Wildschwein

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Wildschwein

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Überordnung: Laurasiatheria
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Unterordnung: Nichtwiederkäuer (Nonruminantia)
Überfamilie: Suoidea
Familie: Echte Schweine (Suidae)
Unterfamilie: Schweineartige (Suinae)
Tribus: Suini
Gattung: Sus
Art: Wildschwein
Wissenschaftlicher Name
Sus scrofa
Linnaeus, 1758

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Das Wildschwein (Sus scrofa), das auch Schwarzwild genannt wird, gehört innerhalb der Familie der Echten Schweine (Suidae) zur Gattung Sus. Im Englischen wird die Art Wild Boar genannt. Erstmals beschrieben wurde das Wildschwein im Jahre 1758 von dem schwedischen Naturwissenschaftler Carl von Linné. In der Jägersprache spricht man von der Sau (Pl. Sauen) oder vom Schwarzkittel.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Äußere Anatomie

Das Wildschwein weist eine stämmige und gedrungene Gestalt auf. Der Kopf ist leicht dreieckig und setzt sich nur wenig vom Körper ab. Dem tragen vor allem der kräftige Nacken und Hals (Träger) sowie die kräftigen Schultern Rechnung. Der Rumpf ist lateral im Gegenteil zum Kopf leicht abgeflacht. Die Beine sind kräftig, jedoch relativ kurz. Die Färbung des grobborstigen Felles hängt stark vom Alter, von den Säugebedingungen und natürlich von der Ernährung ab. Auch klimatische Bedingungen spielen eine durchaus große Rolle.
Wildschwein in der "alten Fasanerie" Groß Auheim
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Wildschwein in der "alten Fasanerie" Groß Auheim
Die äußere Gestalt eines Wildschweins variiert je nach Alter, Geschlecht und Saison. Zwischen den Geschlechtern zeigt sich zudem ein deutlicher Dimorphismus, der lediglich bei juvenilen Schweinen und Frischlingen nicht oder nur wenig ausgeprägt ist. Weibchen, die auch als Bache bezeichnet werden, weisen einen schmaleren und längeren Kopf auf als die Männchen (Keiler). Auch der Widerrist ist ein wenig niedriger als bei den Männchen. In Abhängig von der Jahreszeit ist das Gesäuge der Weibchen mehr oder weniger deutlich zu erkennen. Zu den markanten Merkmalen der Keiler gehört der bauchseitige Haarbüschel. Der Haarbüschel umgibt im Wesentlich den Penis. Die Hoden liegen unterhalb des Afters. Das wohl markanteste Merkmal der Keiler sind die mächtigen unteren Eckzähne, die auch als Hauer bezeichnet werden. Diese treten vor allem bei Keilern über 7 Jahren in Erscheinung. Über recht imposante obere und untere Eckzähne können auch ältere Weibchen verfügen.

Die Beine der Wildschweine enden in Füße, die jeweils 4 Zehen aufweisen. Von den 4 Zehen sind jedoch nur die beiden mittleren Zehen kräftig ausgeprägt und weisen eine stützende Funktion auf. Sie sind durch Schalen (Hufe) geschützt. Die hinteren Zehen sind nur rudimentär vorhanden und liegen weiten oben am Lauf. In der Fortbewegung spielen sie keine Rolle. Der mächtige Kopf der Wildschweine endet in dem Rüssel. Der ist sehr robust und dient den Tieren zum Wühlen im Erdreich. Der Rüssel ist durch einen Knochen verstärkt, sehr beweglich ist daher nur die Scheibe. Die Ohren stehen weit hinten, leicht seitlich am Schädel aufrecht und weisen an den Spitzen lange, pinselartige Borsten auf. Die Ohren sind insgesamt sehr unbeweglich. Sie können nicht in verschiedene Richtungen gedreht werden. Der gerade geformte Schwanz endet in einer kleinen, pinselartigen Quaste. Mit dem Schwanz bringt ein Wildschwein vor allem seine Stimmung zum Ausdruck. Die Augen sitzen relativ weit oben, leicht seitlich am Schädel und sind eher klein. Der Sehsinn ist daher nur mäßig entwickelt. Sehr hoch entwickelt ist hingegen der olfaktorische Sinn (Geruchssinn).

Wildschweine erreichen je nach Unterart und Geschlecht eine Körperlänge von bis zu 200 Zentimeter, eine Schulterhöhe von bis zu 110 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 15 bis 40 Zentimeter sowie ein Gewicht von 45 bis 320 Kilogramm.

Gebiss

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Das bleibende Gebiss der Wildschweine besteht aus 44 Zähnen. Die zahnmedizinische Formel lautet i3/3, c1/1, p4/4, m3/3. Die Eckzähne des Unterkiefers eines Keilers werden mit zunehmendem Alter immer größer und imposanter. Die oberen Eckzähne sind hingegen deutlich schwächer ausgeprägt. Bei den Weibchen sind sowohl die oberen als auch die unteren Eckzähne deutlich kleiner als bei den Männchen. Die Eckzähne wachsen bei beiden Geschlechtern ständig nach. Sie reiben stets aneinander und schärfen sich so gegenseitig. Die unteren Eckzähne können bei einem ausgewachsenen Keiler eine Länge von mehr als 20 Zentimeter erreichen. Von dieser Länge liegt jedoch rund 1 Drittel im Kiefer verborgen. Die größte Länge eines unteren Eckzahnes erreichte eine imposante Länge von 38 Zentimeter. Die mächtigen Eckzähne dienen den Keilern der Verteidigung. Mit ihnen können sie auch größere Angreifer leicht verletzen oder sogar töten. Das Alter eines Wildschweins kann anhand des Gebisses bestimmt werden. Die untere Eckzähne (Gewehre) sind im Alter von 8 bis 10 Jahren ausgewachsen. Bei Tieren mit einem Alter von mehr als 8 Jahren ist der Durchmesser an der Wurzel der Eckzähne so groß wie an der Schleifecke. Bei Jungtieren ist der Durchmesser hingegen deutlich größer. Das Verhältnis der Durchmesser von den Eckzähne und der Schleifecke erlaubt eine grobe Bestimmung des Alters zwischen 2 und 8 Jahren. Eine zuverlässige Altersbestimmung ist jedoch nur bis zum 3. Lebensjahr zuverlässig möglich. Die Schätzung des Alters anhand des Abschliffes der Eckzähne ist nur sehr ungenau.

Fell

In der Jägersprache wird das Fell auch als Schwarte bezeichnet. Die Struktur und die Färbung des Felles richtet sich nach der Jahreszeit, dem Alter und der geografischen Herkunft eines Wildschweins. Zweimal pro Jahr kommt es bei den Wildschweinen zum Fellwechsel. Dies ist im Frühjahr und im Herbst der Fall. Das Fell der Frischlinge weist eine Tarnfärbung auf. Es ist hellbraun oder hellgrau bis rotbraun gefärbt und weist braune, dunkelbraune oder schwarzbraune Längsstreifen auf. Die Streifen sind im Schnitt etwa 20 Millimeter breit. Die Zeichnung verblasst spätestens im Alter von rund 4 Monaten und die Fellfärbung ändert sich in eine bräunliche Tönung mit mehr oder weniger stark ausgeprägtem gelblichbraunen Schimmer. Im Alter von 6 Monaten ist die Streifung vollständig verschwunden. Im Alter von spätestens 8 Monaten stellt sich die adulte, graubraune bis schwarzbraune, Färbung ein. Der erste Fellwechsel stellt sich bei den juvenilen Wildschweinen im Herbst ein, den Schweinen wächst also das Winterfell oder die Winterschwarte. Das Winterfell besteht aus grobem Deckhaar und einer sehr feinen, wollartigen Unterwolle. Die Unterwolle ist überwiegend weißlich bis gelblich gefärbt. Im Sommer weist das Deckhaar eine Länge von etwa 2 Zentimeter auf, im Winter eine Länge von bis zu 15 Zentimeter. Innerhalb einer Population kann es zu erheblichen Farbvariationen kommen. Das Fehlen schwärzlicher Pigmentierung beruht in der Regel auf Mutationen bzw. genetische Veränderungen.

Thermoregulation

Wildschweine weisen keine Schweißdrüsen auf. Diese sind jedoch zur Regulierung der Körperwärme notwendig. Da eine Überhitzung möglich wird, haben sich Wildschweine in ihrer Lebensweise an diesem Umstand angepasst. In subtropischen und tropischen Regionen verlagern Wildschweine ihre Hauptaktivität in die frühen Morgen- und Abendstunden sowie in die Nachtstunden (Sekhar, 1998). Zu dieser Zeit sind die Umgebungstemperaturen mehr oder weniger moderat. In gemäßigten Regionen wie beispielsweise die Paläarktis sind Windschweine auch tagaktiv. Tritt dennoch eine Überhitzung auf, so suchen Wildschweine sogenannte Suhlen auf, in denen sie sich im kühlen Schlamm wälzen (Gingerich, 1994).

Sinne und Kommunikation

Wildschweine zeichnen sich vor allem durch eine hohe Anpassungsfähigkeit und ein erstaunliches Gedächtnis bzw. Erinnerungsvermögen aus. Auch die wichtigsten Sinnesorgane sind teils hoch entwickelt. Besonders hoch entwickelt ist der Geruchssinn, also der olfaktorische Sinn. Es verwundert daher nicht, dass sich der Mensch dieser Sinne bedient. So werden Wildschweine mitunter als „Drogenschweine“ oder „Trüffelschweine“ eingesetzt. Die Flucht treten Wildschweine üblicherweise gegen den Wind an, um so einem potentiellen natürlichen Feind, Wilderer oder Jäger zu entkommen. Der Geruchssinn spielt darüber hinaus auch bei der Nahrungssuche eine entscheidende Rolle. Schnüffeln durchsuchen Wildschweine dabei die Humusschicht im Wald oder auf landwirtschaftlichen Flächen und Gärten. Innerhalb einer Rotte oder eines Familienverbandes spielt der Geruchssinn ebenfalls eine tragende Rolle. Wildschweine kommunizieren offensichtlich eifrig über Geruchsabsonderungen. Die Wechsel werden von den Tieren ebenfalls mit Ausscheidungen markiert. Man geht davon aus, dass sich Wildschweine gegenseitig am Geruch erkennen.
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Eine Bache erkennt ihren Nachwuchs ebenfalls am Geruch. Spezielle Duftdrüsen am Bauch sowie Drüsen zwischen den vorderen Schalen der Klauen sondern Sekrete ab, die hauptsächlich der Kommunikation und der Markierung dienen. Bei den Männchen zeigt sich an der Spitze des Penis (Brunftrute) eine Vorhautdrüse, über die während der Paarungs- bzw. Rauschzeit ein markanter Duft abgegeben wird, der von den Bachen registriert wird. Die rauchigen Bachen sondern ihrerseits über ihre Tränendrüsen Duftabsonderungen ab.

Gut entwickelt ist auch das Gehör. Selbst feinste Geräusche wie das Knacken eines Astes werden wahrgenommen und versetzt die Tiere in Alarmbereitschaft. Dennoch spielt der Geruchssinn eine deutlich größere Rolle, da vor allem die Nahrungssuche lautstark von Statten geht und so viele Geräusche einfach nicht gehört werden. Vernimmt ein Wildschwein ein Geräusch, so stellt es die Ohren auf und sichtet seinen Körper nach dem Geräusch aus. Dies ist nötig, da die Ohren nicht gedreht werden können. Bei der Erkennung von Feinden spielen Gehör und Geruchssinn Hand in Hand. Beide Sinne gewährleisten einen effektiven Schutz vor Feinden. Der Sehsinn ist nur mäßig entwickelt. Die Augen sind daher nur klein und spielen bei der Kommunikation und dem Erkennen von Gefahren nur eine untergeordnete Rolle. Man hat festgestellt, dass Wildschweine ausgesprochen kurzsichtig sind, aus der Ferne jedoch kleinste Bewegungen wahrnehmen können. Bei der Nahrungssuche kommt ein weiterer Sinn, der Tastsinn, zum Einsatz. Reize werden vor allen über die Vorderpfoten und über den Rüssel wahrgenommen. Trotz der Robustheit der Rüsselscheibe stellt sie ein außerordentlich sensibles Tastorgan dar. Die Scheibe ist wie auch die Oberlippe mit feinsten Härchen besetzt, die ihrerseits ein hohes Tastempfinden ermöglichen.

Lautäußerungen wie das Grunzen oder Blasen sind ein wichtiger Teil der Kommunikation und dienen auch der gegenseitigen Erkennung innerhalb einer Rotte oder Familiengruppe. Grunzlaute dienen hauptsächlich der Kontaktaufnahme. Sie variieren von Tier zu Tier und je nach Situation. Warnlaute richten sich an alle Tiere einer Gruppe und werden bei drohender Gefahr abgegeben. Warnlaute sind meist blasende, aber auch laut grunzender Laute. Darüber hinaus treten je nach Situation, Alter und Geschlecht verschiedene Kampf-, Verteidigungs-, Such-, Hunger-, Angst- und Klageleute in Erscheinung. Bei diesen Laute handelt es sich meist um sehr hohe und durchdringende Laute, die je nach Tier variieren können. Brummende Laute in Verbindung mit dem Schwingen des Schwanzes zeigen den Gemütszustand eines Tieres an. Männchen sind insgesamt schweigsamer als Weibchen.

Lebensweise

Allgemeines

Männchen verlassen ab einem Alter von 1 bis 2 Jahren den angestammten Familienverband. Sie schließen sich zunächst zu Rotten zusammen. Mit zunehmendem Alter verlassen die Keiler die Rotten und leben fortan einzelgängerisch. Sie gelten aus ausgesprochen wachsam und misstrauisch. Ihre Lebensweise kann zudem als heimlich bezeichnet werden. Dieses Verhalten ändert sich nur zur Paarungszeit. Zu dieser Zeit verlassen sie die schützende Deckung und halten sich in der Nähe geschlechtsreifer Bachen auf. Im folgenden wird detailiiert auf die Lebensweise und das soziale Leben in den Rotten eingegangen.

Suhlen

Wildschweinsuhle
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Wildschweinsuhle

Suhlen befinden sich meist in Wassernähe, also an den Rändern von Bächen, Pfützen oder ähnlichen Plätzen. Direkter Kontakt mit Wasser wird jedoch gemieden. Das Suhlen im Schlamm ist Teil der Körperpflege. Angetrockneter Schlamm wird an Bäumstämmen, Zaunpfählen oder ähnlichem abgerieben. So entledigen sich Wildschweine vor allem lästiger Parasiten wie Flöhe (Siphonaptera) und Zecken (Ixodida). Da Wildschweine aufgrund fehlender Schweißdrüsen nicht schwitzen können, dient das Suhlen auch der Abkühlung an warmen Tagen. Daher sieht man Wildschweine im Sommer deutlich häufiger beim Suhlen als im Herbst oder Winter. Verletzte Tiere suhlen vor allem, um Wunden zu behandeln oder Blutungen zu stillen. Ein von einer Meute Jagdhunden verfolgtes Wildschwein wird in Wassernähe Suhlen, um die Meute von der Fährte abzubringen. Die Bäume, an denen sich Wildschweine scheuern, werden als Malbäume bezeichnet. Meist handelt es sich bei den Malbäumen um Nadelbäume, da diese über eine sehr raue Rinde verfügen.

Aktivität

In der Nähe des Menschen sind Wildschweine fast ausschließlich nachtaktiv. Dies stellt eine Anpassung an das Leben im Kulturland dar. In Wildgehegen, wo Wildschweine den Menschen nicht mehr fürchten müssen, gehen sie wieder zu einer tagaktiven Lebensweise über. Am Tage ruhen Wildschweine im geschützten Lager. Diese liegen in der Regel in dichter Vegetation, in der die Schweine nur schwer auszumachen sind. Eher selten ruhen Wildschweine auf offenen Flächen wie Waldränder oder Lichtungen. Das Lager selbst ist einfach gebaut und reicht von einer einfachen Mulde, die nicht weiter ausgepolstert ist, bis hin zu mit Laub und trockenen Gräsern ausgepolsterten Lagerstätten. Letzteres ist vor allem in der kalten Jahreszeit der Fall. Im Sommer ruhen die Tiere meist auf blanker Erde. Wildschweine sind ausgesprochen reinliche Tiere. Sowohl Kot als auch Urin wird niemals in der Lagerstätte angegeben. Beim Kot spricht man auch von der sogenannten Losung.

Bewegung, Wanderungen

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Der Lebensraum von Wildschweinen ist in der Regel für einen bestimmten Zeitraum beschränkt. Feldstudien haben ergeben, dass die Streifreviere der Wildschweine je nach Größe der Rotte und je nach Nahrungsangebot eine Größe von 2.000 bis 5.000 Hektar aufweist. Nachgewiesen sind hedoch auch Gebiete in einer Größe von bis zu 20.000 Hektar. Nachgewiesen werden konnte dies mit Hilfe der Telemetrie. Eingefangene und markierte Wildschweine wurden meist im Umkreis von etwa 5 Kilometern erneut aufgegriffen. Als weiteste Wanderungen konnte eine Entfernung von 70 Kilometer nachgewiesen werden. Dies konnte sowohl für männliche als auch für weibliche Tiere nachgewiesen werden. Bedingt durch äußere Einflüsse erfolgen die Wanderungen und nicht selten auch die Nahrungssuche in der Nacht. Dies ist vor allem in Regionen mit einer hohen menschlichen Siedlungsdichte der Fall. Auch der hohe Jagddruck haben Wildschweine zu einem Nachttier werden lassen. Die Bewegung der Wildschweine wird in der Jägersprache als Ziehen bezeichnet. Langsamen Ziehen (0,2 bis 0,4 km/h) kommt vor allem bei der Nahrungsaufnahme zum Tragen, langsames Ziehen (0,4 bis 1,0 km/h) meist bei Strecken, die von der Nahrungsaufnahme unterbrochen werden. Zwischen zwei Punkten, beispielsweise zwischen der Lagerstätte und einem Nahrungsplatz kommt es zum mittelschnellen Ziehen (Trollen). Dabei werden Geschwindigkeiten von bis zu 2,5 km/h erreicht. Schnelles Ziehen (mehr als 2,5 km/h), das auch als Galopp bezeichnet wird, ist auf der Flucht zu beobachten.

Leben in Rotten

Eine Rotte weist den Charakter eines Familienverbandes auf. Eine Gruppe besteht meist aus 4 bis 6 Bachen und ihrem Nachwuchs. Die nächsten Wochen sind vor allem durch die Aufzucht und Erziehung des Nachwuchses geprägt. Mit zunehmendem Alter werden die Jungen immer selbständiger und entfernen sich immer weiter von der Rotte, finden jedoch immer wieder zur Gruppe zurück. Die Bildung einer neuen Rotte erfolgt für gewöhnlich im Sommer statt. Die Rotten brechen in der Regel in Frühjahr des kommenden Jahres auseinander. Innerhalb der matriarchalisch strukturierten Rotten herrscht eine strenge Ordnung, insbesondere eine strenge soziale Hierarchie. Jede Bache hat ihre Position in der Rangfolge. Die Größe einer Rotte variiert stark. Je mehr Bachen, desto mehr Frischlinge und einjährige Wildschweine weist eine Rotte auf. Bei einem reichhaltigen Nahrungsangebot kann eine Rotte durchaus eine Stärke von bis zu 50 Individuen aufweisen. Bild:Wildschwein010.jpg

Eine Rotte Wildschweine mit Frischlingen
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Eine Rotte Wildschweine mit Frischlingen
Eine Rotte wird, egal wie groß eine Rotte ist, von einer Leitbache angeführt. In der Regel ist dies das älteste Weibchen einer Gruppe, da sie über die meiste Erfahrung von den Weibchen einer Gruppe verfügt. Die Leitbache sorgt zum einen für den Schutz der Gruppe, zum anderen aber auch für die Versorgung mit Nahrung. Auf den Wanderungen durch das Revier einer Rotte zieht die Leitbache vor den anderen Gruppenmitgliedern her. Die Leitbache trifft auch die Wahl des Lagers, den Zeitpunkt der Ruhepausen und auch die möglichen Fluchtwege bei Gefahr. Als erfahrene Bache kennt die Leitbache die sichersten Wechsel, Wasserplätze, adäquate Lagerstätten und die besten Nahrungsplätze. Im Laufe der Zeit wird das Wissen einer Leitbache an untere Ränge weitergereicht. Stirbt eine Leitbache, so bricht in der Regel die Rotte auseinander oder eine andere erfahrene Bache übernimmt die Führung. Ist eine Leitbache krank oder stark geschwächt, so wird sie sofort ersetzt und in einen unteren Rang versetzt.

Die Rangfolge innerhalb einer Rotte richtet sich nach dem Alter, dem Geschlecht, aber auch nach dem Gewicht und der Größe. Der Leitbache sind meist andere erfahrene Bachen als Beibachen unterstellt, die sich andere Bachen dominant gegenüber verhalten. Stirbt eine Bache innerhalb einer Rotte, so wird deren Nachwuchs von anderen Bachen der Rotte aufgezogen. Frischlinge von fremden Bachen werden hingegen nicht angenommen. Rotten mit einem festen Territorium verhalten sich gegenüber anderen Gruppen ausgesprochen territorial. Gruppen, die in ein Stammterritorium einer anderen Gruppe eindringen nehmen einen niedrigeren Rang ein. In diesem Fall leben beide Rotten in Konkurrenz miteinander. Mitglieder, die die Geschlechtsreife erreicht haben werden aus der Rotte der Mutterbache ausgestoßen und schließen sich anderen Gruppen an oder bilden eine neue Rotte. Junge Männchen bilden meist eine eigene Rotte, die sich während der Brunftzeit jedoch auslöst und erst später - nach der Paarungszeit - wieder neu gebildet wird. Während der Ruhephasen, vor allem in den Ruhelagern, beginnt die ausgiebige Körperpflege. Meist reicht das Suhlen und das Scheuern an Bäumen nicht immer aus. Daher pflegen sich die Rottenmitglieder gegenseitig, um sich beispielsweise lästiger Parasiten zu entledigen. Zur Körperpflege gehört auch die mütterliche Pflege der Frischlinge. Die Körperpflege ist insgesamt ein Teil der sozial geprägten Verhaltensmuster.

Leben als Einzelgänger

Männchen verlassen meist schon sehr früh die mütterliche Rotte, spätestens jedoch mit Erreichen der Geschlechtsreife. Sie leben zunächst in kleineren Rotten, die sich ausschließlich aus Keilern unterschiedlichen Alters zusammensetzen. Mit der Zeit werden sie jedoch zu Einzelgängern . Dies ist in der Regel im Alter von 2 Jahren der Fall. Dabei verzichten sie auf die Sicherheit, die ein Leben in Rotten bietet. Ihre Lebensweise ist daher deutlich scheuer und heimlicher als bei den Bachen. Abgesehen von der Rauschzeit lassen sich einzelgängerisch lebende Keiler nicht in Gebieten mit anderen Wildschweinen blicken. Während der Ruhephasen halten sie sich im Dickicht oder an ähnlich geschützten Stellen verborgen.

Unterarten

Wildschwein im Wildpark Langenberg
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Wildschwein im Wildpark Langenberg

Verbreitung und Lebensräume

Vorkommen

Wildschweine sind in ganz Europa und Asien sowie in Japan verbreitet. Die 16 Unterarten kommen vom westlichen Europa, über das südliche Skandinavien, östlich bis ins östliche Asien und Japan, von Nordafrika, über Kleinasien und Indien bis nach Südostasien vor. In Teilen der südlichen USA, insbesondere in Kalifornien, Hawaii, Florida, South Carolina, Louisiana, Oklahoma, Georgia, Alabama, Arkansas und Arizona, im südlichen Argentinien, auf Neuguinea, Neuseeland, in Australien, auf Trinidad und in Puerto Rico wurden Wildschweine eingeführt und sind heute auch in freier Natur heimisch. In Großbritannien konnten seit Mitte des 17. Jahrhunderts keine Wildschweine mehr nachgewiesen werden.

Lebensräume

Wildschweine sind sehr anpassungsfähig und besiedeln daher fast alle Lebensräume. Auch die direkte Nachbarschaft zum Menschen wird keineswegs gemieden. Wildschweine besiedeln bevorzugt Wälder, Heckenlandschaften, landwirtschaftliche Flächen und Sumpfgebiete. Sie sind sowohl in der Ebene als auch in Höhenlagen der Mittelgebirge anzutreffen.
Lebensraum: offener Buchenwald
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Lebensraum: offener Buchenwald
Die Vielfalt an Lebensräumen erklärt auch das ausgesprochen große Verbreitungsgebiet der Wildschweine. Die Lebensräume zeichnen sich insbesondere durch ausreichend vorkommendes Wasser, Nahrung sowie Schutz und Ruhe aus. Immer eine entscheidende Rolle spielt Wasser. Wasser dient zum einen um den Durst zu stillen, zum anderen auch als Suhlfläche. Wildschweine nehmen in Abhängigkeit von der Jahreszeit fast täglich Schlammbäder - im Sommer öfters, im Winter entsprechend seltener. Wasser und Feuchtigkeit ist in Sumpfgebieten und anderen Feuchtgebieten besonders reichlich vorhanden. Da verwundert es nicht, dass diese Lebensräume besonders stark von Wildschweinen reflektiert werden. Auch wenn Wildschweine den direkten Kontakt zu Wasser eher meiden, so gelten sie dennoch als exzellente Schwimmer und können leicht einen Fluss oder einen See durchschwimmen. Flächen mit einem künstlich erzeugtem Nahrungsangebot wie beispielsweise Agrarflächen werden ebenfalls gerne besiedelt. Wasserreiche Lebensräume bieten ein meist ausreichende Nahrungsangebot. Im schlammigen oder morastigen Boden sind zahlreiche Beutetiere zu finden. In kollinen Zonen (Hügellandstufe), also dem Übergang vom Flachland (planar) zum Hügelland oder Bergen fühlen sich Wildschweine wohl. Ähnliches gilt für die submontane und montane Stufe (Mittelgebirgsstufe), bis hin zu zur subalpinen Stufe. In Hochgebirgen konnten Wildschweine bis in Höhen von etwa 1.700 Metern nachgewiesen werden. Darüber hinaus sind Wildschweine aufgrund der kurzen Vegetationsperiode nicht zu finden.

Agrarlandschaften werden von Wildschweinen vor allem wegen des üppigen Nahrungangebotes heimgesucht. Da ausgedehnte Feldlandschaften den Tiere auch am Tage ausreichend Schutz bieten, verlassen sie diese auch am Tage nicht. Der angestammte Lebensraum in Europa ist der Wald. Vor allem Eichen- und Buchenwälder werden gerne besiedelt. Die Wälder zeichnen sich darüber hinaus oftmals durch eine vielfältige Vegetation aus, die zudem genügend Schutz bietet. So werden vor allem naturnahe Hochwälder und Niederwälder bewohnt. Beliebt sind auch die Randbereiche zwischen Wäldern und Agrarflächen. Hier liegen Nahrungsplätze und Lagerstätten meist nah beieinander. Bei Bedrohung können Wildschweine leicht in schützende Wälder flüchten. Reine Nadelwälder werden eher selten besiedelt, da diese meist nahrungsärmer sind. Jedoch findet sich um dichten Gestrüpp von Nadelwäldern nicht selten das Lager (Einstand) der Wildschweine. Mischwälder werden als Lebensraum angenommen, wenn diese eine ausreichende Bodenvegetation bieten.

Biozönose

Prädator: der Wolf (Canis lupus)
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Prädator: der Wolf (Canis lupus)

Prädatoren und Parasiten

Ja nach Verbreitungsgebiet stellen den Wildschweinen zahlreiche Feinde nach. Dies sind beispielsweise Wölfe (Canis lupus), Braunbären (Ursus arctos), Rotluchs (Lynx rufus), Europäische Luchse (Lynx lynx), Tiger (Panthera tigris) und andere große Carnivoren. Kleinere Räuber wie Rotfüchse (Vulpes vulpes), Wildkatzen (Felis silvestris) sowie Greifvögel (Falconiformes) und Eulen (Strigiformes) haben es eher auf Frischlinge und juvenile Wildschweine abgesehen.

Krankheiten

Wildschweine gelten als Träger der klassische Schweinepest (KSP). Die Schweinepest ist eine Infektionskrankheit, die sich jedoch auf Europa und Asien beschränkt. Sie ist anzeige- und meldepflichtig, da eine Kontrolle der Krankheit kaum gegeben ist. Weitere Erkrankungen bei Wildschweinen sind die Maul- und Klauenseuche (MKS). Wildschweine sind anfällig für Trichinose, sie sind demnach die Wirte für bestimmte Trichinen (Trichinella). Auf den Menschen übertragen kann es zu Infektionskrankheiten wie Brucellose (Brucella suis). In Südostasien können von den Wildschweinen auch Tropenerkrankungen wie die Japanische Enzephalitis (JE) übertragen werden. Erreger wie Toxoplasma gondii rufen die Toxoplasmose hervor, die als Infektionskrankheit nicht nur Wildschweine, sondern auch den Menschen befällt.

Ernährung

Wildschweine zählen zu den opportunistischen Allesfressern. Anders als Hornträger (Bovidae) verfügen Wildschweine nicht über mehrere Mägen. An pflanzlicher Kost stehen insbesondere Waldfrüchte wie Eicheln (Quercus), die Samen der Buchen (Fagus), Kastanien (Castanea) und andere Früchte, sowie ober- und unterirdische Pflanzenteile, Kräuter, Gräser, Sämereien, Pilze (Fungi), Getreide wie Mais (Zea mays), Weizen (Triticum), Gerste (Hordeum), Roggen (Secale cereale), Hafer (Avena) und Reis (Oryza) auf der Speisekarte Schley & Roper, 2003.
Beliebtes Beutetier: der Tauwurm (Lumbricus terrestris)
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Beliebtes Beutetier: der Tauwurm (Lumbricus terrestris)
An tierischer Nahrung fressen Wildschweine verschiedene Invertebraten wie Tausendfüßer (Myriapoda), Schnecken (Gastropoda), Krebstiere (Crustacea), Insekten (Insecta) und deren Larven, Regenwürmer (Lumbricidae) wie den Tauwurm (Lumbricus terrestris), kleine Wirbeltiere (Vertebrata) wie Spitzmäuse (Soricidae), Mäuse (Mus), Maulwürfe (Talpidae), Vögel (Aves), deren Eier und Brut, sowie Strahlenflosser (Actinopterygii), Kriechtiere (Reptilia) und Lurche (Amphibia). Auch Aas wird keineswegs verschmäht. Fournier-Chambrillon et al., 1996, gehen davon aus, dass pflanzliche Nahrung leicht überbewertet ist, da tierische Kost schneller verdaut wird. Langzeitstudien zeigen jedoch, dass pflanzliche Nahrung dominiert. Im Nahrungsverhalten weisen Wildschweine ein hohes Anpassungsverhalten auf. Sie sind ohne Probleme in der Lage, mit lokalen Ressourcen zu Recht zu kommen. In Wäldern, im Grünland oder im Agrarland zeigen Wildschweine bei massenhaftem Auftreten ein hohes Potential für Schäden an jährlichen Kulturen. Die kräftig entwickelten Eckzähne setzen Wildschweine ein, um den Boden nach Nahrung zu durchwühlen.

Die aufgenommene Nahrung schwankt je nach Jahreszeit. Im Herbst werden vor allem Waldfrüchte gefressen, die zu Boden gefallen sind. Während dieser Zeit stellen Früchte gut 80 Prozent der Nahrung dar. Zu den Früchten werden auch Beeren wie Brombeeren, Erdbeeren, Schlehen, Hagebutten und Getreide gefressen. Mais steht unter den Getreidearten besonders hoch im Kurs. Getreidearten mit Grannen wie Gerste, Roggen oder Weizen werden eher vernachlässigt. Gräser und Kräuter machen mit etwa 2 Prozent nut einen kleinen Teil der Nahrung aus. Holzige Nahrung wie Wurzeln stellen etwa 3 bis 4 Prozent am Nahrungsaufkommen. Im Frühjahr werden vor allem Wurzeln und andere unterirdische Pflanzenteile, aber auch Regenwürmer und Engerlinge gefressen. In den Sommermonaten stehen vor allem Blätter, junge Triebe, Pflanzenstängel einen Teil der Nahrung.

Fortpflanzung

Die Paarungszeit der Wildschweine ist im Wesentlichen an keine feste Jahreszeit gebunden. Die Hauptpaarungszeit erstreckt sich in den gemäßigten Breiten über den Herbst und den Winter. In Europa ist vor allem in den letzten Jahrzehnten zu beobachten, dass Bachen ganzjährig Nachwuchs zur Welt bringen. Die Brunft beschreibt dabei den physiologischen Zustand der Paarungsbereitschaft der Wildschweine. Ein Weibchen kann theoretisch alle 21 Tage brünftig (rauchig) sein. Dieser theoretische Brunftzyklus wird jedoch von verschiedenen Faktoren eingeschränkt. Zum einen fallen die meisten Geburten zwischen Januar und Juni, zum anderen spielt das Sozialgefüge in den Rotten und die Jahreszeiten eine entscheidende Rolle. Selbst die Bejagung hat einen Einfluss auf das Fortpflanzungsverhalten der Wildschweine.

Geschlechtsreife und Östrus

Ein Weibchen kann die Geschlechtsreife zwischen dem 8. und 18. Monat die Geschlechtsreife erreichen. Der Zeitpunkt der Geschlechtsreife hängt bei einem jungen Weibchen von mehreren Faktoren ab. Entscheidende Faktoren sind insbesondere der Gesundheitszustand, der körperlichen Entwicklung und der Ernährungszustand. Die Geschlechtsreife wird meist mit einem Gesicht von 30 bis 40 Kilogramm erreicht. Der Zeitpunkt der Geschlechtsreife hängt auch davon ab, wann ein Weibchen geboren wurde. Kam ein Weibchen im Winter zur Welt und die Mutter hatte genug Milch, ist es möglich, dass ein Weibchen schon im ersten Herbst oder Winter die Geschlechtsreife erreicht. Kommt der Nachwuchs erst gegen Ende des Frühjahrs oder im Sommer zur Welt, so ist die Geschlechtsreife im ersten Herbst oder Winter nicht zu erreichen, da die körperliche Entwicklung nicht abgeschlossen ist. Bei den Keilern hängt die Geschlechtsreife im Wesentlichen von der Entwicklung und Größe der Hoden ab. Das Gewicht der Hoden liegt beim Erreichen der Geschlechtsreife bei etwa 50 Gramm. Dies ist etwa im Alter von 10 Monaten der Fall. Der Östrus der Weibchen beträgt wie bereits erwähnt 21 Tage. Daraus ergibt sich die Tatsache, dass ein Weibchen theoretisch alle 3 Wochen gedeckt (beschlagen) werden kann. Empfänglich ist ein Weibchen für 1,5 bis 2 Tagen. Ein Weibchen wird jedoch nicht rauchig, wenn es bereits trächtig ist oder Nachwuchs zu versorgen hat. Einen weiteren Einfluss auf die Rauschigkeit wirkt das Tageslicht aus. Die Empfänglichkeit wird in den Sommermonaten unterdrückt. Dieses Phänomen wird auch als Photoperiodismus bezeichnet. Innerhalb einer Rotte ist die Rauschigkeit unter den Weibchen in aller Regel synchronisiert. Vor allem im Herbst lösen die kürzeren Tage die Rauschigkeit aus. In dieser wichtigen Phase spielen die Leitbachen einer Rotte eine besondere Rolle. Leitbachen markieren zu diesem Zeitpunkt bestimmte Bäume mit Speichel und Absonderungen aus ihren Tränendrüsen. Diese Markierungen stellen Geruchsmarkierungen für die Männchen dar und signalisieren die Paarungsbereitschaft. Treffen mehrere Keiler bei einer Rotte mit Bachen ein, so kommt es unter den Keilern nicht selten zu erbitterten Kommentkämpfen. Dabei stehen sie Schulter an Schulter, blasen heftig und zeigen so ihren Unmut. Auch wenn diese Kommentkämpfe erbittert geführt werden, so kommt es nur selten zu Todesfällen unter den Kontrahenten. Meist zieht sich ein schwächerer Kontrahent zeitig zurück. Die Synchronisation der Rauschzeit ermöglicht es den Bachen einer Rotte, zur gleichen Zeit zu Werfen und den Nachwuchs aufzuziehen. Diese Tatsache wahrt letztlich den sozialen Zusammenhalt innerhalb einer Rotte.

Paarung, Tragezeit, Geburt und Aufzucht

Jungtier (Frischling)
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Jungtier (Frischling)

Hat ein Keiler sich gegen Kontrahenten durchgesetzt, hat er Zugang zu den paarungsbereiten Bachen, wobei die Weibchen den Zeitpunkt der Begattung (Beschlag) bestimmen. Dieser Zeitpunkt befindet sich im Zeitraum der Empfänglichkeit zwischen den einzelnen Zyklen. Bis zum Zeitpunkt wo ein Weibchen die Paarung zulässt, muss ein Keiler einem Weibchen folgen, um im entscheidenden Moment anwesend zu sein. In der Regel begattet ein Keiler, wenn es soweit ist, alle paarungsbereiten Weibchen in einer Rotte. Der Keiler prüft die Paarungsbereitschaft, indem er seinen Kopf unter den Bauch eines Weibchen schiebt und durch leichte Hiebe die Flanken massiert. Entzieht sich das Weibchen dem Keiler, so folgt er ihr und wiederholt das Ritual. Gibt das Weibchen am Ende nach, so folgt die Kopulation durch aufreiten. Die Kopulation dauert für gewöhnlich einige Minuten, bei beachtlichen Mengen an Sperma abgegeben werden.

Die Tragezeit beträgt beim Wildschein beträgt durchschnittlich 114 (100 - 140) Tage. Dies entspricht der Tragezeit beim Hausschwein. Während der Tragezeit weisen die trächtigen Weibchen eine hohen Nahrungsbedarf auf. Die Weibchen sind während dieser Zeit daher permanent auf Suche nach Nahrung. Die Geburt erfolgt an einer geschützten und ruhigen Stelle. In der Regel liegen diese Stellen im schutzenden Unterholz von kleinen Wäldchen, Hecken oder ähnlichen Stellen. Der Wurfkessel wird vom Weibchen mit trockenen und weichen Gräsern und Laub ausgepolstert. Die Bache hält den Wurfkessel sauber und verbringt nasses Material an den Rand und hält die Mitte durch neues Kesselmaterial immer trocken. Ein Wurf besteht meist aus 1 bis 7 Jungtieren, die auch Frischlinge genannt werden. Das Geschlechterverhältnis bei den Jungen liegt bei etwa 1:1. In den ersten Lebenswochen bleiben die Jungen ausschließlich im Nest und die Mutter kommt 8 bis 10 mal am Tag zum Säugen vorbei. Die Mutter entfernt sich jedoch nie sehr weit vom Wurfkessel. Auch wenn die Jungen in den ersten 2 Wochen im Nest verbleiben, können sie bereits kurz nach der Geburt auf eigenen Beinen stehen. Unmittelbar nach der Geburt durchbeißt der Nachwuchs die Nabelschnur selbst durch. Die Jungen werden auch nicht von der Mutter sauber geleckt. Die Sinne der Jungen sind bereits bei der Geburt soll entwickelt. Mit zunehmendem Alter bildet sich unter den Jungschweinen eine Hierarchie heraus. Bereits nach ein Paar Tagen im Lebens der Frischlinge hat jedes Junge seine eigene Zitze am Gesäuge der Mutter erobert. Bereits im Frischlingsalter zeigt sich das zukünftige Sozialverhalten. Die Jungen kämpfen spielend miteinander, verfolgen sich gegeneinander und pflegen sich gegenseitig. Da die Jungen ihre Körpertemperatur nicht selbst regulieren können, drängen sie sich vor allen in den ersten Lebenswochen während der Ruhephasen eng aneinander. Eine hohe Mortalität ist nicht selten auf eine Unterkühlung zurückzuführen. Jungtiere nehmen etwa ab dem 15. Lebenstag ihre erste feste Nahrung zu sich und bis zur 10. Lebenswoche ist die Entwöhnung abgeschlossen.

Die Anzahl der Frischlinge in einem Wurf hängt im Wesentlichen vom Gewicht einer Bache und deren Kondition ab. Eine Bache mit einem Gewicht von 30 bis 40 Kilogramm bringt meist 2 bis 3 Junge aus, bei einem Gewicht von 40 bis 50 Kilogramm 4 bis 5 Junge. Alte Bachen können leicht ein Gewicht von 80 Kilogramm aufweisen. Sie können 5 bis 8 Junge zur Welt bringen. Die Anzahl der Würfe liegt pro Jahr meist bei einem, in seltenen Fällen 2 Würfe bzw. 3 Würfe in 2 Jahren. Etwa 30 Tage nach dem Werfen verfällt ein Muttertier wieder in den normalen Lebensrhythmus. Die Bachen finden sich mit ihrem Nachwuchs wieder in den Rotten ein.

Ökologie

Interaktion mit anderen Arten

Nahrungskonkurrent: der Rothirsch (Cervus elaphus)
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Nahrungskonkurrent: der Rothirsch (Cervus elaphus)

Im Lebensraum interagieren Wildschweine aufgrund ihrer omnivoren (Allesfresser) Ernährungsweise mit zahlreichen anderen Tierarten. Hier sind insbesondere Nahrungskonkurrenten zu nennen. Dies sind je nach Vorkommen der Bären (Ursidae) wie der Braunbär (Ursus arctos) oder der Amerikanische Schwarzbär (Ursus americanus), der Weißwedelhirsch (Odocoileus virginianus), der Rothirsch (Cervus elaphus), das Europäische Reh (Capreolus capreolus), aber auch kleine Säuger wie das Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) oder das Europäische Eichhörnchen (Sciurus vulgaris). Zu den Nahrungskonkurrenten gehören auch zählreiche Vögel (Aves), insbesondere Fasanenartige (Phasianidae) wie das Truthuhn (Meleagris gallopavo). Vor allem in Regionen, wo Wildschweine als Neozoa eingeführt wurden, kann dies zu erheblichen Problemen in der einheimischen Flora und Fauna führen. Es kommt oftmals, insbesondere bei massenhaftem Auftreten, zu weit reichender Zerstörung der unter Vegetationsschichten. Besonders betroffen sind hier auch bodenbrütende Vögel. Gleiches gilt auf landwirtschaftlichen Flächen wie Felder und Gartenanlagen. In den Vereinigten Staaten sind in den Regionen, wo Wildschweine vorkommen, einige Mausarten bedroht. Hier ist insbesondere die Nördliche Kurzschwanzspitzmaus (Blarina brevicauda), die Nordamerikanische Rötelmaus (Myodes gapperi). Auch einige Lurche aus der Gattung der Waldsalamander (Plethodon) wie der Rotwangen-Waldsalamander (Plethodon jordani) gelten wegen den Wildschweinen lokal als bedroht (Laylock 1984, Singer et al. 1984).

Geschichtliches und Domestizierung

Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet erstreckte sich über Europa und Asien. Heute sind Wildschweine in weiten Teilen der Erde verbreitet. Meist wurde sie von den ersten Siedlern eingeführt und gedeihen prächtig. In den USA wurden die ersten Wildschweine durch den Seefahrer Hernando De Soto um 1539 eingebürgert. Wahrscheinlich wurde einige Wildschweine aus Versehen freigelassen oder es handelte sich um Gefangenschaftsflüchtlinge. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Tiere großflächig eingeführt. Gingerich (1994) geht davon aus, dass es sich bei den Wildschweinen in der Golfregion um eine Mischung aus spanischen und russischen Wildschweine handelt. Auf Hawaii haben wahrscheinlich polynesische Seefahrer vor etwa 1.000 Jahren die ersten Wildschweine eingeführt (Nowack 1991). Wildschweine gehörten zu den ersten Tieren, die vom Menschen domestiziert wurden. Geschichtlich dokumentiert ist die Domestizierung vor 7.000 Jahren im alten China. Einige Forscher gehen jedoch von einem Zeitraum von vor 10.000 Jahren aus (Nowack 1991). Durch selektive Zucht ist im Laufe der Zeit das heutige Hausschein entstanden. Hausschweine und Wildschweine sind miteinander fruchtbar.

Wirtschaftlichen Folgen einer Invasion

Große Schäden richten Wildschweine nicht nur in Forstbeständen an, sondern vor allem auch in der Landwirtschaft. Betroffen ist besonders der Getreideanbau. Begeht sind bei den Wildschweinen insbesondere Mais (Zea mays), Hafer (Avena), Weizen (Triticum), in den USA auch Sojabohnen (Glycine max). In der Fortwirtschaft sind junge Baumbestände besonders gefährdet. Wildschweine machen aber auch vor Gärten und Parkanlagen keinen Halt und richten hier mitunter erheblichen Schaden an. Schuld an den Schäden ist vor allem die destruktive Futtersuche, bei der der Boden regelrecht umgepflügt wird. Dort wo Wildschweine gewütet haben droht nicht selten Erosion und Nährstoffverlust. Im Extremfall kann es auch zu einem Totalverlust an heimischer Vegetation kommen.

Das Wildschwein in der Jägersprache

Wildschweintrophäe
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Wildschweintrophäe
Anatomische Merkmale
Wurf = Kopf
Träger = Hals
Pinsel = Haarbüschel in der Leistengegend der Keiler
Brunftrute = Penis
Kurzwildbret = Hoden
Weidloch = After
Hintere Schenkel = Keulen
Ohren = Teller
Hauer oder Gewehre = untere Eckzähne (m)
Haderer = obere Eckzähne (m)
Haken = untere und obere Eckzähne (w)
Gebrech = Rüssel
Bürzel = Schwanz
Lichter = Augen
Geäfter = hintere Zehen an den Füßen
Schwarte = Fell
Bezeichnung nach Alter
Frischling = Jungtiere bis zum Alter von 12 Monaten (m/w)
Überläufer = einjährige Tiere (m/w)
Grobe Sau = Tier ab 3. Lebensjahr (m/w)
Angehendes Schwein = 3- bis 4-jähriger Keiler
Hauendes Schein = 5- bis 6-jähriger Keiler
Hauptschwein = Keiler ab dem 7. Lebensjahr.
Basse = Keiler ab dem 7. Lebensjahr.
Alte oder Grobe Bache = Bache ab dem 4. Lebensjahr
Ziehen = Gehen
Sonstige Bezeichnungen
Rauschzeit = Paarungszeit

Synonyme

Das Wildschwein und seine Unterarten sind unter zahlreichen, heute jedoch veralteten Synonymen bekannt. Dies sind nach Wilson & Reeder, 2005, folgende Synonyme: andamanensis (Blyth, 1858), babi (Miller, 1906), enganus (Lyon, 1916), floresianus (Jentink, 1905), natunensis (Miller, 1901), nicobaricus (Miller, 1902), tuancus (Lyon, 1916), aruensis (Rosenberg, 1878), ceramensis (Rosenberg, 1878), goramensis (De Beaux, 1924), niger (Finsch, 1886), papuensis (Lesson & Garnot, 1826) und ternatensis (Rolleston, 1877).

Gleiches gilt für die einzelnen Unterarten:

Sus scrofa scrofa
anglicus (Reichenbach, 1846), aper (Erxleben, 1777), asiaticus (Sanson, 1878), bavaricus (Reichenbach, 1846), campanogallicus (Reichenbach, 1846), capensis (Reichenbach, 1846), castilianus (Thomas, 1911), celticus (Sanson, 1878), chinensis (Linnaeus, 1758), crispus (Fitzinger, 1858), deliciosus (Reichenbach, 1846), domesticus (Erxleben, 1777), europaeus (Pallas, 1811), fasciatus (von Schreber, 1790), ferox (Moore, 1870), ferus (Gmelin, 1788), gambianus (Gray, 1847), hispidus (von Schreber, 1790), hungaricus (Reichenbach, 1846), ibericus (Sanson, 1878), italicus (Reichenbach, 1846), juticus (Fitzinger, 1858), lusitanicus (Reichenbach, 1846), macrotis (Fitzinger, 1858), monungulus (von Waldheim], 1814), moravicus (Reichenbach, 1846), nanus (Nehring, 1884), palustris (Rütimeyer, 1862), pliciceps (Gray, 1862), polonicus (Reichenbach, 1846), sardous (Reichenbach, 1846), scropha (Gray, 1827), sennaarensis (Fitzinger, 1858), sennaarensis (Gray, 1868), sennaariensis (Fitzinger, 1860), setosus (Boddaert, 1785), siamensis (von Schreber, 1790), sinensis (Erxleben, 1777), suevicus (Reichenbach, 1846), syrmiensis (Reichenbach, 1846), turcicus (Reichenbach, 1846), variegatus (Reichenbach, 1846), vulgaris (S. D. W., 1836) und wittei (Reichenbach, 1846).
Sus scrofa algira
barbarus (Sclater, 1860) und sahariensis (Heim de Balzac, 1937).
Sus scrofa attila
falzfeini (Matschie, 1918).
Sus scrofa cristatus
affinis (Gray, 1847), aipomus (Gray, 1868), aipomus (Hodgson, 1842), bengalensis (Blyth, 1860), indicus (Gray, 1843), isonotus (Gray, 1868), isonotus (Hodgson, 1842), jubatus (Miller, 1906), typicus (Lydekker, 1900) und zeylonensis (Blyth, 1851).
Sus scrofa leucomystax
japonica (Nehring, 1885) und nipponicus (Heude, 1899).
Sus scrofa libycus
lybicus (Groves, 1981), mediterraneus (Ulmansky, 1911) und reiseri (Bolkay, 1925).
Sus scrofa meridionalis
baeticus (Thomas, 1912) und sardous (Ströbel, 1882).
Sus scrofa moupinensis
acrocranius (Heude, 1892), chirodontus (Heude, 1888), chirodonticus (Heude, 1899), collinus (Heude, 1892), curtidens (Heude, 1892), dicrurus (Heude, 1888), flavescens (Heude, 1899), frontosus (Heude, 1892), laticeps (Heude, 1892), leucorhinus (Heude, 1888), melas (Heude, 1892), microdontus (Heude, 1892), oxyodontus (Heude, 1888), paludosus (Heude, 1892), palustris (Heude, 1888), planiceps (Heude, 1892), scrofoides (Heude, 1892), spatharius (Heude, 1892) und taininensis (Heude, 1888).
Sus scrofa sibiricus
raddeanus (Adlerberg, 1930).
Sus scrofa ussuricus
canescens (Heude, 1888), continentalis (Nehring, 1889), coreanus (Heude, 1897), gigas (Heude, 1892), mandchuricus (Heude, 1897) und songaricus (Heude, 1897).
Sus scrofa vittatus
andersoni (Thomas & Wroughton, 1909), jubatulus (Miller, 1906), milleri (Jentink, 1905), pallidiloris (Mees, 1957), peninsularis (Miller, 1906), rhionis (Miller, 1906) und typicus (Heude, 1899).

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

Qualifizierte Weblinks

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