der Mehrzahl der Fälle unter einem Wurzelstock, in einem verlassenen Steinbruch, am Fuß eines überhängenden Felsvorsprungs oder am Fuß eines Hanges, der mit undurchsichtigem Gestrüpp bestanden ist.
  6. Die Wildkatze kommt nur in Gebieten vor, die eine ausreichende, zusammenhängende Waldfläche aufweisen und niemals in Waldinseln. <20>

In diesem Zusammenhang sei auch auf die Einbindung in das hydrografische Netz eines Lebensraumes hingewiesen. Die Tatsache, dass die Wildkatze die nässesten Waldgesellschaften meidet, steht nicht im Gegensatz zum häufigen Vorhandensein von Bauen in Tälern, in der Nähe eines Flusses. Die allgemeine Einbindung in das Gewässernetz ist indirekt. Sie hängt einerseits von der Bestandsdichte der Ostschermaus (Arvicola amphibius) ab, die der Wildkatze als Nahrung dient (Lindemann & Rieck 1953, Sládek 1962, Condé et al. 1972), und andererseits von der natürlichen Erosion, die durch das Freilegen von Felsen Unterschlüpfe schafft. Außerdem fängt die Wildkatze auch Fische (Pisces). Besonders beachtenswert ist die Tatsache, dass die Wildkatze in einigen Teilen des Kaukasus auch außerhalb von Flußmündungen in Feuchtgebieten lebt, so in der Kolchisniederung (Batumi, Poti), wo es sehr oft regnet, und es im Herbst und Winter fast jeden Tag zu starken Regenfällen kommt. Die dortigen Wildkatzen sind nicht wasserscheu und waten tagaus tagein durch den Schlick, das nasse Gras oder Unkraut, von dem sich das Wasser auf sie ergießt. Sie überqueren auch Bäche und Flüsse. Bei starken Überschwemmungen, wenn viele Kilometer Auwälder und Sümpfe unter Wasser stehen, verharren die Wildkatzen wochenlang auf den Bäumen und ernähren sich von den dort Rettung suchenden Wanderratten (Rattus norvegicus). Für fast alle Biotope trifft folgendes zu: der Lebensraum sollte weiträumig, möglichst mehrere 10.000 Hektar groß und gut strukturiert sein. Das heißt, es müssen unterschiedliche Waldformationen, eingesprengte Wiesen sowie eine Biotopvernetzung von Wald zu Wald durch Hecken, Feldgehölze und bachbegleitende Gehölzstreifen vorhanden sein. Als bevorzugte Habitatansprüche haben Baumhöhlen, Baue vom Rotfuchs (Vulpes vulpes), gelegentlich auch vom Dachs (Meles meles) oder Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus) zu gelten. Sie bieten die erforderlichen Unterschlüpfe zum Verstecken oder Schlafplätze und vor allem günstige Aufzuchtstätten. Entsprechende Baumruinen mit Höhlungen wirken anziehend auf Wildkatzen und sollten deshalb unbedingt erhalten bleiben. Bezüglich günstiger Habitate seien noch störfreie Waldbereiche erwähnt, die Ruhezonen sowie Sonnen- und Staubbadeplätze aufweisen. Wie aus verschiedenen Lebensräumen ersichtlich, besitzt die Wildkatze keineswegs eine strenge ökologische Bindung an die Wälder, sondern über Vorwälder und verbuschtes Gelände dringt sie, zum Beispiel nachweislich im Harz, Feldfluren vor, um dort vor allem Mäuse (Mus) zu jagen. Nicht zuletzt muß auch erwähnt werden, dass eine gewisse Bindung an Lebensräume besteht, die durch Gewässer beeinflußt werden. Vogt (1985) führt an, dass Wildkatzen bis zu Anfang unseres Jahrhunderts auch die Rheinauewälder besiedelten. Flußauen und Schilfgürtel dienen auch heute noch in Ungarn, im Donaudelta sowie in Moldawien und entlang von Flußläufen im Kaukasus als Lebensräume. <20>

Schwarzfußkatze (Felis nigripes)
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Schwarzfußkatze (Felis nigripes)

Zusammenfassend ergibt sich, dass die Wildkatze während der Aktivitätsperioden in ihrem Revier ständig umherzieht, wobei bestimmte Wechsel häufig benutzt werden. Diese Wechsel sind ein asymmetrisches Netzwerk mit großen und kleinen Maschen. Die Wechsel widerspiegeln gewissermaßen die Beziehungen zwischen Individuen und Raum, sie stellen ein Mechanismus, sich zu orientieren, dar und führen auch zu Jagderfolgen und anderem mehr. Dabei spielen geografische oder landschaftliche Gegebenheiten wie Bergrücken, Schneisen, Waldwege oder Bachläufe eine wichtige Rolle. Sowohl die Feststellung der Reviergröße als auch der Populationsdichte der Wildkatze bereitet methodisch erhebliche Schwierigkeiten. Daraus erklären sich auch die unterschiedlichen Angaben in der Literatur. Nach Haltenorth (1957) dürfte sie im Durchschnitt etliche Hektar und im Mittelgebirge wohl mindestens einen ganzen Berghang betragen. Lindemann (1953) gibt für die Karpaten rund 50 Hektar an. De Leuw (1970) nimmt für die Größe des Wohn- und Jagdgebietes in der Eifel auf keinen Fall mehr als 60 bis 70 Hektar an. Auf deren Hochplateaus, die einen strengen Winter ertragen müssen, ist die Dichte schwach. Limitierend wirkt vor allem der starke Schneefall und das späte Abtauen der Niederschläge im Frühjahr. In den niederen Lagen tritt die Wildkatze dagegen zahlreicher auf. Für den Harz liegen derartige Untersuchungen nur von Plate (1970) vor. Nach seinen Feststellungen beträgt der Lebensraum (=Jagdgebiet) geschlechtsreifer Wildkatzen 3 Quadratkilometer. Insgesamt ergibt sich, dass die Populationsdichte in den sonnigen, ursprünglich mit Laub- oder Mischwald bestandenen Lagen der Gipshänge und anderen wärmespeichernder Gesteine des Südharzes größer ist als in den höheren Lagen des Oberharzes. Im Unterharz und Mansfelder Berglang ermittelte H.Möller etwa 95 bis 100 Katzenreviere in den Kreisen Sangerhausen, Quedlinburg, Hettstedt, Artern und Eisleben. Nach den Untersuchungen von Raimer & Schneider (1983) verbleibt im Westharz, bei Abzug ungünstiger Hochlagen, ortsnaher Bereiche und ähnliches, ein potentieller Lebensraum für die Wildkatze von etwa 60.000 Hektar, den bei homogener Verteilung und mittlerer Reviergröße von rund 100 Hektar etwa 600 erwachsene Wildkatzen bewohnen könnten. Im nordwürttembergischen Stromberg gelang es Heller (1981, 1985) die Wiederbesiedlung dieses Gebietes durch die Wildkatze nachzuweisen. Bei ihrer großen Standorttreue beträgt der Lebensraum etwa 70 bis 100 Hektar. <20>

Verhalten

Über die differenzierten Verhaltensweisen der Wildkatze gibt es im Gegensatz zur Hauskatze (Felis catus) noch keine zusammenfassende Darstellung. Das betrifft vor allem das Sozialverhalten von der Geburt der Jungen bis zum Erreichen des Alterstodes. Obwohl Lieblingsstellen, Wechsel, Tagesaufenthalt, Übernachtungsplätze und nicht zuletzt das Jagdrevier der Wildkatze bekannt sein können, wird es wohl nie gelingen diese anzupirschen. Die Wildkatze sitzt, durch ihre Tarnfärbung unsichtbar, auf einen Aussichtsplatz und überlauert reglos ihr Revier, dabei wird sie meist übersehen, während der Wildkatze selbst keine Bewegung entgeht. Auch pirschende Wildkatzen sind in ihrer fließenden Bewegung selbst auf kurze Distanz nicht erkennbar, sie schwimmen förmlich über dem Waldboden und sind bei der kleinsten Unebenheit spurlos verschwunden. Die Aktivität einer Wildkatze hängt von zahlreichen Faktoren ab wie physiologische, trophische, klimatische oder durch eine Störung verursachte. Die Fortbewegung erfolgt hauptsächlich nachts, aber manchmal können auch am Tag beträchtliche Entfernungen zurückgelegt werden. Im Gegensatz zu den Füchsen (Vulpes) entfernen sich Wildkatzen am Tage weniger weit von ihrem Ruheplatz, um in Jagdgebiete zu gelangen. Das Aktivitätsverhalten wird stark von den Beutetieren der Wildkatze beeinflußt. So ist das Aktivitätsverhalten der Waldmaus (Apodemus sylvaticus), die im Nahrungsspektrum der Wildkatze eine wichtige Rolle spielt, nahezu identisch mit dem der Wildkatze. Des Weiteren stellte sich heraus, dass die Wildkatze eine bedeutende Zehntung der Ostschermaus (Arvicola amphibius) ausübt, deren Aktivitätsrhythmus ebenfalls polyphasisch zu sein scheint. Die weitgehende Übereinstimmung des Tagesrhythmus von Raub- und Beutetieren läßt eine enge synökologische Verknüpfung erkennen. Die Aktivitätsrhythmik läuft in der freien Natur meist nicht immer in so engen Grenzen ab. Schauenberg (1981) führt diesbezüglich an: die Wildkatze hat eine Aktivitätsperiode bei Tagesanbruch, der eine Schläfrigkeitsperiode nach Sonnenaufgang folgt. Im Laufe des Tages ruht sich die Katze an bevorzugten Orten aus, die sie nach Wetterbedingungen wechselt. Bei sonnigem Wetter legt sie eine mehr oder weniger lange Ruhepause ein. Diese Schläfrigkeitsphase, die allgemein allen Katzenartigen eigen ist, dauert bis Sonnenuntergang. Spät am Nachmittag wird die Wildkatze aktiv. Sie räkelt sich lange und verwendet dann eine beträchtliche Zeit zu ihrer Körperpflege. In der Dämmerung liegt der Beginn der Jagd. Schauenberg beobachtete manches Mal, dass die Aktivität vor 22 Uhr endet. Eine tiefe Schlafperiode nimmt einen großen Teil der Nacht ein. Dieser typische Aktivitätsrhythmus unterliegt Schwankungen, wenn eine Kätzin für die Versorgung ihres Wurfes tätig ist. Beim Kuder (Kater) kann während der Brunst und während der nomadisierenden Phase der Jungen des Jahres stark vom normalen Zyklus abgewichen werden. <21>

Auch das Wetter beeinflußt die Aktivität der Wildkatze. Sie reagiert sehr empfindlich auf das Fallen des barometrischen Drucks und bleibt dann inaktiv. Corbett (1978) stellte mittels Radiotelemetrie in Schottland fest, Wildkatzen bleiben bei Schneefall und Regengüssen bis zu 28 Stunden inaktiv. Sie suchen im Herbst auch die Wälder in niederen Lagen auf, um dem hohen Schnee zu entgehen. Leichter Pulverschnee ab etwa 20 Zentimeter Höhe macht der Wildkatze schon sehr zu schaffen, da sie recht tief mit ihren kurzen Läufen einsinkt und ihre Jagdausflüge hierdurch erheblich erschwert werden. Am Tag wählen die Wildkatzen immer einen Ort, der ihnen gestattet, sich einer Beobachtung zu entziehen. Diese Örtlichkeiten sind im Allgemeinen gut besonnt. Es kann sich dabei um Dickicht und Haufen von Ästen und Zweigen handeln. Die Fuchs- und Dachsbaue werden häufig im Winter und manchmal auch zum Werfen der Jungen benutzt. Wenn der Schnee fällt, gehen die Wildkatzen nur für kurze Zeit an die frische Luft und dann wieder in den Bau zurück. Wenn große, mit Efeu bewachsene Eichen in der Nähe solcher Baue stehen, findet man häufig eine Wildkatze am Ansatzpunkt eines dicken Astes, durch die Vegetation verdeckt und damit dem Beobachter entzogen. Aus allen vorstehenden, mehr oder weniger zufällig gemachten Beobachtungen geht eindeutig hervor, dass das Verhaltensrepertoire der Wildkatze sehr vielschichtig ist. Diese Beobachtungen beleuchten nur schlaglichartig bestimmte Verhaltensweisen. Es fehlen allerdings noch detaillierte Untersuchungen über visuelle und geruchsmäßige Kennzeichen an Bäumen sowie die diesbezügliche Orientierung im Lebensraum. Es ist außerdem ungenügend bekannt, welche Rolle die zwischen den Zehen- und Sohlenballen sitzenden, gut ausgebildeten Schweißdrüsen dabei spielen, das gilt ebenso für die an den Lippen und im Kinnwinkelgebiet sitzende Zirkumoraldrüse. Sonst sind die Schweißdrüsen verkümmert. Auch die Talgdrüsen sind meist klein. Die Talgdrüsen sind lediglich am Oberkiefer, an der Vorhaut der Männchen und an der Schwanzoberseite vorhanden. Sowohl die Männchen als auch die Weibchen weisen um den After herum größere Drüsenorgane auf, die aus Talg- und Schweißdrüsen bestehen. Die Kuder (Kater) besitzen zusätzlich Analbeutel, es sind eingesenkte Talgdrüsenballungen, die je einen Sekretbeutel mit Ausführungsgang links und rechts vom After bilden. Weigel (1972) führte ferner abschließend an, Analbeutel und Schwanzorgan dienen wohl hauptsächlich der Markierung des eigenen Reviers und dem Zusammenfinden der Geschlechter. <21>

Nach Schauenberg (1981) bleibt der sexuell aktive Kuder (Kater) von Zeit zu Zeit stehen, um einen Grasbüschel, einen Strauch oder einen Baum mit Urin zu bespritzen. Nachdem er dies getan hat, wobei er den Schwanz wie eine Kerze mehr oder weniger emporreckt, verläßt der Kuder (Kater) die Stelle, ohne zum Schnüffeln umzukehren. Wildkatzen kratzen fast täglich an bestimmten Bäumen, um sich die sichelförmigen Krallen der Vorderfüße, ihre wichtigsten Waffen, zu schärfen. Durch das aktive Vorziehen der Krallen und das Einhaken in die Baumrinde werden bei starkem Zug mit den Vorderextremitäten lose Hornsplitter von den Seiten der Krallen abgerissen, oft samt der aufgefaserten Spitzen, so dass sie wieder scharf sind. Diese intensive Krallenpflege folgt in der Regel nach der morgens üblichen Körperpflege. Sicherlich entleeren die Wildkatzen dabei auch ihre zwischen den Ballen liegende Duftdrüse, um auf diese Weise den Artgenossen gegenüber Jagd- und Wohngebiet zu markieren. Sogenannte Kratzbäume findet man an Schnittpunkten von Wechseln oder Wegkreuzungen, als solche dienen meist weichrindige Bäume oder Sträucher. G.Wedmeyer beobachtete 1978 im Forstrevier Hainfeld eine Wildkatze wie sie ihre Krallen an einem nahe einer Suhle stehenden Erlenstamm wetzte. Das Kratzen bezeichnet De Leuw (1976) geradezu als eine feierliche Handlung. Ruhig und bedächtig sitzt die Wildkatze dabei auf den Keulen, zieht die Krallen durch die Rinde und reibt immer wieder Kopf und Hals bis zu den Schulterblättern an dem betreffenden Stämmchen. Dabei läßt sie ein unterdrücktes Schnurren als Ausdruck wollüstigen Behagens hören, das bis auf 40 Meter Entfernung und mehr vernehmbar ist. Diese Verhaltensweise dauert oft eine Viertelstunde oder länger, worauf sie mit hochgestellter Rute in der Nähe näßt. Ähnliche Beobachtungen machten auch Hainard (1961) & Parent (1975). <21>

Konkurrenz

Gemeinhin wird der Luchs (Lynx lynx) als Hauptfeind und Nahrungskonkurrent der Wildkatze betrachtet (Werner 1951), das heißt, er duldet sie nicht in seinem Lebensraum. So gesehen ist diese Aussage unzutreffend, da die Vertikalverbreitung normalerweise ausschließt, dass sich Luchs (Lynx lynx) und Wildkatze begegnen. Sládek (1972) berichtet diesbezüglich, die ständige Zunahme des Luchses (Lynx lynx) in den Karpaten hat keinen negativen Einfluß auf das häufige Vorkommen der Wildkatze ausgeübt. Dies sei durch die ökologische Isolierung dieser beiden Arten bedingt. Der Luchs (Lynx lynx) lebt in größeren Höhen als die Wildkatze, die sich lieber in den niedrigeren Lagen aufhält. Dies trifft auch für die Verbreitung in Rumänien zu. Das schließt natürlich nicht aus, dass der Luchs (Lynx lynx) eine Wildkatze reißt, wenn er sie unter bestimmten Umständen an einer Reviergrenze antrifft. Zu anderen Ergebnissen gelangte Aymerich (1982) nach vergleichenden Untersuchungen des Nahrungsspektrums vom Pardelluchs (Lynx pardina) und der Wildkatze im Zentrum der Iberischen Halbinsel. Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus), Iberischer Hase (Lepus granatensis) und Rothuhn (Alectoris rufa) bilden mit 97,2 Prozent der verzehrten Biomasse die Nahrung vom Pardelluchs (Lynx pardina) und zu 79 Prozent die der Wildkatze. Der einzige bemerkenswerte Unterschied ist die wesentlich größere Anzahl von Kleinsäugern, die von der Wildkatze gefangen werden. Diese Nahrungsähnlichkeit und das Vorkommen im gleichen Biotop scheinen anzuzeigen, dass zwischen beiden Katzen (Felidae) eine Nahrungskonkurrenz besteht, deren Auswirkungen auf regionaler Ebene wenig bedeutsam sind. Es ist jedoch möglich, dass örtlich das Vorkommen des Luchses einen negativen Einfluß auf die Dichte der Wildkatze haben kann, der Nachweis allerdings darüber fehlt noch. Diesbezüglich berichtet Delibes (1981), dass im Nationalpark Coto de Doñana Wildkatzen in der Vergangenheit weit verbreitet waren. Nach der Myxomatose-Epidemie sind sie praktisch ausgestorben, wahrscheinlich bedingt durch die Nahrungskonkurrenz mit dem Pardelluchs (Lynx pardina). Die Dezimierung des Wildkaninchens (Oryctolagus cuniculus), der Hauptbeute beider Arten, wirkte sich negativ für die schwächere Wildkatze aus. Die Wildkatze zeigt aber trotzdem eine größere Anpassungsfähigkeit als der Pardelluchs (Lynx pardina). Wo es genügend Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus) gibt, bilden diese den Hauptbestandteil ihrer Nahrung. Im Unterschied zum Pardelluchs (Lynx pardina) fängt die Wildkatze jedoch regelmäßig zahlreiche Kleinsäuger, deshalb ist sie in der Lage, Gebiete zu bewohnen, wo das Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus) fehlt. Auch die Abnahme der Kaninchenbestände durch die Myxomatose-Epidemie hat zweifellos eine geringere Auswirkung auf die Wildkatze als auf den Pardelluchs (Lynx pardina), der als Raubtier eine größere Spezialisierung in der Nahrungsauswahl zeigt. Beim Vergleich der beiden Nahrungsspektren stellte Aymerich fest, dass die Anzahl der vom Pardelluchs (Lynx pardina) gefangenen (11 bestimmte Arten) geringer ist, als die der Beutetiere der Wildkatze (17). Das beruht auf der großen Mannigfaltigkeit der Säuger und besonders der Vögel (Aves) und Kriechtiere (Reptilia), die von der Wildkatze geschlagen werden. Andererseits, wenn auch die Kleinsäuger zahlenmäßig die wichtigste Beute für die Wildkatze darstellen, so ist ihre Rolle für den Pardelluchs (Lynx pardina) nur zweitrangig. <22>

Völllig anderer Art sind die Beziehungen zwischen Wildkatze und Fuchs (Vulpes vulpes), dies vor allem deshalb, weil sie im gleichen Biotop leben und sich kräftemäßig annähernd gleichen. Trotzdem scheinen sie gegeneinander eine unüberwindliche Abneigung zu haben. Im Mansfelder Bergland beobachtete Tietze (1978) bei Pansfelde eine alte Wildkatze, die auf Mäusefang war. Mit Wind näherte sich ihr, durch hohen Graswuchs verdeckt, ein starker Fuchs (Vulpes vulpes) bis auf einen Meter. Sobald die Wildkatze den Fuchs (Vulpes vulpes) eräugte, ging sie plötzlich in eine intensive Droh-Abwehrhaltung mit lautem Fauchen über. Der regungslose Körper war an den Boden gedrückt, die Ohren angelegt, die Rute eingezogen, das Haar gesträubt. In dieser Position verharrte sie, solange der Fuchs (Vulpes vulpes) in ihrer Nähe war. Der Fuchs (Vulpes vulpes) wich bei der ersten Reaktion der Wildkatze etwa einen halben Meter zur Seite, sträubte das Fell und hob die hakig gebogene Rute weit über den Körper. Fast im Zeitlupentempo, aber ohne Halt, entfernte er sich im weiten Bogen mit unverändertem Verhaltensausdruck im nahen Dickicht. Unmittelbare Kontakte zwischen gleich starken Individuen beider Arten treten nur selten ein, weil sie sich gegenseitig respektieren. Wahrscheinlich eine Begegnung zwischen Fuchs (Vulpes vulpes) und Wildkatze führt Kuprat (1985) aus dem Solling an: am Rande einer Buchendickung verhofften beide Tiere, wichen voreinander zurück und verschwanden in der nahen Dickung. Dass der Fuchs (Vulpes vulpes) eine adulte Wildkatze überwältigen kann, kommt sicher sehr selten vor. Nicht in gleicher Weise gilt das für junge Wildkatzen. Als einen besonders ernsthaften Konkurrenten der Wildkatze führen Heptner & Sludskij die Rohrkatze (Felis chaus) an. Diese beide Arten verteilen sich jedoch auf unterschiedliche Habitate. Im Kaukasus ist die Rohrkatze (Felis chaus) ein Bewohner der tieferen Regionen, während die Wildkatze weiter oben in den Buchenwäldern der Berghänge heimisch ist. Meist sind dort, wo viele Wildkatzen leben, wenig oder keine Rohrkatzen (Felis chaus) und umgekehrt. In der Ebene von Lenkoran (russisch Ленкорань), wo die Rohrkatze (Felis chaus) recht zahlreich vertreten ist, fehlt die Wildkatze völlig. <22>

Über das gegenseitige Verhalten bei Begegnungen von Wild- und Hauskatze (Felis catus) in der freien Natur ist kaum etwas bekannt. Folgende Beobachtungen machte Ragni (1977), der einen gefangenen alten Kuder (Kater) in Gefangenschaft hielt. Das Tier wurde in einem isolierten Raum in einem Käfig gehalten. Nach vier Wochen hatte sich die Wildkatze an die Anwesenheit des Autors gewöhnt. Sofern ein Abstand von 1,5 Meter gewahrt wurde, erfolgte kein aggressives Abwehrverhalten. Wildes Gebären wie Aufrechtstellen der Ohren, Sträuben der Haare, fauchendes Knurren, erfolgte dagegen sofort, wenn die Hauskatze (Felis catus) in den Raum lief. Dieses Verhalten und das gegenüber dem Autor zeigt, dass die Wildkatze ein sehr unsoziales Tier ist. Beim Aggressivverhalten richtet sie das Schwanzhaar auf, so dass der Schwanz dicker wirkt. Die Augen sind die ausdrucksvollste Erscheinung der Wildkatze in Verbindung mit den gestreckten Ohren, dem Schwanz und den längsten Haaren des Rückens. Bezüglich des Verhaltens der Wildkatze zum Rehwild oder umgekehrt stellte Lutsch (1986) folgende Begebenheiten zusammen: das Angriffsverhalten einer ihr Kitz begleitende Ricke wurde sicher durch eine Verteidigungsreaktion motiviert, die einen Angriff der Katze gegen sie oder ihr Junges befürchtete. Nach Baumgartner (1968) ästen ein Spießer, eine Ricke und zwei Kitzen auf einer Lichtung. Eine Wildkatze lief am Waldrand entlang. Der Spießer schien die Katze nicht zu bemerken, aber die Ricke entfernte sich schnell. Sie fing erst wieder an zu äsen, als die Wildkatze im Wald verschwunden war. Auf seinen Harzwanderungen hat Curt F. König einmal beobachten können, dass Wildkatze und Uhu (Bubo bubo) sich eine Beute streitig machten. Der Uhu soll sein "Gebäude" verdoppelt haben, das heißt, er nahm mit den aufgeklappten Flügeln eine symmetrische Abwehrstellung ein. Daraufhin machte sich der Kuder (Kater) nach einigen Knurr-Droh-Lauten kampflos davon (Müller 1957). <22>

Ernährung

Die Jagdweise der Wildkatze sieht folgendermaßen aus: als Einzelgänger jagen Wildkatzen Beutetiere, die kleiner sind als sie, im Gegensatz zum Löwen (Panthera leo), der einzigen Katzenart, die im Rudel jagt. Gleiches gilt für den Wolf (Canis lupus), der auch größere Beutetiere schlägt und deshalb als Rudeltier operiert. Große Beutegreifer müssen eine besondere Jagdstrategie entwickeln. Eine solche ist bei der Wildkatze als Einzelgänger zum Beutefang nicht erforderlich, da sie ihre Beutetiere mühelos überwältigen kann. Schleichen, Lauern und Anspringen sind die Jagdmethoden der Wildkatze. Bei der Pirsch macht sie nach dem Erspähen des Opfers einen Bogensprung und ergreift die Beute mit den Vorderpfoten. Handelt es sich um größere oder wehrhafte Tiere, werden zur Überwältigung auch die Hinterfüße eingesetzt. Auf ihren Streifzügen benutzt die Wildkatze vorzugsweise ausgetretene Wildwechsel, sauber angelegte Pirschsteife und durch Zugmaschinen stark ausgefahrene Holzabfuhrwege. Die auf solchen Wegen vorhandenen Geleise bieten ihr beim Pirschgang die erforderliche seitliche Deckung. Beobachtet man eine schleichende Wildkatze, scheint sie oft wie vom Erdboden verschwunden, weil jede Deckungsmöglichkeit ausgenutzt wird. Wenn sie aus der Deckung nach der Beute äugt, hebt sich ganz allmählich Kopf und Hals bei niedrig gehaltenem Körper, über den nur die Schulterblätter hinausragen. Nie kommt es vor, dass die Wildkatze bei Fehlpirsch oder Fehlsprung die Beute verfolgt. Nach mißlungenen Versuchen räumt sie alsbald das Feld. Da die Wildkatze stets auf Deckung bedacht ist, jagt sie vornehmlich auf dem Erdboden, nur ausnahmsweise springt sie von einem Felsvorsprung oder Baum aus auf die angeschlichene oder aufgelauerte Beute. Der Tötungsbiß geht in Richtung der Kopf-Rumpf-Gliederung der Beute und zieht unmittelbar hinter den Kopf. Kleineren Tieren wird so Brust und Schulter, größeren Hals und Nacken, mit den dolchartigen Eckzähnen in glattem, kaum blutenden Stichkanal durchbissen. Größerem Haarwild, zum Beispiel Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus), springt die Wildkatze auf den Nacken und tötet es durch Zerbeißen der Schlagadern an den Halsseiten. <23>

Hauskatze (Felis catus)
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Hauskatze (Felis catus)

Von den Wildkatzen erbeutetes Wild ist stets an den nadelfeinen Kralleneinschlägen zu erkennen. Es wird entweder gleich an Ort und Stelle angeschnitten oder, wenn möglich, mit dem Maul an einen sicheren Ort getragen. Gerissene Vögel (Aves) und langhaarige Säuger rupft die Katze mit den Zähnen, Kleinvögel werden ohne Großgefieder, Kleinsäuger vollständig verschlungen. Den Rumpf von größeren Säugern und Vögeln schneidet die Wildkatze vom Bauch her an und frißt zuerst die Eingeweide. Als Reste bleiben die Haut mit Haaren oder Federn und größere Knochen übrig. De Leuw (1976) betont, dass die Wildkatze bei nächtlichen Streifzügen die Beute stets an Ort und Stelle verzehrt. Plündert sie Vogelnester, findet man unter den Horstbäumen meist abgerissene Flügel. Raubt der Fuchs (Vulpes vulpes) das Nest eines Bodenbrüters aus, läßt er im Gegensatz zur Wildkatze keinerlei Beutereste zurück. Zur Aufklärung, welcher Beutegreifer der Täter war, kann in hohem Maße die meist am Platz vorzufindende Losung beitragen. Die Form des Kotes ist für die einzelnen Tiergruppen ganz typisch. Pflanzenfressende Säugetiere wie Hasenartige, Schalenwild, fallen durch kugelig geformte völlig entwässerte Losung auf. Im Gegensatz dazu haben Fleischfresser walzen- oder spindelförmig gekrümmte Losung. Sie enthält unverdauliche Nahrungsreste, Haare, Knochen, Federreste, Chitin und riecht im frischen Zustand sehr stark. Der im festen Zustand etwa fingerstarke wurstartige Kot der Wildkatze ist kenntlich an der stumpfen, kurzen zylindrischen Form und er endet nicht spitz, wie es bei der stärkeren Fuchslosung meist der Fall ist. Die Losung wird innerhalb des Reviers verscharrt, an markanten Plätzen wie größere Steine, Baumstubben oder Maulwurfshügel, der Reviergrenze dagegen fast auffällig sichtbar abgesetzt. Da die Wildkatze vorzugsweise Mäusejäger ist, wurde sie demzufolge auch am häufigsten bei dieser Tätigkeit beobachtet. Möller sah eine Wildkatze in einer lichten Fichtenschonung etwa eine halbe Stunde mausen, die Wildkatze sprang dabei etwa 1 Meter hoch und bis zu 2,5 Meter weit. Die Mäuse (Mus) werden bei dieser Jagdweise mit schnellen Prankenhieben niedergeschlagen, totgebissen und überwiegend ganz verschlungen. <23>

In Mitteleuropa praktizieren Wildkatzen sicher nur ausnahmsweise den Fischfang den nach Condé (1972), der umfangreiche Untersuchungen durchführte, sind Fischreste nur selten anzutreffen. Diese Aussage gilt auch für den Igel (Erinaceidae) als Beutetier der Wildkatze. Nicht zuletzt sei noch erwähnt, dass die Wildkatze auch in der Lage ist, den größten flugfähigen Vogel Großtrappe (Otis tarda) zu erbeuten. Noch beschrieben wird, dass man in den Magen der Wildkatzen relativ häufig Pflanzenreste gefunden hat. Es war bislang nicht klar, ob diese beim Verschlingen der Beute rein zufällig in den Magen gelangen oder ob sie gewissermaßen als Verdauungshilfe gewollt einverleibt werden. In diese Richtung weisen die Angaben von Ragni (1977) dessen in Gefangenschaft gehaltener alter Kuder (Kater) eine große Menge von grünen Grasblättern und Stängeln konsumiert. Die Bestätigung, dass die Wildkatze sogar reife Früchte verzehrt, gelang S. Wilke, der eine Wildkatze beobachtete, die sich auf die Hinterfüße stellte, einen Himbeerstrauch umbog und die Beeren abfraß. Herrscht für die Wildkatze im Winter bei hoher Schneelage und ungünstigen Witterungsbedingungen Nahrungsmangel, dringt sie, meist im abgemagerten Zustand, gelegentlich auch in Höfe oder in die Ställe von Haustieren ein und erbeutet Kaninchen sowie Haushühner. In Schottland hat der extreme Rückgang der Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus) infolge Myxomatose zahlreiche Einbrüche von Wildkatzen in Bauernhöfe und Hühnerställe verursacht (Thompson 1956). Insgesamt betrachtet erwies sich das Nahrungsspektrum der Wildkatze artenmäßig als recht klein. Dass die Wildkatze nicht der unersättliche Beutegreifer ist, für die man sie meist gehalten hat, belegen auch die im Magen nachgewiesenen Nahrungsmengen. Dies übersteigt unter normalen Bedingungen selten 150 Gramm. Da die Wildkatze als vorwiegend dunkelaktives Tier meist in den Abend- und Morgenstunden auf Beutefang geht, wird sie wohl nur zweimal innerhalb von 24 Stunden die ermittelten Nahrungsmengen aufnehmen. Ein erhöhter Nahrungsbedarf besteht vor allem, wenn die Wildkatze Depotfett für den Winter ansetzt oder dieses ergänzen muß. Bei Massenvermehrungen von Mäusen fällt es der Wildkatze nicht schwer, eine größere Anzahl davon zu erbeuten. Bei der Untersuchung eines prall gefüllten Katzenmagens fand man 25 Erdmäuse (Microtus agrestis). Dass ein derartiger Nachweis nicht ausgesprochen selten ist, belegen auch die Ausführungen von Lüps (1976). <23>

Beim Studium der jahreszeitlichen und jahresbedingten Änderungen in der Nahrung der Wildkatze stellte Sládek (1973) fest: in allen vier Jahresperioden bilden den Hauptanteil der Nahrung die Säugetiere (Mammalia), davon hauptsächlich die kleinen Nagetiere (Rodentia). Ihre Frequenz weist aber beträchtliche Unterschiede auf, bei den Säugetieren von 80 Prozent bis 100 Prozent und bei den kleinen Nagetieren von 50 Prozent bis 90 Prozent. Während des ganzen Jahres überwiegt in der Nahrung der Wildkatze von den Kleinsäugern die Feldmaus (Microtus arvalis). Damit ist bewiesen, dass sie ihre Beute überwiegend außerhalb der Waldbestände fängt. Das Überwiegen von Gelbhalsmaus (Apodemus flavicollis) über Rötelmäuse (Clethrionomys) beweist außerdem, dass sie die trockneren Biotope vor den feuchteren Lebensräumen bevorzugt. Nach den Ergebnissen verschiedener Autoren stellte Sládek (1973) außerdem eine systematische Liste über die bisher festgestellten Nahrungsobjekte zusammen. Als neue Arten in der Nahrung der Wildkatze wurden von den Säugetieren Europäischer Dachs (Meles meles) und Rothirsch (Cervus elaphus) (wahrscheinlich Aas), an Vogelarten zwei Eulen (Strigiformes) wie Waldkauz (Strix aluco) und die Waldohreule (Asio otus), ein Specht (Dryocopus sp.) und fünf Singvögel (Oscines) wie Gimpel (Pyrrhula pyrrhula), (Emberiza sp.), Feldsperling (Passer montanus), Elster (Pica pica) und Eichelhäher (Garrulus glandarius), ferner Lurche (Amphibia) und Insekten (Insecta) wie (Gryllus sp.), Europäische Maulwurfsgrille (Gryllotalpa gryllotalpa) und (Bombus sp.) festgestellt. In einer Bewertung der Wildkatze vom biozönologischen und wirtschaftlichen Standpunkt aus kommt Sládek (1973) aufgrund von 257 Magenanalysen zu folgenden Ergebnissen: <23>

  1. Die Wildkatze bildet in den Waldbiozönosen der Slowakei etwa 10 bis 14 Prozent der Gesamtbiomasse der höchsten trophischen Gruppe. Man kann ihr die Funktion des ökologischen Faktors, der das Eindringen der Tierarten am Waldrand verhindert und der die Mikropopulationen von kleinen Nagetieren (Rodentia) beeinflussen kann, zuschreiben.
  2. Die wirtschaftliche Bewertung der Wildkatze kann man nicht einseitig auf den Aspekt der Jagdwirtschaft beschränken. Von diesem Standpunkt aus ist sie potentionell schädlich für Hasen (Leporidae), Rehe und Fasanen (Phasianidae). Ihre jetzige Abschlußzeit wurde nicht zweckmäßig festgelegt, denn maximal nützlich erweist sich die Wildkatze gerade im Oktober und im November.
  3. Vom Standpunkt der Forst- und Landwirtschaft ist die Wildkatze ein ausschließlich nützlicher Beutegreifer, der sich maßgeblich am biologischen Kampf gegen die kleinen Nagetiere (Rodentia) beteiligt. <23>

Folgendes Nahrungsspektrum von erlegten Wildkatzen in den Ostkarpaten soll anhand einer Tabelle nach Lindemann & Rieck (1953) veranschaulicht werden: <23>

Beutetiere der Wildkatze . Gewichtsanteile am Mageninhalt (%)
Kleine Nagetiere (Rodentia) Erdmaus (Microtus agrestis) 10,0
. Rötelmaus (Myodes glareolus) 7,0
. Schneemaus (Chionomys nivalis) 5,0
. Ostschermaus (Arvicola amphibius) 6,0
. Kurzohrmaus (Microtus subterraneus) 4,0
. Waldmaus (Apodemus sylvaticus) 18,0
. Brandmaus (Apodemus agrarius) 7,0
. andere, unbestimmte Mäuse (Mus) und Wühlmäuse (Arvicolinae) 3,0
. Haselmaus (Muscardinus avellanarius), .
. Siebenschläfer (Glis glis) und .
. Baumschläfer (Dryomys nitedula) 5,0
Mittelgroße Nagetiere (Rodentia) Europäisches Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) 8,0
. Europäischer Ziesel (Spermophilus citellus) 3,0
. andere Nagetiere (Rodentia) 1,0
Große Nagetiere (Rodentia) und Hasenartige (Lagomorpha) Feldhase (Lepus europaeus) und Schneehase (Lepus timidus) 4,5
. Alpen-Murmeltier (Marmota marmota) 0,5
Rehkitze Rehkitze 1,0
Kleinvögel bis Eichelhähergröße meist Bodenbrüter 6,0
Federwild Haselwild 4,0
. Birkwild 2,0
. Auerwild 0,5
. Andere 1,5
Unbestimmbare Reste Reste 3,0

Insgesamt bestand also die Nahrung dieser Tiere zu 77 Prozent aus wirtschaftlich schädlichen, zu 6 Prozent aus ziemlich unbedeutenden und nur zu 14 Prozent aus jagdlich wertvollen Tierarten. Im Allgemeinen besteht die Hauptnahrung der Wildkatze aus Säugetieren (Mammalia) (71,64 Prozent), ferner Vögeln (Aves) (7,46 Prozent), Kriechtieren (Reptilia) (1,50 Prozent) und Gliedertieren (Articulata) (19,40 Prozent), es folgen Insektenfresser (7,29 Prozent), Hasen (Leporidae) (1,04 Prozent) sowie als Raubtier ein Wiesel (Mustela) (1,04 Prozent). Unter den 87 Nagetieren (Rodentia) befinden sich 65 Wühlmäuse (Microtidae), 19 Langschwanzmäuse (Muridae) und 3 Schlafmäuse (Gliridae). Die Charakterisierung der Habitate und das Verhalten ergibt sich aus folgenden Aufschlüsselungen: An Nagetieren (Rodentia) werden vorzugsweise auf Feldern lebende Arten (85,72 Prozent) erbeutet, die Wälder bewohnenden Arten machen nur 14,28 Prozent aus. Die Wildkatze schlägt 96,55 Prozent ihrer Beutetiere wie Waldmaus (Apodemus sylvaticus), Savi-Kleinwühlmaus (Microtus savii), Rötelmaus (Myodes glareolus) und Schneemaus (Chionomys nivalis) auf dem Boden. Sie ist aber auch ein ausgezeichneter Kletterer, doch fängt sie auf Bäumen nur 3,45 Prozent der Arten wie Gartenschläfer (Eliomys quercinus), Siebenschläfer (Glis glis) und Haselmaus (Muscardinus avellanarius). Auch vorstehende Bilanz beweist zur Genüge, dass der Mensch kein moralisches Recht hat, die Wildkatze als "zu den schädlichsten Raubtieren unserer Heimat" gehörig einzustufen. Die unvoreingenommene Aufzählung aller Beutetiere der Wildkatze zeigt wohl, dass die Wildkatze sehr anpassungsfähig ist, sich aber in Mitteleuropa überwiegend von Wühlmäusen (Arvicolinae) ernährt. Damit werden diese ständig dezimiert, so dass die Wildkatzen neben Greifvögeln (Falconiformes) und Eulen (Strigiformes) einen wichtigen Dienst bei der biologischen Regulierung der Schadnager verrichten. Wildkatzen verdienen nicht, als "bösartige Bestien" betrachtet zu werden, sondern als unverzichtbare Teile des ökologischen Gefüges der Tiergesellschaften ihrer Lebensräume. <23>

Fortpflanzung

Wildkatze
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Wildkatze

Brunstzeit

Die Hauptbrunstzeit kündigt sich an, wenn die Brunstschreie der Kuder (Kater) zu vernehmen sind. Je nach Wetterlage ist dies in den Monaten Februar und März der Fall. Sowohl an mitteleuropäisch verbreiteten, als auch an schottischen und kaukasischen Wildkatzen wurde noch eine zweite Brunst im Hochsommer nachgewiesen. Zuweilen wird noch eine dritte Brunstperiode angeführt. Das ist nur ausnahmsweise der Fall, wenn die vorangegangenen Würfe verloren gingen. Die normale Ranzzeit (Brunstzeit) der Kuder (Kater) in Gefangenschaft verläuft nach Condé & Schauenberg (1969) von Ende Dezember bis Ende Juni. Die Hoden der geschlechtsreifen Kuder (Kater) messen im Januar maximal 23 x 13 Millimeter und wiegen bei dieser Größe 2,2 bis 3,0 Gramm. Lediglich bei einem zweijährigen Kuder (Kater) wurden Ende August 20 x 14 Millimeter große Hoden festgestellt. Diese Beobachtung spricht auch für eine Ranzzeit in der zweiten Jahreshälfte. An sich sind Wildkatzen Einzelgänger, doch in der Ranzzeit geraten die Kuder (Kater) aneinander und führen Rivalitätskämpfe aus. Bei den in späteren Monaten stattfindenden Kämpfen kann es sich um solche handeln, die die zweite Ranz einleiten. De Leuw (1976) konnte eine Wildkatzenpaarung beobachten. Die Paarung fand auf einer kleinen Lichtung mit einigen Ginsterbüschen statt. Beide Partner saßen und lagen sich auf kaum einen Meter gegenüber, verhielten oft längere Zeit, platt auf den Boden gedrückt, und ließen sich unter drohendem Knurren nicht aus den Sehern, um dann unter lauten Schreien und Fauchen aufeinander loszufahren. Sie bearbeiteten sich gegenseitig mit ihren Krallen, dass die Haare nur so flogen. Häufig wechselt der Kuder (Kater) seine Stellung, um bei hochgestellter Rute zu nässen oder aber, um Kopf und Hals an einem Baum oder Strauch zu reiben. Der Deckakt ist im Allgemeinen mit einem kurzen Schrei verbunden, wobei es ungewiß ist, ob dieser vom Kuder (Kater) oder von der Kätzin herrührt. <24>

Geschlechtsreife

Nach Condé & Schauenberg (1969) wird das Weibchen mit einem Jahr geschlechtsreif. In Gegenwart des Männchens verläuft die Oestrusdauer beim Weibchen innerhalb von 5 bis 6 Tagen, ausnahmsweise auch 8 Tage. Die ersten Anzeichen sexueller Tätigkeit zeigen sich bei den Jungkudern im Alter von 9 bis 10 Monaten, wobei die Frequenz und Intensität von einem Tier zum anderen Tier sehr verschieden ist. Dass auch die Hoden ein diesbezüglicher Indikator sein können, ergab sich bei im Harz angefallenen 9 bis 10 Monate alten Jungkudern. Sie wiesen die maximale Größe 19 bis 12,5 Millimeter, das heißt im ersten Lebensjahr werden die Hodenmaße geschlechtsreifer Kuder (Kater) noch nicht erreicht. Nach Puschmann (1986) brachte ein Weibchen ihren ersten Wurf. Bei der Konzeption war diese Katze 10,5 Monate alt, dabei handelt es sich nicht um eine ungewöhnlich frühe Geschlechtsreife (Haltenorth 1957, Volf 1968, Weigel 1972). Ein Kuder (Kater) im Alter von 11,5 Monaten paarte sich mit einer dreijährigen Katze, doch der Paarung folgte kein Wurf. Erfolgreich gedeckt hat der Kuder (Kater) dagegen im Alter von 20 Monaten. Wie lange Wildkatzen fertil bleiben ist unbekannt. Ein Männchen paarte sich im Alter von 11 Jahren noch erfolgreich, und ein Weibchen warf letztmalig mit 10 Jahren. <24>

Tragzeit

Haltenorth (1957) zitiert Cocks, der jahrelang erfolgreich schottische Wildkatzen züchtete, dieser gibt als normale Tragzeit 68 Tage, als etwa unregelmäßig 66 und 65 Tage an. Aufgrund der ersten und der letzten beobachteten Kopulation variiert die Trächtigkeitsdauer nach Condé & Schauenberg (1969) zwischen 63 und 69,5 Tagen (Mittelwert 66 Tage). Meyer-Holzapfel (1968) führt eine Tragzeit von 69 Tagen an. Nach diesen Angaben über die mitteleuropäische Wildkatze liegt der zentrale Wert (Medianwert) bei 68 Tagen. <24>

Wurfzeit

Im Zoologischen Garten von Prag fielen nach Volf (1968) 80 Prozent der Geburten in die Frühjahrszeit. Die Wurfzeit beginnt in der zweiten Märzhälfte bis zur ersten Junihälfte. Würfe in der zweiten Augusthälfte werden mit frühzeitigen Jungtierverlusten bzw. mit frühem Absetzen begründet. Den zweiten Sommerwürfen gingen stets Frühjahrsgeburten voraus. Im Berner Zoo waren die Würfe auf den Zeitraum März bis August verteilt, wobei die Frühjahrswürfe leicht überwogen. Von 22 Würfen fielen im Magdeburger Zoo 3 Würfe im März, 12 Würfe im April, 1 Wurf im Mai, 5 Würfe im Juni und 1 Wurf im Juli an. Die Hauptwurfzeit war nach Puschmann (1986) also (März)-April-(Mai). In dieser Zeit liegen über zwei Drittel aller Geburten. <24>

Wurfgröße

Im Berner Zoo wurden nach Meyer-Holzapfel (1968) in 16 Würfen 66 Junge geboren. Darunter befanden sich unter anderem vier Würfe mit 5, drei Würfe mit 6 und ein Wurf mit 8 Jungen. Die durchschnittliche Wurfgröße betrug 4,1 Jungtiere. Im Zoo von Prag fielen 15 Würfe mit 47 Jungen, unter ihnen befanden sich vier Würfe mit vier und drei Würfe mit fünf Jungen. Nach Volf (1968) lag die durchschnittliche Anzahl bei 3,1 Jungtieren. Im Laboratorium der Zoologie der Universität Nancy, Frankreich, wurden nach Condé & Schauenberg (1969) von 1963 bis 1968 17 Würfe mit 53 lebendgeborenen Jungen erzielt. Als Zuchttiere dienten 7 Katzen und 5 Kuder (Kater). Die meisten Würfe erfolgten im April und besonders im Mai. Es wurden auch Fälle erwähnt, dass Wildkatzen zweimal im Jahr geworfen haben. Als Ausnahme registrierte man Würfe mit 5,6 und 8 Jungen. Diese Anzahl dürfte auch die maximale Wurfgröße sein, denn die Kätzin besitzt nur acht Zitzen. Jungtiere werden unter verschiedenen Umständen, entweder vom Weibchen oder vom Männchen aufgefressen. Die Mortalität bei jungen Wildkatzen liegt sehr hoch. Viele Todesfälle treten bei 2 bis 4 Monate alten Tieren ein. Von Puschmann (1985) liegt eine aufschlußreiche Analyse über die Haltung und Zucht der Wildkatze im Magdeburger Zoo vor. Von 1961 bis 1984 fielen 22 Würfe, von denen 3 Würfe mit unbekannter Jungenzahl von den Müttern nicht angenommen und aufgefressen wurden. Die verbleibenden 19 Würfe erbrachten 50 Junge. Davon wurden 15 Jungtiere aus 5 Würfen nicht angenommen und starben kurz nach der Geburt. Aus weiteren 12 Würfen mit 30 Jungen überlebten 10 Junge, die übrigen 20 Jungkatzen gingen im Laufe der Aufzucht oder danach infolge Tötung durch Artgenossen, Krankheit und Unfall ein. Nur zwei Würfe mit 5 Jungtieren wuchsen verlustlos auf. Die anfänglich starken Verluste konnten durch eine verbesserte veterinärmedizinische Betreuung in Abstimmung mit tiergartenbiologischen Maßnahmen deutlich gesenkt werden. <24>

Geschlechtsverhältnis

Ein ausgewogenes Verhältnis der Geschlechter von 31/31 ermittelte Meyer-Holzapfel (1968). Volf (1986) dagegen ein solches zugunsten der Weibchen (17/22). Nach Condé & Schauenberg (1969) sind in den Würfen beide Geschlechter gleichwertig vertreten (109/110). Nur aus einem Geschlecht bestehende Würfe treten viel seltener auf als solche, in denen Männchen und Weibchen vorhanden sind. Puschmann (1986) führt an, dass sich unter 50 Jungtieren 23 Männchen und 15 Weibchen befanden, von 11 Exemplaren konnte das Geschlecht nicht ermittelt werden. Das deutliche Überwiegen der männlichen Jungtiere dürfte rein zufällig sein, oder es hätte sich wohl zugunsten der Weibchen verändert, wenn von allen Exemplaren das Geschlecht bekannt gewesen wäre. <24>

Skelett der Wildkatze
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Skelett der Wildkatze

Jungtieraufzucht

Umfangreiche Beobachtungen über die Aufzucht von Wildkatzen unter besonderer Berücksichtigung der Mutter-Kind-Beziehungen sowie der Körper- und Verhaltensentwicklung liegen von Lindemann & Rieck (1953) vor. In einer weiteren Arbeit verglich Lindemann (1955) die Jugendentwicklung von Luchs (Lynx lynx) und Wildkatze, indem das Reifen angeborener Verhaltensweisen und die Entfaltung erworbener Fähigkeiten jeweils gegenübergestellt werden. Dabei ergab sich, dass sowohl die körperliche Entwicklung als auch das Reifen angeborener Verhaltensweisen bei der Wildkatze bedeutend schneller verläuft als beim Luchs (Lynx lynx). Nach heutigen Erkenntnissen weiß man, dass sich Beobachtungen an einzelnen Individuen nicht verallgemeinern lassen. Seit Bürger (1964) über eine gelungene Aufzucht von Wildkatzen in Anwesenheit des Katers berichtet hat, wurde sehr oft auch von anderen Kleinkatzen beschrieben, dass erfolgreiche Aufzuchten nicht nur in Anwesenheit des Katers möglich ist. Gegenteilige Erfahrungen machten Condé & Schauenberg (1969), sie teilten mit, der Kuder (Kater) nimmt an der Aufzucht der Jungen keinen aktiven Anteil. Sicher trifft die Einschätzung Puschmanns (1985) zu, dass die Entscheidung, ob der Kater während des Wurfes und danach bei der Katze bleiben soll oder nicht, von Fall zu Fall unter Berücksichtigung des Verhaltens beider Partner zueinander getroffen werden muß. Eine generelle Aussage zu diesem fortpflanzungsbiologischen Aspekt der Wildkatze ist nicht möglich. <24>

Die Wildkatze erreicht unter normalen Bedingungen die doppelte Geburtsmasse im Alter von etwa 18 Tagen, die dreifache in der fünften Lebenswoche. Die Jungen, die aus großen Würfen stammen, unterscheiden sich nicht von denen aus kleinen Würfen. In den ersten sechs Lebenswochen wurden keine geschlechtsdimorphen Unterschiede hinsichtlich der Lebendmasse festgestellt, später übertrifft die der Weibchen diejenigen der Männchen. Erst während des vierten Lebensmonats wird dieser Unterschied ausgeglichen, und später übertreffen die Männchen die Weibchen deutlich. Im achten Lebensmonat erreichen die Jungen die Körpermasse erwachsener Tiere. Nach dem Durchbruch des Milchgebisses vermögen die Jungen im Alter von 1,5 Monaten zarte Fleischnahrung aufzunehmen. Erstaunliche Unterschiede sind in der Literatur über das Öffnen der Augen zu finden. Volf (1968) berichtet von einem Fünflingswurf, in dem ein Jungtier mit offenen Augen geboren wurde, ein weiteres öffnete die Augen bis zum dritten Tag und beim letzten Jungen waren die Lidspalten erst am 12. Tag völlig getrennt. Meyer-Holzapfel (1968) schließt aus ihren Beobachtungen in der Regel auf den 7. bis 11. Tag. Diese Angaben belegen, dass die Augenöffnung nur eine annähernde Altersschätzung der Jungtiere ermöglicht. <24>

Verhalten bei der Aufzucht

Nachstehende Verhaltensweisen wurden von Zimmermann (1976) in übereinstimmender Weise bei der Wildkatze, der Falbkatze (Felis silvestris lybica) und der Hauskatze (Felis catus) beobachtet:

  • Niederlegen bei den Jungen. Bei der Rückkehr zum Nest läßt sich die Katze vorsichtig bei ihren Jungen nieder.
  • Hochfahren. Legt sich die Mutter dennoch auf eines ihrer Jungen, so macht sich dieses durch Schreie bemerkbar. Sofort fährt die Katze hoch, blickt suchend umher und legt sich nochmals, die Bauchseite den Jungen zugewandt, nieder.
  • Umschließen der Jungen. Hat sich die Alte bei den Jungen niedergelegt, so umschließt sie diese in Form eines U, dessen drei Seiten von Vorderpfoten, Bauchseite und Hinterpfoten der Mutter gebildet werden. Entfernt sich eines der Jungen aus diesem Bereich, so wird es mit den Vorderpfoten oder durch einen vorsichtigen Nackengriff zurückgeholt.
  • Säugen. In der beschriebenen Lage werden auch die Jungen gesäugt. Die Mutter wendet dazu ihre Bauchseite noch soweit nach oben, dass auch die untere Zitzenreihe zugänglich wird. Sobald die Jungen etwas beweglicher werden, im Alter von 2,5 bis 3 Wochen, und sich gut aufrichten können, säugt die Alte im Sitzen, später auch außerhalb des Nestes im Stehen.
  • Belecken der Jungkatzen. Die Jungen werden von der Mutter am ganzen Körper abgeleckt und dabei intensiv beschnuppert. Besonders häufig leckt sie die Bauch- und Afterregion, wodurch Kot- und Harnabgabe ausgelöst werden.
  • Auflecken der Exkremente. Ausgeschiedener Kot wird vom Muttertier sofort, unter deutlich hörbarem Beschnuppern, gierig abgeleckt. Das Nest bleibt dadurch frei von Exkrementen. Etwa in der 5. Woche setzen die Jungen ihre Exkremente selbständig außerhalb des Nestes ab.
  • Jungentransport. Die jungen Katzen können von den Alten über größere Strecken transportiert werden, indem die Alte sie im Nacken mit dem Gebiß umfaßt und hochhebt, wodurch die Jungen in eine Tragstarre verfallen. Dieser Jungentransport tritt in verschiedenen Situationen auf:
a) Entfernt sich ein Junges aus dem Nest, so schreit es. Die Mutter reagiert nur auf diese Schreie. Sie nähert sich daraufhin dem Jungen, packt es im Nacken und trägt es ins Nest zurück ("Eintragen").
b) Fühlt sich die Mutter am Nest gestört, trägt sie die Jungen an einen anderen Platz ("Verschleppen"). Auslösend für dieses Verhalten ist nach vorliegenden Freilandbeobachtungen die allgemeine Situation "Störung am Nest".
  • Nestverteidigung. Nähert sich der Mensch oder ein Haushund (Canis lupus familiaris) dem Nest, droht das Muttertier zunächst (Ohren gedreht, Knurren) und greift dann sofort an. Nach Leyhausen (1975) verteidigt sich die Katze dabei nur mit Tatzenhieben. Bürger (1964) & Lindemann (1955) berichten von aktiv sich an der Jungenaufzucht beteiligenden Kudern, die der Kätzin im Wurfnest Beute zutrugen und das Nest gegen den Pfleger verteidigten. <24>

Beobachtung im Freiland

Die Wildkatze ist eine jahreszeitlich abhängige polyoestrische Art. Nach Condé & Schauenberg (1974) fallen in Nordostfrankreich zwei Drittel der Würfe auf Mitte März bis Ende April, mit einem auffälligen Gipfel im April (11 von 24 Geburten). Einige Würfe wurden bis zum Herbstende gefunden. Es könnte sich um Ersatzwürfe oder um Spätwürfe junger Weibchen gehandelt haben. Von 1964 bis 1974 fand man insgesamt 25 Würfe mit einem geschätzten Alter zwischen 4 und 60 Tagen. Die Jungen waren in Gestrüpp, Spalten, Baumhöhlen, Holzhaufen, Wurzelstöcken und Hütten abgelegt. Die zumeist sauberen Wurfplätze enthielten nie Nistmaterial. In der Natur stellte man ein Geschlechterverhältnis von 45 Männchen zu 23 Weibchen fest. In Gefangenschaft war das Geschlechterverhältnis dagegen ausgeglichen. Welche Ursachen oder Gründe den Ausschlag geben ist nicht bekannt. Auf Störungen am Wurfplatz reagiert die Mutter meist durch Abtransport der Jungen. Allerdings wird die Wochenstube von der Kätzin wohl nur in großer Bedrängnis oder bei ungewöhnlichen Ereignissen aufgegeben. Sobald die Jungen der Mutter folgen können, werden sie außerhalb der Wochenstube gesäugt. Da die Kätzin ihre Jungen bis zu vier Monaten saugen läßt, bleibt die Mutter-Kind-Bindung relativ lange bestehen. Wenn die Jungen gut zu laufen vermögen, ist die Katze auch nachts mit ihnen unterwegs. Auf die geringste Störung durch anstreichende Krähen (Corvus), sogar schon einen harmlosen Bussard (Buteoninae) oder einen nahenden Menschen stößt die Katze oft einen kurzen heulenden Warnruf aus, und das Spielen wird abgebrochen. Die Kätzinnen spielen nur in voller Deckung mit ihren Jungen. Ähnlich wie die Fuchsfähe trägt die Katze gefangene Mäuse (Mus) zusammen, um sie bei genügender Zahl im Fang zu packen und zu den wartenden und hungrig miauenden Jungen zu bringen. Je älter die Jungkatzen werden, um so weiter folgen sie der Mutter auf ihren Streifzügen. Dann kehren die Jungen gar nicht mehr zum Bau zurück. <24>

Katzenmumie
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Katzenmumie

Es ergibt sich zwangsläufig die Frage, weshalb Wildkatzen hin und wieder außerhalb ihres Lebensraumes nachgewiesen werden. Als mögliche Auslöser kommen mehrere Ursachen in Betracht. Da über das Sexualverhalten der männlichen Tiere keine speziellen Beobachtungen aus dem Harz vorliegen, wird angenommen, dass die bereits geschlechtsreifen Individuen in den von älteren Kudern besetzten Reviere nicht zur Fortpflanzung kommen. Sie sind deshalb gezwungen, den Lebensraum zu verlassen, in dem sie aufgewachsen sind. Auch Heller (1985) betont ausdrücklich, alle im Stromberggebiet aufgefundenen Verkehrsopfer waren junge Kuder, die zur Ranzzeit überfahren wurden. Diese Nachweise belegen auch, dass die Ausbreitungstendenz der Männchen wesentlich größer ist als die der Weibchen. Schließlich muß bei derartigen Betrachtungen auch der Nahrungsfaktor erörtert werden. Bekanntlich wächst auch bei einem Überangebot typischer Beutetiere die Population carnivorer Säugetiere nur bis zu einer bestimmten Bestandsgröße. Ist das Limit erreicht, setzt innerartlicher Druck ein, der alle Artgenossen, die keine Revierinhaber sind, aus dem besetzten Lebensraum hinausdrängt. Als carnivorer Konsument zweiter Ordnung benötigt die solitär lebende Wildkatze eine Mindestgröße von Lebensraum, was eine Überpopulation ausschließt. Dieser Faktor bleibt auch dann wirksam, wenn die herbivoren Konsumenten erster Ordnung, das sind Mäusearten, die zu periodischen Massenvermehrungen neigen, reichlich vorhanden sind. Zwei Verlustnachweise zeigen, nicht nur Männchen, sondern auch Weibchen wandern ab. Die Migrationsopfer weisen einen auffallenden Unterschied im Anteil der Geschlechter auf, er beträgt 4:1. Diese Feststellung ergibt, dass die Männchen auch außerhalb des Hauptverbreitungsgebietes eine größere Aktivität entwickeln als die Weibchen. Dieses Verhalten führt zwangsläufig zu größeren, zumeist anthropogen bedingten Verlustquoten bei den Männchen. Nach in Frankreich durchgeführten radiotelemetrischen Untersuchungen ist der Lebensraum der Kuder zwei- bis dreimal größer als jender der Weibchen. Trotz der Ausbreitungstendenz der Wildkatze haben die Überprüfungen der in den naturwissenschaftlichen Museen von Leipzig (Dathe 1952, 1954), Görlitz (Knobloch 1966), Heiligenstadt und Potsdam nach 1945 angefallenen Belegstücke ergeben, dass die außerhalb des Harzes erlegten "Wildkatzen" in der Regel wildfarbene Hauskatzen (Felis catus) gewesen sind. <24>

Biozönose

Die absolut negative Grundeinstellung des Menschen zur Wildkatze ist sicherlich erst entstanden, als vor über 200 Jahren in Mitteleuropa das Nutzen-Schaden-Denken einsetzte. Nachdem die größeren Beutegreifer Bären (Ursidae), Wolf (Canis lupus) und Luchse (Lynx) so gut wie ausgerottet waren (Butzeck et al. 1988) und die gewohnten Jagdstrecken durch den zunehmenden Einsatz von Feuerwaffen stetig zurückgingen, projizierte man alle möglichen Schäden auf das Vorkommen der Wildkatze. Kokeš (1974) sieht als Ursache für den Untergang der herkömmlichen Populationen auf dem böhmisch-mährischen Gebiet vor allem die hartnäckige Verfolgung, der alle Beutegreifer dort ausgesetzt waren, wo die Besitzer der großen Güter aus wirtschaftlichen Gründen auf Hochwildhege verzichteten und die Niederwildhege intensiv betrieben. Zu einem schnellen Ausrotten haben ferner die Reformen der Forstwirtschaft beigetragen, die seit der Herausgabe der sogenannten Theresianischen Forstwirtschaftsordnung in den Jahren 1754 bis 1756 die Wälder, die damals noch den Charakter von Urwäldern hatten, nach und nach zu reinen, räumlich genau eingeteilten Beständen von Monokulturen machten, in denen das Ausrotten jeder beliebigen Tierart in keiner Weise schwierig war. Dies vor allem deshalb, weil überall Fang- und Schußprämien ausgesetzt wurden, die ihren Teil dazu beitrugen, dass die Anzahl der Wildkatzen langsam aber stetig abnahm. Einige historische Fakten mögen dies veranschaulichen. Die letzten offiziellen Statistiken der elsässischen Forstverwaltung des Bas-Rhin sind nach Baumgart (1980) folgende: von 1830 bis 1844 wurden 465 Wildkatzen getötet und 151 von 1850 bis 1853. Diese Zahlen belegen, dass die Art in der Mitte des vorigen Jahrhunderts im Elsaß noch weit verbreitet war. Als Ursache der Abnahme werden angeführt, erstens der Reiz des noch bis unlängst begehrten Felles, die Kürschner fertigten daraus sehr warme Westen an, die "Wildkatzenbrustduoch" genannt wurden, und zweitens das Fett, dem man Heilkräfte zuschrieb. Die Verbreitung der Vorurteile gegen diesen Beutegreifer wurden auch durch Berichte in populärwissenschaftlichen Zeitschriften genährt. C.L.Brehm (1856), der berühmte Vogelpastor aus Renthendorf in Thüringen, verfaßte einen Artikel "Die Gefahr, welche die wilde Katze, dem Menschen droht". Darin werden ausführlich drei Fälle beschrieben, in denen Wildkatzen bei wiederholten Störungen Menschen an den Hals gesprungen sind. Sofern sich diese Unfälle so zugetragen haben, ist es durchaus verständlich, dass sich ein bedrängtes Raubtier seiner Haut wehrt. Nachdem die Wildkatze infolge der starken Bestandseinbuße 1922 in den preußischen Staatswäldern unter Schutz gestellt wurde, betrieben vor allem die Pächter von Jagdrevieren weiterhin die Verfolgung der Wildkatze. Nach Eiberle (1980) war allerorten die Grundeinstellung vieler Menschen der feste Glaube an die große Schädlichkeit dieser Tierart, der kaum noch irgendwelche Zweifel an der Richtigkeit dieses Sachverhaltes aufkommen ließ. Bei allen Beutegreifern und Greifvögeln war es diese grobe gedankliche Vereinfachung der Wirklichkeit, die zur utopischen Überzeugung führen mußte, wonach mit der Vernichtung der fleischfressenden Tierarten eine dauerhafte Verbesserung der Nutzwilderträge zu erzielen sei. Diese Vorstellung und die übertriebene Wertung des sogenannten Nutzwildes als allein förderungswürdiger Teil der Fauna bildeten dann auch während sehr langer Zeit das vorherrschende und unangefochtene Leitmotiv für einen fortschrittlichen Jagdbetrieb. Es bestand folglich auch kein Anlaß, die allfällige Ausrottung einer als schädlich erachteten Tierart zu beklagen. Sie konnte bedenkenlos hingenommen werden, solange sie im Sinne der "Nutzwildzucht" folgerichtig und erstrebenswert erschien. <26>

Prädatoren

Selbstverständlich hatte die Wildkatze früher, und zum Teil hat sie auch heute noch natürliche Feinde. Als Regulatoren des Bestands traten bereits in der Urlandschaft Mitteleuropas Luchs (Lynx lynx), Wolf (Canis lupus), Rotfuchs (Vulpes vulpes), Baummarder (Martes martes), Hermelin (Mustela erminea), sowie Steinadler (Aquila chrysaetos) und Uhu (Bubo bubo) auf. Für die Gegenwart muß vor allem noch der Jagdhund angeführt werden. Die Opfer der potentiellen Prädatoren waren in erster Linie frisch geworfene Katzen oder noch unerfahrene Jungtiere. Diese summarische Aussage läßt sich durch wenige Beobachtungen und einige aufgefundene Opfer belegen. Im Allgemeinen wird vermutet, dass das Hermelin (Mustela erminea) der gefährlichste Prädator ist. Das Hermelin (Mustela erminea) soll sich an den Kätzchen vergreifen, die zeitweise von der Mutter im Wurflager allein gelassen werden. Nach Bethlenfalvy (1937) würde kein Wildkatzenwurf in bestimmten Wäldern der Tatra überleben, wo das Hermelin häufig vorkommt. Auch alle Hauskätzchen, die in Scheunen oder unter Holzhaufen geboren wurden, werden gefressen, wenn die Kätzin auf Beutejagd unterwegs ist. Bornhalm (1970) berichtet, mehrere deutsche Jagdhüter bestätigen, dass Wildkatzen kaum Möglichkeiten haben, ihren Nachwuchs während der Populationsdichte des Hermelins (Mustela erminea) aufzuziehen. Auch andere Marderarten stellen jungen Wildkatzen nach. Unter nicht genau bekannten Umständen neigt der Kuder (Kater) sowohl in Gefangenschaft als auch in der freien Natur zum Kannibalismus. Nach De Leuw (1976) ist der Kuder (Kater) ein wirklicher Feind der Jungkatzen. Ein kräftiger Hund ist durchaus in der Lage, eine Wildkatze zu überwältigen. Nicht weniger oft erleiden Wildkatzen indirekt Schaden durch Jagdhunde. Flüchtet die aufgestöberte Wildkatze auf einen Baum, wird sie infolge jagdlichen Übereifers nicht selten erschossen. Steinadler (Aquila chrysaetos) und Wildkatze sind ebenbürtige Gegner und je nach den Umständen der eine oder der andere bei Kämpfen unterliegt. Das trifft natürlich nur für alte Katzen zu. Hirten aus Samaria auf der Insel Kreta berichteten, dass sie einen Steinadler (Aquila chrysaetos) mit erbeuteten jungen Wildkatzen beobachtet haben (Zimmermann 1952). Obwohl es durchaus möglich ist, dass der Uhu (Bubo bubo) mit seinen kräftigen Fängen Jungkatzen zu überwältigen vermag, gibt es nach Schauenberg (1981) keine Angaben über diesbezügliche Verluste. Allerdings schlägt der Uhu (Bubo bubo) Hauskatzen (Felis catus). Im Val di Vedro, oberhalb Iselle, auf der italienischen Seite des Simplon, wurden von einem Uhupaar 16 Hauskatzen (Felis catus) erbeutet. Im Allgemeinen respektieren sich beim gelegentlichen Zusammentreffen Uhu (Bubo bubo) und Wildkatze. <26>

Krankheiten

Geradezu sprichwörtlich bekannt ist, dass Katzen außerordentlich zählebig sind, denn sie besitzen eine gute Heilungstendenz bei Verletzungen. Eine Fraktur ganz gleich welcher Ursache, ist biologisch gesehen die Folge außergewöhnlicher äußerer Einflüsse auf die betroffenen Skeletteile. Da die Knochen ein lebendes Organsystem sind, haben sie unter anderem die Fähigkeit, fehlende Knochenverbindungen durch Regeneration wieder zu ersetzen. Das gilt beim Tier aus der freien Natur natürlich nur für Frakturen ohne äußere Verletzungen, sofern das betroffene Tier eine gute Konstitution aufweist und die ersten Tage nach dem Unfall ruhig in einem geschützten Lager verweilen kann, bis die Fragmente durch kallöse Bindemittel wieder verschmolzen sind. Von einer Selbstheilung sollte aber nur dann gesprochen werden, wenn sich das betroffene Individuum wieder artgemäß fortbewegen und ernähren kann. Der Anteil der an Krankheiten verendeten Wildkatzen nimmt mit 15 ermittelten Exemplaren den vierten Platz unter den Verlusten ein. Obwohl aus der freien Wildbahn bisher noch kein Nachweis von Katzenstaupe erbracht werden konnte, dürfte die Dunkelziffer beachtlich sein. Diese Virus-Infektion ist bei Caniden weltweit verbreitet. Inzwischen hat man erkannt, dass nicht nur der Rotfuchs (Vulpes vulpes), sondern auch alle Marderarten und die Wildkatze für die Staupe empfängliche Wildarten sind. Auch wenn mehrere Nachweise von Tollwut erkrankter Wildkatzen vorliegen und die Wildkatze für die Verbreitung von Tollwut verantwortlich gemacht wird, so konnte dies entkräftet werden, hier sei auf Parent (1975) verwiesen. Seine eingehende Darstellung der Ausbreitung der Wildkatze nach 1949 in Lothringen und die der Tollwut ab 1966 ergab, dass trotz Ausrottung des Fuchses (Vulpes vulpes) keine Synchronisation zwischen beiden Erscheinungen besteht. Abgesehen von bestimmten Zahnanomalien ohne pathologischen Charakter haben die Wildkatzen in der Regel ein intaktes Gebiß. Lediglich ein altes Männchen wies im Unterkiefer vereiterte Canini auf, die nach einer allgemeinen Sepsis den Tod des Tieres verursachten. <26>

Wildkatze
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Wildkatze

An der Spitze der Verluste stehen die subadulten Individuen mit einem Anteil von 35,4 Prozent. Dabei fällt auf, dass die Männchen höhere Verluste erleiden als die Weibchen. Es ist durchaus verständlich, dass die jungerwachsenen Männchen durch ihre erhöhte Aktivität stärker gefährdet sind. Nach Eintritt der sexuellen Reife suchen sie in der Dispersionsphase sowohl ein geeignetes Revier als auch eine Partnerin, um sich fortzupflanzen. Die meisten jungen Männchen müssen sicher abwandern, denn mit zunehmender Populationsdichte verschärft sich die intraspezifische Rivalität. Die maximale Lebenserwartung von Wildkatze und Hauskatze liegt etwa bei 12 bis 15 Jahren, für erstere wurde die Lebenserwartung zu hoch eingeschätzt. Es ist bekannt, dass kleinere Tierarten relativ früher geschlechtsreif werden und eine hohe Reproduktionsrate aufweisen, dagegen aber eine kürzere Lebenserwartung. Diese Tendenz trifft wohl auch für die Wildkatze zu, den kleinsten Vertreter der Familie der Katzen (Felidae) in der paläarktischen Region. Sie wird im ersten Lebensjahr geschlechtsreif und bringt einen oder zwei Würfe mit maximal fünf bis sechs Jungen zur Welt. Bei dieser Vermehrungsrate bleibt die Populationsdichte konstant, sofern die Gesamtmortalität durch anthropogene Einflüsse den Rahmen der natürlichen Mortalität nicht übersteigt (additiver Effekt). <26>

Da die Lebenserwartung der Wildkatze größer ist als die Zeitspanne bis zum Erreichen der Geschlechtsreife, überlappen sich die Generationen. Maßgebende Einflußfaktoren auf den Bestand der Population sind außerdem folgende Faktoren:

  1. Es müssen im Biotop genügend artgerechte Beutetiere und Wurfplätze vorhanden sein, denn die Kapazität des Biotops und die maximal mögliche Populationsdichte wird durch diese primären Parameter bestimmt.
  2. Auf die Dynamik der Populationsdichte einwirkende spezielle Mortalitätsfaktoren sind vor allem die Fluktuation im Nahrungsangebot (Massenvermehrungen von Mäusen (Mus) oder deren Zusammenbrüche), Krankheiten, Temperatur- und Witterungseinflüsse sowie direkte Verluste durch den Menschen.

Beide Faktorengruppen treffen wirkungsmäßig oft zusammen, so dass sie sich überlappen und deshalb eine exakte Trennung nicht möglich ist. Dies vor allem deshalb, weil noch viel zuwenig sichere Erkenntnisse und Erhebungen aus der freien Wildbahn über die Aut-, Dem- und Synökologie der Wildkatze vorliegen. Gezielte Forschungsarbeit, zum Beispiel Bestandserfassung und telemetrische Überwachung einzelner Katzenfamilien erscheint dringend geboten. <26>

Parasiten

Gleich dem noch lückenhaften Wissen bezüglich der Ökologie und Biologie der Wildkatze fehlt es auch an systematischen Untersuchungen über die Innenschmarotzer (Endoparasiten) und Außenschmarotzer (Ektoparasiten) nahezu für das gesamte Verbreitungsgebiet. Eingehende Kenntnisse über die Parasitenfauna dieser Tierart sind wichtig bei der Aufklärung der Pathogenese einiger Krankheiten der Katzen, außerdem muß man die Möglichkeit der Übertragung von Parasiten auf andere Säugetiere (Mammalia) im Lebensbereich der Wildkatze in Betracht ziehen. Die von Mendheim für Haltenorth (1957) aufgestellte Parasitenliste hat inzwischen keine wesentliche Erweiterung erfahren. Mituch (1972) untersuchte in der Slowakei 155 Wildkatzen, davon wiesen 135 Exemplare einen positiven Parasitenbefund auf. Nachstehend eine Aufzählung der 13 festgestellten Arten von Eingeweidewürmern: <26>

Bandwürmer (Cestoda) Fadenwürmer (Nematoda)
Taenia crassiceps Aelurostrongylus abstrusus
Hydatigera taeniaeformis Uncinaria stenocephala
Dipylidium caninum Ancylostoma caninum
Mesocestoides lineatus Physaloptera sibirica
. Capillaria felis cati
. Thominx aerophilus
. Trichinella spiralis
. Toxocara mystax
. Toxascaris leonina.

Im Rahmen einer ebenfalls in der Slowakei durchgeführten Untersuchung umfangreicher Serien von Wild- und freilebenden Tieren auf Helminthen (Würmer) stellten Bačinský und Špenik (1973) folgendes fest: Katzen weisen eine deutlich höhere Befallsintensität an Helminthen (Würmer) auf (Hauskatze (Felis catus) 53,33 Prozent, Wildkatze 66,66 Prozent) als Caniden (Haushund (Canis lupus familiaris) 32,14 Prozent, Rotfuchs (Vulpes vulpes) 33,33 Prozent). Haltenorth (1957) schreibt bezüglich seiner Liste der Endoparasiten, dass bei den Fadenwürmern (Nematoda) vor allem das Fehlen der Trichine bemerkenswert ist. Wenige Jahre danach stellte v. Braunschweig (1963) bei einem aus der Eifel stammenden, etwas abgekommenen Kuder (Kater) einen geringen Trichinenbefall fest. Mituch (1972) führt diese Art auch in seiner Aufzählung der Fadenwürmer (Nematoda) für die Slowakei an. Sicher kommt die Trichinose bei der Wildkatze auch in anderen Verbreitungsgebieten Mitteleuropas vor, was aber noch zu beweisen ist. Eine Bearbeitung der Parasitenfauna von der Wildkatze in Slowenien führten Brglez & Železnik (1976) durch. Von 1965 bis 1974 wurden 40 Muskelproben trichinoskopisch untersucht. Larven von Trichinella spiralis wies man bei 9 Tieren (22,5 Prozent) nach. Nur bei 12 Tieren wurde eine komplette Untersuchung nach Organsystemen durchgeführt, die folgende Endoparasiten erbrachte: Toxascaris leonina bei zwei (16,6 Prozent), Toxocara cati bei acht (66,6 Prozent), Ollulanus tricuspis bei zwei (16,6 Prozent), Taenia taeniaeformis bei zehn (83,3 Prozent) und Mesocestoides lineatus bei zwei (16,6 Prozent) der untersuchten Wildkatzen. Oocysten der Isospora bigemina fand man nur bei einem Exemplar (8,3 Prozent). Dieser Erreger der Kokzidiose ruft pathogene Veränderungen der Magenschleimhaut hervor, neben umfangreichen Schleimhautabsonderungen wurden auch Blutungen, Ulzerationen und eine stärkere Hyperplasie des Drüsenepithels ermittelt. Stark von Helminthen (Würmer) sind auch die kaukasischen Wildkatzen befallen. Von zehn untersuchten Tieren wurden bei acht Nematoden (1 bis 70 Exemplare) und bei allen Gestoden (6 bis 73 Exemplare) gefunden. <26>

Bei einigen Vertretern aus Grusinien wies man fünf Arten von Helminthen (Würmer) nach (Heptner & Sludskij 1980). Bei den Nahrungsanalysen Harzer Wildkatzen fand man in mehreren Mägen Toxocara cati, maximal 27 Stück, eine bei Katzen häufige Spulwurmart. Ab 1987 wird jeder anfallende Verdauungstrakt systematisch auf Parasiten untersucht. Schierhorn & Schuster (1990) ermittelten, dass das Endoparasitenspektrum und die festgestellte Befallsextensität von 85 Prozent bei der Wildkatze der streunender Hauskatzen (Felis catus) (82,9 Prozent) ähnelt. Daraus leitet sich ein hoher Grad wechselseitiger Infektionen mit Helminthen (Würmer) ab. Der häufige Nachweis von Bandwürmern der Gattungen Hydatigera und Mesocestoides sowie des Spulwurms Toxocara mystax steht mit der vorwiegend aus Kleinsäugern bestehenden Ernährungsweise der Wildkatze im Zusammenhang. Aus der Harnblase isolierte Capillaria plica weisen darauf hin, dass die Wildkatze gelegentlich auch Regenwürmer (Lumbricidae) zu sich nimmt. Der stärkere Parasitenbefall der Kuder (Kater) korreliert mit deren größerem Aktionsradius. <26>

An Ektoparasiten sind von der Wildkatze vor allem Kieferläuse (Mallophaga) und Flöhe (Siphonaptera) bekannt. Nach v. Kéler (1953) galten die Kieferläuse von der Wildkatze als konspezifisch mit den Kieferläusen der Hauskatze (Felis catus), Felicola subrostratus. Nach Untersuchung einer Mallophagenausbeute von einem Kuder (Kater) aus dem Harz beschrieb v. Kéler als neue Art Felicola subrostatus gefunden wurde. Nach v. Kéler bleibt festzustellen, ob die Wildkatze in Schottland regelmäßig von diesen Kieferläusen parasitiert ist, oder ob es sich bei diesem Fund um einen Zufall gehandelt hat. Bislang wurden keine stark verlausten Wildkatzen angetroffen, sondern man fand nur auf einem abgekommenen Kuder (Kater) Mallophagen. Nach der von E. Mey vorgenommenen Determination handelte es sich um 5 Männchen, 27 Weibchen und eine Larve von Felicola hercynianus. Mey weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die morphologischen Unterschiede zwischen Felicola subrostatus und Felicola hercynianus gegen eine nähere Verwandtschaft beider Kieferläuse-Arten sprechen, so dass offenbar die Auffassung, unsere Hauskatze (Felis catus) stamme von der Wildkatze ab, aus parasitologischer Sicht keine Stützung erfährt. Es sei noch erwähnt, dass die Wildkatzen-Kieferlaus nach dem aktuellen Stand der Kenntnisse in eine andere Gattung gestellt worden ist und nach Mey (1988) nun folgenden Namen trägt: Lorisicola hercynianus (v.Kéler 1957). <26>

An blutsaugenden Flöhen (Siphonaptera) kommen auf der Wildkatze aus der Familie Pulicidae zwei Arten vor, der überwiegend auf der Katze parasitierende Katzenfloh (Ctenocephalides felis) und der Kaninchenfloh (Spilopsyllus cuniculi). Als Warmblüter besitzt die Wildkatze für die Entwicklung der Flöhe (Siphonaptera) für die nicht parasitären Larvenstadien ein geeignetes Lager. Zelebor (1864) schreibt, dass die Flöhe (Siphonaptera) in den warmen Monaten die Katze im Lager belästigen, sogar zum Wechsel der Unterkunft zwingen. Wenn die Flöhe (Siphonaptera) überhand nehmen, bringt die Kätzin ihre Jungen in ein anderes Lager. Nach Sokolov (1963) würde die Katze lange das gleiche Lager bewohnen und es erst verlassen, wenn die Flöhe (Siphonaptera) sich vermehren (Schauenberg 1981). Da die Flöhe (Siphonaptera) das Wirtstier meist bald nach dem Tod verlassen, fand man lediglich auf zwei Katzen einmal fünf und das andere Mal einen Kaninchenfloh. Zweifellos besteht ein Zusammenhang mit dem Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus) als Beutetier, denn an beiden Fundorten der Wildkatzen lebten sie in großen Beständen. Als ein Anzeichen eines starken Befalls mit Flöhen (Siphonaptera) dürfte das beobachtete Staubbaden der Wildkatze zu werten sein. In der Regel ist jedoch das Parasiten-Wirts-Verhältnis in der freien Natur so ausgewogen, dass Wildkatzen in normaler Kondition weder durch die Endo- noch durch die Ektoparasiten einen lebensbedrohten Schaden erleiden. <26>

Gefährdung und Schutz

Die Wildkatze ist die häufigste und weit verbreiteste Art und wird aufgrund dessen in der Roten Liste der IUCN als Least Concern (nicht gefährdet) geführt. Allerdings, ist aufgrund der Hybridisierung mit der Hauskatze (Felis catus) ein globaler Rückgang der Wildkatze zu verzeichnen (Nowell & Jackson 1996, Sunquist & Sunquist 2002, Macdonald et al. 2004, Phelan & Sliwa 2006, Driscoll et al. 2007). Weitere Forschungen sind erforderlich, um eine erneute Bewertung der Wildkatze als bedrohte Art zu führen. Aufgrund des Populationsrückganges genetisch reiner Wildkatzen fällt die Wildkatze unter Kriterium A4e.

Die Graukatze (Felis bieti), auch als Gobikatze bekannt, früher als eigene Art, wird jetzt aufgrund eingehender genetischer Analysen als Unterart Graukatze (Felis silvestris bieti) geführt (Driscoll et al. 2007, Eizirik et al. 2008), ist anfälliger als die Wildkatze, das heißt die Graukatze (Felis silvestris bieti), Synonym Felis bieti, gilt heute nach der Roten Liste der IUCN als Vulnerable (gefährdet). <25>

In Deutschland gilt die Wildkatze als stark gefährdet, besonders in Nordrhein-Westfalen wird sie als vom Aussterben eingestuft (Rote Liste, Kategorie I). Letztendlich tragen die Einengung und Zerstörung des Lebensraumes durch Ausbau des Straßennetzes und der Bahnlinien sowie die Besiedlung des Menschen zum Rückgang der Wildkatze bei. Trotz maßgeblicher Schutzmaßnahmen und Artenschutzprojekte in Deutschland wird das Überleben der Wildkatze langfristig immer unwahrscheinlicher, da die Populationen zu klein und zu stark isoliert sind.


Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • [1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9] [10] [11] [12] [13] [14] [15] [16] [17] [20] [21] [22] [23] [24] [26]
    Dr. Rudolf Piechocki: Die Wildkatze (Felis silvestris) - 1. Auflage - Ziemsen. Die Neue Brehm-Bücherei. A. Ziemsen Verlag Wittenberg Lutherstadt 1990.ISBN 3-7403-0226-7
  • [18]Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999

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